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Mr. 232 Marburg, Sonnabend, dm 25. October. 1878.

Oterhessische Jeitunz.

""ffrfieint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch di- Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Sgr. berechnet. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Strich.

** Berlin, 23. Okt. Wie man erfährt, wird der Kaiser erst am Sonnabend wieder in Berlin ein- trrffen und über Böhmen und die Lausitz zurückreisen. In seiner Begleitung befindet sich auch Fürst BiS- * marct, der, ehe er nach Varcin zurückgeht, einige Zeit, wenn auch wahrscheinlich nicht länger als 24 Stunden in Berlin verweilen wird. ES ist bereits neulich hier darauf aufmerksam gemacht worden, wie unwahr­scheinlich die Nachricht sei, die Regierung beabsichtige in der Provinz Posen zu octroyiren. Dieses Gerücht tritt jetzt von Neuem und zwar mit großer Zuversicht auf. ES dürfte deshalb nicht überflüssig sein, noch einmal auf das Bestimmteste zu versichern, daß eine solche Maßregel nicht in Aussicht genommen ist. DieGermania" brüstet sich heute in ihrer Polemik mit derProvincial-Correspondenz" und der liberalen Presse einmal wieder mit ihrer Loyalität. Die Ka­tholiken sollen demnach die einzig Getreuen im Lande sein. So unwahr eS nun auch ist, daß gerade sie das Privilegium der besonderen Loyalität hätten, so ist es doch gewiß richtig, daß bis jetzt noch über­haupt Niemand an ihrer, d. h. der Katholiken Loya­lität gezweifelt hat. Deßhalb aber den Staat den Umtrieben einer von Rom auS geleiteten Jesuiten­partei zu überliefern, hieße den guten Glauben zu weit treiben. Wie eS mit der Loyalität dieser Partei aber auSsteht, beweist dieGermania" fast täglich, man denke nur an das Behagen, mit welchem sie ihren Lesern erzählte, daß in Wien bei der Ankunft unseres Kaisers ein niedriges diesen schmähendes Preßproduct erschienen sei. Der loyale Sinn der katholischen Be­völkerung wird sich indesien schon von der Bevor­mundung dieser ultramvntanen Clique revangiren und gerade die Kirchengesetze haben den Zweck, ihm dieses zu erleichtern. Während dieGermania" den Ar­tikel derKreuzztg." über die Korrespondenz zwischen Kaiser und Papst wegen seiner Mäßigung lobte, scheint in manchen ultramontanen Kreisen doch eine andere Auffassung zu herrschen. DieSchlesische BolkSztg." wenigstens scheint durch jenen Artikel aus allen ihren Himmeln herauSgerissen zu sein; sie meint, die Katho­liken wüßten nun was sie von jener conservativen Richtungsidee, die sich auf ihr Christenthum so viel zu Gute thue, zu hoffen hätten.

Celle, 20 Oct. Am 26. d. M. wird die Feier der Enthüllung des Thaer-DenkmalS festlich begangen werden.

Wiesbaden, 23. Okt. Nachdem der Commu- nallandtag in der heutigen Sitzung den Finanzetat des communalständischen-Verbandes auf 162,000 Thlr. in Einnahme und Ausgabe festgesetzt hat, wird morgen noch eine Sitzung stattfinden und am Sonnabend der Communallandtag geschlossen werden.

Dresden, 23. Oct. Das heute Nachmittag auSgrgebcne Bulletin bezeichnet den Zustand des Königs als völlig hoffnungslos. Stadtrath und Stadt­verordnete beschlossen einstimmig eine Dankadresse an den deutschen Kaiser wegen seines Antwortschreibens an den Papst für die wahrhaft kaiserliche That, welche den Sieg deö Rechtsstaats über die Pricsterherrschaft sichere.

Darmstadt, 23. Okt. DerDarmst. Ztg." zufolge stände die demnächstige Pensionimng des Land­tagsmitgliedes und TerritorialcommissärS Schmidt in Mainz in Aussicht. Das Blatt verwahrt sich aber gegen die Meinung, als ob dieses den Wünschen der liberalen Blätter entspreche und wegen der Abstim­mung desselben in der ersten Kammer geschähe, und fügt hinzu, die Regierung achte das verfassungsmäßige Recht jedes Mitgliedes der Ständeversammlung.

