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Statt
Pompadour knieete und, umfangen von dem Zauber der Liebe, die Klagen und Verwünschungen seines Volkes nicht hörte, und die unglückliche Königin Maria Antoinette die Schäferspiele ihres Hoseö in- scenirte und ihrem Gemahle unschuldige Unterhaltungen gewährte, dieses berühmte Trianon ist seit wenigen Tagen der Schauplatz einer historisch-merkwürdigen, politisch bedeutungsvollen Gerichtsverhandlung. Man hat es in Frankreich, wie in vielen anderen europäischen Ländern, nie verschmäht, die Gerichte für poli tische Zwecke auszunützen, und auch jetzt ahmt man bloß alte Beispiele nach. Durch einen Spruch des Kricgstribunals hofft man eine Partei zu demüthigen, hofft man das Königthum zn befestigen und einen Makel von der Ehre Frankreichs abzuwaschen. Nicht der Gerechtigkeit will man genügen, sondern egoistischem Verlangen nach einer Gcnugthuung, und man hat dabei nicht einmal die Ausrede, sich auf die Leiden- schäften des Volkes berufen zu können. Das frauzö- stfche Volk, in jeder Richtung zur Passivität verur- theilt, steht auch diesem Proceffe indifferent gegenüber; eS hat keine Sympathien für den Marschall Bazaine, sicher aber auch nicht für Diejenigen, welche sich als seine Richter aufwerfen.
Das Gesagte soll nicht so aufgefaßt werden, als ob der Held der Tragödie irgendwie unserer Thcil- nahme würdig wäre. Der Mann, der sich herbeiließ, in Mexico der Politik Napoleons zum Werkzeuge zu dienen, der es nicht verschmähte, der Träger jener In« trigum zu fein, welche den Kaiser Maximilian zur Verzweiflung trieben, dem sein soldatisches Gewissen eS nicht wehrte, Verrath an dem von Gott und den Menschen verlaffenen Prinzen zu üben, der in die
Netze deS Napoleon'schen Hofes gefallen war, dieser Marschall von Frankreich, der mit dem Verrath die Verhöhnung und Beschimpfung des ihm auf Gnade und Ungnade Ueberantworteten verbünd, kann sich nicht über ein ungerechtes Schicksal beklagen, und wenn seine Gemüthsart nicht eine allzu rohe und verwilderte wäre, so müßte die Erkmntniß der sein Leben be lastenden Schuld seinen Trotz niederbeugen. Aber wenn das Schicksal gerecht ist, so sind es doch nicht Diejenigen, welche hier, von kleinlichen Motiven geleitet, in das große Räderwerk der Geschichte eingreifen, welche über den Marschall zu Gericht sitzen werden, nicht damit die Schuld ihre Sühne finde, sondern damit aus der Verurtheilung Capital zu schlagen sei für die Politik der Zukunst.
Am 28. Oktober sind eS genau drei Jahre, daß die Kapitulation von Metz erfolgte. Eine wichtige Episode des ein so weites Gebiet umfaffendcn Feld zugcs war damit abgeschloffen; Paris, das sich bis dahin mit der Möglichkeit eines Durchbruchs der in Metz eingeschlosscnen Armee getröstet hatte, war um eine Hoffnung ärmer geworden. Jndeß hatten die Franzosen dafür eine Compensation; sie halten die Klausel gefunden, um alle Niederlagen zu beschönigen und den Ruhm Deutschlands nach ihrer Ansicht auf ein Minimum herabzudrücken. Die Franzosen schreiben, wie ein moderner Schriftsteller bemerkt, ihre Geschichte gern mit „si“ („wenn"). Die Schlacht bei Waterloo ist nicht verloren gegangen, wenn nur ein General zur rechten Zeit eingetroffen wäre, wenn ein einziges bestimmtes Regiment seine Schuldigkeit gethan hätte, so wäre Napoleon siegreich geblieben, das Kaiserreich stünde heute noch und Frankreich würde ganz Europa
Genf, 11. Oct. Von Seiten der Ultramontanen wurden heute früh zwei in heftigen Worten abgefaßte, !egen die morgen stattfindenden Volkswahlen gerichtete Proteste affichirt. In denselben wird absolute Entfaltung von den Wahlen angerathen. — Das „Genfer Journal" veröffentlicht einen Brief des Almoseniers der Armee, Marschall, worin derselbe mittheilt, daß
