Mr« 2SL Marburg, Freitag, den 24. October. 1873.
Oberhessische Zeito«g.
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De«tfchrS «eich.
Berlin, 22. Oct. Die „Provinzial-Corresp.", die Wiener Zusammenkunft und den glänzenden, dem Kaiser Wilhelm von dem Kaiser Franz Joseph und der Wiener Bevölkerung bereiteten Empfang besprechend, sagt: Alle deutschen Herzen widmen dem Kaiser Franz Joseph die tiefste und dankbarste Anerkennung für die wahrhaft hochherzige und edele Gesinnung, die er in der neuen Gestaltung der Beziehungen Oesterreich Ungarns zum deutschen Reiche bewiesen. Die Geschichte werde des Kaisers Verhalten dereinst als eine That wahrhaft fürstlicher Größe rühmend verzeichnen und als festeste Grundlage einer seither mit so großem Gewicht angebahnten Politik anerkennen. Der Artikel schließt: Die Ausnahme des Kaisers dürfe uns nicht blos mit patriotischer Freude, sondern auch mit hoher politischer Genugthuung und Zuversicht erfüllen. Aus vollem Herzen widmen wir dem Kaiserhause und dem gastlichen Volk, bei dem Kaiser Wilhelm weilt, mit dem wärmsten Danke zugleich den aufrichtigsten Wunsch, daß inmitten des Friedens den wir gemeinsam zu wahren hoffen, Oesterreich-Ungarn in immer festeren Beziehungen zum deutschen Nachbarreiche gedeihe, erstarke und erblühe. — Dasselbe Blatt sagt in einem anderen Artikel: Bei der von dem Papstthume und den Ultramontanen gegenwärtig dem Kaiser und der preußischen Regierung gegenüber eingenommenen Stellung könne kein evangelischer Christ, kein ehrlicher preußischer Patriot mit der ultramontanen Partei bei dm Wahlen Hand in Hand gehen Jede Stärkung der Ultramontanen, jede Wahlgemeinschaft mit ihnen wäre ein Vergehen ebmso an der evangelkschen Kirche wie an der Krone deS Königs und dem preußischen Vaterlande.
— Durch die Vorgänge der letzten Tage ist die politische Tragweite der Wiener Kaiser-Zusammenkunft bestätigt worden. Am Montag sollen zwischen den beiden Kaisern und ihren leitenden Staatsmännern mehrfach politische Besprechungen stattgefunden haben. Am Nachmittag besuchte nach eingegangenen Telegram» men zunächst der Kaiser Franz Joseph den Fürsten Bismarck und conferirte über eine halbe Stunde mit ihm. Bismarck conferirte alsdann eine Stunde mit dem italienischen Gesandten und drei Stunden mit dem Grafen Andrassy, welcher auch von dem deutschen Kaiser besucht wurde. Schließlich besprachen sich dann die beiden Kaiser noch mit einander. Man glaubt,
daß eine vollständige Uebercinstimmung über die allgemeine Lage erzielt sei, und daß über das Resultat gegenseitige Befriedigung herrsche. Wenn die „Presse" Recht hat, wäre zwischen den beiden leitenden Staatsmännern auch über confesstonelle Gesetzgebung und über die bevorstehende Papstwahl verhandelt worden. Nach den bekannten Aeußerungen deS „Pester Llyod" über diese Angelegenheit erscheint die Mittheilung der „Presse" indeß nicht richtig. Eine bedeutende weitere Annäherung hat jedenfalls stattgefunden, daS geht auch aus den mitgetheilten Toasten hervor, welche gestern bei dem Galadiner ausgetauscht wurden. Namentlich die in dem Toaste des deutschen Kaisers auf den österreichischen hervortretende Betonung der erhöhten Sicherung des Friedens wird gewiß überall Befriedigung Hervorrufen.
— Nach amtlichen Mittheilungen wird die Neubeschaffung der Betriebsmittel für die Staatsbahnen größten Theils noch in diesem Jahre erfolgen. — Es ist eine Verlängerung der Entladungsfrist für Güter- wagen vom Januar 1875 ab in Aussicht genommen.
Königsberg, 22. Okt. Der CultuSminister hat, wie die „Ostpreußische Zeitung" vernimmt, in der Angelegenheit der Beerdigung deS an der Cholera verstorbenen altkatholischen Tischlers Müller, die Behörden angewiesen, amtlich festzustellen, ob die Leiche desselben in ungeweihter Erde begraben ist, und eventuell eine nachträgliche Weihe des Grabes zu veranlassen, da die Ausgrabung der Leiche nach dem Erachten der Sanitätscommission als gesundheitsgefährlich erscheint.
