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Mr. 22S JRarßurg, Mittwoch, den 24. September. 1873.

Oberhessische Zkitoig

gtftbeint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter 27 ggr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

uf das mit dem 1. Oktober beginnende Quartal-Abonnement der Oberhesftschen Zeitung" nehmen alle Postanstalten Bestellungen ent­gegen.

In dem Feuilleton beginnt in dem neuen Quartal: Der Flüchtling, Original-Erzählung von Friedrich Friedrich.

Außerdem sind zur Ausnahme für das nächste Quartal bestimmt: Die Erbschaft deS Ver­brechens von Rudolph Müldner, Fränlein Else von Edmund Höfer, der Festungs- Eommandant von Levin Schücking.

Deutsches «eich.

Berlin, 22. Sept. Die Ankunft des Königs von Italien auf dem hiesigen Görlitzer Bahnhof er­folgte heute Nachmittag 3 Uhr. Der italienische Ge­sandte und das Gesandtschaftsperfonal, der portugie­sische Gesandte und der preußische Ehrendienst ver­ließen gestern Berlin, um sich zum Empfange des Königs an die preußisch-österreichische Grenze zu be­geben. König Victor Emanuel bewohnt die Königs kammern im köuiglichen Schlosse, in welchen vor einem Jahre der Kaiser von Oesterreich und zuletzt der Schah von Persien abgestiegen war. Das Gefolge des Kö­nigs besteht aus 27 Personen, welche bis auf 6 Ordonnanzofficiere im kgl. Schlosie wohnen, während jene Officiere im Hotel de Rome Wohnung finden. Das diplomatische Gefolge des Königs bilden: Der Conseil-Präsident und Finanzminister Minghetti, der Minister dcö Auswärtigen Visconti Venosta und die Chefs der politischen Abtheilungen, jener Ressorts Conta, Tornielli und Cavaliere Bianchi. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt zu diesem fürstlichen Besuche: Zum ersten Male begrüßt heute Preußens und Deutsch- lands Hauptstadt den König von Italien in ihren Mauern, den von seinen Zeitgenossen hochgeachteten, von seinem Volke hochverehrten ritterlichen Fürsten,

der für sich und für Italien einen so hervorragenden Platz in der Geschichte unserer Zeit errungen hat König Victor II., Emanuel, der Wiederhersteller Ita­liens, ist kein Fremdling im deutschen Hause. Dem mühevollen Wege, welchen das Haus Savoyen vom Turiner Königspalast bis zum Capitol durchmessen hat, ist Deutschland mit aufrichtiger Sympathie gc< folgt und begrüßte im Bewußtsein der eigenen wiedergewonnenen Größe mit Genugthuung jenen feier­lichen Augenblick, in welchem der König am 27. No­vember 1871 den Vertretern seines Volkes bei der Eröffnung des ersten Parlamentes in Rom die Worte zrrrief:Das Werk, welchem wir unser Leben ge­widmet haben, ist vollendet!" Fürst Bismarck wird heute oder morgen hier eintreffen.

Wie berichtet wird, hat der aus den preußi­schen, braunschweigischen, norddeutschen, rheinisch-thü­ringischen , sächstsch-westphälischen und sächsisch-rheini­schen Eisenbahnverbänden bestehende sogenannte Taris- verbaitd an den Handelsminister eine Vorstellung ge­richtet, itt welcher die Nothwendigkeit einer allgemeinen Erhöhung der Gütertarife um mindestens 20 pCt. mit Rücksicht auf die dauernde außerordentliche Steigerung der Betriebsausgaben, namentlich der erheblichen Er­höhung der Gehälter und Löhne, der cheilweise mehr als 200 pCt. gestiegenen Preise der Kohlen, ferner der Schienen, Schwellen und sonstigen Betriebsmate­rialien nachzuweisen versucht wird. Die Petenten mc» tiviren dieses Gesuch ferner damit, daß trotz der fast auf allen Bahnen in den letzten Jahren stattgefundenen Zunahme des Personen und Güterverkehrs der Rein- ertrag der Bahnen überall seit 1869 bis 1872 nicht unerheblich gesunken ist, die Wirkung der allgemeinen Preis, und Lohnstcigerung aber erst im Jahre 1873 in vollem Umfange hervortreten dürfte.

