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Mr. 222

JHarßucg, Sonnabend, den 20. September.

1873.

Qbcrljtjiijdjt atilun«.

ffrtdieint täqlich außer den Werktagen nach Soun- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckere») bezogen 22^ Tgr., durch die Postämter 27 Sftr. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnscrtionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Drutschts Reich.

Berlin, 18. Sept. Bezüglich der Bewilligung der WohnungSgeldznschüsse für Beamte haben sich Mißverhältnisse in solchen Ortschaften herausgestcllt, welche in unmittelbarer Nähe großer Städte liegen und mit denselben, ohne ihnen -einverleibt za sein, in unmittelbarem Zusammenhänge stehen, so daß die Wohnungsmiethen und die Preise der sonstigen Le- bttisbedürfniff« denjenigen in den Städten selbst gleich zu achten sind, ohne daß die betreffenden Beamten den sür die Städte festgestcllten Zuschuß nach dem bestehenden Reglement beziehen können. Wie dieSp. Zig." hört, ist die Hebung dieses Uebelstandes an maßgebender Stelle in Erwägung genommen morden. Aus militärischem Gebiete ist dem Eisenbahnwesen in der letzten Zeit em ganz besonderes Interesse zu- gcweudct worben und zwar ist (abgesehen von den neu errichteten Eisenbahnbataillonen, die jetzt voll­ständig in diesem Dienstzmeige ausgebildet und zur Herstellung staatlicher Bahnstrecken mit verwandt werden), wie bereits früher mitgetheilt, seitens des großen Gcneralstabes der Armee ungeordnet worden, daß alljährlich höhere Offiziere des Generalstabes die sämmtlichen Bahnstrecken und das vorhandene Per­sonal und Material auf Quantität und Qualität einer Prüfung unterziehen sollen. Die in diesem Sommer nach dieser Richtung hin »orgcnommene Untersuchung hat nach denDeutschen Nachrichten" ergeben, daß die deutschen Eisenbahnlinien sür den Fall einer regel­mäßigen, nicht beschleunigten Mobilmachung genügend Eisenbahn-Waggons dritter Klaffe besitzen, um sämmt- liche Truppen von nun an in diesen Wagen und nicht in Gepäck- rnib offenen Wagen befördern zu können. Man hat dabei fünf Mana Linientrüppcn, rejp. vier Mann Gardetruppen für je eine Bank des Wagens gerechnet. Ebenso hat die Untersuchung ge zeigt, daß die Eisenbahnen über ein ausreichendes Unterbcamtenpersonal an Heizern, Schaffnern u. s. w. verfügen, so daß von jetzt an die alljährlich llatlfin- deudcn Commandirungcn von Unteroffizieren zur Er­lernung des Eisenbahndienstes in Wegfall kommen sollen. Endlich hat sich die Enquete auch noch auf

das Anlegen von permanenten Verpflcgungsstationen erstreckt und man ist dahin übereingekommen, solche an den nichtigsten Kreuzungspunkten bereits im Frie­den herzustellen, eine Maßregel, die schon an mehreren größeren Bahnstationen wie Leipzig, Halle re, aus- geführt ist.

Die neue Königs-Titulatnr, an der so lange Zeit gearbeitet worden ist-, liegt jetzt vor, und ein Allerhöchster Erlaß vom 16. August d. I. bringt diese Neuerung, wie daS neugeordnete Wappen zur öffentlichen Kenntniß. Man muß sagen, daß die neue Titulatur mit großer Schonung, namentlich Hannovers und Kurhessens, aufgestellt worden ist. Nach den Be­freiungskriegen folgte 1817 die Neuaufstellung, die dann unter Friedrich Wilhelm IV. nur die unwesent­liche Veränderung erfuhr, daß 1850 nach Besitznahme der hohcnzollernschen Lande diese Erwerbung erwähnt wurde, nachdem schon vorher Neufchatel und Valanzin in Neuenburg und Valandis verdeutscht worden war. Es verdient übrigens bemerkt zu werden, daß aus dem neuen großen Titel diese beiden schweizer Städte verschwunden ffind und nur der Prinz von Oranien beibehalten ist, um so wenigstens eine Reminiscenz an-.die alte oranische Erbschaft zu bewahren, durch welche die Personalunion deö ehemaligen Fürstenthums Neufchatel mit der Krone Preußens herbeigesührt worden. Das große Wappen enthält 51 Felder, das mittlere 22, auf dem sich befinden: in der Mitte Brandenburg, zu beiden Seiten Schlesien und Nie­derrhein, in zweiter Reihe Posen und Sachsen , in dritter Pommern, Westfalen und Lüneburg, in vierter in der Mitte Nürnberg, Zollern, links davon auf einem , Felde Holstein, Schleswig und Lauenburg, rechts, gleichfalls auf einem Felde Hessen, Nassau und Frankfurt.

