Ur. 211. Marburg, Sonntag, den 12. Oktober. 1878.
Oterhessische Zeitung.
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Der am 4. Juli d. I. in Cöln gewählte und am 11. August in Rotterdam durch den Bischof Deventer geweihte Bischof der deutschen Altkatholiken, Professor vr. Reinkens, hat am Dienstag dieser Woche in die Hände des preußischen CultusministerS, Dr. Falk, den Homagialcid abge(eistet und darauf die am 19. September vom Könige bereits vollzogene Anerkennungs-Urkunde „als katholischer Bischof" ausgehändigt erhalten. Eine bedeutende Kräftigung erhält das kirchliche Gemeindewesen der preußischen Altkatholiken hierdurch jedenfalls, und die in Baiern, Baden und Hessen hoffen nunmehr auch bei ihren Regierungen die Anerkennung des Bischof Reinkens zu erlangen. Die Renitenz der ncukatholischen Bifchöfe in Preußen dauert indeß ebenso fort und erzeugt allwöchentlich neue einzelne Conflicts- sälle, wie die Berufung und Anwendung der Strafgesetze durch die Staats-Verwaltung und die Gerichte ihren Gang geht. — Im Großherzogthum Hessen tagt die erste Kammer zur Erledigung der ihr von der zweiten Kammer zugegangenen Gesetzentwürfe; das Schulgesetz, dessen Ablehnung man befürchtet, hat einen allgemeinen Adressensturm hervorgerufen. — Unser Kaiser weilt mit der Kaiserin noch in Baden-Baden, gedenkt aber den 16. mit dem großhrrzoglichen Paare von Baden in Wien einzutreffen; wohin ihm auch Fürst Bismarck zu folgen gedenkt, wenn sein leidendes Befinden ihm die Reise gestattet.
Mit dem 1. October ist Cisleithanien in den Wahlmonat ein getreten, und zum ersten Male wählt die Bevölkerung wieder in dtrecter Weise ihre Vertreter in den Reichörath. Leider hat sich bereits innerhalb der deutschen Verfassungspartei eine Spaltung zwischen „Alten" und „Jungen" vollzogen, welche durch den Eigenwillen -.gewisser Persönlichkeiten zu der Höhe von Prinrssvenstreitigkeiten aufgepufft wurde. Indeß steht zzi hoffen, daß die Bevölkerungen kalt- — .....
Der Deichbauer.
Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Ruhig würde er eS ertragen haben, daß fie gleich dom ersten Tage an mit unverkennbarem Stolze als Herrin aufgetreten war. Sie war ja die Herrin auf dem Hofe. Wäre sie gegen ihn selbst nur eine andere gewesen. Sie hatte eS seit dem Hochzeitstage auf dem Tanzboden noch nicht ein Mal wieder gewagt, ihm so offen entgegen zu treten; sie war artig gegen ihn, aber nicht innig und herzlich, wie er eS erwartet hatte und verlangen durste. All' ihre Innigkeit schien sie nur auf Franz übertragen zu haben; für ihn schien sie nur zu leben und Interesse zu haben, gegen alles Andere war sie kalt, oft abstoßend.
Es war natürlich, daß gerade hierdurch Homann's Abneigung gegen seinen Stiefsohn, die er anfangs mit entschlossenem Sinne bekämpft hatte, jetzt mehr und »jchr heranwuchs. Ihn sah er als die Ursache all' dieses stillen Unheils an.
Einmal hatte Franz es noch versucht, trotzig und verwegen gegen ihn aufzutreten; da hatte er ihn indeß stine ganze Strenge und Macht fühlen lassen, und Franzens Trotz schien dadurch gebrochen zu sein.
War Gutmüthigkeit früher der hervorragendste Zug >n dem Charakter des Deichbauers gewesen, hatte sie ihn sogar öfter zu Schwächen verleitet, so führte er letzt mit rücksichtsloser Strenge durch, was er einmal sich vorgenommen hatte. Er schien durch dies strenge, uachstchtSlose Verfolgen eines gesteckten Zieles vergessen iu wollen, daß sein inneres, häusliches Glück verschwunden war.
. Der Deichhof, auf dem von jeher Alles nach sirenger Ordnung gegangen war, der sich jetzt gleich- svvr allein regierte, bedurfte seiner Aufmerksamkeit ^vniger. Um so mehr richtete er sie aus den Waldhof.
setzte eine Ehre darein, zu zeigen, wie eS ihm gingen müsse, die vernachlässigte und verlotterte Wirth- Mft wieder herzustellen und zu heben. Und er griff
Sache sogleich mit voller Kraft an. Zwar war Waldhof nicht sein Eigenthum; dennoch scheute
blutiger urtheilen und des Spruches eingedenk sein werden: „Eintracht gibt Macht".
