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1fr. 236. Marburg, Dienstag, den 7. October. 1873.

Oterhessische ZeitnugA

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sar durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Aar.

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Quartal werde» noch fortwährend von allen Postan- ftaltcn entgcgeiigenommen.

Tie NovelleDer Flüchtling" von Friedrich Friedrich beginnt in den nächsten Tagen.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Oct. DieN. A. Z." schreibt:Die einigen auswärtigen Blättern von hier gemachte Mit- cheilung, daß der Fürst Bismarck von dem Könige von Italien eine goldene Dose mit dem Bilde des Königs in Brillanten zum Geschenk erhalten habe, ist irrig. Die Absicht, dem Fürsten, welcher den höchsten italienischen Orden schon seit sieben Jahren besitzt, ein solches Geschenk zu mache«, hat dem Vernehmen nach bestanden, ist aber nicht zur Ausführung gebracht, weil sic mit der Stellung des Herrn Reichskanzlers und den zwischen den beiden Regierungen betriebenen Ge­schäften unverträglich erschien. Sr. Durchlaucht ist von dem Könige Victor Emanuel kein anderes Geschenk gegeben oder angeboten worden, als das schon vor einigen Tagen erwähnte Porträt, ein Aquarellgemälde, ohne Fassung oder Rahmen, mit einer eigenhändigen Widmung des Königs." Soeben ist aus der Feder des Büreau - Directors Geheimen Raths Happel die Uebersicht der Geschäftsthätigkeit des deutschen Reichs­tages in seiner letzten (4.) Session der ersten Legis laturperiode, vom 13. März bis 25. Juni 1873, er­schienen und wird demnächst an die Mitglieder des Reichstages zur Vertheilung gelangen. Die mehr als 20 Bogen starke Arbeit zeichnet sich wie die früheren destelben Beamten durch gedrängte Kürze bei größter Ucbersichtlichkeit aus, so daß man sich daraus auf das leichteste über jeden Punkt, der während dcr-Thätigkcit des Reichstages berührt worden ist, sofort und ohne lange zu suchen genau oricntiren kann. Die Mit- theilung, wonach die Abgeordnetenwahlen erst Anfangs November stattfinden sollen, wird von demD. W. B." dahin ergänzt.: .der Termin für die Urwahlen «erde in die Schlußwoche des laufenden Monats fallen, die Abgeordnetenwahlen würden acht bis zehn Tage später erfolgen. Die Vorarbeiten zu einem Gesetz

über das Eisenbahn-Concesstonswesen in Preußen sind, wie die ,,C. S." erfährt, nunmehr vorläufig abge­schlossen und die Berathungen über den Entwurf selbst zunächst in dem Handelsministerium eingeleitet. Selbst­redend hängt es von dem Gange dieser Berathungen ab, ob und wann die Einbringung bei dem Landtage erfolgen kann, als wahrscheinlich kann es aber gelten, daß die Vorlage mit zu den ersten gehören wird, welche in dem Staatsministerium zur Vorprüfung ge­langen werden.

Nachdem durch die preußische Regierung das forstliche Versuchswesen begründet und planmäßig ein gerichtet worden ist, hat dasielbe nunmehr auch im Deutschen Reiche dadurch eine einheitliche Organisation erhalten, daß sich ein Verein der forstlichen Versuchs­anstalten Deutschlands fest gebildet hat, zu welchem sämmtliche, gegenwärtig im Deutschen Reiche zur Zeit bestehenden forstlichen Versuchsanstalten (von Neustadt- Eberswalde, Tharand, Hohenheim in Württemberg und Karlsruhe, Eisenach; auch sind Beitrittserklärungen für Bayern und das Großherzogthum Hessen erfolgt) gehören. Dem preußischen Systeme des Versuchs­wesens haben sich angeschlossen: die Staats-Forstbe­hörde von Mecklenburg - Schwerin, von Mecklenburg- Strelitz, von Anhalt, der Magistrat der Stadt Görlitz und die Standesherrschaft Muskau. Endlich ist der Anschluß Elsaß-Lothringens durch eine Verfügung des Reichskanzlers in Aussicht gestellt. Die zur Lösung der gestellten Aufgaben erforderlichen Arbeitspläne sind für die einzelnen Anstalten ausgearbeitet worden, wer­den aber noch weiter festgestellt werden. Für die ver­schiedenen Materien bestehen folgende Abtheilungen: die forstliche, die chemisch-physikalische, die meteoro­logische, die pflanzen-physiologische und die zoologische. Viele Arbeiten, besonders der forstlichen Abtheilung, müssen eine Reihe von Jahren, sogar Jahrzehnte hin­durch, gleichmäßig fortgesetzt werden, bevor abgeschlos­sene Ergebnisse vorlirgen können.