München, 20. Oct. Durch einen ministeriellen Erlaß vom 11. d. werden die bezüglichen Militär- und Civilklassen des baierischen Staates, evmtuell auch die Gemeindeverwaltungen, ermächtigt, an die nach Orten des Königreichs Baiern beurlaubten Heereö- pflichtigen der königlich preußischen Armee und der in die königlich preußische Militärverwaltung aufgenom­menen Kontingente des ReichSheereS bei ihrer Ein ziehung zur Fahne, resp. zu Uebungszwecken, die zu ständigen Marschkompetenzen zur Reise nach dem Ein­berufungsorte vorschußweise zu bezahlen. Zu einer in derFrkf. Ztg." enthaltenen juristischen Auseinan dersetzung, welche gestützt auf die Bestimmung des

4, Tit. VI der Verfassungsurkunde, wonach Kron- ämter, oberste Hofämter, Civilstaatsdienste und oberste Militärstellen, sowie Kirchenämter oder Pstündcn nur Eingeborenen oder verfassungsmäßig Naturalisirten ertheilt werden dürfen, zu beweisen sucht, daß Bischof Reinkens deshalb nicht in Baiern anerkannt werden könne, weil zur Bekleidung eines Kirchenamtes das baierische Jndigenat nach der Landesverfassung verlangt werde, bemerkt dieAugsb. Allg. Ztg.":Der ultra­montane oder demokratische Verfasser dieser AuSeinan dersetzung hat aber ganz Übersehen, daß dieser §. 4 längst aufgehoben ist, denn nicht nur besteht nach

Art. 3 der Reichsverfassung für ganz Deutschland ein gemeinsames Jndigenat mit der Wirkung, daßder Angehörige eines jeden Bundesstaates in jedem anderen Bundesstaate zu öffentlichen Aemtern unter denselben Voraussetzungen wie der Einheimische" zuzulassen ist, sondern es ist auch noch in §. 9 des Gesetzes über die Erwerbung und den Verlust der Bundes- und Staatsangehörigkeit vom 1. Juni 1870 (in Baiern eingeführt durch §. 9 des Reichsgesetzes vom 22. April 1871) ausdrücklich bestimmt, daß eine von der Regie­rung oder von einer Central - oder höheren Verwal­tungsbehörde eines Bundesstaates vollzogene ober be­stätigte Bestallung für einen in den Kirchendienst cmf- genommenyt Angehörigen eines anderen Bundesstaates die Stelle der Naturalisations-Urkunde, beziehungswesse Ausnahms - Urkunde vertritt. Hiernach würde also Bischof ReinkenS, falls die baierische Regierung ihn anzuerkennen sich entschließen sollte, mit Empfang­nahme feiner AnerkennungS Urkunde das baierische Jndigenat und alle daraus fließenden Rechte erwerben.

Auölaud.

Wie«, 23. Okt. Die Resultate der gestrigen Wahlen (teilen sich wie folgt: In den mährischen Städten sind 11 Verfassungstreue und 2 Declaranien (in Brünn Giskra), in den Städten der Bukowina durchwegs Verfassungstreue gewählt. Die Landgemein­den Schlesiens haben gleichfalls verfassungstreu ge­wählt, ausgenommen den Bezirk Bielitz, wo ein pol­nischer Bauer die Majorität erhielt. In den Land­bezirken Vorarlberg und Deutschtyrol wurden die cle- ricalen Candidaten gewählt, in Wälschtyrol zwei Li­berale. Kaiser Wilhelm besuchte heüte Morgen um 10 Uhr von Neuem die Weltausstellung. Er wurde empfangen von der deutfchm Commission und besich­tigte einen Theil der Rotunde und der deutschen Ab- iheilung, das deutsche Versammlungshaus, die Ma­schinenhalle, wo sämmtliche Maschinen im Gange waren; die Agriculturhalle, die italienische Kunstindustrie, ita­lienische Sculptur, Fayencen; kehrte bann zur deut- schen Abtheilung zurück und nahm die Ausstellung der Berliner Porcellan - Manufactur in Augenschein, bann durch die Rotunde in das Kaiserhaus. Um 4 Uhr Frühstück mit den badischen Herrschaften. Dann Besichtigung des Schwarzenbergischen Pavillons, der Sanitätshalle, des Glasmalerei-Pavillons, der Kunst- Halle Italiens, Englands, Frankreichs. Um 1/2Ö Uhr kehrte der Kaiser nach Schönbrunn zurück. Für den Abend war ein Besuch des Opernhauses angesetzt.

Der Deichbauer.

Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Franz fühlte sich getroffen.Wer sagt Euch das ? erwiderte Er ausweichend.

Ich sage es!" tief der Waldhüter.Glaubst Du, ich sei blind, ober Du habest Alles fo schlau angefangen, daß ich Dich nicht zu durchschauen ver­möchte? Des Wassermüllers Gertrud steckt Dir längst im Kopfe, sie soll die Deine werden; aber sie wird es nicht; denn sie haßt Dich, und wenn sie Dich auch nicht haßte, so würde ich eS nicht zugeben 1"

Ihr!" rief Franz, laut auflachend.Ihr würdet cs nicht zugeben? Seit wann hätte ich denn nöthig, Euch zu fragen ? Bildet Euch nicht zu viel ein, Dörfel! Ihr habt die Sache einmal angeregt, nun, da will ich Euch auch sagen, daß Marie, so gern ich sie auch habe, nie die meine werden wird; denn zur Deichbäuerin paßt sie sich nicht".

