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3Har6tirg, Mittwoch, den 8. October.
1873
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Oberhessische Zeitung,
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' Die Novelle „Der Flüchtling" von Friedrich Friedrich beginnt in den nächsten Tage».
Deutsches Reich.
«* Berlin, 6. Oct. Neulich ist hier dem Gerüchte rntgegengetreten worden, daß gelegentlich der Anwesen heit des Reichskanzlers die Frage wegen Neubesetzung des preußischen Minister-Präsidiums und der Anordnung einer Staatskanzlerschaft auf der Tagesordnung gewesen sei. Vielfach hat man dies dahin gedeutet, als hätte damit auch die etwaige Opportunität der letztgenannten Maßregel bestritten werden sollen, wäh- rmd doch nur verneint wurde, daß dieselbe in dem angegebenen Momente besprochen sei. Wenn man nun gar glaubt, daß über diesen Punkt im Ministerium selbst Differenzen bestünden, so werden die Conjecturen gewagter, als es erlaubt ist. Die Uebertragung der Staatskanzlerschaft an den Fürsten Bismarck hat bereits ftüher im Vordergrund gestanden und herrschen über diese Angelegenheit nicht die geringsten Meinungsverschiedenheiten im Ministerium. — Wenn es auch richtig ist, daß Fürst Bismarck den Kaiser wahrscheinlich nach Wien begleitet, so dürfte sich die andere Nachricht, daß er nach seiner Rückkehr sofort in Berlin verbleiben wolle, schwerlich bewahrheiten; der Fürst wird vielmehr, so viel bis jetzt feststeht, nach Darzin zurückkehren und seinen Landaufenthalt noch um einige Zeit verlängern. — Nach einer übereinstimmenden Mittheilung der meist gut unterrichteten „Spener'schm Zeitung" und des „Preußischen Volksblattes" scheint es, daß die Regierung in Verfolg der Ausführung der Kirchengesetze entscheidend gegen Herrn LedochowSki vorgehen will. Die öffentliche Meinung wird einen solchen Schritt sicherlich guthcißen, da unmöglich geduldet werden kann, daß ein Staatsbürger, wie eö der Erzbischof von Posen demnach wohl auch ist, die Gesetze seines Vaterlandes unausgesetzt ignorirt. — Unsere Mittheilungen über die Quiftorp'sche Bank werden jetzt überall bestätigt. Das Gerücht von einer gewährten Staatshülfe cour- flrte übrigens niemals an der Börse, sondern nur in dm Zeitungen. Wenn man jetzt von Hülfe des Königs selber redet, so muß bemerkt werden, daß von einer solchen schwerlich die Rede sein kann, da sie sonst wohl größere Wirkungen hervorgebracht hätte. Es ist bereits darauf hingewiesen, daß es durchaus bei der augcn-
Zur Geschichte ves alten Uuiverfitätsgebäudcs.
Bon C. Schäfer.
Nachschrift.
Durch die Gefälligkeit des Herrn W. B ü ck i n g geht dem Verfasser dieser Zeilen soeben ein Auszug aus den Marburger Baurechnungen der Pfarrkirche zu, welcher geeignet ist, über die im Vorhergehenden angeregte Frage nach einem schon im zwölften Jahrhundert hier bestan- dmen größeren Monumentalbau Licht zu verbreiten.
Danach nämlich verkauft die Fabrik der Pfarrkirche im Jahre 1447 Steine, welche „hinter der Pfarrkirche" liegen, den Predigermönchen.
Diese Notiz näher angesehen, ist cS zuvörderst klar, daß die Kirchen-Fabrik in keinem Falle wohl neue, aus dem Bruche kommende Steine an die bezeichnete Stelle hinauffuhr, um hier Handel mit denselben zu treiben, sondern es muß sich um altes, einem Abbruch entstammendes Material handeln. Daß man es ferner mit dm Steinen zu thun hat, welche im Predigerkloster in dieser, oben auf circa 1450 angesetzten Zeit Mr Fortführung des RefectoriumS und Schlafhauses dermauert wurden, liegt auf der Hand; unter diesen Steinen aber finden sich eben mannigfache Reste von Gesimsen, Säulen u. dergl. /
Man hat sich dies und andere, gleich zu erwähnende Punkte erwogen, die Sache folgendermaßen zu denken:
Die jetzige lutherische Pfarrkirche war bis gegen 1447 westlich um etwa 36 Fuß kürzer als jetzt; west- kich vor der Kirche standen, vielleicht verlaffen bnd verfallen, die aus dem zwölften Jahrhundert herrührenden, architektonisch reich entwickelten Gebäude eines BurgsitzeS.
