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Ur. 2LL. JRiirßurg, Donnerstag, den 16. October.
1873.
Oberhessische Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerci) bezogen 22 i Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgt.
Sämmlliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Deutsches Strich.
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«* Berlin, 14. Oct. Unsere Mittheilungcn über die Reise des Kaisers nach Wien bestätigen sich vollkommen bis ans die Verzögerung der Abreise um einen Tag; der Kaiser wird am 17. in Wien eintreffen, und Fürst Bismarck wird in Wien nicht fehlen. Die Perhältnisse in Frankreich werden der Zusammenkunft der Kaiser erhöhete Bedeutung geben, da man die rasch sich entwickelnde Krisis überall ernst aufzufassen scheint und in einem Regiment, welches sich als unbedingter Schleppenträger deS römischen Absolutismus charakteri- sirt, eine Erhöhung der Bürgschaften des Weltfriedens nicht zu finden vermag. — Der heutige „Staats-Anzeiger" veröffentlicht zwei Aktenstücke, welche nicht verfehlen werden, in der ganzen civilisirten Welt das höchste Jntereffe zu erregen: Einen Brief Sr. Heiligkeit des Papstes an den Kaiser und die Kaiserliche Antwort auf denselben. ES ist von hoher Bedeutung, daß Kaiser Wilhelm durch den Papst selbst veranlaßt worden ist, in dem großen Culturwcrke deS Ringens des evangelischen Princips innerer Freiheit gegen den Despotismus äußeren Formendienstes seiner Stellung einen so klaren Ausdruck geben, wie es ohne diese Veranlassung vielleicht nie geschehen wäre. Dem Rebel- iiren des UltramontanismuS gegen die Autorität des
wringen der Genfer Convention an, zur Anerkennung
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Staates und der Gesetze ist durch diese wichtige Kundgebung deS Kaisers auch der letzte Zipfel dos' Männchens genommen, mit welchem priesterliche Herrsch ucht ihr ungesetzliches Streben zu beschönigen und zu Rac^mtschuldigen suchte. Der bisher geübten Taktik, zwischen elchc die Regierung und den Bischof der Kirche einen Keil nttii eintre'ben zu wollen, ist nunmehr ein Riegel vorge- it fj schoben. — Auch in Südamerika fangen die Bestim-
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ainmlung abhalten, und am 2. December sollen die
zu kommen. Der in diesem Jahre zwischen Columbien und Peru abgeschlossene Handels- und Schifffahrts- Vertrag enthält auch die Bestimmung, daß die Ver- wundelen, Aerzte und Geistlichen, sowie die Hospitäler, Ambulancen und alle Einrichtungen zum Transport und zur Verpflegung und Heilung der Verwundeten als neutral betrachtet, auf besondere Schonung und
Sicherheit Anspruch haben sollen. — Am 25. Novern t «jber wird der Club der Landwirthe eine General-Ver
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öffentlichen Winter-Vorträge im Club beginnen; mit dieser Eröffnung soll auch eine Gedenkfeier an Liebig verbunden werden. Eine Büste Liebig's soll ausgestellt und sein Leben und Wirken in einer Rede von Cohn beleuchtet werden.
— Der Aufsichtsrath der „Actiengesellschaft" Spc- nersche Zeitung hat auf den 13. November eine außerordentliche Generalversammlung berufen, worin er den Actionaren die Auflösung der Actiengesellschaft Vorschlägen wird. Die Redaction der „Spen. Ztg." bemerkt hierzu: „Es würde irrig sein, hieraus auf das Aufhören der Zeitung zu schließen, vielmehr sind an den Aussichtsrath verschiedene Kaufofferten ergangen, welche den Uebergang der Zeitung in andere Hände ohne die Form einer Actiengesellschaft in Aussicht stellen. Für die ruhige unv sichere Entwicklung der Zeitung würde eine Abstreifung jener Form nur erwünscht sein können." Aus beiden Mittheilungen, und wenn man noch hinzurcchnct, daß vom 1. Oct an die Zeitung einmal täglich, statt früher zweimal, erscheint, ist aber immerhin zu ersehen, daß das seitherige Geschäft kein rentables war ober vielmehr, daß das Blatt unter seiner gegenwärtigen Redaction die ge hoffte Verbreitung nicht gefunden hat.
Breslau, 14. Oct. Die gerichtliche Vorladung des Fürstbischofs Dr. Förster zwecks Verantwortung wegen der gesetzwidrigen Anstellung von Geistlichen ist, der „Schlesischen Volkszeitung" zufolge Bm 11. d. erfolgt und die Vernehmung-desselben auf den 21. d. anberaumt.