Pofen, 2. Oktbr. DiePos. Ztg." schreibt: Durch mehrere Blätter geht die Notiz, daß der Erz­bischof Ledochowski, obwohl ihm die Temporalien ge­sperrt sind, noch nicht nöthig habe, die Mildthätigkeit

seiner Diöcesanen anzurufen, da ihm Einkünfte genug übrig bleiben. Wenn dabei zunächst daran erinnert wird, daß Graf Ledochowski auch Erzbischof von Theben sei und dabei Einnahmen beziehe, so ist dies natürlich nur eine Ironie auf die hierarchische Titu­latur, denn die Beotier find nicht so römisch, um ihrem Archiepiscopus in partibus infidelium Do­tationen auszusetzen. Graf Ledochowski bezieht als Erzbischof von Theben gerade so viel wie als Primas von Polen: nichts. Aber auch in Preußen bleiben dem Erzbischöfe teilte anderen etatsmäßigen Einkünfte. Denn die vielen BiSthumsgüter, welche ein hiesiges Blatt ihm freigebig zuertheilt hat, liegen zwar in Posen und nicht im Monde, aber ein Blick in das statistische Handbuch der Proinz Posen zeigt, daß alle die bezeichnetenKirchengüter" sich heute in Privat­händen befinden. Die Bisthümer Posen und Gnesen haben überhaupt keinen Grundbesitz, da derselbe säcu- laristrt worden ist. Trotzdem glauben wir, daß der Erzbischof nicht Noch leiden wird, auch wenn er seinen Kirchenunterthanen keinen MiccislauSpfennig auferlegt, denn einmal verfügen seine Consistorien in Posen und Gnesen über bedeutende Kirchenkassen und außerdem ist das Domcapitel im Besitz großer Capitalien."

Breslau, 4. Oct. Den heutigen Mittagsblättern zufolge wird die Vereidigung deS Bischofs Reinken« am 7. d. M. in Berlin erfolgen. Als Zeugen wer­den der Canonicus Richthofen, Profeffor°Weber, Ge- heimerath Elvenich und Professor Schnölders fungiren.

Brauusberg, 4. Oct. Dem bischöflichen Prie­sterseminar ist der Staatszuschuß entzogen worden. Der Oberpräsident hat den Rector des Lyceum Hosia- num aufgefordert, den dortigen Studirenden sofort anzuzeigen, daß es ihnen für die Zukunft verboten ist, während des akademischen TrienniumS in dem Se­minar zu wohnen.

Wiesbaden, 2. Oct. Der Communal Landtag des Regierungsbezirks Wiesbaden wird am 5, b. zu­sammentreten und dürfte nach demRh. K." 3 bis 4 Wochen dauern. Die Hauptvorlage, die zur Be- rathung kommt, bildet das gegen früher veränderte Reglement über Mitwirkung der Communalstände beim

Zur Geschichte des alte« Univerfitätsgrbäu-cs.

Bon C- Schäfer.

.y i (Schluß.)

III. '

Gegen 1450 wurde die südliche Giebekmauer des OstbaueS abgebrochen und dieser Bau bis an den jetzt sogenannten Rudolphs-Platz verlängert. DaS Refectorium erweiterte sich hierdurch auf die doppelte Größe; um das entsprechende Stück wuchs das im Obergeschoß befindliche Dormitorium oder Schlafhaus. Dieser neuer? Theil des OstbaueS unterscheidet sich »eor älteren im Keller durch die veränderte Wölbung« »cise (Tonnen- statt Kreuzgewölbe), im Parterre be­zeichnet der breitere Mauertheil zwischen dem zweiten uub dritten Fenster der Aula die Grenze, auch das Dachgestms sowie die Construction des Zimmerwerks im Dache ändert sich an dieser Stelle. In der neuen südlichen Schmalseite erhielt das Refectorium drei Maaßwcrkfenster; das mittlere von ihnen war eine runde Rose. Nach oben schloß diese Wand mit einem Staffelgiebel ab, durchbrochen von einem breiten eben falls maaßwerkgetheilten Fenster, das bis zur Sogen- decke des Dormitoriums hinausreichte.

Unterhalb der Fenster des RefectoriumS schmückten Wei Nischen die Mauerfläche, in deren obyer ein Standbild des Gründers des Ordens, des heiligen ^eminicuS Platz fand; die untere größere Nische er- hielt eine Darstellung der Kreuzigung, die in den drei Hauptfiguren plastisch, in den Nebenfiguren nur in Malerei hergestellt war. Dieses zur Zeit deS Bilder­sturmes sehr verstümmelte und dann vermauerte Kunst­werk ward erst vor zwei Jahren durch ben Schreiber dieses wieder offengelegt.