— Der Ausschuß, welcher der großen Royalisten. Versammlung am 21. ds. Bericht erstatten soll, wie die Wiederherstellung der Monarchie zu ermögliche« sei, arbeitet sehr fleißig und hält jeden Tag.bei Chan- garnier Versammlung. Herzog DecazeS, der neu« ranzösische Botschafter in London, wird am Dienstag rn Paris erwartet. Da er einer der Hauptleute der Fusion ist, so hält er seine Anwesenheit in Paris für unumgänglich nothwendig. Drei bekannte Mitglieder deS linken Centrums, die Herren de Janz«, Carre- Kerisoußt und Legal-Lasalle, auf deren Uebergang in» Chambord'sche Lager die Royalisten gezählt hatten,
beherrschen. Man sieht, ein solches „Wenn" ist sehr bequem, es bietet die Mittel, um allen Demüthigunge« der Geschichte auszuweichen. Man sollte sich überall bemühen, sich dieses „Wenn", das nur ein wenig Selbstüberhebung und Gedankenlosigkeit kostet, ür alle Fälle anzuschaffen. In Frankreich hat nicht nur die Gesammte Nation ihr gemeinschaftliches „Wenn," sondern jede Partei hat noch ihr besonderes „Wenn."
So behauptet Gambetta in seiner neuesten Tisch' rede: „Wenn die monarchischen Parteien nicht zur Kapitulation geschritten, so wäre die Republik im bensch' französischen Kriege Sieger geblieben." Es ist dies jedenfalls das ungeheuerlichste „Wenn", das selbst in Frankreich jemals zur Anwendung gekommen ist Die Capitulation Bazainc'S hat nun im dringlichsten Momente ein solches nationales „Wenn" geliefert. Wenn Bazaine in Metz keinen Verrath geübt, wenn er in einem Ausfälle die deutschen Truppen vernichtet, den vor Paris lagernden Truppen die Verbindung' mit Deutschland abgeschnitten so wäre wer wollte es leugnen, Frankreich Sieger geblieben und Deutschland hätte den ihm von Jules Favre und Gambetta dictirten Bedingungen sich fügen muffen. Man konnte sich nach dem Allen nicht wundern, daß unmittelbar nach der Kapitulation von Metz das Wort „Verrath" in die Oeffentlichkeit hinauSgeschleudert und die Anklage gegelt Bazaine bald in bestimmter Form erhoben wurde. Schließlich erfolgte die Verhaftung deS Marschall die Voruntersuchung wurde durchgeführt und endete mit dem Anklagebeschlussc; am Jahrestage der Kapitulation von Metz wird vielleicht das Urtheil gesprochen werden.
(Schluß folgt)
105 Abgeordneten des Gewerkes aus verschiedenen Städten, denen sich viele andere Genoffeit deffelben Handwerks anschloffen, versammelt. Vorsitzender be; den Verhandlungen war Bierberg aus Berlin; man beschäftigte sich mit dem Anschluß an die Verbände Hannover, Kiel und Rostock, mit der ben örtlichen Verhältnissen angepaßten Einrichtung der Verbände nach den vom Leipziger Schuhmacherkongreß in Bezug darauf gefaßten Beschlüssen und mit der Frage, welche Mittel zu ergreifen wären, um der Großindustrie gegenüber das Geschäft in den Händen zu behalten. Für diese Aufgabe, welche man am längsten behau beite, wurde ein enger Zusammenschluß der VerbandS- mitglieder, allseitiges Bestreben für Hebung der Fachkenntnisse, gründliche Ausbildung der Lehrlinge und Gehülfen, sowie aller betheiligten Arbeiter, endlich sorgfältige Benutzung aller durch die Fachmaschinen gebotenen .HülfSmittel empfohlen. Wenn alles dieses erfüllt würde, meinte man der Großindustrie noch immer eine erfolgreiche Konkurrenz bieten zu können, um so mehr als die Leistungen des Handwerks sich immer mehr verfeinert und fast zu künstlerischen emporgehoben hätten, wie sie bei den Massenarbeiten der Industrie nicht erreichbar wären. Nächst dem Erwähnten fand man auch die Errichtung von Produktiv- Genoffenschaften, die Beschränkung der Borgfristen, die Neuregelung der Lehrlings- und Gesellenverhält- niffe zur Emporhaltung der selbstständigen Schuhmacher- meister nöthig. Der Kongreß ward am Abend des 5. mit einem Balle in dem erwähnten Saale ae- schloffm.