Buxtehude, 20. Sept. Der Kaiser und der Kronprinz sind gestern Abend gegen 7 Uhr wohlbe­halten hier eingetroffen und wurden daselbst bei der Ankunft von den Spitzen der Behörden am Roorchore empfangen. Abends fand in Buxtehude prachtvolle Illumination Statt. Gestern Vormittag wohnte der

Kaffer mit dem Kronprinzen, den Prinzen Albrecht und Friedrich Karl und einer zahlreichen Generalität rc. den Manövern in der Umgegend von Buxtehude bei und nahm nach dem Schluß derselben an dem Dauner Theil, welches in Peper'ö Hotel Statt fand. : Nach Aufhebung der Tafel erfolgte die Abreise des Kaisers und der königlichen Prinzen zu Wagen von Buxte­hude nach Harburg und von dort auf der Lehrter Bahn per Extrazug nach Berlin.

Wie-baden, 22. Sept. In der heutigen Ver­sammlung der Naturforscher wurde Breslau als nächst­jähriger Versammlungsort erwählt; als erster Ge­schäftsführer Geheime Hofrath Löwig, als zweiter Sa­nitätsrath Dr. Spiegelberg ernannt. Virchow hielt einen höchst interessanten Vortrag über die Naturwissen­schaft in ihrer Bedeutung für die sittliche Erziehung der Menschheit.

Arolse«, 16. Sept. DasRegierungsblatt" enthält ein Ausschreiben, welches die Abgeordneten zu einer ordentlichen Landes-Synode auf den 1. Oktober einberuft.

Ausland.

Wien, 22 Sept. Der König von Italien ist gestern Abend 91/2 Uhr nach einem herzlichen Ab­schiede von dem Kaiser Franz Joseph nach Bcelin abgereist. Außer dem Kaiser waren bei der Abfahrt auch die Erzherzöge und die Mitglieder des Staats­ministeriums auf dem Nordwestbahnhofe erschienen; das zahlreich versammelte Publikum empfing den König mit sympathischen Zurufen. Vor der Abreise wurde dem König von dem Kaiser Franz Joseph das 13. österreichische Infanterie Regiment verliehen; die be­treffende Aufmerksamkeit ist um so größer, als die italienische Armee das Institut der Jnhaberschaften nicht kennt, die Auszeichnung also nicht erwidert wer­den kann. An dem bekannten Galadiner vom Freitag nahmen von den fürstlichen Damen der Hofburg übrigens nur die Erzherzogin Marie, Tochter des Erzher­zogs Ferdinand, und die Prinzessin Maria Theresia von Braganza, Tochter des verstorbenen Dom Miguel und Gemahlin des Erzherzogs Karl Ludwig Theil, die

Die Lipp-ldshöhle.

Bon 8t. Däves.

ui-5 (Schluß statt Fortsetzung.)

Ich bin Emma, die Tochter des Stadtvogts. Bon dem gräßlichsten der Menschen gewaltsam ent- sührt, schloß er mich in seine Felsenhöhle. Ich war Zeuge seines bluügen Treibens", und vergebens war mein Flehen zu Gott um Rettung. Der feste Wille, ben ich anfangs seinen Zumuthungen entgegensetzte, schwand mit meiner Kraft, und seine Drohungen, ver bunden mit Gewöhnung und gänzlicher Hoffnungs­losigkeit an Befreiung, unterwarfen mich endlich seinen rohen Begierden. Im Lause der Jahre gebar ich dem Unhold zwei Kinder. Ihnen widmete ich fortan mein Leben, und die Hoffnung, mit ihnen über lang oder kurz itt die menschliche Gesellschaft zurückkehren zu können, hielten mich auftecht. Als aber nun das äl­teste ein holder Knabe unser meiner schwachen Leitung sich mtwickelte, und nach den einseitigen Be­griffen, die die Mangelhaftigkeit der äußeren Gegen­stände zuließ, daS Gute vom Bösen unterscheiden lernte, zufällig Zeuge war von einer der Mordthaten des Schrecklichen, und dessen Rückkehr in die Höhle deinend und erschreckt an meine Brust eilte, da er­griff er daS unschuldige Kind und schleuderte eS an die Felswand, daß es mit zerschelltem Haupte zuckend iu meinen Füßen verschied."

Hier schwieg die Unglückliche, die Thränen erstickten ihre Stimme. Erstarrt standen die Zuhörer umher, und Niemand wagte ihr zu nahen, denn Jedermann »wartete noch Gräßlicheres.

Vor einigen Tagen," fuhr die Erzählerin fort, »beschädigte er sich durch einen schweren Fall; seine Heilmittel machten die Wunde nur schlimmer, und so itug er mir heute, bei Anbruch des Tages, auf, zu einem Heilkünstler zu gehen und ihm kühlende Salben in holen. Zuvor aber mußte ich ihm mit den furcht­barsten Eiden^ versprechen, keinem Menschen mein Leid zu klagen, und seine Blicke weilten blutgierig

auf dem Säuglinge, und hohnlächelnd sprach er, daß dieser das erste Opfer meines Verraths fein würde."

