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Mr« 22S Marburg, Sonntag, den 28. September. 1873.

Oterhessische AtttungA

ffrfdbeint t äalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die w «ßoftämtcr 27 Sar (erd. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Anuonceu-Büreaus nehmen Inserate an-

Wir wissen, daß hier und da der Versuch gemacht wird, Zwiespältigkeiten aus dem politischen und kirch­lichen Leben der Gegenwart in die städtischen Wahlen hineinzutragen, wir warnen vor diesen Rathgebern, denn dieser gute Rath würde, wenn befolgt, die Steuerzahler viel Geld kosten und der Stadt nichts helfen I Das haben wir hier und. anderwärts er­fahrens______________________________

Politische Wochen-Ueberficht.

Der Besuch des Königs von Italien am deutschen Kaiserhofe ist das Ereigniß der ablaufenden Woche. Die Ankunft erfolgte am Montag Nachmittag und zu der herzlichen gegenseitigen Begrüßung der beiden Herrscher gesellte sich zustimmend sofort die ungewöhn lich freudige und lebhafte Begrüßung der sonst oft schwer zu erwärmenden berliner Bevölkerung. Fürst Bismarck ist zur Begrüßung des Gastes erst am Mit- woch Abend aus Varzin in der Hauptstadt eingetroffen und die Botschafter der Großmächte haben ihren Som merurlaub gar nicht erst unterbrochen. Handelt es sich ja doch in keiner Weise um bestimmte diplomatische Abmachungen oder zu erkundende Geheimniffe, sondern nur um eine offene Bezeugung der die Regierungen zu Rom, Wien und Berlin verbindenden politischen Freundschaft. Diese Bezeugung allein schon ist ein Ereigniß, dessen hohe Bedeutung für den Frieden Europas sich in der öffentlichen Stimmung aller civi listrten Länder des Welttheils gleichmäßig geltend macht. Während inzwischen im hmern politischen Leben Preußens die Reihe der kirchlichen Einzelcon- flicte noch ununterbrochen wächst, verlautet zugleich, daß die staatliche Anerkennung des Bischof Reinkens nunmehr beschlossen sei und die betreffende Urkunde nach der Eidesleistung demselben alsbald soll aus- gehändigt werden. Dem Gemral von Manteuffel ist bei seiner Meldung nach Beendigung der Mission als Kommandeur der OccupationSarmce in Frankreich die Ernennung zum Feldmarschall vom Kaiser persönlich überreicht worden.

Am Abende des 22. September hat König Victor Emanuel die Wiener Hofburg verlassen, um seine Reise von der Donau nach der Spree fortzusetzen. Er ist vier schöne Tage reicher geworden, und den Wienern ist es nicht minder wohl ergangen: herzlicher Empfang bei Hofe, Begeisterung überall, als die beiden Freunde und Brüder" sich zeigten, Jubel sogar in der Armee; dazu als obligate Begleitung das Grunzen

und Grollen der schwarzen Gesellen, die sich sonst bei Hofe wie in ihrem Elemente fühlte«; und nicht zu vergessen, herzliches Einvernehmen in den Conferenzen der Minister, bei denen jedoch nichts Schriftliche- abgemacht wurde. Die allgemeine Lage der Grvß- staaten, welche Frieden und ruhigen Fortschritt wollen, ist die beste Bürgschaft für die neuen Verhältnisse; denn unter allen Interessen der habsburgischen Dy­nastie steht, genau wie unter allen italienischen, die Befestigung von Ruhe und Ordnung unter der Aegide der Aufklärung, Volksbildung und Arbeit- obenan, damit die innere Reorganisirung, die Ausheilung der finanziellen Wunden wie die Entwicklung der Macht- mtttel ihren regelmäßigen Verlauf haben.

Die schweizerische Bundesversammlung beriech in außerordentlicher Session die verschiedenen Eisen­bahngesetz-Vorlagen des BundeSratheS. Im Berner Jura, wo durch die Absetzung der renitirten Pfarrer starke Aufregung herrschte, haben Unruhen bis jetzt nicht stattgefunden. r -.

