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Mr« 2AA JRarßutg, Mittwoch, bett 29. October. 1873.

Oterhessische Zeitmg. A

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-"HttscheS Reich.

Berit», 27. Oct. DieNordd. Allg. Zig.' erörtert den Anspruch deS Papstes, daß alle Getauften ihm angehören, mit Anführung geschichtlicher That- sachen, wodurch er seit drei Jahrhunderten unpractisch geworden sei. Der Anspruch wäre heute noch praktisch, wenn nicht deutsche Gesetzgebung, wogegen die Päpste stets protestirtcn, dafür gesorgt hätte, daß aus den, Principien des Vatikans nur diejenigen Consequenzen gezogen worden seien, welche wir Deutsche vertragen. Weil die Curie Alles wollen müsse, könne ihr nie­mals Alles, was sie begehrt, gewährt werden. Die Antwort des Kaisers sei keine beschränkt konfessionelle, sondern stehe auf dem Standpunkt der katholischen und evangelischen Fürstm Deutschlands der letzten drei Jahrhunderte und auf der alten Rechtsgrundlage deutschen ReligionSfriedenS. Zu allen Confesstonen sprächen aus den Worte« deS Kaisers an den Papst: Religionsfreiheit, ReligionSsriede. Bischof Reinkens wurde heute Nachmittag 2^2 Uhr vom Kaiser in Audienz empfangen. Die große der Centralbank für Bauten gehörige Dampf Fournirschneidemühle nebst zwei daneben gelegenen Hut- und Wäschefabriken an der Weidendammer Brücke sind in vergangener Nacht total ausgebrannt. Der Kaiser besuchte während des Feuers die Brandstätte. Menschen sind nicht verun­glückt.

8.-0. 26. Oct. Das Interesse für die aus­wärtige Politik, welches sich während der vergangenen Woche ziemlich gleichmäßig zwischen Wien und Paris vertheilte, concentrirt sich nunmehr wieder ausschließlich auf die französische Metropole. Die neuesten von dott eingetroffenen Nachrichten bekunden übereinstim­mend, daß der »moment supreme« unmittelbar be­vorsteht. ImMemorial diplomatique" lesen wir bereits den Text einerNote", welche der FrohSdorfer Prätendent an die europäischen Kabinette gerichtet haben soll, um sie wegen der Tendenzen seiner künftigen Regicrungspolitik zu beruhigen. Wenn auch ohne den geringsten positiven Werth da Jedermann weiß, Saß sich Heinrich V. nicht in der Lage befindet, selbst­

ständig und auf eigene Faust zu handeln, ist die Veröffentlichung desMemorial diplomatique" doch um deswillen intereffant, weil sie das Königthum des Grafen von Chambord gewissermaßen emticipirt und daS Ausland in's Spiel zieht, um den glatten Verlauf der Haupt- und Staatsaction zu sichern. Begreiflicher Weise würde es dem Nimbus der neuen Monarchie außerordentlichen Einttag thun, wenn ihre Protektoren, um dem Volke die Thronbesteigung Henri Dieudonnö's mundgerecht zu machen, offene Gewaltmaßregeln zur Anwendung bringen müßten. Alle Bestrebungen der Fusionschefs sind mithin in erster Linie daraus gerichtet, eventuelle Widerstandsgelüste der Republikaner im Keime zu ersticken; und wenn die Neunercommission in Uebereinstimmung mit dem Herzoge v. Broglie und seinen College«, das Projekt einer beschleunigten Ein­berufung der Assemblee verwarf, so waren für diesen Entschluß namentlich Erwägungen militärischer Natur maßgebend, insofern man bis zu dem in Aussicht ge nommenen Eröffnungstermine, dem 27. oder 28. d. M., mit dem Garnisonswechsel in Paris resp. in Versailles nicht fertig werden zu können glaubte. Es ist eitel Spiegelfechterei, wenn die legitimistischen und orlea- nistischen Journale in ihrer Polemik wider einander auch jetzt noch beharren, wo eine solche in Folge der Salzburger Abmachungen völlig gegenstandslos gewor­den ist. Der Schwerpunkt liegt, wir wiederholen es, in der Haltung der Armee, und bezüglich dieses Punktes hegen die Führer der royalistischen Parteien weit geringere Zuversicht, als sie äußerlich zur Schau tragen. Für die Traditionen der legitimen Dynastie als solcher herrscht bei der Armee wenig oder gar kein Verständ niß; die alleinige Stütze des Lilienbanners bildet der klerikale Einfluß, welcher durch die Almoseniers aus­geübt wird. Immerhin aber ist es nur ein Bruchthcil des Heeres, welcher auf die vom Vatikan ausgegebene Parole hört; den Changarnier, Charette, du Temple und Cvnsorten tritt die vereinigte Phalanx der bona- partistischen und gambettistischen Elemente entgegen, welche die erste sich darbietmde Chance benutzen würden, die Fahne des Aufruhrs zu erheben. Hat man nun auch Sorge getragen, nur zuver lässige Regimenter nach Paris zu ziehen, so bieten dieselben doch nur eine relativ sichere Garantie. Von einer straffen militärischen Zücht kann ohnehin bei

