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]fr. 2S8 Marburg, Sonntag, dm 26. October. 1878.

^berhtssislhe Leitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Sgr. berechnet. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Politische Wsche»-Utl>erficht

Es waren gestern acht Tage, daß Kaiser Wilhelm auf seiner Reise nach Wien in St. Pölten vom Kaiser Franz Joseph empfangen und von diesem persönlich nach Schönbrunn geleitet wurde, und täglich verfolg- ten seitdem zahllose deutsche Herzen mit lebhafter Theil- nahme und inniger Genugthuung die ersichtlich aufrich­tige persönliche und politische Freundschaft, welche dem Kaiser und nicht minder Bismarck vom österreichischen Kaiserhause und der Wiener Bevölkerung, sowie der gesammten österreichisch-ungarischen freisinnigen Presse öffentlich entgegengetragen und bezeugt wird. Eine besondere Beleuchtung erhält diese erneute Zusammen­kunft aus der ihr vorhergegangenen Veröffentlichung des neuesten päpsllich - kaiserlichen Briefwechsels, der noch immer im Auslände wie im Jnlande einen lauten und lebhaften Nachhall findet. In Fulda hat das Domc-pitel seinen alten, gelehrten und bisher, wie es heißt, der milderen Richtung zugcthanen Generalvicar Dr. Laberenz einstimmig zum BiSthumSverweser er­nannt; es ist aber wohl noch sehr zweifelhaft, ob der­selbe gewillt sein mag und Mittel finden kann, den unglücklichen Bann der in diesem Frühjahr am Grabe brt heiligen Bonifaciuö gefaßten solidarischen Renitenz beschlösse zu durchbrechen. - In Baiern gedenkt, wie eS heißt, der Minister Lutz eineConferenz von Sach­verständigen" zu veranstalten, welche über die Aner­kennung des Bischofs Reinkens für die baierischen Alt­katholiken beralhen soll. Auf Schloß Pillnitz liegt König Johann von Sachsen im Sterben; er hat nach einer langen wechselvollen Theilnahme an der sächsischen Gesetzgebung und Staatsleitung zuletzt eine wärmere Zuneigung sich in weiteren Kreisen durch Pie feste Treue erworben, welche er seit 1866 dm neuen Ge­schicken Deutschlands mit Selbstverläugnung bezeugt hat. In Heflen hat der Finanzminister M. von Biegeleben, der sich in dem Ministerium Hofmann wohl schon länger nicht ganz am Platze fühlte, seine Entlassung genommen.

Der Deichhauer.

Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Auf dem Deichhofe herrschte am folgenden Morgen große Aufregung. Der Deichbauer war während der Nacht bedmtend bestohlen worden. Der Schrank, in welchem er sein Geld barg, war erbrochen und fast alles baare Geld und mehrere Werchpapierc waren entwendet. Er hatte es erst bemerkt, nachdem er bereits einige Stunden aufgewesen war.

Dieser Diebstahl an und für sich würde vielleicht nicht so viel von sich reden gemacht haben, wäre er nicht unter eigenthümlichen Verhältnissen geschehen. Der Deichbauer war früh am Morgen aufgestanden, ber Erste im ganzen Hause. Die Thür war wie immer verschlossen und von innen verriegelt gewesen. Kein Fenster zerbrochm, nirgends ein Zeichen von gewaltsamem Einbrechm nur der Schrank selbst war erbrochen.

Das Zimmer, in welchem der Schrank stand, war verschlossen gewesen, und den Schlüssel hatte der Bauer in der Tasche getragen. Das Schloß 'war in voll­ständiger Ordnung, nicht das geringste Zeichen an ihm, daß es mit Gewalt oder einem andern Schlüssel geöffnet sei. Es war auch nicht einzusehen, weshalb her Dieb die Thür so sorgfältig verschloffen haben sollte.

Freilich führte noch eine andere Thür in dies Zimmer, und sie war nicht vrrschloffm gewesm. Zu ihr konnte man indeß nur über die Vorrathskammer gelangen, zu welcher die Bäuerin den Schlüffel stets bei sich trug. Außerdem war dir Thür von der Vorrathskammer auch durch mehrere Gegenstände ver stellt, welche sich am Morgen sämmtlich an ihrem gewöhnlichen Platze fanden.

In dem Hause schliefen außer dem Bauer und feiner Frau beide schliefen schon seit längerer Zeit i verschiedenen Kammern nur noch die Dienst- Mädchen, und allem Anscheine nach mußte ber Dieb­stahl von einem ber Hausbewohner begangen seiq.

