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Marburg, Dienstag, den 21. October.

Ur. 246.

Oderhessische Zeitung

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ßrftbctnt täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

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1873

V.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Oct. In unterrichteten Kreisen bestätigt man als wahrscheinlich, daß Fürst Bismarck in nicht ferner Zeit, nach dem bevorstehenden Rücktritt des Generals von Roon, das Minister-Präsidium in ! irgend einer Form wieder übernehmen werde, und in der Weise, daß er in wichtigen Fragen, namentlich in den Beziehungen zum Reiche einen entscheidendm Ein­fluß auöüben könne. Einen Theil der Geschäfte würde der zu ernennende Vice - Präsident übernehmen, als welcher noch immer vielfach.der Finanzminister Camp Hausen genannt wird. Graf Eulenburg würde in seiner bisherigen Stellung verbleiben. Die Entschei­dung soll bevorstehen, wenn auch formell vielleicht erst etwas später definitiv geregelt werden. DerStaats- Anzeiger" veröffentlicht eine allgemeine Verfügung des ZustizministerS vom 13. October d. I., über Führung der Kirchenbücher in denjenigen Parochien, wo wegen gesetzwidriger Besetzung deS geistlichen Amtes ein zur Führung des Kirchenbuches berechtigter Geistlicher nicht vorhanden ist und welche die betreffende Verfügung deS CultuSministerS vom 19. September d. I. an das Oberpräsidium der Provinz Posen zur Kenntniß der Gerichte und der Beamten der Staatsanwaltschaft bringt. Das Reichseifenbahnamt befindet sich in vollster Thätigkeit. Die Organisation des Amtes ist so weit beendet, als es das augenblickliche Bedürfniß erheischt; im Uebrigen sind alle Einrichtungen getroffen, um nach Ermessen eine Erweiterung eintreten zu lassen. Als erstes Ergebniß dieser ganzen Einrichtung möchte ein umsaffendeS allgemeines Eisenbahngesetz zu betrach­ten fein, mit welchem das Reichseisenbahnamt beschäf tigt ist und wozu die Vorarbeiten so weit gefördert sind, daß die Einbringung der bezüglichen Vorlage schon bei dem nächsten Reichstage zu erwarten steht. Eine einheitliche gesetzliche Regelung deS Eisenbahn wesens für daS Reich ist ein anerkannt dringendes Bedürfniß. Unter den Bundesstaaten hat Preußen allein ein vollständiges Eisenbahngesetz, und zwar das­jenige von 1838, welches längst als veraltet und un­zureichend sich erwiesen hat, während in den übrigen Staaten das Eisenbahnwesen meist nach vereinzelten und selbstverständlich durchaus verschiedenartigen Ver­waltungsbestimmungen gehandhabt, wird. Dsts Reichs- gesetz soll auch Grundbestimmungen über das Tarif­

wesen und die Frachtverträge enthalten und wird hier­bei davon ausgehen, so weit als thunlich den Wünschen des Handclsstandes gerecht zu werden, welche über diese Materie theilS jn den Berichten der Handels­kammern , theilS.in den Resolutionen des deutschen Handelstages zum Ausdruck gebracht worden sind.

Paderborn, 17. Oct. Der Bischof ist, wie dieWests. Prov.-Ztg." mitthrilt, wegen gesetzwidriger Besetzung einer Pfarre durch das hiesige Kreisgericht zu einer Geldstrafe von 200 Thlrn., eventuell zu 6 Wochen Gefängniß, verurtheilt worden.

Dresden, 18. Oct. DasDresd. Journal" veröffentlicht folgendes Bulletin über das Befinden deS Königs: Pillnitz 12^2 Uhr. Eine Veränderung im Befinden Sr. Majestät ist seit gestern nicht ein- getreten, dasselbe ist fortdauernd Besorgniß erregend. Das dem Landtage vorgelegte Budget beziffert den Betrag des ordentlichen Staatsbcdarfs für jedes der Jahre 1874 und 1875 auf 15,510,011 Thlr., welche durch die bisherigen Steuern und Abgaben ohne Er­höhung gedeckt werden. Außerdem wird ein außer­ordentlicher Bedarf für beide Jahre zusammen in Höhe von 22,752,100 Thlr. gefordert, der aus den verfügbaren Beständen des mobilen Staatsvermögens gedeckt werden soll. In diesem außerordentlichen Bud­get find unter Anderem in Ansatz gebracht: Ein Nachpostulat von 400,000 Thlr. für den Hoftheater Neubau, IV2 Millionen zur Errichtung neuer Mili­tär-Etablissements, 830,000 Thlr. zur Errichtung von fünf Landgerichten, 900,000 Thlr. für ein neues Zeug­haus und eine Kaserne, 450,000 Thlr. für daS neue Polytechnikum, 320,000 Thlr. zum Bau einer höhe­ren ^Gewerbeschule in Chemnitz, 700,8000 Thlr. zu Neubauten für die Universität Leipzig, 367,000 Thlr, zum Bau und Erweiterung von Schullehrer-Semi­naren, 6V2 Million zu Staatseisenbahnbauten, 3*/2 Million für Verstärkung des Transportmittelparks für die Staatsbahnen, 345,000 Thlr. zur Elbstrom- correction.