DerReichs-Anzeiger" macht bekannt, daß das durch Reichsgesetz eingesetzte Reichs-Eisenbahnamt am 16. d. M. in Function getreten ist. Bezüglich des Königs von Italien ist nach demReichs-Anzeiger" folgendes Programm festgesetzt: Der König wird am 22. bei seiner Ankunft vom Kaiser und den Prinzen des königlichen Hauses aus dem Görlitzer Bahnhofe

empfangen. Nach der Änkunft findet Diner im kaiser­lichen Palais statt. Am 23. ist Galadiner im könig­lichen Schlöffe und Galaoper, am 24. Truppenrevue in Potsdam, Dejeuner im dortigen Stadlschloffe, Spazierfahrt und Diner beim Kronprinzen und The­atervorstellung im neuen Palais, am 25. Jagd in Hubertusstock, am 26. Diner beim italienischen Ge­sandten Launay, am 27. Besichtigung der Berliner- Sehenswürdigkeiten und AbschiedSdiner im kaiserlichen Palais.

Hannover, 16. Sept. DieHannoversche LandeSzeitung" bringt die Erklärung, daß sie aus finanziellen Gründen vorläufig nicht mehr täglich, sondern vom 22. September an nur Moutags er­scheinen wird.

Darmstadt, 16. Sept. In der hiesigen Landes- synode ist ein heftiger Kampf über das Prinzip der evangelischen Gemeindebildung entstanden. Die Gon» fessionisten wollen, daß das Bekenntniß über die Zu­gehörigkeit zur Gemeinde entscheide, d. h. daß nur lutherische oder reformirte Gemeinde existiren, die Ma­jorität steht dagegen auf dem Standpunkte der Union und will jeden evangelischen Christen der Gemeinde zuweism, wo er seinen Wohnsitz hat. Bei der Ab­stimmung siegte diese unionistischc Anschauung.

Constanz, 16. Septbr. Zu Ehren der Dele- girte» zum Altkatholiken - Congreß war gestern eine Rundfahrt auf dem Bodensee veranstaltet. Um 10 Uhr verließ der große SalondampferKaiser Wil­helm" mit ungefähr 300 Personen Constanz bei herr­lichem Wetter und fuhr an Romanshorn, Rorschach und Bregenz vorüber nach Lindau, die Luft war so hell, daß die Aussicht auf die Alpen so schön war, wie man sic selten findet. In Lindau fand im baie- rifchen Hof ein Mittagessen Statt, bei welchem Dr. Völk in warmen Worten die Gäste in seinem Wahl­kreise willkommen hieß. Man verweilte dann bis nach 4 Uhr in dem Schützengarten mit seiner pracht­vollen Aussicht. Bei der Ankunft und noch mehr bei der Abfahrt von Lindau wurden die coifftanzcr Gäste, vor allen der Herr Bischof von einem großen Tycil Einwohner freundlich begrüßt mit Tücher- und Hut-

Das Reisen sanft und jetzt.

Unablässig arbeitet deö 'Menschen Hand und Geist an der Vervollkommnung der Dinge, die ihn umgeben. Em erhabener großartiger Proccß spinnt sich vom Urbeginn bis aus unsere Tage und wird fortgehcn, so lange die Welt besteht. Denn in ihm concentrirl sich die Idee unseres Daseins. Daher ist es auch das erhebendste Bewußtsein sür den im Kampfe des Le­bens und Strebens ringenden Menschen, dann und wann gleichsam einen Augenblick still zu stehen und die wachsenden Errungenschaften der Zeit zu über­schauen.

Ta gibt es teilt Fleckchen, das nicht von der urbarmachenden Hand jenes Wesens zeugte, das Gott dereinst als Herrn der Schöpfung einsetzte. Nimmer zufrieden mit den Zuständen und Verhältnissen der Gegenwart, eilt die Kultur nach immer höheren Zielen, und schon, der kleine Zeitraum von wenig Jahren bezeichnet oft eine unabsehbare Menge von überwuit denen Standpunkten aus allen möglichen Gebieten menschlichen Denkens und Wirkens.