Neben bem Besuche des Deutschen Kaisers in Wien, in welchem bemerkenSwerthen Ereignisse bie beutschen Bevölkerungen mit Genugthuung den Beweis bes zunehmenben herzlichen Einvernehmens ber Habs­burger mit ben Hohenzollern und nicht tninber eine Brücke über ben Abgrund erblicken, ber Oesterreich so lange zu seinem Unheil von bem Fortschreiten des Deutschen Reiches in ber Gesetzgebung wie in ben Wissenschaften, in Schulwesen unb namentlich im Widerstanbe gegen bie Uebcrgriffe eines vom Vatiean fanatisirten Episcopats trennte, haben in Oesterreich die Wahlen zum Reichsrathe die öffentliche Aufmerk­samkeit gefesselt. In ben galizischen Sanbgenteinben haben bie verfassungstreuen Ruthenen 13 Candibaten gegen 12 Polen burchgesetzt; unter letzteren sinb 7 nationale Ultras. Bis jetzt sinb 103 verfassungstreue unb 74 oppositionelle Wahlen bekannt.

Am vorigen Sonnabend hat ber schweizerische Bunbesrath bie Traktandenlisten für bie am 3. No­vember zusammentretende BunbeS - Versammlung fest­gestellt. Im Cantyn, besonbers in Genf, bauert in Folge ber katholischen Pfarrerwahl unb der Ein­wirkung Mermillod's aus Savoyen herüber die Auf­regung fort ohne bisher zu ernsteren Unruhen getont men zu sein.

In Italien soll am 15. deS nächsten Monats die parlamentarische Arbeit wieder beginnen. Das neue Ministerium wird dann zeigen muffen, was es kann.

Jrn Lande Frankreich liegt der Berg der sufio- nistischen Jntrigue nach wie vor im Kreißen und die große Nation ist noch immer im Zweifel, ob ein weißes ober ein breifarbiges Mäuslein baS Licht ber Welt erblicken werbe. Die Königsboten, welche in Salzburg die Orakel von bem Manne bes Prinzips deS HerrscherthurnS von GotteSgnaben vernommen, verheißen Wunder ber Freiheit, Ordnung unb Moral, während bie ungläubigen Liberalen sich auf eine ener­gische Gegenwehr bereit machen unb eine Sieges-

Der Deichbauer hatte sofort bie Koffer unb Kammer ber Mäbchen genau burchsucht, ohne bas Geringste zu finben. Bereitwillig hatten sie selbst, um jeben Verbacht von sich abzuwenben, ihre Sachen zur Untersuchung angeboten. Sie waren außerdem schon jahrelang im Hause und zuverlässig.

Während man schon im Dorfe von dem Miß­geschicke des Deichbauers sprach, schritt dieser selbst in seinem Zimmer auf und ab. Es war nicht der Ver­lust des Geldes, der ihm so sehr durch den Kopf fuhr; die Frage, wer die That begangen, beschäftigte ihn. Ehe er noch den Diebstahl entdeckt hatte, war ihm das bleiche, verstörte Aussehen seiner Frau aus­gefallen. Er hatte sie gefragt, sie hatte Unwohlsein angegeben.

Jetzt mußte er wieder daran denken. Sie besaß ben Schlüssel zu bem VorrathSraume ihr bleiches Aussehen kam hinzu Etwas mußte vorgefallen sein! Sollte sie um die Thai wiffeu, sollte sie viel­leicht gar selbst

Er mochte den Gedanken nicht ausdenken. Er schritt schneller, um sich gewaltsam von ihm loSzu reißm; aber es ging nicht. Gewißheit mußte er haben. ,

Er rief feine Frau. Sie trat in das Zimmer. Ihr bleiches, bekümmertes Aussehen fiel ihm jetzt noch mehr auf, vielleicht weil er einmal den Gedanken ge­faßt hatte, daß sie in irgend einer Weise mit dem Ver­brechen im Zusammenhänge stehe.

Waö fehlt Dir?" fragte er.

Ich fühle mich unwohl", erwiderte Re. Sie hielt feinen Blick fest aus, aber es kostete fie An­strengung.

Ist das so schnell gekommen?" fragte er weiter. Gestern Abend habe ich Dir nichts angesehen".

Es ist auch erst seit diesem Morgen".

Nicht schon diese Nacht?"

Nein".

Ich hörte Dich diese Nacht aufstehen, ich hörte Deine Kammerthür".