Dresden, 22. Oct. DaS gestrige Abendbulletin meldet: Das Bewußtsein des Königs sei im Laufe des Nachmittags fast ganz geschwunden. DaS heutige Morgen-Bulletin lautet: Pillnitz, 71/2 Uhr. Die Nacht war ziemlich ruhig; der König schlief kurze Zeit, die Beängstigung ließ etwas nach, die Bewußt lostgkeit und Schwäche dauert! unverändert fort.
Coburg, 20. Okt. Die Geistlichen des Herzog- thums Coburg haben sich in einer gemeinschaftlichen Eingabe mit der Bitte an das Ministerium gewandt, auf baldige Einführung der Presbyterial- und Synodalordnung hinzuwirken und eine Trennung der Küsterbesoldung von der Lehrer-Besoldung, vorzunehmen. Bezüglich des ablehnenden Beschlusses deS Landtags wegen Gewährung von persönlichen Zulagen aus der Staatskasse an die Geistlichen, deren jährliche Besol
dung 800 fl. nicht erreicht, suchen die Petenten darum nach, das Staatsministerium wolle in den Bemühungen nach dieser Richtung nicht ermüden, wobei zugleich dem vom Landtage ausgesprochenen Princip gegenüber, daß das Kirchenwesen nicht aus Staats» sondern aus Gemeindemitteln zu erhalten sei, die historische und moralische Verpflichtung des Staats darzuthun versucht wird, die unzureichenden Besoldungen der Geistlichen in zeitgemäßer Weise zu erhöhen.
Darmstadt, 20. Oct. Hier fand gestern die fünfte Wanderversammlung Rheinischer Gartenbauvereine statt, die von den Dclegirten aller Vereine und hiesiger Vereinsmitglieder besucht war. Herr Rentier Schwabe eröffnete dieselbe mit einem Vortrag über die Aufgabe der Gartenbauvereine und die Mittel, eine rege Bethciligung an deren Zwecken herbeizuführen, sowie um die Liebhaberei an der Gärtnerei zu wecken. Hierfür wurde empfohlen und eingehend besprochen die Verbreitung gärtnerischer Zeitschriften, namentlich die „Rhein. Gartenschrifl", die Heranbildung tüchtiger Gärtner und Obstbaumzüchter. Nach dem verlesenen Rechenschaftsbericht wurde Mainz als nächster Vororb des Verbandes bestimmt. Hr. Hosgärtner Noack verlas sodann einen mit vielem Fleiß ausgearbeiteten Bericht über die Obstausstellung bei der Wiener Weltausstellung, woran sich eine Besprechung über unsere locale Obstcultur anschloß und die verbündeten Vereine aufgefordert wurden, künftig genaue Berichte über den Stand der Obstbäume und deren Ernte fltt die „Rhein. Gartenschrift" zur Aufnahme einzuscnden, wodurch die wettere Bekanntwerdung vermittelt lvärde.' Eine lebhafte Discussion wurde über die Nützlichkeit, oder Schädlichkeit des Sperlings geführt und dahin entschieden, an naturwissenschaftliche Autoritäten die Aufforderung zu richten, eine genaue Prüfung dieser Frage vorzunehmen, die zu einer praktischen Erledigung beitragen dürfte. — Am Schluß der Verhandlungen vereinigte noch ein heiteres Mahl die zahlreiche Versammlung im „DarmstädterHof". (Fr. Anz).
— 21. Oct. Heute hat sich der Gesetzgebungs- Ausschuß der zweiten Kammer betreffs der von der ersten Kammer zum Volksschulgesetz gefaßten Beschlüsse definitiv schlüssig gemacht. Es war vorauszusehen, daß er überall wesentlich auf den früher von dem Plenum der zweiten Kammer gefaßten Beschlüssen beharren und höchstens da Nachgiebigkeit zeigen würde, wo die Regierung sich außer Stande erklärte, den
Er wollte ruhig erscheinen, und doch zitterte seine Stimme leise.
„Mit mir?" fragte Franz. „Was habt Ihr denn?" Er kannte keine Furcht, dennoch ergriff ihn ein unheimliches Gefühl, als er die funkelnden Augen des Mannes erblickte. „Aergert Euch der Verlust im Spiel?" fügte er einlenkend hinzu; „nun — mein Herz hängt nicht an den paar Thalern!"