Frankfurt a. M Der Ausmarsch des 5. Rhein. Dragoner - Regiments, welches seit 1866 hier garnisonirte, in seine neue Garnison Bockenheim, brachte eine große Menschenmenge auf die Beine, welche alle nach der ehemaligen Frankfurter Landeö- grenze, an den Bockenheimer Wartthurm zogen. Eine kurze Strecke hinter demselben war eine mit den Bildnissen deS Kaisers, des Kronprinzen und der Germania geschmückte, reich beflaggte Ehrenpforte errichtet, von wo aus man einen Blick in die reich mit schwarz- weiß-rothen und noch mehr schwarz - roth - goldenen Fahnen geschmückte Frankfurter Straße werfen konnte. An der Ehrenpforte sammelte sich kurz nach 3 Uhr der Bockenheimer Stadtrath, Ehrenjungfrauen mit dem
Bürgermeister an der Spitze. Nachdem die Dragoner die Grenze überschritten, hielt der Herr Bürgermeister eine Anrede an den Regiments Obersten, worin er die Garnison willkommen hieß. Der Oberst dankte für den freundlichen Empfang; er sei überzeugt, daß das Regiment in Bockenheim nicht als Fremdling, sondern als Kind des Landes ausgenommen werde. Er schloß mit einem Hoch auf die Stadt Bockenheim. Nun wurde von einer der Jungfrauen dem Obersten ein prächtiges Blumenbouquet und von einem der an der Grenze haltenden berittenen Bürger ein Lorbeerkranz, den Officieren Lorbeerrriser und den Soldaten Eichenlaub überreicht, worauf sich die bürgerlichen Reiter mit einer deutschen Fahne an die Spitze deS Regiments stellten und es zur Kaserne geleiteten. Ehe sie dahin gelangten, war noch eine Ehrenpforte errichtet, an weicher den Officieren aus silbernem Pokal ein Ehrcntrunk der Stadt gereicht wurde. So vollzog sich der Garnisonswechsel, welcher für die Gemeinde Bockenheim von großer Wichtigkeit, nicht minder aber für Frankfurt ist. Die Dragoner hatten seither eines der werthvollsten Areale der Stadt inne. In Folge der Verlegung wird das Waisenhaus frei und alsbald wird nun dasselbe zu einer Schule hergerichtet werden; die Stadt kommt in den ungestörten Besitz der für den Pferdemarkt so wichtigen Stallungen und erhält für die Zwecke des Fuhramts den Frankensteiner Hof in Sachsenhausen, sowie den Platz am Affenthor, wo die Reitbahn stand.
Darmstadt, 14. Oct. Die „Darmstädter Zeitung" meldet, daß vor Erledigung des Budgets, der Verwaltungs.Gesetze und anderer wichtiger Vorlagen schwerlich die Schließung des Landtages stattfinden könnte.
Karlsruhe, 12. Oct. Der Kaffer und die großherzoglichen Herrschaften werden nicht in einem Bahntrain die Reise nach Wien machen. Der Großherzog und die Frau Großherzogin reifen am 15. d. von hier ab und gedenken am 16. in der österreichischen Hauptstadt einzutreffen; der Kaiser wird am 17. daselbst ankommen. Im Gefolge der großherzoglichen Herrschaften werden sich der Generaladjutant General von Neubronn, der Ober-Stallmeister v.Holzing und der Ober-Hofmeister v. Edelöheim befinden. —
Der Deichbauer.
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Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich. (Fortsetzung.)
„Oeffne!" rief sie laut, und die Wuth verzerrte _k Gesicht. „Ich will zu ihm!" — Sie eilte zur !hür und versuchte dieselbe gewaltsam aufzureißen.
■— „Franz, Franz!" rief sie—drinnen blieb es still,
q; Mit eiserner Ruhe trat Homann an sie heran wd schob sie von der Thür zurück.
„Du haft keinen Willen", sprach er fest. „Der / inbe bleibt sitzen, bis ich die Thür ihm öffne, oder H überliefere ihn dem Gerichte".
Schluchzend vor Erbitterung stürzte die Frau aus
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Es durfte nicht sein. Das Glück und Leben ihres
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Zimmer. Schlaflos brachte sie die Nacht zu. 2 Hetzt wußte sie, daß sie ihren Mann haßte, daß sie ohne Mitleid ihn könnte sterben sehen. Nm ihren stolz zu befriedigen, um auf dem Deichhofe zu herrschen, »ttt sie ihn geheirathet — jetzt stand sie machtlos, ; Eenlos, gedemüthigt da. Das würde sie selbst dem •Ranne nie verziehen haben, den sie innig geliebt hätte, ) Md in wahrhafter Liebe hatte ihr Herz nie an dem ^cichbauer gehangen. Sie sann auf Rache, war indeß st aufgeregt, um irgend einen Gedanken zu fassen.
