1873
Zllarburg, Freitag, den 17. October
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Geiste gehalten ist, in welchem der hohe Staatsmann das Verhältniß zwischen Kirche und Staat zu regeln gewillt ist. — Fürst Bismarck trifft heute in Berlin ein, um etwa am Abend oder spätestens morgen früh seine Weiterreise nach Wien anzutreten; eS--dürfte wohl keinem Zweifel unterliegen, daß auch dieser kurze Aufenthalt deS Fürsten demselben Gelegenheit hieten wird, mit den leitenden Persönlichkeiten Rücksprache zu halten. Im Vordergründe der wichtigen Vorgänge stehen unzweifelhaft die französischen Angelegenheiten, auf welche die „Prov. Corr." bei ihrer Betrachtung über die Reise Kaiser Wilhelms nach Wien ebenfalls, wenn auch indirect, zu sprechen kommt; denn die Worte: „Die jetzige neue Zusammenkunft u. s. w." bis zum Schluß des Artikels, kann wol eine andere Deutung nicht haben. '
— Die Konferenz für das höhere Schulwesen verhandelte in ihrer Sitzung vom vorigen Sonnabend vorzugsweise über die Gestaltung der Realschulen erster Klasse und über die Aussichten für ihr fortbestehen, wenn man ihnen das Beibehalten oder Aufgeben des Lateinischen, ohne daß dadurch ein Unterschied in den Berechtigungen herbeigeführt werde, ganz freigebe. Die Anhänger des Lateinischen machten geltend, daß man in den großen und selbst in bedeutenden Handels* städten Wünsche fder Art, die auf eine Verdrängung des Lateinischen auS den Realschulen hinausliefen, nicht vernommen habe; viele Direktoren hätte» stch für die Beibehaltung desselben ausgesprochen und es lasse sich sein Werth als Grundlage für die tüchtige grammatische Erlernung der neuen Sprachen nicht fortleugnen. GegnerischerseitS behauptete man, stch auf den Boden der gegebenen Verhällniffe zu stellen und berechtigten Wünschen entgegenzukommen, wenn man die Beibehaltung des Lateinischen auf den Realschulen nicht empfehle. Für die Berufsarten, denen die Universitäten zu dienen berufen seien, werde man nach wie vor die Vorbereitung auf den Gymnasien suchen, deren Lehrpläne nur ein wenig umzugestalten und den modernen Bildungselementen zugänglicher zu machm sein dürften; so werde auch am besten der Streit wegen der Zulassung der Realschul - Abiturienten zur Universität beendigt. Das Verhältniß zwischen Realschule
den; der bedeutende Friedensbund aber, welchen die drei Kaiser geschloffen, hat soeben durch den Besuch deS Königs von Italien in Wien und Berlin noch eine weitere Ausdehnung erfahren. Die jetzige neue Zusammenkunft der beiden Kaiser in Wim darf als der bedeutungsvolle Schlußstein der großen politischen Thätigkeit gelten, durch welche Europa vor neuen Erschütterungen des Friedens bewahrt werden soll.
** Berlin, 15. Oct. Der Artikel der heutigen „Prov.-Corresp", welcher dem Wahlaufrufe der Ultramontanen gewidmet ist, kann mit Recht Anspruch darauf machen, das Ver5ienst zu habm, in unwiderlegbarer Weise dm Widerspruch aufzudecken, der zwischen den Zielen der Ultramontanen und den Worten ihres Wahl- aufruss herrscht. Durch die Anführung von Stellen aus der Encylica vom 8. December 1864 wird nach gewiesen, daß den Fortschritt und die Freiheit zu be- tämpfen Pflicht eines jeden Reichsboten sein muß. ES ist also nur Heuchelei, wenn in dem Wahlaufruf die Freiheit an der Spitze deffelben proclamirt wird, und eS ist recht charakteristisch, daß selbst der „Krmz- Zeitung" dieser Wahlaufruf der Ultramontanen nicht gefällt, daß sie denselben vielmehr als den der katholischen Demokratie bezeichnet. Die „National - Ztg." meint jedoch, dieser^ Tadel würde Hrn. v. Nathustus wohl nicht abhalten, ein Bündniß mit den Ultramon- tanm einzugehen, einen Beleg dafür dürfte denn auch die Aufstellung der Candidatur der Herren Stroffer und v. Nathusius im Kreise Minden geben, da diese wohl nur erfolgen konnte, indem sich die Ultras der Conservativen mit den Ultramontanen zu einem gemeinsamen Vorgehen geeinigt haben. — Die Veröffentlichung deS Briefwechsels deS Papstes und des Kaisers Wilhelm hat mit Recht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, die offene und entschiedene Sprache des Kaisers hat wol begründeten Anspruch auf den ungeteilten Beifall der öffentlichen Meinung, wie dies in mehreren Organen der Presfe bereits zum Ausdruck gelangt. Zn politischen Kreisen wird die Urheberschaft der Antwort des Kaisers, welche sich durch scharfe und äußerst gewandte Form besonders auszeichnet, dem Fürsten Bismarck zuertheilt und gewiß ist es nicht zu leugnen, daß die Antwort in dem
Der Deichhauer.