Arolfe», 16. Okf. Am 9. d. wurden die dies­jährigen Sitzungen der Landessynode geschloffen. Der Wald. Anz." lobt den würdigen Geist des Friedens und der Duldung, welcher in den Verhandlungen ge herrscht, fährt aber dann fort:Um fo mehr muffen wir es beklagen, daß diese würdige Stimmung zuletzt

noch gestört wurde durch einen Antrag, von dessen Tragweite wohl ein großer Theil seiner Vertreter selbst keine klare Vorstellung hatte. Wenigstens können wir nur so erklären, dqß derselbe in einer vertraulichen Sitzung eine Majorität von 8 gegen 7 Stimmen er? hielt und somit zum Beschluß erhoben wurde. Welcher Art dieser Antrag gewesen, wird auch nicht mit einer Sylbe an gedeutet.

Darmstadt, 18. Oct. DieDarmstädter Ztg." meldet die Pensionirung des Finanzministers von Biegeleben. Ueber dm Nachfolger desselben verlautet noch nichts, ..na! .«,;äJ ; i

Ausland. /,.

Wien, 18. Oct. Fürst Bismarck erschien heute Mittags zum Besuche bei dem Minister des Aeußem, Grafen Andrassy, und verweilte eine Stunde bei dem­selben. Nachmittags giebt Andrassy zu Ehren des deutschen Reichskanzlers ein diplomatisches Diner.

19. Oct. Der Deutsche Kaiser stattete gestern Nachmittag den Erzherzogen Carl Ludwig, Victor, Albrecht, Reiner und der Königin der Niederlande Besuche ab und empfing in Schönbrunn den Minister und die obersten Hofchargen. Nach 71/2 Uhr Abends fuhren beide Kaiser beim Opernhause vor, wo sie von der versammelten großen Menschenmenge lebhaft be­grüßt wurden. Der Deutsche Kaiser trug immer die österreichische Uniform. Das Opernhaus war brillant beleuchtet und in allen Theilen von dem geladenen Publikum überfüllt; im Hofsalon wurden die Majestä­ten von den Erzherzogen und den Erzherzoginnen empfangen und begaben sich sodann in die Hoffestloge, vom Publikum stehend erwartet und ehrfurchtsvollst begrüßt. Jn den Zwischenacten wurden in allen Theilen deS Hauses Erfrischungen gereicht und nach dem dritten Acte der OperMargarethe" wurde im Hofsalon Thee servirt. Fürst Bismarck erschien gestern Nachmittag mit dem Grafen Andrassy in der Aus­stellung; als ihn die Menge erkannte, brach dieselbe in Hochrufe auf Bismarck und Andrassy aus. v. Bis­marck dankte stehend für die dargebrachte Ovation, indem er mehrmals mit dem Hute schwenkte. Der Deutsche Kaiser besichtigte auch gestern die Kuusthalle des Khedive, wo er Czibuk rauchte und schwarzen Kaffee nahm und von Professor Brugsch vielfache Auskünfte über die Sitten und Gebräuche der Araber

Der Deichbauer. tni^

3 Criminal-Novelle aus dem Volksleben von cd, Friedrich Friedrich,.. usl nl. : (Fortsetzung.) nJolS,,

Der Waffermüllcr blickte den Deichbauer an. Auf dessen Antlitz war keine Veränderung, nicht das leiseste Zucken zu bemerken. Standhaft hielt er aus. Nur dir Brauen hatte er finster, kummervoll zufammenge- zvgen. Seine krampfhaft geschlossenen Lippen »er- riechen indeß, rvaS er litt, /. * ' ;

Beraubt ist er nicht", bemerkte der PhystkuS, Also kein Raubmord."

Daran hatte überhaupt noch NiMand gedacht, »eil ei» Raubmord m der Gegend noch nie vorge­kommen war. :rr?' v

Weiter zeigte auch die Kleidung keine Spur, welche zu irgend einer »eiteren Vermuthuug Veranlassung gegeben hätte. Alle« in Ordnung.