Die gepflogene Vereinbarung zwischen der Schw e i z und Italien in Betreff des Anschlusses der Tessiner Gotthard - Thalbahn an die oberitalienischen Bahnen hat als internationale Stationen Luvino und Chiasso festgestellt und bestimmt, daß die Strecken Chiasso- Camerlata und Chiasso-Lugano gleichzeitig ausgeführt werden sollen. — Im Canton Bern ist den renitenten jurassischen katholischen Gesstlichen eine Unterwerfungsfrist von 14 Tagen gestellt. — Im Canton Neuenburg droht der orthodoxe Theil der evangelischen Geist- lichkeit wegen des neuen Kirchengesetzes mit Gründung einer Freikirche.
Die italienische Regierung beabsichtigt, die gegenwärtige Parlamentsperiode zu schließen; der Präsident des Abgeordnetenhauses, Hr. Biancheri, soll zum Senator ernannt werden, und Herr Lanza wird als ministerieller Candidat für die Präsidentschaft aufgestellt. — Der Papst hat beim Empfange einer Deputation aus Civita Vecchia sich scharf gegen die deutsche und die italienische Regierung ausgesprochen, gegen letztere zunächst wegen des Verbots der Wallfahrten. An Stelle des verstorbenen Cardinals Sagnetti ist Msgr. Latoni zum üditore della camera ernannt.
Der Brief des Herrn Thiers an den Maire von Nancy, und die Rede des Herzogs von Broglie in La Neuville-le-Bon sind schlagende Beweise, wie rasch in Frankreich die Krisis zur Entscheidung getrieben wird. Thiers hat wieder Muth und Zuversicht in die Reihen der Republicaner gebracht, welche sich an- schicken, am nächsten Sonntag in den Ersatzwahlen zur National-Versammlung zu zeigen, auf welcher Seite das allgemeine Stimmrecht steht. Die Rede des Herzogs von Broglie ist in so fern ein Ereigniß, als durch sie die Regierung sich etwas unsicher, aber doch deutlich genug durch ihren Vieepräsidenten für die monarchische Restauration ausspricht. Broglie ist er keine Kosten, und es ivar vorauszusehen, daß sein Vorhaben gelingen mußte.
Ohne ein Wort der Widerrede hatte seine Frau und Franz die ganze Umgestaltung auf dem Waldhofe mit angesehen. Es hatte ihnen keinen Augenblick verborgen öleiben können, wie richtig angefaßt dieselbe war und welche guten Erfolge sie haben mußte, wenn es sie auch im Stillen ärgerte, daß er sie vorher nicht zu Rache zog, ihnen nicht einmal ein. Wort darüber sagte.
A!>'-s ging und gelang vortrefflich auf dem Waldhofe, n . ein Uebelstand war dabei, daß derselbe allein und vom Dorfe selbst entfernt lag. Wohl ging Ho- mann jeden Tag ein oder mehrere Male hinaus; dennoch genügte dies nicht immer, und bann und wann machte «s sich doch bemerkbar, daß auf dem Hofe selbst nicht der Herr war; denn auf die Leute war nicht immer fest zu bauen.
Schon lange war dies dem Deichbauer durch den Kopf gefahren, Hab er hatte beschlossen, eine Aende- rung vorzunehmen. Rur über die Art derselben war er mit sich selbst uneinig.
Sollte er Franz auf demj Waldhofe wohnen lassen? Er wußte, daß dieser dies nur zu gern thun werde; aber das eigensinnige Wesen des Bnrschxn schreckte ihn ab, und ohnehin mußte er befürchten, daß er wieder vernichten werde, was er selbst erst mühsam geschaffen hatte. Unter eigener, strenger Aufsicht mußte er den Burschen behalten, beffen heißer Wunsch es war, ben Herrn auf bem Walbhofe zu spielen, so wenig Befähigung er auch bazu besaß.
Seinen eigenen Sohn Georg beschloß er enblich auf bem Walbhofe wohnen zu lassen. Wohl war Georg noch ein Jahr jünger als Franz; aber fein ruhiger, gesetzter Charakter gab ihm Hoffnung, daß er diese Stellung ausfüllen werde. Stand er selbst ihm doch immer zur Seite. Zugleich war dies eine gute Schule für ihn; denn die Jahre waren nicht mehr fern, wo er den Deichhof übernehmen mußte.