So vernimm benn du meinen Jammer, den ich keinem Menschen mittheilen soll, kalter Stein, und Du, großer Gott, erbarme Dich Deiner unglücklichsten Magd, gib ihm 'Ohr und Stimme, und bezeuge mir, daß ich die Wahrheit rebel"

Da verfinsterte sich plötzlich die Luft und ein Heller Blitz fuhr aus der dunklen Wolke, ein furchtbarer Schlag folgte seinem Leuchten, und der Stein, an den das Weib die Bitte gerichtet, war schwarz geworden, und ist cs noch bis aus den heutigen Tag.

Sie aber erhob stärker ihre Stimme und sprach: In der Felswand, die sich aus dem Gebüsche hinter dem Waldbach erhebt, hat der Schreckliche sich die Stätte bereitet, wo er auf die Opfer, die der Fuß­steig am entgegengesetzten Ufer ihm zuführt, lauert. Ein über den Weg gezogener Drath, der in Verbin­dung mit einer Glocke in der Höhle steht, verräth ihm ftühzeitig ihr Nahen, und sein aus dem verbor­genen Hinterhalte abgeschoffener, nur zu sicherer Bolzen verfehlte nie fein Ziel." ,

Mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, pflegt er der Ruhe, und mein Schooß ist fein Kiffen. Ich muß ihm dann mit meinem Finger das struppige Haar kämmen, und unter dieser Beschäftigung sinkt er in einen festen Schlaf. Aus dieser Abtheilung der Höhle geht eine Oeffnung bis an die obere Fläche der Felswand. Wenn nun um jene Zeit von dort aus ein starkes Seil herabgelaffen würde, so möcht eS mir leicht sein, eine Schlinge um seinen Hals zu legen, und durch einen Ruck an diesem Seile die Halter deffelben von dem Gelingen zu benachrichtigen. Ein kräftiger Zug würde dann die Welt von dem Schreck lichen befteien."

Hier verstummte die Unglückliche, erhob sich und ergriff einen Beutel mit Saat, den ein Landmann zu Markte getragen hatte. Niemand wehrte ihrem Be­ginnen, und langsam wankte sie die Straße hinab

über die Brücken der Leinearme gegen das -Gebirge zu. Einige Späher wurden ihr nachgcsandt, diese be­merkten, daß sie, sobald sie das Dickicht und die Klippen erreichte, anfing, die Saat zu verstreuen, und als sie ihr nun behutsam folgten und schon be­fürchteten ihre Spuren zu verlieren, zeigten ihnen die von dem Futter angelockten Vögel den Pfad, den sie eingeschlagen hatte. Glücklich kundschafteten sie die Höhle und die obere Oeffnung aus, machten sich Zeichen- an Buschwerk und Bäumen, und kehrten nach Alfeld zurück, wo Anstalten getroffen wurden, schon am folgenden Tage das gefürchtete Ungeheuer einzufangen.

Alles ging nach Wunsch; die Gegend um die Höhle war unbemerkt besetzt, das Seil rieselte langsam die Felsspalte hinab; bald verrieth ein rasches Zucken in den Händen der erwartungsvollen Wächter die Anlegung der Schlinge, und ein kräftiger Zug über­zeugte sie von dem schweren Fange, der jetzt wehrlos in ihrer Gewalt war. Sie verdoppelten ihre Anstren­gungen, um ihre Beute vom Boden zu bringen, das Seil jedoch folgte nur langsam, und ein Gemisch von dumpfem Röcheln und Aechzen drang zu ihnen herauf. Da gaben sie den am Fuße der Felswand Verborgenen ein Zeichen, diese stürmten auf die Höhle zu, legten Leitern an und drangen in das Innere. Da aber bot sich ihnen ein schauderhaftes Bild. Der Wüthrich starrte in schwebender Stellung, nur we­nige Handbreit von dem Boden, mit hervcrgequollenen Augen und rothangeschwollenem Gesichte die Ein­dringenden an, zu feinen Füßen lag regungslos das Weib mit schrecklich zerfleischter Brust und zerschinet' tertem Haupte, und der Säugling verschied eben in der krampfhaft seinen Hals umklammernden Faust seines Vaters."

Hier schwieg mein Führer, und ein kalter Schauer rieselte durch meine Glieder; eS wurde mir unheim­lich in dem Gemache, und erst, als die frische, schöne Morgenluft mich umwehte und der grüne Wald mit