Marburg, Mittwoch, den 22. October.
1873.
d.
Mn 249.
OberWsche ZeitmaZ
Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 32$ Sgr., durch dir Postämter 27 Sgr. (cxcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 2$ Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
'st n-
'h
12
ch
s- 13
:t-
14
en, ert itie
94 L
len s« en,
lz- tr.
33
tet iv en.
82
ick
't r«
N.
16
ir
in ne ’o
V
I- 1
r>
Deutsches Reich.
## Berlin, 20. Okt. Es ist eine vergleichende Zusammenstellung der Portvsätze, welche für srankitte Briefe von Deutschland nach den wichtigsten fremden Ländern in den Jahren 1863 bis 1873 zu entrichten waren, bewirkt worden. Nach derselben hat sich der Portosatz ermäßigt für Belgim von 3 auf 2 Sgr. Dänemark von 5 auf 2 Sgr., Frankreich von 41/2, auf 3 Sgr., Großbritannien und Irland von 5 auf 21/2 Sgr., Italien von 51/2 auf 3 Sgr., die Nieder, lande von 5 auf 2 Sgr., Norwegen von 9>/z auf 01/2 Sgr., Rußland von 6 auf 3 Sgr., Schweden von 71/2 auf 3 Sgr., die Schweiz von 5 auf 2 Sgr., Constantinopel von 7 auf 21/2 Sgr., die Vereinigten Staaten von Nordamerika via Belgien von 12 auf 3 Sgr., via Bremen oder Hamburg von 6V2 auf 21/2 Sgr., Brasilien via England von 1444 auf 11% Sgr., via Frankreich von 10 auf 8 Sgr., Westindien und zwar für die britischen Besitzungen via England von 14*/i auf 11% Sgr., via Vereinigte Staaten von Nordamerika per Cöln von 15% auf 6 Sgr., via Bremen oder Hamburg und Newyork von 8% auf 5% Sgr., via Frankreich von 10 auf 8 Sgr. — In ähnlicher Weise haben sich die Portosätze für Ostindien, Hinterindien, Australien re. ver- mindert. Auf dem alten Standpunkt sind sie nur für Spanien und Portugal geblieben, für welche Länder sie schon vor 10 Jahren nur 3 Sgr. betrugen. — Das Präsidium des in Wien abgehaltenen internationalen Congresses der Land- und Forstwirthe hatte ursprünglich die Absicht, die stenographischen Aufzeichnungen über die Verhandlungen des Congresses drucken und den Mitgliedern desselben zuschicken zu lassen. Diese Absicht scheint aufgegeben, da die Beschlüsse des Congresses jetzt den Mitgliedern in einem Druckexemplare zugegangen sind, in welchem der Verhandlung in keiner Weise gegacht wird.
— In den Sitzungen der Conferenz für das höhere Schulwesen vom Donnerstag und Freitag kam vornämlich die Frage wegen Zulassung der Realschul- Abiturienten zu den Universitäten zur Sprache. Von der einen Seite wurde eine ganz unbeschränkte Zulassung der Abiturienten sämmilicher höherer Lehr-
Deik Drichbauer.
Ceiminal-Rovelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Wenige Minuten darauf trat Franz eia.' Er sah bleich aus. Auf seinem Gesichte war nicht die geringste Verlegenheit oder Furcht zu lesen. Ruhig blickte er den Richter und seinen Vater an.
Der Richter fixirte ihn.
„Du hast um den Mord gewußt!" sagte er dann schnell, bestimmt.
„Ich weiß es", fuhr der Richter fort.,,, „Leugne es nicht". .<
Franz blickte ihn ruhig an.
„Ich habe nichts davon gewußt und auch nichts davon wifien können".
„Gestern hast Du Streit gehabt mit dem Tobten?" - „Ja".
„Du hast ihn gehaßt?"
„Ja", erwiderte Franz — eben so bestimmt nach
einigem Zögern. ■-> 1
„Du hast Dich rächen wollen!"
„Dann würde ich eS selbst gethan haben", gab Franz dreist zur Antwort.
„Du hast eS auch gethan — Du hast ihn ermordet!" fiel der Richter schnell ein.
„Ich habe nichts mit ihm zu schaffen gehabt und nichts davon gewußt", entgegnete Franz.
„Du hast gegen Deinen eigenen Vater das Messer gezückt!"
Hebet das Gesicht des Burschen flog eine leichte Röche.
„Ich habe eS in der Leidenschaft gethan -r- es P mir gereut".