Weder Franz, noch feine Mutter ahnten diese Veränderung. Der Deichbauer hatte nicht die Gewohnheit, von feinen Entschlüssen vorher zu sprechen,
voll Vertrauen auf die Weisheit der National-Ver- sammlung, die niemals eine Regierung gutheißen werde, die nicht im Einvernehmen gegen die Priucipien der modernen Gesellschaft sei. Am 24. Mai kündigte er auch an, eS solle nichts in den politischen Einrichtungen Frank eichs geändert werden. Wann der große Streich ausge^uhrt werden soll, ob am ersten Tage nach Wiedereröffnung der National-Versammlung, oder ob noch früher, scheint noch nicht fest beschlossen zu sein, der Herzog von Nemours ist zu diesem Zweck in Wien und hat am 6. den Herzog von Chartres von dort an den Wohlfahrts-Ausschuß nach Paris mit neuen Instructionen geschickt. Dieser Ausschuß von vier Männern als Vertretern der vier Fractione» der Kammer-Majorität ist in der letzten Parteisitzung ernannt und mit der Aufgabe betraut worden, einen Actionsplan zu entwerfen und ihn der nächsten Versammlung vorzulegen. Der Plan geht dahin, zuerst die Opportunität der Herstellung der Monarchie auS- sprechen zu lassen, bann einen Reichsverweser zu ernennen unb hierauf eine Deputation an ben König Heinrich V. zu schicken, ihn einzulaben, in Paris einzuziehen und nun erst wegen einer Charte zu unterhandeln. Der Prozeß Bazaine ist in dieser Woche Über den Vortrag des Anklageaktes nicht hinausgekommen.
Die Spanier haben eS stets geliebt, bei kleinem Feuer einander zu rösten; so auch jetzt wieder, wo der Kampf zwischen den Royalisten und den Repnbli- canem aus einer Reihe von kleinen Ueberfällen und Metzeleien besteht. Die Aussichten der Regierung haben sich neuerdings gebessert.
Die sämmtlichm englischen Minister haben London wieder verlassen und sind auf ihre Landsitze zurückgckehrt. Der Ausweis über daö erste Semester des englischen Verwaltungsjahres lautet sehr günstig; obgleich die Einnahme durch die Ermäßigung der Einkommensteuer einen Ausfall erlitten hat, ergibt sich erst wenn sie zur Ausführung gelangen sollten, theilte er sie mit. So auch diesmal.
Sie saßen beim Mittagsessen, als Homann Georg, seinen Entschluß mittheilte. Ueber des Burschen Gesicht glitt eine freudige, dunkle Röthe. In feiner Brust lebte ein Ehrgeiz, der bis jetzt nur wenig Gelegenheit gefunden hatte, sich hervorznthun. Und noch ein anderer Grund trieb ihm das Blut in die Wangen. Mit der hübschen Tochter des reichen Wassermüllers hatte er sich heimlich versprochen, und die Wassermühle lag nahe dem Walbhofe. Noch wußte fein Vater von diesem Liebesverhäliniß nichts, und so wenig er auch etwas hätte dagegen einwenden können, so hielt Georg es doch mit ängstlicher Scheu geheim. ES war jener schöne, jugendliche Trieb, der seine Liebe um so weniger zu gestehen wagt, je heiliger sie ihm ist, und der durch das Mitwissen Anderer ihr den frischen, unschuldigen Hauch zu nehmm fürchtet.
„Nun, es ist Dir doch recht?" fuhr Homann lächelnd fort, als er Georg'S Erröthen bemerkte und dieser nichts erwiderte. „Du magst nun zeigen, ob ein guter Wirth in Dir steckt oder nicht. Morgen schon magst Du zum Walde übersiedeln, ich werde noch heute alle Vorbereitungen dazu treffen".
Georg antwortete verlegen stotternd, daß er Alles thun werde, was in feinen Kräften stehe.
„Das erwarte ich", fuhr der Deichbauer ruhig fort. Ich werde nach wie vor jeden Tag hinauskommen und selbst zusehen, wie eS geht. Ich will nicht, daß Du ben Herrn dort spielst, sondern daß Du Acht giebst, daß Alles so geschieht, wie ich eS anordne. Zum Befehlen bist Du noch zu jung und hast noch Vieles zu lernen".
Es war ihm nicht entgangen, welchen Eindruck diese Nachricht auf feine Frau und Franz auSgeübt hatte. Er hatte es nicht anders erwartet. Beide waren bleich geworden. Starr vor sich auf den Tisch blickend, schien Franz zurückdrängen zu wollen, was in ihm stürmte und wurmte. Die Bäuerin warf Georg nur einen einzigen Blick zu. Aber dieser eine Blick verrieth deutlich genug, wie wenig sie ihn liebte.
(Fortsetzung folgt)