1 Der Deichlmuer.

Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Mit ängstlicher Miene hatte seine Frau ihn beob­achtet. Ihre Angst schien sich zu steigen. Mehrere Male schien sie den Ansatz zu nehmen, ihm irgend etwas zu sagen. Schon als er in der Thür stand, wollte sie sich erheben, um ihn zurückzurufen kraft­los sank sie auf den Stuhl zurück.

Mit größter Hast eilte der Deichbauer dem Hause des Waldhüters zu. Der Schweiß rann ihm von der Stirn er bemerkte es nicht.

Als er in das Zimmer trat, sah er dm Kranken aufrecht im Bette sitzm. Er erkannte ihn kaum wieder. Er reichte ihm die Hand, der Waldhüter vermochte die {einigt nicht zu erhebm, um sie zu er- fasten.

Es ist gut, daß Ihr kommt", sagte er leise, die Worte mit Mühe hervorbringcnd.

Er winkte seiner Tochter, welche am Bette saß, das Zimmer zu verlosten. Auf ihren Stuhl lud er dann den Deichbauer zum Sitzen ein.

Setzt Euch setzt Euch 1" sagte er. Auch seine Brust schien verletzt zu sein; denn er konnte fast nur flüstern und doch klang seine Stimme hohl.

Einige Sekunden lang ruhte sein Auge auf dem Hcsichte des Deichbauers.

Er ist fort!" fuhr er dann fort.Er ist ge- flohen! Ein böser Bube auch mich seht!"

Er hustete, fuhr mit der Hand auf die Brust und dog sich zurück.

Der Deichbauer wollte ihn unterstützm. Mit der Hand wehrte er ihn ab.

Laßt es geht schon wieder!" sagte er leise, stockend.Es ist gut daß Ihr heute noch ge- kommen seid denn morgen mein Kopf die Brust es ist bald aus mit mir!"

Der Bauer suchte ihn zu beruhigen. Der Kranke schüttelte mit dem Kopf.

Ich weiß es besser", entgegnete er,ich sterbe mein Kind meine Tochter ist verlosten, wenn Ihr Ihr"

Homann erfaßte seine Hand und versprach, für sie zu sorgen. Aber die Schwäche deS Mannes äng­stigte ihn. Jeden Augenblick konnte er sterben, und dann nahm er ein Geheimniß mit sich, das vielleicht nie aufgeklärt wurde.

Was wißt Ihr über Franz?" fragte er.

Die Erinnerung an ihn schien den Kranken ge­waltig auszuregen. Drohend erhob er, die schwache Hand.

Der Bube!" rief er.Auch Euern Sohn den Georg hat er erstochen!"

Mit lautem Aufschrei fuhr der Deichbauer in die Höhe. DaS hatte er nicht zu hören erwartet und war darauf nicht gefaßt.

Er erl" rief er.Der Bube nein, es ist nicht möglich!"

Ich bin selbst Zeuge der That gewesen", warf der Kranke ein.

Ihr 1 Auch Ihr habt meinen Sohn mit er­mordet?"

Zitternd vor Aufregung Beugte der Deichbauer sich über den Daliegenden. Seine Hände waren krampfhaft geballt und erhoben, als wolle er den Mörder niederschmettern.