„Du kannst gehen", sagte der Richter, und blickte Franz bei deffen Abgang noch einmal scharf an.
anstalten zu allen Fakultätsstudien gefordert und zu begründen versucht. Den diesbezüglichen Ausführungen traten andere gegenüber, welche in dem Satze gipfelten, daß die den Gymnasien zugestandene und den Realschulen verweigerte Zulassung zu allen Fakultäten nicht als ein Privilegium, das der Staat er» theile, angesehen werden dürfe, sondern sich mit Noch- Wendigkeit aus der Natur der Dinge ergäbe. In diesem Sinne sprach sich unzweifelhaft die Mehrzahl der Anwesenden aus, und eine Verschiedenheit trat unter dieser nur dadurch hervor, daß einige zu der philosophischen Fakultät, die schon jetzt den Abiturienten der Realschule 1. Ordnung zugänglich ist, noch die medizinische hinzuzufügen geneigt waren, und sich da für auch auf die Uuivelsttätsgutachten beriefen, andere bei dem schon jetzt durch die Verfügung vom 7. Dezember 1870 geschaffenen Zustande stehen bleiben und also auch die Zulassung zu der medizinischen Fakultät ausschließen wollten. Zum Schluß entspann sich eine längere Diskussion über diejenige Frage der Vorlage, welche von de» Vorschulen handelt und solgendermaßen lautet: Sind, um eine allgemeine Volks- und Elementarschule herzustellen, die Vorschulen der Gymnasien und Realschulen aufzuheben und ist die Errichtung solcher Anstalten nicht zu gestatten? Bezüglich gieseö Punktes gelangt die Konferenz, ohne daß irgend ein Widerspruch laut wurde, zu dem Resultat, daß es durchaus wünschenöwerth sei, die Vorschulen der Gymnasien und Realschulen neben der allgemeinen Volksschule zu haben und die Errichtung derselben, wo sie für ein Bedürfniß anerkannt werden, auch fernerhin zu gestatten.
— Die Commission, welche behufs Vorbereitungen für den Bau des künftigen ReichStagsgebäudes aus Mitgliedern des Reichstages und des Bundesrathes zusammen gesetzt ist, hatte beim Schluß der Reichstags session eine Subcommission berufen, und diese mit der weiteren Verfolgung der Angelegenheit betraut Mitglieder derselben sind: seitens des Bundesrathes der jetzige Staatssecretär des Auswärtige», Baron v. Bülow, der bayerische Gesandte Baron v. PerglaS, der hanseatische Ministerresident Dr. Krüger und der Ministerialdirector Weißhaupt; seitens deS Reichstages
„Er hat eS nicht gethan", fuhr er fort, als Franz das Zimmer verlassen hatte. „Ich glaube einen scharfen Blick in solchen Sachen zu haben, eine lang- jährige Erfahrung steht mir zur Seite. Wäre er schuldig, so würde er irgend Etwas zu seiner Reini gung von dem Verdachte vorgebracht haben. Nicht daö leiseste Zeichen der Furcht war in seinem Gesichte zu bemerken. Ich bin überzeugt, daß er unschuldig ist; aber dennoch beobachtet ihn sorgfältig. — Ihr habt also gar keinen Verdacht weiter?"
Der Deichbauer schüttelte mit dem Kopfe.
„Ich weiß Niemand, der die That begangen haben könnte", sagte der Waffermüller. „Aber ich will nicht ruhen und rasten, bis der Mörder entdeckt ift".
„Thut das!" sagte der Richter eindringlich.
Er nahm von dem Tiefgebeugten Abschied. Der Deichbauer hielt sich nur mit Mühe aufrecht. Als das Gericht das Haus verlaffen hatte, schritt er langsam schwankend in die Kammer, in welcher sein Sohn lag. Die Thür schloß er hinter sich ab. Neben der Leiche setzte er sich nieder. — Die kalte Rechte deS Tobten nahm er in beide Hände, und starr blickte er darauf.
Stunde auf Stunde verrann, er bemerkte es nicht und rührte sich nicht. Niemand störte ihn. Seine Knechte wagten eS nicht und seine Frau und sein Stiefsohn wollten eö nicht — er stand jetzt so gut wie allein im Leben da.
Der Abend deffelben Tages war hereingebrochen.