Die Anwesenheit Victor Emanuels an den^ Höfen von Wien und Berlin ist e«, was ganz Italien in der abgelaufenen Woche entzückte. Als ein Werk der Befestigung des Friedens und der fortschrittlichen Entwickelung faßt das italienische Volk die Reise seines Königs auf und zu dem Jubel über die neu gewon­nene Gewähr der staatlichen Einheit und Unabhän­gigkeit gesellt sich die stolze Freude über den Empfang, die dem obersten Vertreter des italienischen EinheitS- staateS von Fürsten und Völkern bereitet worden ist. Mit erhöhtem Selbstgefühl sehen die Italiener jetzt, daß sie keineswegs bloß geduldet sind im Concert der Staaten Europas, sondern gleichberechtigt mtt allen andern, geehrt und gesucht. . .n

Stärker und immer stärker wird in der Republik Frankreich für die Restauration des bourbonischen Königthums gearbeitet, nur die Republikaner unter Thiers und Casimir Perier wollen sich noch nicht be­kehren, und die Gottlosen desSiecle" und derRe- publique Francaise" gehen im Lande umher wie brül­lende Löwen.. Einig sind nur All«, roth und schwarz, weiß und blau, sobald eS denFremden" gilt, und wenn Victor Hugo seine heisere Stimme erhebt und racheschnaubend auf denVulcan, der ihm auf der Bmst liegt", hinweist, so beugt sich Alle« voll Stau­nen und Bewunderung ob solchen ProphrtenthumS. Man kann nur noch in biblischen Bildern von diesen Zuständen reden, denn der Kanzelton desUnivers"

Mus das mit dem 1. Oktober beginnende Quartal-Abonnement der OberheMschen Zeitung" nehmen alle Postanstalten Bestellungen ent­gegen. - ' ,

dem Feuilleton beginnt in dem neuen Quartal:

Der Flüchtling,

Original-Erzählung von Friedrich Friedrich.

Außerdem sind zur Ausnahme für das nächste Quartal bestimmt: Die Erbschaft des Ber- brechenS von Rudolph Müldner, Fräulein Else von Edmund Höfer, der Festung- Commandant von Levin Schücking.

Die Wahlen zu de« städtischen Körper­schaften Marburg-

werden am Montag den 29. September ihren Anfang nehmen und wir richten die Aufmerksamkeit unserer Bürgerschaft auf diesen für unsere Stadt wichtigen Akt, welcher für eine lange Reihe von Jahren wie­derum die Art und Weise bestimmt, wie unsere städti­schen Interessen gefördert oder nicht gefördert werden.

Es ist die Thatsache nicht zu leugnen, daß die ablaufende Wahlperiy.de, in welcher die städtischen Ab­gaben eingeführt sind, mit einer wenig erfreulichen Lage der städtischen Finanzen schließt erst vor wenigen Wochen ist abermals die Erhebung von zwei neuen Steuersimpeln ausgeschrieben worden. Es ist ferner die Thatsache nicht zu leugnen, daß die Hoff­nungen auf eine Weiterbildung der örtlichen Einrich tungen im Ganzen sowohl, als namentlich in einigen Stadttheilen nicht verwirklicht sind. Ohne damit ir­gend einen Vorwurf für die seitherigen Leiter der städtischen Angelegenheiten aussprechen zu wollen und eingedenk des wahren Wortes,daß es leichter ist zu tadeln als besser zu machen", sind die beiden obigen Tatsachen unbestreitbar feststehend und es liegt in denselben die ernste Mahnung, daß bei den bevor­stehenden Wahlen auf solche Männer Rücksicht ge­nommen wird, welche mit den städtischen Ver­hältnissen vertraut, mit den Interessen der Stadt dauernd verbunden, insbesondere die Kenntnisse, die Fähigkeit und den Willen haben, die schwierige Aufgabe der Ordnung des städtischen Haushaltes und die Entwickelung der städti­schen Interessen unbeirrt durch irgend welche andere Rücksichten durchzuführen.

DaS Schloß zu Marburg.