blicklichen Lage des Marktes natürlich war, daß auch Vertreter des Staates zu ihrer Information sich an den über diesen Gegenstand gepflogenen Berathungen hiesiger Financiers bctheiligten. — Geh. Rath Jacobi ist jetzt hier eingettoffen und hat die Geschäfte eines ersten vortragenden RatheS in ihrem ganzen Umfange ausschließlich der Protokollführung in den Ministerial- Sitzungen übernommen; sein bisheriger Stellvertreter, Herr von Meyern, hat eine Urlaubsreise angetreten. — Der Wechsel im Präsidium des Disciplinargerichts- hofes ist bereits mitgetheilt. Von den übrigen zehn Mitgliedern desselben sind ferner folgende sieben ausgetreten: Wirklicher Geh. Rath v. Könen, General- Auditmr v. Flechs, Ober-Tribunalrath Kühne, Geh. Regierungsrath Scheele, Ribbeck, Bindewald, Wenzel. An ihrer Stelle sind ernannt: Geh. Finanzrath Lohömer, Geh. Ober-Bergrath v. d. Heyden, Geh. Rath Forch, Geh. Rath Lucanus, Geh. Ober-Justizrath Drop, Ober-Tribunalrath Schkombs. Der Gerichtshof wird bekanntlich alle drei Jahre neu constituirt.
Bonn, 4. Oct. Wie die „Deutsche Reichsztg." vernimmt, sind gegen den Kölner Erzbischof Melchers schon 16 Processe wegen ungesetzlicher Anstellung von Geistlichen erhoben worden. Trotzdem soll „der hohe Herr", bent infalliblen Organ zufolge, „guten Muthes sein", und würden die nächsten Wochen „voraussichtlich noch eine Vermehrung der Zahl" jener Fälle bringen.
Wiesbaden, 5. Oct. Heute Mittag wurde im Regierungsgebäude durch den Regierungs-Präsidenten v. Wurmb in Vertretung des Oberpräsidenten der Communal Landtag für Naffau eröffnet. Regierungs Präsident a. D. Winter ist zum Präsidenten und Graf Maluschka zu deffen Stellvertreter ernannt. Präsident Winter brachte, nachdem er sein Mandat dankend angenommen, ein Hoch auf den Kaiser aus. Die standeSherrlichen Mitglieder waren fast sämmtlich nicht anwesend. Für eine morgen Vormittag anbc räumte öffentliche Sitzung sind verschiedene Regierungs- Vorlagen angcknndigt.
Darmstadt, '5. Okt. Für das Schulgesetz, dessen Berathung in der ersten Kammer nächsten Frei- tag beginnt, sind bereits über 300 Adressen eingereicht. — Der Finanzausschuß der zweiten Kammer tritt nächsten Dienstag wieder zusammen, um daö nahezu zum Schluß gediehene Budget zu erledigen. Die re- vidirten neuen Etats liegen im Ministerium zur Vorlage bereit und werden der in etwa 8—10 Tagen wieder zusammentretendcn zweiten Kammer unterbreitet
Im Jahre 1447 begann man vor der Kirche den Pfarrthurm zu bauen, aquirirte, wenn es nöthig war, die erwähnten Gebäude und brach sie ab. Die Steine verwandte man theilweise zum Thurm-Fundament, theil. weise wurden sie, weil zu dem aufgehmden, aus großen Quadern projectirten und ausgeführten Thurmmauerwerke nicht brauchbar, verkauft.
In der That sieht man im Fundament des Pfarrthurms Bautrümmer, welche ganz zu den im Unicer sitätsgebäude gefundenen passen, weiterhin aber steht das ö st l ich sie Mauer stück der vorausgesetzten Burg noch aufrecht und bildet gegenwärtig die Ecke der Superintendenten-Wohnung. An dieser Ecke ist der Stumpf eines ThürmchenS sichtbar, mit zwei romanischen Consolen, genau entsprechend den im Universitätsgebäude ausgegrabcnen.
Der erwähnte Mauerrest ist stehen geblieben, weil der das Patronat über die Kirche ausübende deutsche Orden auf diesem Mauerrest ein Pfarrhaus erbaute. Wir haben dasselbe, im sechszehnten Jahrhundert und später vergrößert, in der Superintendentur noch vor unö.
Der Zukunft muß es Vorbehalten bleiben, weitere Aufschlüffe über das in Rede stehende, interessante Bauwerk herbeizuführen.
Die genannte Stellesin den Stadtrechnungen lautet, in neues Deutsch übertragen:
Item, als die vorgenannten Baumeister mit den Predigern um dic Steine auf dem Pfarrkirchhofe geredet und nach Augenschein und Feststellung einen Theil davon verkauft haben, ist beim Steinkauf vertrunken worden vier Schilling.