Der Waldhüter blickte ihn starr an. Alles Blut war aus seinen Wangen gewichen. Seine Stuft holte schwer Athem. Noch blieb er ruhig.

DaS ist Dein Ernst?" fragte er.

Ihr wolltet es ja wissen", erwiderte Franz.

Du hast Recht, fuhr Dörfel fort.Sie wirb die Deine nie werben! Das wollte ich nur wissen; denn der Mörder Georgs wirb auf dem Schaffst feine Hochzeit feiern! Wie vom Blitze getroffen, fuhr Franz einen Schritt zurück. Er drohte umznstnken; an dem Stocke, den et in der Hand trug, stützte er fich. Er sah bleich aus, wie ein Todter, seine Augen

schienen au6 ihren Höhlen hervorgequollen zu sein. Sein ganzer Körper zitterte. Dennoch faßte er sich.

Ich verstehe Euch nicht!" erwiderte er stammelnd. Die Worte brachte er nur mit Mühe hervor.

Wirklich nicht?" erwiderte der Waldhüter mit einem spöttischen Lächeln, indem er dicht an ihn her antrat.Habe ich nicht deutlich genug gesprochen? Du hast die Andern» Alle getäuscht, aber mich nicht. Ich weiß, daß Du Georg erstochen hast!"

«Ihr lügt!" rief Franz. Noch immer rang er nach Fassung.

Ich lüge? rief der Waldhüter fort.Morgen gibt mir der Deichbauer 2000 Thlr., wenn ich ihm ein Messer überbringe, mit dem Lu feinen Sohn er stochen hast. Ich habe das Messer. Dp hast es in den Bach geworfen nach der That; Du glaubtest, das Wasser sollte das Blut daran fortspülm, und wer suchte in dem Bach nach einem Messer? Aber Du warst zu eilig, Du sähest nicht zu, ob eS auch wirklich in das Wasser gefallen war. Auf einem Steine war es liegen geblieben. Ich habe das Messer und noch klebt Georg'S Blut daran. Und der Deichbauer würde gewiß noch etwas hinzulegen, wenn ich ihm erzählte, wie Du Dich vorher hinter einem Busche verborgen, und wie Du dann hervorsprangst, als Georg arglos näher kam, wie er Dir zurief: Franz, bist Du das?" und wie du ihm das Messer in die Brust stießest, zweimal, daß er lautlos niedersank. Du glaubtest allein zu fein, aber ich war Dir gefolgt, und 30 Schritte weiter lag ich hinter einem Busche. Mir ahnte, daß Du nichts Gutes im Sinne hattest. Auf einen Mord war ich allerdings nicht gefaßt!

Mit stockendem Athem hatte Franz ihm zugehört. Er hatte sich fo sicher gefühlt, hatte geglaubt, Niemand wisse um die That, mit Einern Male stand jetzt ein Zeuge derselben vor ihm. Mehrere Male zuckte er zusammen.

Ihr lügt! unterbrach er endlich den Waldhüter, und schnell erhob er denIStock, den er in der Rechten trug.

Ehe derselbe auf des Waldhüters Kopf, auf den et gerichtet war, niederfiel, hatte dieser schon Franzens Arm ersaßt und hielt ihn mit eiserner Kraft fest.

Halt halt, Bürschchen! rief er.Ich sah es Dir an, daß Du etwas im Schilde führtest. Ich kenne Dich besser als Georg, deßhalb sehe ich mich vor. Das wäre Dir ganz passend, auch den einzigen Zeugen Deiner That aus der Welt zu schaffen. So klein Du bist, fo entschlossen bist Du; aber vergreise Dich nicht an Männern! Den Stock her, Bursch! fuhr er heftig fortNun rühr' Dich nicht weiter, ober noch biefe Nacht schleppe ich Dich zum Gerichte!"

Ohne Widerstreben ließ fich Franz den Stock ans der Hand nehmen. Seine Thalkraft schien gebrochen zu sein. Den Blick starr auf die Erde gerichtet, stand er regungslos da.

Wer Franz so hätte stehen sehen, ben Kopf halb kraftlos auf die Brust geneigt, würde es nimmer ge­glaubt haben, daß in diesem scheinbar so schwächlichen Körper ein so düsterer entschlossener Sinn wohnen könne.

Was soll ich nun machen mit Dir?" fragte bet Waldhüter. - ' ' .n - p

Franz schwieg. < n