Dresden, 11. Oct. Das „Dresdener Journal" bestätigt, daß König Johann seit 8 Tagen an Schlaflosigkeit leidet; eine Verschlimmerung sei in den letzten Tagen nicht eingetreten. Die Eröffnung des Landtages werde durch den Kronprinzen erfolgen.
Darmstadt, 11. Oct. In weiterer Berathung des Schulgesetzes lehnte' heute die erste Kammer den Paffuö über den obligatorischen Besuch der Fortbildungsschulen mit 14 gegen 12 Stimmen ab. Mit gleicher Stimmenzahl wurde §. 37 alinea 3, welcher den gesetzlichen Ausschluß der geistlichen Congrega- turnen vom Volksunterricht verfügt, verworfen. In der Schlußabstimmung wurde mit allen Stimmen gegen diejenigen Wernhers und Wascherslebens das , Schulgesetz, sowie es aus der Detailberalhung hervorgegangen, angenommen. — Die Landes-Synode hat in ihrer heutigen Sitzung ben Verfassungs-Entwurf, wie er aus ihren Beschlüssen hervorgegangen, im Ganzen gegen 2 Stimmen angenommen.
Tübingen, 11. Oct. Der Schriftsteller Hermann Kurz, Bibliothekar der hiesigen Universität, ist gestorben.
Speyer, 11. Okt. Vom 10. bis 11. Oktober sind an der Cholera erkrankt 23, gestorben 5 Personen. Gesammtstand 312 Erkrankungen, 144Todesfälle.
Ausland.
Wien, 9. Oct. Das „Vaterland" bringt heute den brüten Leitartikel: „Reichssacristan Bismarck", ' worin es unter einer Reihe anderer gemeiner Aus- 1 fälle heißt: „Einstmals diente die Armee zum Schutze , der Unterthanen, der Beamtenstand zur geregelten I
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ua|ia?cn, vag dj Führer der Majorität für alle Eventualitäten eini seien unb das Resultat der gegenwärtig bei Chambor ™v... versuchten Schritte abwarteu wollen. Jedenfalls müf mdaül die Angelegenheit bald entschieden werden. — „Union' ' ' sagt, daß der Nationalversammlung allein das Rech der Entscheidung zustehe. Graf Chambord dürfte web« direct noch inbirect in die Berathungen eingreifen. Rouher spricht in einem Brief an den Deputirta Echasserianx aus, er anerkenne die Dringlichkeit, ch zur Partei gehörigen Deputirten zu einer Versäum lung zu berufen und einen Appell an das Volk « erlassen. Er schlage hierzu den 15. October vor Man müsse, sagt Rouher weiter, die Werke unser« Väter sowie die moderne Gesellschaft vertheidigen, bi gegenwärtigen Anstrengungen der Rechten könnten nit auf zweideutige Abmachungen hinauslaufen.MFrani reich wolle eine demokratische Nation bleiben di projectirte Monarchie sei aber die Negimng bi Demokratie. Diese Monarchie scheine ihren Versuch zu leben, nur damit in ©eene setzen zu wollen, da sie das allgemeine Stimmrecht zerstört. Rouher schließt Um den öffentlichen Frieden wieder zu erlangen uri ebenso eine lange Sicherheit, müsse man gerade da Volk befragen, welche Regierung ihm genehm sei. - Der Staatsschatz hat an die Bank von Frankrei, 30 Millionen als erste Rate zur Amortisation di Vorschusses von 200 Millionen gezahlt. — „Journal officiell" bezeichnet das Resultat zwischen dem Minista der auswärtigen Angelegenheiten einerseits und ben deutschen Botschafter andererseits unterzeichneten Ev kläruug dahin, daß die französischen Industriellen f» ihre Fabrikmarken denselben Schutz genießen solle« welcher ihnen vor dem Kriege durch alle mit ver schiedenen deutschen Staaten abgeschloffenen Verträgt ohne Unterschied zugestchert worden war. — Ein v« 27 Municipalräthen von Paris unterzeichnetes Schreibet vorn gestrigen Tage, an alle Deputirte von Parit adressirt, behauptet, daß die Nationalversarnmlnnz nicht daS Recht habe, die nationale Souveränität » veräußern und daß die Majorität des französische« Volkes den Grafen Chambord als König zärückweise. Die Deputirten der Seine werden aufgeforbert, sich offen über das von ihnen hierüber abzugebende Votua zu erklären. — Die Nachricht des „Genfer Journals', daß der Bischof von Nancy der Sette der Altkatholiken beizutreten beabsichtige, ist als vollständig falsch z u bezeichnen.