„Auch meines nicht!" unterbrach ihn Dörfel. „Davon ist jetzt nicht die Rede. ■ Seit Jahren hast Du eine Liebschaft mit meinem Mädchen; ich habe nichts dagegen gehabt, weil ich glaubte, Du meintest es ehrlich. Weshalb kommst Du jetzt nicht mehr zu ihr?"
„Ich meine es auch noch ehrlich" erwiderte Franz.
„Nur ruhig!" entgegnete der Waldhüter. „Ich will es Dir nicht verhehlen. Sich, seit Georg erstochen ist, trägst Du den Kopf gewaltig hoch; Du denkst, der Deichhof wird Dir einst zufallen, und um Deichbauerin zu werden» dazu ist Dir mein Mädchen zu gering. Sie ist aber zu gut, daß Du nur eine Liebschaft mit ihr unterhältst".
(Fortsetzung folgt.) 'M
Tri«»««.
Ludwig XIV. hatte seinen Sohn, den Dauphin, mit einer Armee von 100,000 Mann nach Deutschland geschickt.
Mainz war genommen, Heidelbergs herrliches Schloß durch Melac'S Banden zur Ruine, die blühende Pfalz zu einer Wüstenei gemacht. Die Belagerung von Philippsburg unter Bauban'S Leitung
Der Deichbauer.
Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Den Waldhüter verfolgte daS Unglück an diesem Abende, er verlor einen Thaler nach dem anderen. So leicht er das Geld auch verdient hatte, so ärgerte ihn doch der Verlust. Erzwingen wollte er das Glück. Er spielte immer gewagter, er trank immer mehr, um seinen Aerger zu verscheuchen, mehr und mehr nahm das Geld ab, das er zu sich gesteckt hatte.
Franz gewann am meisten. Er war in lustigster Stimmung.
„Haha! DaS Geld gehört ja eigentlich mir!" rief er. „ES kommt an seinen rechtmäßigen Herrn zurück. Ihr dürft Euch nicht beschweren, Dörfel, wie gewonnen, jo zerronnen l Das ist ein alter Spruch!"
Der Waldhüter schwieg. Er fühlte, daß er sich nicht beherrschen konnte, wenn er etwas erwidere, und A seinem eigenen Interesse wollte er sich halten.
Der Spielteufel hatte ihn indeß zu sehr erfaßt, «M aufhören zu können, obschon er in fortwährendem Berluste blieb. Hätte er die ganze Summe bei sich gehabt, er würde sie verspielt haben. Seine Wangen glühten, seine Finger zitterten vor innerer Aufregung
Schon war e« spät in der Nacht. Er hatte nicht gezählt, wie viel er verloren hatte. Wieder hatte 8eanz ein großes Spiel gewonnen. Regungslos saß der Waldhüter da. Vor ihm lagen nur noch einige droschen.
„Nun bezahlt, Dörfel!" rief Franz. „Rückt nur heraus mit den Thalern."
Der Waldhüter griff in die Tasche. Sie war leer. Seine Wangen entfärbten sich. Es konnte nicht sein; er mußte sich geirrt haben. Er konnte noch nicht Alles verspielt haben. Mit ungeduldiger Hast durchsuchte er die anderen Taschen. Nicht ein Pfennig fand sich mehr vor.
Er sprang auf. Die Karten warf er wüthend an die Erde und das wenige Geld, das vor ihm lag, dazu. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. Zu heftig hatte eS an diesem Abend schon in ihm gegohren.
„Bezahlt mir nur erst daS Spiel!" rief Franz. Der Waldhüter trat vor ihn.
„Ich will Dich bezahlen!" rief er. „Du sollst mehr erhalten, als Dir lieb ist!" Seine Stimme bebte.
So übermüthig sich Franz ihm gegenüber stets benommen hatte, jetzt wagte er nicht, zu lirchen. DeS Waldhüters Augen blickten unheimlich finster.
Die Männer brachen auf. Es ging bereits gegen Morgen. Es war eine frische Nacht.
Der Mond bele»chtete den Weg hell, wenn er auch dann und wann durch vorüberziehende Wolken verdeckt wurde.
Der Waldhüter und Franz gingen zusammen, da sie eine Strecke lang denselben Weg hatten. Die Uebrigen führte ihr Weg nach der entgegengesetzten Seite.
Döriel schritt auf dem schmalen Waldpfade voran. Er sagte kein Wort und auch Franz sagte nichts. Unbekümmert pfiff er leise ein Lied vor sich hin. Plötzlich blieb der Waldhüter stehen und wandte sich um.
„Ich habe einiges mit Dir. zu sprechen, Franz," sagte er.