Der Kranke hielt den Blick ruhig aus. Er konnte bei dieser Mittheilung nichts anderes erwarten.

einem Heere kaum die Rede sein, das sämmtlichen Parteien zum Object unausgesetzter und raffinirtester politischer Agitationen dient. Das neuerdings zwischen Bonapartisten und Republikanern geschlossene Bündniß verdient unter militärischem Gesichtspunkte hervor­ragende Beachtung. Die Reminiscenzen an daS Empire sind in den Reihen der TrougierS immer noch mächtig genug, um sehr reellen Conspirationsideen zur Basis dienen zu können. Alle Veteranen deS Offizier- wie des SoldatenftandeS find höchlichst ge­reizt über das gehässige und indirect die Armee als solche beleidigende Verfahren, das der Herzog v. AumalS dem Marschall Bazaine gegenüber zur Anwendung bringt. Vorläufig bringt der Respekt vor dem Präsi­denten Mac Mahon die RaisonneurS zur Beruhigung es scheint aber sehr fragwürdig, ob, falls der Herzog v. Magenta über kurz oder lang fein hohes Amt niedcrlegt, dieser Respekt sich auf seinen Nachfolger übertragen werde. Rasches Handeln erscheint daher unter allen Umständen geboten. Einem fait accompli hat sich Frankreichs Herr und Volk noch immer ge­beugt; eS gilt darum für die va-banque Spieler der Rechten, die Partei durch einen eleganten Coup zum vorläufigen Abschluß zu bringen.

Mit dem 1. Januar n. I. sieht man dem Er­scheinen eines großen publicistischcn Organes entgegen, welches angeblich gouvernementalen Zwecken dienen soll. Andererseits wird behauptet, daß dieKreuz­zeitung" mit demselben Termin ihr ^scheinen ein- stellen werde.

Ueber die Haupt-Grundsätze des dein Abgeord- netenhause in der bevorstehenden Session vorzulegenden Gesetz-Entwurfs über die Entziehung und Beschrän­kung deS Grund-Eigenthums (Expropriations-Gesetz) erfährt man, daß an der Spitze der Gesetze der In­halt des neunten Artikels der Verfastungs - Urkunde vom 31. Januar 1850 Ausdruck finden wird, wonach das unbewegliche Eigenthum, welches allein hier in Betracht kommt, nur aus Gründen deS öffentlichen Wohls und gegen vollständige Entschädigung entzogen oder beschränkt werden kann. Als Grundlage der Enteignung wird der Erlaß einer k. Verordnung statuirt, welche das Unternehmen bezeichnen soll, zu welchem das unbewegliche Eigenthum in Anspruch genommen wird. Die Entschädigung soll eine vollständige sein,

Ich bin unschuldig daran ich konnte eS nicht hindern", erwiderte er.Euch haßte ich aber Gott ist mein Zeuge, gegen Euern Jungm habe ich nie etwas gehabt!"

Seine Augen verriethen, daß er die Wahrheit sagte.

Er hat meinen Jungen ermordet?" rief der Deichbauer in größtem Schmerze.Und ich ich habe ihn in Schutz genommen, als der Richter ihn in Verdacht hatte.

Er schlug sich vor die Stirn und rang mit de« Schmerze der Verzweiflung.

Erzählt mir, wie es geschehen ist", fuhr er fort. Ihr selbst steht bald vor Gott sprecht die Wahr­heit sagt mir Alles, und aufsuchen will ich den Buben, um ihn mit diesen Händen zu vernichten!"

Er bezwang sich; den ganzen Schmerz drängte, er zurück, und nicht mit einem Worte, mit keinem Laut unterbrach er den Waldhüter, als dieser erzählte, auf welche Weift er Zeuge geworden und wft Franz die schändliche That vollbracht hatte.

Fest hatte er die Lippen aufeinander gepreßt. Mit den Zähnen biß er darauf, daß das Blut langsam über bas JHnn rann.Mein armes Kind!" rief er endlich, als der Waldhüter schwieg.

Der Dcichbauer sprang wieder auf und gab sich seinem Schmerze auf'S Neue hin.

Auch Euch hat er ermorden wollen?" rief er. Der Waldhüter erzählte ihm auch dies.

Hättet Ihr damals gesprochen, als ich hier war!" > rief der Deichbauer.

Der Kranke war erschöpft zurückgesunken auf ba' Lager und schien diese Worte nicht mehr zu»-^ Die Aufregung, in welche er sich selbst wiede-teiCi setzt hatte, war zu groß für ihn gewesen. h°"e die Augen geschloffen und holte schwer und röch^d Athem.