Ordnung der Geschäfte, die Polizei zur Sicherung I der Bischof von Nancy aus der römisch - katholisch« des Lebens und ElgenthumS, die Kriminalgerichte zur «Kirche ausgetreten sei
Bestrafung der Verbrecher, der Fiscus zur Förderung . Paris, 11. Oct. „Francais" versichert, daß di ^"R
des Staatshaushalts und die Schulen für den christlichen Unterricht. Heutiges Tages wird dieser ganze Apparat fast einzig gegen die Katholiken verwerthet, um ihr Gewissen zu knechten und die Aeußerungen ihres Glaubens zu unterdrücken. Die heidnischen Kaiser, selbst Nero unb Diocletian, waren in ihren Forderungen den Khristen gegenüber genügsamer als der Reichssacristan Bismarck". Sodann bringt das „Vaterland" an der Spitze seiner „politischen Ueber- sicht" nachstehende Mittheilung: „Wir erhalten folgende Zuschrift: „Herr Redakteur! Es wird Ihnen bereits bekannt sein, daß der Polizei-Präsideiit Herr v. Madai vorigen Samstag hier angekommen ist und seitdem fortwährend vertrauliche Konferenzen mit dem Herrn Bürgermeister Dr. Felder und dem Polizei-Präsidenten Marx hält. Es handelt sich dabei nicht bloß um — jedenfalls ganz unnöthige — SicherheitS'-Maßregeln, sondern vorzüglich um Jnscenirung eines so populär erscheinenden Empfanges, wie er dem König von Italien zu Theil wurde. Herr v. Madai soll im Auftrage des Fürsten Bismarck erklärt haben, daß dafür keine Unkosten zu groß sein würden. Wien, 8. Oktober 1873". Wir bemerken hiezu, daß Herr v. Madai eine derartige Erklärung unmöglich den beiden genannten amtlichen Personen gegenüber abgegeben haben kann. Die Stelle, „daß dafür keine Unkosten zu groß sein würden", unb in dem Zusatze „amtlichen" Personen ist gesperrt gebrurff, bamit ber Pöbel, wenn er etwa gar zu dumm sein sollte, mit der Nase auf diese Insinuation gestoßen werde. Solcher niedriger Agitationsmittel bedient sich ein Blatt, das für die Kirche und moralische Ordnung einzustehen behauptet. Welche sittliche Verwilderung muß in Kreisen herrschen, wo solche Mittel gut geheißen und mit Orden belohnt werden.
Pest, 11. Oct. Bezüglich eines türkischen Memorandums in der bosnischen Angelegenheit sagt ber „Pestcr Lloyd": Dasselbe sei dem österreichischen Botschafter ohne eine Begleitungsnote, ohne Unterschrift und stegelloS zugestellt worden. Die Anklagen gegen die Konsuln Dragancsics und TheodorovoS seien voll- ’tänbig unbegründet. Für die Haltung deS Grafen Andrafsy würden die unbedingt uöthigen Aufklärungen der türkischen Regierung entscheidend sein. Jedenfalls müsse die vollständige Grundlosigkett der gegen die österreichischen Funktionäre erhobenen Anschuldigungen tn aller Form anerkannt werden.
Ber«, 11. Oct. Der Bundesrath wird in Folge einer Mittheilung des Genfer StaatsralheS bei der ranzösischen Regierung gegen die auf französischem Boden geübten Umtriebe deS früheren Bischofs Mcr- millod protestiren.