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Hr. 228.

JRarÖUtg, Sonnabend, den 27. September.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Sirt täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22i Sgr., durch die Erlchemi i, g t^ u Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnscrtionsgebühr für bie gespaltene Zeile 1 Sgr.

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Muf das mit dem 1. Oktober beginnende : 4$- Quartal-Abonnement der

„Oberhesfi^chen Zeitung"

nehmen alle Postanstalten Bestellungen ent- üCQltl«

%i dem Feuilleton beginnt in dem neuen Quartal:

Der Flüchtling,

Original-Erzählung von Friedrich Friedrich.

Außerdem sind zur Ausnahme für das nächste Quartal bestimmt: Die Erbschaft des Ver­brechens von Rudolph Müldner, Fraulern Wse von Edmund Höfer, der Festungs- tzommandant von Lcvin Schücking._______

Deutsches Reich.

*» Berlin, 25. Sept. Der Aufenthalt des Königs von Italien in der Hauptstadt des deutschen Reichs ist ein Ereigniß, dem alle Kreise lebhafte Sym­pathie zuwenden, diese Sympathie und freundliche Ge­sinnung, welche die Bevölkerung dem hohen Gaste mtgegengebracht, ist aber jedenfalls auch auf Seiten Bictyr Emanuels für unsere königl. Familie und für unser Volk; aus den Kreisen der Umgebung des Kö­nigs hört man, daß derselbe mit der größten 53efrie. digung seinen hiesigen Aufenthalt charakterisirt und daß ihm namentlich der Empfang der Bevölkerung, der durchaus nicht das Gepräge des Gezwungenen, sondern der Freiwilligkeit trägt, höchst freudig berührt. In erster Reihe wird allerdings das offene Wesen des Kaisers und des Kronprinzen dazu beitragen, Vic­tor Emanuel die Tage in Berlin zu angenehmen zu gestalten. Ueber die Abreise des Königs von Italien ist noch keine Entscheidung getroffen und eS ist daher ungewiß, ob derselbe Freitag Abend, nach Besuch der Oper, Berlin verlassen wird, oder Sonnabend früh. Die politische Bedeutung des Besuches Victor Ema­nuels wird von keiner Seite in Zweifel gezogen, die Presse in ihren Kundgebungen legt hiersür das beste Zeugniß ab und überall wird ein gutes Einvernehmen Italiens, Deutschlands und Oesterreichs betont und selbst in dem Lager derjenigen Presse, welche mit scheelen Blicken dem Besuch Victor Emanuels entge­gensah, wird die hohe politische Bedeutung einer sol- chm Annäherung Italiens an Deutschland nicht ver­

kannt, auch tritt die französische Presse mit mehr Mä­ßigung auf. — Fürst Bismarck ist gestern Abend ein­getroffen, wird aber sofort nach der Abreise deö Kö­nigs von Italien, nach Varzin zurückkehren. Minister Delbrück geht alsdann nach Wien, wohin gleichfalls Hr. v. Meder sich begibt, um sich über verschiedene öffentliche Einrichtungen der österreichischen Hauptstadt zu informiren. — Neben des Königs von Italien Hiersein, widmet die Presse auch der Wahlbewegung ihre Betrachtungen; die „Voss. Ztg.", welche in der Hauptstadt die politische Richtung Richter-Parisius und Anhänger vertritt, schreibt heute gleichfalls über die Wahlbewegung, klagt hierbei, daß nicht ganz die Sicher­heit und Lebhaftigkeit entfaltet werde, welche in den radicalcn Wünschen liegen müsse, es mache sich in Berlin nicht, sagt das Blatt, die Oppositionskirche, die sonst in der Berliner Kirche lebhaft existire, be­merkbar, wenn auch zugegeben werden müßte, daß die Regierungspolitik einen Anlaß zu lebhafter Opposition nicht biete. Dieser Zustand ist aber zu bedauern, denn ein solcher Zustand der Ruhe diene nicht den Zwecken ihrer Feder. Der Trost, den sich das radikale Blatt gibt, daß nämlich die Abspannung nur eine Folge der durchlebten großen Zeit sei, klingt sehr kleinlaut, denn die Erklärung der „Rat.-Ztg.", daß in der Volks­stimmung das Gefühl der Befriedigung vorherrsche, will die „Voss. Ztg." nicht acccptiren, weil sie nicht im Stande ist, irgend eine Frage aufzufinden, welche zur wirklichen Differenz zwischen Volksvertretung und Regierung sich darbietet. Der Abg. Richter, dessen Gedanken die „Voss. Ztg." wiedergegeben haben wird, hat übrigens eine mit seinem Namen versehene Erklä­rung abgegeben, daß die nationalliberale Presse im Bunde mit der offiziösen Preffe fortwährend die Fortschritts­partei schmähe. Es ist dies aber von beiden Seiten nicht neu, es wiederholt sich nur dasselbe falsche Spiel, welches zur Zeit mit den Wahlartikeln der „Prov.- Corr." getrieben worden ist; denn sowohl die national- liberale Presse als auch die offiziöse hat die besonnene Haltung der Führer der Fortschrittspartei vertreten, allerdings ist das Verhalten des Herrn Richter einer nur zu sehr berechtigten Kritik unterzogen, aber stets in einer andern Sprache, als Herr Richter in seinen Correspondenzen kritisirt.