»erben. — Sicherm Vernehmen nach wirb ber bon dem Gesetzgebungs-Ausschuß der zweiten Kammer über den Landmann'schen Antrag auf die Einführung der obligatorischen Civilehe und der Civilstands-Buchführung erstattete Bericht in wenigen Tagen im Druck er- scheinen. Derselbe ist verfaßt von dem Abgeordneten Dumont und schließt mit dem Anträge: 1) auch für die Provinzen Starkenburg und Oberhessen die bürget» liche Form der Eheschließung als verpflichtend einzuführen; 2) für dieselben Provinzen die Beurkurchung deö Personenstandes in allgemeinen, durch bürgerliche Beamte zu führenden Büchern einzuführeu ynd hierüber den Ständen bald Gesetzes-Vorlage zukommen zu lassen. Die Erklärung, welche der Justizmmiste- rial Director in der Sitzung des Gesetzgebungs-Ausschusses abgegeben hatte, ging dahin: „daß die Regierung unter den jetzigen Verhältnissen die Einführung der obligatorischen Civilehe für eine Rothwen- digkeit halte. Nachdem indessen der Reichstag in Folge des Antrages Völk-Hinschius mit ber Frage befaßt worden .sei, glaube die Regierung vor weiterem selbstständigem Vorgehen die demnächstige Entscheidung der Vorfrage abwarten zu müssen, ob die Einführung ber obligatorischen Civilehe auf dem Wege der Reichsgesetzgebung erfolgen, ober ber Lanbesgesetzgebung überlassen werben solle. Im letzteren Falle werde der Gesetzentwurf über Einführung ber obligatorischen Civilehe gleichzeitig mit dem den Ständen zugesagten Gesetzentwürfe über die Feststellung der rechtlichen Verhältnisse der Kirchen und kirchlichen Vereine im Staate vorgelegt werden." Dem Vernehmen nach hat sich ein Mitglied des Ausschusses die Erörterung der Frage Vorbehalten, ob es nicht zweckentsprechend sei, das betreffende Gesetz zugleich für Rheinhessen mit zu erlassen, um so in diesem Punkte eine vollkommen, einheitliche Gesetzgebung im Großherzogthum herzustcllen.
Heidelberg, 2. Okt. Der Stadt Heidelberg ist das erbetene Anlehen von 900,000 Mark aus dem Reichs»Jnvalidenfonds zum Cours von 993/s pCt. und mit 41/2 pCt. verzinslich gewährt worden.
München, 2. Oct. Man will wissen, daß der neue Hirtenbrief des baierischen EpiöcopatS gegen die confessionell gemischten Schulen aus ber Feder des früheren AbteS Haneberg, jetzt Bischof in Speiet, stammt, und der maßvolle Ton des Schriftstückes wäre mit dieser Annahme wohl vereinbar. Dagegen läßt ber sachliche Inhalt um so mehr zu wünschen
Item, auf Donnerstag nach Ostern, als die Baumeister im Beisein etlicher Schöffen und Rathsherrn den Predigern die Steine hinter bjr Pfarrkirche verkauft haben, finb beim Steinkauf getrunken worben 3 Halbe guten Meines, bie Halbe zu 6 Hellern, thut 18 Heller.
Auch in biesem Falle also ist bie gute, nun fast verschollene Sitte, bei wichtigen unb unwichtigen Gelegenheiten auf Kosten bes gemeinen Wesens einen Trtmk zu thun, Anlaß zur Ueberlicferung einer immerhin interessanten Notiz gewesen.
Ein Abenteuer unter den Schmugglern.
Nach dem Französischen von Fritz Brentano.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Der Bauer von, vorhin kam in Gesellschaft eines dicken Mannes, welcher wenigstens nicht das Aussehen eines GaunerS h^ik, zurück. Das Gesicht des neuen Ankömmlings egpanjte wie der Vollmond. Er hatte ein dreifaches Kmn, kleine sehr kluge Augen und war durchweg anständig gekleidet.
Als er mich erblickte, blieb er stehen und betrachtete mich lange mit einer prüfenden, höchst wichtigen Amtsmiene.
„Wer sind Sic, mein Herr?" rief ich ihm entgegen.
„Ich bin der Syndicuö der nächsten Gemeinde", erwiderte er, ohne einen Schritt näher zu treten.
„Nun wohl, Herr SyndicuS, fo fordere ich Sie hiermit auf, traft Ihres Amtes mich entweder selbst loSzubinden oder mich durch Ihren Begleiter, welcher