Auf dem Deichhofe war eS unheimlich still. Der unglückliche Vater saß noch immer neben dem Leichnam seines SohneS in der Kammer. Die Knechte, welche sonst wohl lachend ober in luftigem Gespräche über die Hausflur schritten, schlichen schweigend über dieselbe. Sie empfanden das tiefste Mitleid mit dem so schwer Heimgesuchten. -)!1-
Auch die Nacht brachte Homann bei dem tobten zu. Er mußte Abschied für immer von ihm nehmen, und
der Abg. ©unter, und außerdem der Geh. Ober-Bau« rath Hitzig und der Director der Bauakademie Prof. Lucae. Diese Subcommission wird heute Abend im Reichskanzleramt zusammentreten, um den Bericht deS Prof. Lucae über die der Commission gemachten Anerbietungen von Grundstückswerbungen entgegen zu nehmen, deren Zahl sich auf 64 beläuft. Der Reichstagspräsident Dr. Simson wird zur Theilnahme an der Berathung aus Frankfurt a. O. herüberkommen.
Pofen, 20. Oct. Der Erzbischof LedochowSki ist bereits soweit hergestellt, baß er gestern in seiner Hauskapelle Messe lesen konnte.
BreSla«, 17. Oct. Der Privatdozmt an der hiesigen katholisch-theologischen Fakultät und Repetent am Knaben-Seminar Dr. theol. G. Ginella hat seinem Leben dadurch ein Ende gemacht, daß er sich aus dem dritten Stock deS Konvikts herausgestürzt hat. Er soll nach dem Aufschlag auf das Pflaster kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben haben. Die Leiche wurde gestern Abend in aller Stille beerdigt. Dr. Ginella war, wie die „Bresl. Morgentg." meldet, ein durch reiche Gelehrsamkeit ausgezeichneter Mann und hing der freieren Richtung in der Theologie, der Günther'schen Lehre, an, die auch dem Domherrn Dr. Balzer so verhängnißvoll werden sollte. Dr. Ginclla's sehnsüchtiges Verlangen war es, in baß Amt eines Professors aufzurücken, inbeß gelang ihm bas bei der jetzt herrschenden Richtung in der Theologie nicht. Er wurde vielmehr stets zurückgesetzt und war deshalb verbitterten Gemüths. Das „Bresl. Morgenblatt" meint, es würde darum sehr erwünscht fein, wenn das Publikum, welches in diesem Falle viel Anlaß zur Beunruhigung findet, über die näheren Vorgänge bei dem Tode dieses Mannes Aufklärung erhielt.
Do»», 18. Oct. Bischof ReinkenS hat sich hier in der Coblenzer Straße angekauft. Damit ist die Bestimmung Bonns als Residenz des altkatholischen Bischofs und als Mittelpunkt der altkathvlischen Bewegung definitiv gegeben.
Wiesbaden, 18.. Oct. Heute wurde, vom schönsten Wetter begünstigt, unter Kanonendonner in Gegenwart der beiden nassauischen Regimenter, deS Offizierkorps, der hier anwesenden Generale, sowie
daS war nicht so schnell geschehen. An seinem Todten- lager mußte er all die Pläne und Hoffnungen wieder Niederreißen, die et auf ihn gebaut hatte. Und er hatte nichts, was er an die Stelle derselben setzen konnte, als eine schmerzvolle Erinnerung.
u Als der Deichbauer zeitig am andern Morgen aus der Kammer trat, wat er ruhig, gefaßt. Das Verlorene wat durch nichts zurückzurufen; er mußte sein Geschick als Mann ertragen. Welche Schmerzen und Qualen er erduldet hatte, wie sehr feine Seele gefoltert war, ehe er diese Ruhe und Faffung sich errungen, das vetriethen nur seine bleichen Wanzen und die tiefen Furchen, welche sich in der einen Nacht auf feint Stirn eingegraben hatten.
Zwei Tage später wurde der Ermordete beerdigt. Der Waffermüller hatte Alles übernommen und nie war ein so großartiges Begräbniß gefeiert. Das ganze Dorf nahm daran Theil und begleitete die Leiche zum Friedhöfe.
Es that dem Deichbauer wohl, wahrzunehmen, welche Liebe sein Sohn genoffen hatte. Am liebsten hätte er sich mit ihm zugleich in die Grube hineingelegt; denn das Leben war ihm zur Last geworden. Aber et durfte noch nicht sterben. Eine Aufgabe hatte er noch zu erfüllen — den Mörder aufzusuchen und den Tod seines Sohnes zu rächen. Hierauf richtete er alle feine Gedanken und Kräfte.
Eine Veränderung war in seinem ganzen Wesen eingetrete». Früher nahm er sich der Wirthschast mit allen Kräften an, er lebte dafür. Seine Knechte konnten machen, was sie wollten — er kümmerte sich nicht mehr nm sie. . ;
Anfangs ging Alles nach der früheren Ordnung und Gewohnheit; bald hörte diese auf; und die Arbeiter, die den Herrn nicht mehr zu fürchten brauchten, machten sich leichte und gute Tage,