Die rechte Hand hatte der Tode festgeschloffen. Der Stiel einer Blume blickte daraus hervor. Der Physikus öffnete die Hand die Blätter einer Rose sielen daraus, welche sie im Todeskampfe fest um- schlossen hatte.

Ter Wassennüller bückte sich nach ihnen.

Geben sie mir die Blume", bat er erregt.Sie »irb von meinem Kinde seinjhm möchte sch sie Jfo Andenken zurückgeben." ' u j

te. Der Doctor blickte den Richter fragend an. 'Dieses gab durch Nicken des KopfeS seine Zustimmung.... ,

ES hat kein Ringen und Kämpfen stattgefunden", sagte der PhystkuS.. Der Todte würde die Hand ge braucht haben. Schmachvoll überfallen ist er. Alles spricht dafür." (.tcM V"

Der Arzt verdeckte die Wunde wieder. Mit der. der Rechten strich er dem Tobten die Haare von der Stirn pnd blickte chn einig? Sekunden schweigend an.

Möge Der, der die That begangen hat, bald seine Strafe empfangen", sagte der Arzt, indem er sich erhob. ,

Das gebe Gott!" fügte der Müller hinzu.

Der Richter hatte während der ganzen Untersuchung nicht ein Wort gesprochen. Scheinbar völlig ruhig hatte er dagestanden. Er kannte den Deichbauer und empfand die ganze Größe seines Schmerzes und Elends. Mit ganzer Seele nahm er an ihm Antheil. Nicht den geringfügigsten Gegenstand hatte er sich entgehen lassen jeder konnte ja von größter Be­deutung werden. Sein Blick hatte die Umstehenden scharf beobachtet. Bei Allen hatte er nur Entsetzen und aufrichtigen Schmerz wahrgenommen. Nur Franz war scheinbar ganz gleichgültig geblieben. Er kannte ihn nicht. Er war ihm ausgefallen, aber mit derselben gleichgültigen Miene hatte er seinen Blick ausgehalten. Mit dem Morde konnte er nichts zu schaffen gehabt haben, solche Ruhe konnte er nicht heucheln; dennoch begriff er ihn nicht. -^u?> Tb

Kann Jemand noch irgend eine nähere Auf­klärung geben?" fragte er.HM Ihr Eurm Sohn heute Morgen nicht vermißt?" wandte er sich an den Deichbauer.

Nein", erwiderte dieser.Dort auf dem Wald- Hose leitete er die Wirtschaft dort schlief ep auch -.ich war heute noch nicht dort-gewesen^

Wann habt Ihr ihn zum letzten Male gesehen?" Gestern gegen Abend in ,bfcr Waldschenke beim Tanze".

So sehr er sich auch zusammennahm, vermochte er dennoch die Worte kaum hervorzubringen.

und auf

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Müllers

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na ntefo An-msH' u-ttoä Uf ij&nh» wvL)

Er ist gestern Abend mit meinem Sohne und meiner Tochter aus der Waldschenke heimgekehrt", sagte der Müller.Bis an meine Mühle hat er sie begleitet,' dann ist er zurückgegangen zum Waldhftfe und auf dem Wege wurde er ermordet".

Um welche Zeit ist daS gewefon?"

Es mußte bald zwölf Uhr sein", .entgegnete deS

--3 Sohn.;A Iizizcu ü

Erging allein Wt Euch

^Kehrte er alleinzurück?"^

Ja".

Und JhrO

Ich blieb vielleicht noch eine StulSe i» der Mühle bei den Burschen, um ihnen von dem Tanz zu erzählen, dann legte ich mich schlafen".

Einen Hülferuf oder dergleichen habt Ihr nicht gehört? Es wär Nacht ein Schrei mußte bis zur Mühle dringen".

Ich HM nichts gchörtz sonst würde ich hinaus- geeilt sein".

Auf deS Richters Verlangen wurde die nächste Umgegend untersucht. Nirgends das geringste Zeichen, welches auf die That hätte deuten können.

Weitere Nachforschungen anzustellen war hier nicht der Ort.

Habt Ihr irgend einen Verdacht?" wandte er sich noch an den Deichbauer.

Dieser schwieg eineu Augenblick, dann antwortete er bestimmt:Nein.^^ ... / bb - ,t

Der Waffermüllcr erbot sich, den Tobten in sein Hans ober auf den Waldhof bringen zu lassen. .

Er gehört in mein Haus", entgegnete Homann. Dorthin soll er gebracht werden".

Aus der nahen Mühle wurde eine Tragbahre her-