Crimitial-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Die Bewohner desselben lebten friedlich neben einander. Fehlte eö diesem Leben auch an wirklicher Innigkeit und Vertraulichkeit, so fiel dies weniger auf, da diese überhaupt stch aus dem Hose nicht heimisch gemacht hatten, seitdem Homann sich zum zweiten Male ver h machet hatte.
Auch aus dem Waldhofe stand eS gut. Georg hatte alle Kräfte daran gesetzt, die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen. Er scheute keine Mühe und Arbeit, wußte er doch, daß er des Abends nur wenige Schritte zu gehen brauchte, um an der Seite eines Mädchens Erholung zu finden, das er mit jedem Tage inniger liebte, und das ihm mit einem so reinen, treuen Her zen entgegenkam, als er sich selbst bewahrt hatte.
In der ungefähr eine Stunde von dem Dorfe entfernt gelegenen Waldschenke war Tanz. Die Bur scheu und Mädchen aus den zunächst gelegenen Dörfern kamen dorthin. Es tanzte sich noch einmal so schön auf dem unter einer mächttgen Linde angebrachten Tanzboden, als in dem engen, niedrigen Saale, in Hitze und Staub. Ueber sich das grüne, hochgewölbte Blätterdach, ringsum frische Lust und Sonnenschein, und wie die Klänge der Musik in dem Walde ringsum wiederhallten! Das war eine doppelte Lust!
Auch Georg und Franz waren zum Tanz gegangen. Zum ersten Male hatte Georg die mit ihm heimlich versprochene Geliebte zum Tanze geführt und sein Herz schlug hoch und lustig. Laut in den Wald hinein hätte er sein Glück ausrufm mögen. Wie schön das Mädchen aussah in dem Sonntagsschmuck, mit frischen Blumen in den Haaren! Wie lieb ihre Augen ihn anblickten!
Franz hatte keine Tänzerin. Still lehnte er an einer der Linden. Sein glühendes Auge verfolgte Georg's Tänzerin. Er hatte längst errathen, daß sie mit Georg heimlich versprochen war. Er wußte, daß sie sich des Abends in dem Garten ihres Vaters
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trafen. Der Waldhüter hatte es ihm längst erzählt, und er selbst hatte stch davon überzeugt.
Wohl stand auch des Waldhüters Tochter neben dem Tanzplatze und schaute zu. Ihr Auge blickte oft verlangend nach Franz hinüber — er hatte kaum einen Blick für sie. War sie auch seine Geliebte, so schämte er stch doch, dies offen zu zeigen, und nimmermehr würde er mit ihr getanzt haben.
Er hatte ja nie die ernstliche Absicht gehabt, sie zu heirathen. War sie auch hübsch, so war fie doch arm und eines Waldhüters Kind. Seine Pläne gingen höher und «eiter.
Auf Georg's Geliebte hatte er das Auge gerichtet, und seine Wangen glühten, weil er sah, daß sie nur für Georg zu leben schien. Alle anderen Burschm, welche mit ihr tanzen wollten, wies sie ab.
Auch der Deichbauer war auf eine Stunde zur Waldschenke gekommen. Das schöne Wetter hatte ihn verlockt, und der Weg durch dm Wald war kühl und angenehm. Sein Herz schlug laut und freudig, ,al8 er Georg mit des Wassermüllers Tochter tanzen sah und bemerkte, wie vertraut die Beiden zu fein schienen. Wie die Wangen seines Jungen vor Gesundheit und Freude glühten!
„Schaut, Müller!" sagte er zu dem neben ihm stehenden Wassermüller, indem er auf dessen Tochter und Georg hinwies, „wie schmuck die Beiden sich machm! Hilhü! Die scheinen sich heute auch nicht zum ersten Male zu sehen! Wie vertraulich sie die Köpfe zusammenstecken! Ich möchte wetten, dahinter steckt mehr! Nun, wenn'S Euch recht ist, so hab' ich auch nichts dagegen, daß aus den Beiden einmal ein Paar wird. Euer Mädel gefällt mir, und ich weiß, daß es sich brav hält. Sie könnte der Georg mir als Tochter auf den Hof bringen, und bekäme sie teilten Pfennig von Haus mit."