Zu gleicher Zeit mit der Verlängerung des Ost- öaues ward derselbm nach Westm hin ein weiterer $aum vorgelegt, der, von geringerer Mauerhöhe, mit einem einseitigen Dache bis unter die Fenster des ^chlafsaaleS reichte. Dieser Raum enthielt die neue

vergrößerte Küche. Von dem in der Mitte gestandenen besonders unterwölbten riesigen Kamin sind die Reste des Mantels noch erhalten. Der Küchenbau reichte gleichfalls an den Rudolphs-Platz heran, bis nach dem in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts erfolgten Einsturz der hohen südlichen Futtermauer des Kloster­grundstück« ein Theil davon abgebrochen wurde.

Von großem Interesse ist es, daß sich im Mauer­werk dieser gegen 1450 aufgesührten Bauten zahlreiche Architecturreste von einem älteren Bauwerk finden, dessen sonst keine zu uns gelangte Nachricht Erwähnung thut. Es muß in Marburg bi« zu der genannten Zeit ein gegen Ende des zwölften Jahrhunderts ent­standenes Gebäude-vorhanden gewesen sein, wohl zu welt­lichen Zwecken gebaut, ungefähr gleichzeitig mit der alten Pfarrkirche St. Kilian, von spätromanischem Stylcharakter gleich dieser, aber reicher und zierlicher in jebem Detail. Das Gebäude war ober enthielt eine Halle mit runden Mittclsäulen, Kreuzgewölben, reichen Eckpfeilern und einem auf ikonischen Consolen ruhenden' BogenfrieS unter dem äußeren Gesims. Reste dieses Bauwerks finden sich auch noch anderwärts in Marburg in am Schluffe des MittelalterrS angefertigtem Mauerwerke. Daß man es nicht mit Bestandtheilen des älteren, [pater bis auf Weniges verschwundenen Marburger Schlöffe« zu thun hat, wird durch die, in einen hes­sischen Burgbau des zwölften Jahrhunderts schlecht hineinpassende Reichheit der Architektur wenigstens sehr wahrscheinlich gemacht. Es bedarf dieser Gegenstand daher der ferneren Erforschung noch in demselben Grade, in dem er sie nach meiner Ansicht und in Anbetracht eines Aufschlusses, der hier für die ältere Geschichte Marburgs möglicherweise erwachsen kann, berbienen möchte.

IV.

Große Erweiterungen und Umbauten entstanden in der durch bk oben erwähnte Jahrzahl 1484 fixirten Zeitperiobe.

Die nach der Errichtung des SüdbaueS noch vor- handencn drei Kreuzgangsflügel wurden, wohl wegen Baufälligkeit, wie sie bei der stark durchbrochenen An­lage gleicht eintreten konnte, abgerissen. Den schon seit der vorigen Periode verkleinerten Hof umbaute man mit vier Flügeln eines neuen Kreuzganges. Der südliche davon ward aus ben Resten des soeben ab­gebrochenen älteren Krcuzganges hergestellt, doch fo, daß in soliderer Weise zwischen je zwei Bogenöffnungen statt des früher» dünnen Steinpfostens eine gewisse Breite von Mauerwerk trat. Der nördliche und öst­liche Flügel bekamen neue Spitzbogenfenster von we­sentlich verschiedenem Charakter, der westliche Flügel Fenster mit sogenannten Vorhangsbögen. Diesem Flügel wurde auch eine doppelte Breite zugetheilt, so daß über ihm in einem oberen Stockwdrk ein großer Speicherraum entstand.

Damals erbaute man auch, um eine verbesserte Communication zwischen Keller und Küche einerseits und zwischen den Parterre-Näumen und dem Dormi­torium andererseits zu erhalten, innerhalb des Süd- baucs den noch jetzt sichtbaren Treppenthurm mit stei­nerner Wendeltreppe.

V. . r>-

Die letzte Vergrößerung erfithren die Baulichkeiten des Kloster« noch kurz vor der Aufhebung, gegen 1521. Am westlichen Kreuzgangsflügel wuchs außerhalb eine neue Stube an, hauptsächlich aber erfolgte zu dieser Zeit der Bau de« abgesondert gelegenen Hause«, in welchem sich zuletzt die Geschäftslokale der Universität befanden. Ich halte dasselbe für ein dem damaligen Prior Jsenrade erbautes Wohnhaus. Ueber dem Hauptthor befand sich das Wappen desselben neben dem Ordenswappen; dieses Haus hatte auch, abwei­chend von den übrigen Gebäuden und vom Branche überhaupt einen direct von bet Straße zu benutzenden Eingang.