— Der König von Italien, der Kaiser und die

Prinzen des königlichen Hauses begaben sich heute Morgens 8 Uhr mit einem kleineren Gefolge nach Hubertusstock. — Ueber die heutige Jagd schreibt man der „Schl. Ztg.", daß dieselbe selbst einen so er­fahrenen Jäger wie den König von Italien in hohem Grade befriedigen werde. ES handelt sich hier näm­lich nicht um eine Jagdcomödie mit eingefangenen ab» geängstigten Thieren, sondern es wird dort auf einen Jagdtcrrain operirt, das in Europa vielleicht seines Gleichen nicht hat. Die Schorfhaide in der Grimmnitz ist nämlich ein ungeheures Jagdrevier von 4 Qu.-Ml. ohne alle Einfriedigung, nur zu Jagdzwecken ver­waltet, das einen überaus großartigen Rendez-vouS- Platz für die Hirsche aus allen Weltgegenden, Meck­lenburg, Hessen, Galizien rc. bildet, die sich hier zu Tausenden in der Brunstzeit einfinden. Verdeckte Gänge führen in dieser Wildniß die Jäger bis un­mittelbar an die Stellen, wo das Wild rubelweise sich aufhält. — Fürst Bismarck, welcher von Varzin hier eingettoff en ist, nimmt nicht an der Hofjagd Theil. Derselbe empfing Mittags den italienischen Ministerprästdenten Minghetti zu längerem Besuche.

Koburg, 23. Sept. Der „Leipziger Z." wird von hier gemeldet: „Nachdem der Magistrat der hie­sigen israelitischen Gemeinde, welche sich in neuerer Zeit ziemlich vermehrt hat, die früher von der katho­lischen Gemeinde benutzte St. Nikolaikirche vor dem Ketschenthor aus ihr Nachsuchen zum Gebrauch über­lassen ha;te, ist dieselbe zu diesem Gebrauch geeignet hergerichtet und gestern feierlich eingeweiht worden.

Darmstadt, 23. Sept. Der hiesige Justiz- palast, für welchen der neunzehnte Landtag bekanntlich 210,000 fl. verwilligt hatte, ist jetzt so weit vorge­schritten , daß für die innere Ausstattung desselben durch Anschaffung des erforderlichen Mobiliars Vor­sorge getroffen werden muß. In dem bett Ständen seiner Zeit vorgelegten Voranschlag war zur An­schaffung der erforderlichen Mobiliar-Ausstattung nicht» vorgesehen. Wie wir aus einer jetzt an die Stände gelangten Vorlage deö Justizministeriums ersehen, hofft man saus der obigen zur Ausführung des Bauwerks verwilligten Summe von 210,000 fl. auch die An­schaffung deS Mobiliars bestreiten zu können, und beantragt das Justizministerium nur aus formellen Gründen die Genehmigung bet Stäube zu dieser

Ein Scharfrichter in Nöthen.

Kulturhistorische Skizze von August Becker.

(Schluß.)

Unter der Menge standen auch Viele aus den Ge­schlechtern, vor Wuth knirschend, daß man die wohl bekannten jungen Edelleute dem Henker überliefert hatte. Auch die Stimmung des Volkes hatte umge­schlagen und sich zum Mitleid gewendet. Andere aber harrten voll Ungeduld des Todesstreichs, um im rauchenden Blute Heilung zu trinken, ober irgenb etwas von ben Gerichteten zu erhaschen.

Zum letzten Male reichte Junker Stoffel bem Freunde die Hand. Er, als der Jüngere, hatte die Legünstigung, zuerst gerichtet zu werden, setzte sich jetzt auf den Stuhl, ließ sich bie Augen verbinden >mb wartete mit mehr Fassung und Muth den Todes streich ab, als das Volk umher und Affe selbst, der mit bitterstem Seelenschmerze auf den jugendlichen Freund, den Sohn einer trostlosen Mutter, blickte. Schon hatte der Scharfrichter in unheimlicher Lust das Schwert mehrmals erprobend in der Sonne ge­schwungen. Jetzt harrte das Volk in Todesstille auf das Zeichen. Das Schwert blitzte in der Lust und juckte nieder.

„Mutter, o Mutter!" wimmerte der Getroffene.