Er blickte fie scharf an. /

gewißheit zeigen, die augenscheinlich eben so gemacht ist, wie der Uebermuth ber Ränkeschmieber. Die beiden Feldlager füllen sich mit jedem Tage mehr. Die aus den Provinzen nach den beiden Zentren der politischen Bewegung herbeigeeilten Deputirtm werden jetzt zu der Entscheidungsschlacht gedrillt, und eS hat auf beiden Seiten den Anschein, als ob jedemunvorher­gesehenen Ereignisse" vorgebeugt werden solle. Die Aktien einer Verlängerung ber Vollmachten für Mae Mahon sind gefallen, nachdem ber Marschall-Präsident einer Anzahl von Deputaten. die ihn um seine wahre« Absichten befragten, ziemlich deutlich zu verstehen ge- geben, als Politiker fei feilt Schicksal unlösbar mit der konservativen Majorität verbunden, durch die er zur Gewalt erhoben wurde. Die Zusammenberufung der National-Versammlung auf den 28. October wurde in der am 22. October gehaltenen großen Partei- Versammlung der Fusionisten wider Erwarten ver­worfen. Die Gerüchte über Magne's Austrttt au8 dem Cabinet sind wieder verstummt: man hofft nämlich immer noch auf die Mitwirkung der Bonapartisten bei dem Königsvotum. In der Versammlung der republikanischen Linken am 21. Oct. wurde versichert, daß das Land voll Unwillen dem Treiben der Monar­chisten zuschaue; man bestärkte sich in der Ueberjeugung, daß eine Majorität gegen die Monarchie erlangt sei und diese Majorität «och täglich Zuwachs erhalte. Thiers hatte, wie zu seiner Zeit, so auch jetzt noch immer auf das rechte Centrum gerechnet; dieses aber hat in feiner Sitzung vom 22. Oct. beschlossen, in corpore nach dem Hotel des Reservoirs zu ziehen, also mit klingendem Spiel ins Restaurationslager überzugehen. Nach diesem Schritte kann das Zeichen zur Entscheidung von Salzburg oder vom Vatikan aus erfolgen, sobald Mac Mahon mit den mikitäri- schen Vorsichtsmaßregeln fertig ist. ;

Außer einem kleinem Gefechte zwischen Loma unb Lizarraga war in dem spanischen Landkriege feit dem Treffen bei Mangeru kein bemerkenswerthes Er?

Nicht eine Miene in ihrem Gesichte zuckte; indeß schien sie noch bleicher zu werden.

Einen Augenblick zögerte fie mit der Antwort, dann erwiderte sie fest:

Ich bin nicht aufgestanden".

Ich habe deutlich auf Deiner Kammer gehen hören; auch Deine Kammerthüre ist geöffnet".

Sie wandte sich ab, um das Zimmer zu verlassen

Blech!" rief der Deichbauer.

Sie schien es nicht gehört zu habm; denn sie schritt £er Thüre zu. lieber des Bauern Wange flog eine schnelle Röche. Rasch trat er auf sie zu und legte die Hand auf ihren Arm.

Bleib!" rief er zornig.

Sie wandte den Kopf zur Seite, ihr Aüge leuchtete wieder auf, wie eS früher wohl gechan hatte; ihr ganzer Körper zuckte unter seiner Berührung zusam­men. Sie faßte sich.

Waö willst Du noch von mir?" fragte sie ruhig.

Bleib', Du wirst es schon hören I" rief Homann. Ihre Ruhe steigerte seine Aufregung. Mit großen Schritten maß er das Zimmer. Dann blieb er dicht vor ihr stehen, und sein Blick war fest auf sie gerichtet.

Du weißt nicht, wer mich diese Nacht bestohlen hat?"

Nein! Ich würde eS Dir bereits gesagt habm".

Und Du hast auch keine Ahnung, keinen Verdacht?" Nein".

Die Thür war noch heute Morgen verschlossen nur die Thür zur VorrathSkammer war nicht verschloffen, und zu ihr hast Du den Schlüssel!!'

Ich habe ihn nicht von mir gegeben", entgegnete fie.

Gieb ihn her!" befahl der Bauer.

Sie nahm den Schlüssel aus ihrer Tasche unfc überreichte ihn.

So es ist gut", erwiderte ec.

Sie wandte sich der Thür zu. Zögernd blieb fie an derselben stehen. Sie schien noch etwas sagen zu wollen. Erst als der Deichbauer sich umwandte und kurz fragte:Willst Du noch etwas?" verließ fie schweigend daS Zimmer. (Forts, folgt.)