Oberhessische Zeiturg
Deutsches Keich.
Berlin, 15. Ott. Kaiser Wilhelm steht im Begriff, schreibt die heutige „Provinzial-Korrespondenz" in ihrem Leitartikel, den Besuch an dem Hofe deS Kaisers von Oesterreich, welchen er seit dem Frühjahr beab suhtigt und nur auf dringenden ärztlichen Rath hinaus- geschoben hatte, nunmehr auszuführen. Es war dem Monarchen ein wahrer Herzenswunsch, den Besuch, welchen der Kaiser Franz Joseph im vorigen Jahre in Gemeinschaft mit dem Kaiser von Rußland in Berlin gemacht hatte und welcher stch zu einem Er- ejgniß von so großer und nachhaltiger Bedeutung gestaltete, zu erwidern. Als die Hoffnung, der Einladung des Kaisers von Oesterreich bald nach dem Beginn der Weltausstellung folgen zu können, durch da» damalige Unwohlsein unseres Kaisers vereitelt wurde, war es zunächst die Kaiserin Augusta, welche dem österreichischen Kaiserpaare den Ausdruck des lebhaften Bedauerns und zugleich der herzlichen Gesin- nungen des Gemahls überbrachte. Die Aufnahme, welche der hohen Frau, ebenso wie kurz zuvor unserem ttonprinzlichen Paare, am Wiener Hofe gewidmet wurde, gab von Neuem Zeugniß von der wahrhaft freundschaftlichen Stellung beider Höfe. Kaiser Wilhelm hatte jedoch dm Wunsch und die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dem Kaiser von Oesterreich, wenn irgend möglich noch durch seinen persönlichen Besuch abermals zu erkennen zu gebm, welch hohen Werth er auf die erneuten innigen Beziehungen zu dem österreichischen Kaiserhause und zur österreich-ungarischen Monarchie sowohl persönlich, wie im Interesse der gemeinsam angebahnten europäischen Politik legt. Die vorjährige Drei - Kaiser - Zusammenkunft, welche ein gewaltiger und weithin ragender Markstein in der politischen Entwickelung unseres WelttheilS geworden ist, hat diese ihre Bedmtung immer klarer und mt- schiedener auch in den politischen Vorgängen, welche sich an die diesjährige Wiener Ausstellung anschloffen, bewährt. DaS Band des Vertrauens, welches zuerst in Berlin auch die Kaiser von Rußland und Oester, reich wieder vereinigte, ist im letzten Sommer durch die weitere herzliche Annäherung der beiden mächtigen Fürsten in Wien noch enger und fester geknüpft wor-
s Vergebens drang seine Mutter in ihn , daß er einige Nahrung zu sich nehmen möge. Kurz, bestimmt, wies er es zurück. Sein Schweigen, seine Ruhe hatte etwas Unnatürliches und Unheimliches. Selbst seine Mutter berührte es unangenehm, da sie ihn zu gut kannte, als daß sie hätte vermuthm können, in seinem Charakter sei eine Wandlung vorgegangen, er habe feinen Sinn und Trotz gegen den Mann gebeugt, dm er mit ganzer Gluth seiner Seele haßte.
Franz blieb still und gefügig. Sein Trotz schien geschwunden zu sein. Dann und wann,brach sogar eine laute Heiterkeit bei ihm hervor, die früher äußerst selten gewesey^var.
Nicht ohm Genugthuung und Freude bemerkte der Deichbauer dies und hielt es für eine Folge seiner Strenge. Er hatte sich vorgenommen, das Geschehene zu vergessen, und da Franz ihm jetzt keine Gelegenheit zum Unwillen bot, war er freundlich gegen ihn, und mehr und mehr schwand der Unwille, den er gegen ihn gefaßt hatte.
Franz ging jetzt häufiger als früher des Abends fort, um mit dem Waldhüter zu verkehren. Selbst das ließ der Deichbauer geschehen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Nach seinem Sinne wäre es fteilich nicht gewesen, wenn fein Sohn mit eines Waldhüters Tochter ein LiebesverhSltniß angeknüpft hätte — dies war Franzens Sache, und er hielt es für nichts mehr als jugendlichen Leichtsinn. In zu enge Fesseln mochte er ihn nicht legen, um feinen kaum gebändigten Trotz nicht mit Gewalt wieder her- dvrzurufm.
Alles ging jetzt besser auf dem Deichhofe, als nach dem Vorfälle irgend Jemand vermachet hatte.