Dich hohes Schloß im Kranz der Mauer, Beleuchtet von der Sonne Strahl, Dich Denkmal fürstlicher Erbauer Grüßt Herz und Mund viel tausendmal. Zu Vätern sind sie längst gefahren,

Die hier gelebt in Herrlichkeit, Die in der Vorzeit schönen Tagen Getragen Schild und Waffenkleid.

Sie zogen aus in blut'ge Schlachtm, Es krönte sie der Sieg, das Glück, Sie brachten auch von Eberjagden, Viel Beute sich zum Schmaus zurück. Hoch bäumte sich bei dem Turniere DeS hochgemuthen Ritters Roß, Und Lanzenbrechen und Gewiehre Und SiegcSruf umklang dich, Schloß. *>; Des Siegers Name ward gerufen, * Das schönste Fräulein hielt den Kranz, Und knieend an Geländers Stufen Ward er gekrönt mit GoldeSglanz.

Im Rittersaale beim Bankette Welch eine Pracht I der Becher klang, Doch stille ward'S, wenn um die Wette *: > Ein Sängerpaar zur Harfe sang.

Zur Ferne aus nach dunklen Gründen Der Thurmwart von der Zinne schaut, Er fingt, den Tag laut anzukünden,1 Wenn's hinter» Wald im Osten graut.

Er bläst, wenn sich die Frinde zeigen, - Anschleichend in der stillen Nacht, Zum Kampfgetümmel wird ihr Schweigen, Als Herr und Mannen sind erwacht.

Da sausen scharfe Schwertesschläge - Auf Helme, auf der Schilde Rand, Mit Blut beronnen sind die Wege; - Victoria l tönt'S in das Land.

Die Ritterzeit, sie nahm ihr Ende, Das frohe Spiel erklang nicht wehr, Doch ragten deine Mauerwände, O Schloß, dem Hessenland als Wehr. W Von dir ertönten Grabeölieder - ' Und Lobgesänge himmelauf, ,

Von dir erdröhnten Schüsse nieder, Der Feinde Schrecken war Held Stauf.*) Doch immer mehr ward'S in dir stille, Die Wände grau, die Säle leer, Die Eule schrie, pfiff die Grille, y Nicht Fürst nicht Ritter zeigt sich mehr. In Räumen, sonst voll Herrlichkeiten, In Wänden, sonst mit Gold umfaßt, Sieht man der Menschheit Auswurf leiden Die Strafe mit der Eisenlast, Träg ist der Posten hingeschlichen, Vorm düster» Wachhtaus ab und auf, y Und wenn ein Mörder ist entwichen, Erkrachts aus der Kanone Lauf.

*) SieheDer Schuß vom Schloß" in Dithmars Büch- lein:Aus der Vorzett Marburgs" S- 60, ;;

Wohl dir! der Schimpf, den du «rtragyi, Wich dem erneuten Ehrenkleid, Wie in der Vorzeit beffern Hagen,, ' Bist edlem Dienst du jetzt geweiht.

Die Bilder heiliger Kapelle, * Mit Stein und Kalk schmachvoll bedeckt, Sie traten an des Tages Helle,. A \ Zu neuem Glanze auserweckt. 7

Und was die Vorzeit hinterlassen, In Pergament, Papier und Bries, Du hütest jetzt die theuern Maffen,, Des Hessenlands Geschichtsarchiv, -7? Hoch zwischen deinen festen Maupsn^ . Liegt aufgeschichtet dieser Hort, Sei du sein Schutz, dann wird er dauern Bis auf die spätsten Enkel fort.

1 Hat auch der Thurmwart müssen geben Sein Horn dahin voll Melodie, Du Schloß bewahrst ein reiches Leben, Und warst und bleibst mir Poesie.

Der Waidmann schweift durch wald'ge Höhen, Zu jagen nach dem flücht'gen Wild, Da plötzlich sieht er, Schloß, dich sichen, Im lichten Grün, welch Zauberbild!

Du winkst ihm heim, denn schon umzogen Hat's Thal der Schleier stiller Nacht, Und wie dem Schiff auf Meereswoge« Bist du zum Leuchtthurm ihm gemacht. Und dxn, der kommt auf Dampfes $ofle, Begrüßest freundlich du von fexn,