Als sie am anderen Morgen zu ihrem Manne titber in's Zimmer trat, war dieser ruhig, als ob ^chts vorgesallen wäre.
.. Er schien auf sie gewartet zu haben. Sie sah ihn -WH «n Schlüssel zu der Thür, hinter welcher ihr Sohn ^borgen war, auS der Tasche nehmen und auf die $är zuschreiten. Angst erfaßte sie. Sie kannte den eidenschaftlichen Sinn ihres Sohnes, und ihr war - A o Muihe, als muffe die nächste Minute ein Unglück ", 'ringen.
treten könnte, um ihn zu beruhigen, ihn zu bitten, nur jetzt — jetzt sich zu beherrschen I Um den Deichbauer darum zu bitten, trat sie an ihn heran. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, um ihn zurückzuhalten. Die Brust war ihr zusammengepreßt, so daß sie kein Wort hervorzubringen vermochte.
Er ahnte nicht, was sie wollte; er verstand sie nidjt. Ruhig schob et ihre Hand zurück. Sie blickte ihm in's Auge. Bon seinem festen, ruhigen Ernste durfte sie nichts erwarten, nichts hoffen. Sie wußte, daß er ihr gegenüber unerbittlich war. Bleich, zitternd, trat sie zurück.
Der Deichbauer öffnete die Thur.
„Komm^ heraus!" rief er in den dunkeln Raum.
Seine Stimme klang ruhig, aber befehlend, schneidend kalt.
Franz _trat vor. Seine Wangen waren bleich, eingefallen. ©eine tiefliegenden Augen blickten brennend. Aus seinen Stiefvater waren sie gerichtet, «und ruhig hielt er dessen Blick aus. Ruhig, gelassen blieb er vor ihm stehen, als erwarte er feine weiteren Befehle. Einige Secunden lang ließ der Bauer streng seinen Blick auf ihm ruhen.
»Hast Du nun begriffen, waS Du im Sinne gehabt hast?" fragte er dann.
„Ja!" erwiderte Franz, ruhig, gelaffen.
„Hast Du eingesehen, daß ich die Macht habe, Dich zu bändigen?" ,
„3a!"
»Gut, so soll das Geschehene vergeffen sein. Jetzt laß Dir zu essen geben."
Der Deichbauer verließ das Zimmer.
Regungslos blieb Franz stehen. Er schien seine Mutter kaum zu bemerken.
- Schluchzend und mit dem Rufe: „Mein Kind, mein armer Sohn!" eilte sie auf ihn zu und schloß
ihn ihre Arme. Er blieb unbeweglich, keine Miene ' seines Gesichts zuckte.
„Du hast hungern muffen!" rief die Frau, noch immer heftig weinend.
»Ich bin nicht hungrig," erwiderte er mit tonloser Stimme.
„Nicht einmal ein Lager hast Du gehabt, aus dem Du hast schlafen können!" fuhr sie fort. „Und ich durfte nicht zu Dir".
„Ich bin nicht müde gewesen — ich brauchte nicht zu schlafen" erwiderte er in demselben Tone.
Er klang unheimlich. In dieser Ruhe des Burschen lag etwas Erschreckendes. ,
„Du hast Dich vergessen", fuhr die Frau fort „aber er ist zu hart gegen Dich gewesen, zu hart. Ich hatte ihn gebeten — nichts hat geholfen. Gezittert habe ich, daß Du Dir ein Leid anthun möchtest!" Sie überhäufte ihn mit Liebkosungen. Gleichgültig ließ er es geschehen.
„Hier hat er geschlafen, damit ich nicht zu Dir kommen konnte. Nicht einen Augenblick hat er das Zimmer verlassen".
„Ich weiß es", erwiderte Franz.
„Sieh Franz", fuhr die Bäuerin mit sich steigernder Leidenschaft fort, „als ich ihn gestern Abend vergebens gebeten hatte, die Thür zu öffnen, als ich vergebens versuchte, zu Dir zu gelangen, da sind wilde Gedanken in meinem Kopfe aufgestiegen. Rächen wollte ich Dich und mich — rächen an ihm. Die • Stille der Nacht war so unheimlich. Die Rache trieb mich, nur die Verantwortung einer Gewaltthat hielt mich zurück. Es ist gut, daß ich mich bekämpft habe — ich hätte uns Beide unglücklich gemacht".
„Ja, es ist gut, daß Du es nicht gethan hast", entgegnete der Bursch.
Weiter sprach er kein Wort. (Forts, folgt.)