Gräßlich! Junker Affe stand da mit der Hölle vildesten Qualen in der Brust, an welche er krampf­haft die gefesselten Hände preßte. Der Scharfrichter hatte nämlich fehl gehauen und ein Schauspiel folgte, mit eS in den Annalen der Kriminaljustiz leider nicht zu selten verzeichnet steht. Junker Stoffel war näm llch von der Gewalt des Strekches vom Richtstuhle Schürzt und lag auf dem Boden deS Gerüstes, wo 'hm der Scharfrichter erst mit wiederholten Streichen ben Kopf abzuschneiden vermochte.

Ein fürchterlicher Wuthschrei deö empörten Volkes durchdrang die Luft, daß der Scharfrichter auf dem Schaffst erblich.

Da die Reihe jetzt an den Junker Affe kam, wollte der Henker bei diesem sicher gehen. Die Chronik verweilt bei seinen Vorbereitungen ziemlich lange. Junker Affe selbst hatte bereis das Schrecklichste, .was ihn treffen konnte, .Aergetes als zweifachen Tod, er­litten. Was auch nachfolgte, konnte ihn nicht mehr so hart treffen, als das bereits Erlebte. Er begnügte sich, seine Augen wie Dolche auf des Scharfrichters Antlitz zu richten, alö er sich auf den Armmsünder- stuhl niederlieh. Nachdem auch ihm die Augen ver­bunden waren, setzte ihm der Henker einen Stock so vor He Brust, daß er gerade sitzen mußte.

Nun erhob der Scharfrichter sein Schwert, schlug zu, und nochmals schrie die Menge jäh auf, als es heruntergesaust war, denn der Streich wat; noch übler gelungen, als bei Junker Stoffel, hatte bas Tuch mitten am Kopfe getroffen, mit welchem bem Armen bie Augen verbunden waren, fo daß nut eine klaffende Wunde blutsprühend sichtbar wurde.

Auch Junker Affe war von der Gewalt des Hiebes vom Blocke auf das hölzerne Gerüst niebergefunten. In gräßlicher Verwirrung schickte sich der Henket an, unter bem Wuthgeschrei des Volkes bem Niebetliegenden den Todesstteich zu versetzen. Da jedoch erholte sich Affe und rief laut um Hülfe. Er hatte sich auf die Kniee ausgetichtet und eine Scene gestaltete sich, wie sie grauenhafter nicht gedacht werden kann. Während der Scharfrichter mit seinem breiten Richtschwerte dem Delinquenten beizukommen suchte, hatte dieser mit ge­bundenen Händen den Stock ergriffen, welcher ihm vor die Brust gesetzt worden war, und schlug damit, wie der Chronist berichtet, mit der Kraft der Ver­

zweiflung und des TodesgrimmeS seinem Henker an die Füße.

Untetdeß erfüllte ein entsetzlicher Aufschrei um den andern die Luft, und ein Geheul der Wuth ging um ben Ravenstein. Noch rang oben der Verurtheilte den schrecklichen Kampf mit seinem Henker, als auch schon die Schranken brechend krachten und die Menge auf den Richtplatz stürmte. Einige warfen sich mit Ungestüm auf die noch rauchende Blutlache, um Ge­nesung zu trinken; die Andern aber, mehrere aus den adeligen Geschlechtern voran, erstiegen da» Schas- fot, um dem Verurtheilte» zu helfen. Ein Gewiffer von Adel, Hans Heinrich v. Rechberg, war zuerst bei bem Verurtheilten, löste mit einem Schnitt seines Dolches bie Bande des Junkers unb wandte sich dann nach bem ungeschickten Scharfrichter, der seine Roth erkannte unb, von bem Schaffet springend, bei dem regierenden Städtmeister Ludwig v. Müln- heim Zuflucht suchte. Um ihn der Rache der Menge zu entziehen, übergab der Städtmeister den Gefähr­deten den Söldnern der Stabt, welche ihn hinweg geleiten sollten, während Junker Affe keinen Gedanken an Flucht zu hegen schien unb auf bem Schaffst sitzen blieb, wie gelähmt. Seine befreiten Hänbe halfen ihm nichts; von Blutverlust erschöpft, verweilte er nunmehr theilnahmlos aus dem Kampfplätze.

Mittlerweile hatte sich aber ber Tumult, trotz ber Mahnungen unb Zureden des Städtmeisters, nur noch verstärkt, und wendete sich jetzt geradezu gegen die Stadtsöldner, die ben Scharfrichter in Verwahrung genommen hatten. Rasch war ihnen ber Weg verlegt, ihre Reihen wurden mit Gewalt burchbrochen, unb der Gefangene gerieth in bie Hänbe ber Empörten. Alsbalb wurde er auch hinweggerissen und auf bem nächsten Acker erstochen.