Auch das Kapitel, welches als Uebcrschrift dieser Zeilen vorsteht, bietet eine Fülle von Anhaltepunkten und Betrachtungen, wie wir sie eben andeuteten; ja, e« ist vielleicht nicht zu hoch gegriffen, wenn man behauptet, daß die ungeheuren Fortschritte der nimmer rastenden Kultur in keinem anderen Punkte so in die Augen springen, als wenn man Vergleiche anstellt über eine Reise in unseren Tagen und in vergangenen Jahrhunderten.

Versuchen wir diese Aufgabe zu lösen, so muffen wir zunächst erwähnen, daß in den ältesten Zeiten Vergnügungsreisen in unserem modernen Sinne gar nicht vorkamen, und zwar aus dem einfachen Grunde nicht, weil im Alterthume und, wie wir weiterhin sehen werden, auch noch in späteren Jahrhunderten eben daS Reisen kein Vergnügen gewähren konnte, da beinahe alle dazu nöthigen BequemlichkeitSmittel

fehlten. Hingegen wurden, wie wir aus der Geschichte der Phönizier, Karthager und Griechen wissen, bereits in den ältesten Zeilen Reisen zum Zwecke der Ent­deckung und Erforschung fremder Länder, zunächst ans HandelSintereffon, unternommen. Ueberblickt man dos verhällnißmäßig geringe und unvollkommene Ma terial von Verkehrsmitteln und den rohen, vielfach aller Kultur baren und allem Beschreiten trotzenden Zustand des Erdbodens, so kann man sich, auch ohne durch vorhandene Schriftwerke ausdrücklich darüber unterrichtet zu fein, leicht vorstellen, welch ein geradezu staunenerregendes Unternehmen jene Reisen waren, welche mehrere griechische Philosophen und Geschichts­schreiber lediglich aus wiffenschaftlichem Eifer bewerk­stelligten. Ob gleichzeitig bei den Römern ähnliche Exkursionen mit gleichen Zwecken, wie bei den Grie­chen, unternommen wurden, ist nicht erweislich, da die auf uns gekommene Literatur dieses Volkes auch nicht ein einziges Werk enthält, welches als Schilde­rung einer solchen Reise gelten könnte. Mit der Aus­breitung der römischen Herrschaft aber und insbefondere seit Augustus, der ja bekanntlich sür'Hebung von Kunst und Wissenschaft so viel leistete, wurden Reisen in wissenschaftlichen Interessen nach verschiedenen Theilen des Reiches ausgeführt.

Auch die erste Periode des Mittelalters zeugt von nur geringen Fortschritten auf unferem Gebiete. We­nigstens findet sich außer den Berichten über die Un ternehmungen der Skandinavier nach den Färöern, nach Island und Finnland und über die auf Ver­anlassung König Alfreds untctncmmenenQ^pebitionen Othars und Wrilfstans in der vorhandenen Literatur nichts darüber ausgezeichnet. Das kann nicht Wunder nehmen, wenn man erwägt, welch tausendfache, ost lebensgefährliche Hindernisse sich dem Reisenden so­wohl zu Lande als zu Wasser in den Weg stellten. Hier hatte man zwar bereits Wagen und dort Schiffe, wenn auch Beides noch sehr unvollkommen; allein

die Benutzung der ersteren vereitelte der Mangel an fahrbaren Straßen, die der letzteren die Klippen und Sandbänke und die Unbekanntschaft des Kom­passes.

Ueber die allmälige Entwickelung der zur Aus­führung größerer Reffen so uneiilbehrlichen Wasser­fahrzeuge wollen wir hier das Hauptsächlichste ein» schallen. ES ist höchst interessant, dieselbe in ihrer stetig wachsenden Vervollkommnung Schritt für Schritt zu verfolgen.

Wer zuerst auf die Idee gekommen, große Ge­wässer, wie Seen und Ströme, passirbar zU" machen, ist uns nicht ausbewahrt. Ein vielleicht zufällig ins Wasser gefdiener Baumstamm mag wohl im grauen Atterthum den ersten Gedanken an die Möglichkeit des Befahrens von Gewässern rege gemacht haben. Denn die ersten Fahrzeuge, deren man sich bediente, waven Flöße. Eine alte Sage erzählt, daß ein König, Namens Erythros, am persischen Meerbusen die ersten Flöße zusammeugebunden habe und von der persischen Küste nach einer gegenüberliegenden Insel gefahren sei. Die Bewegung eines Schiffes durch Ruder, an Deren Stelle man sich bei Flögen natürlich langer Stangen bediente, soll überhaupt den NamenSchiff" veranlaßt haben (altdeutsch Schip, Skip von schieben, stieben). Das Nächste, wodurch die Erfindung ver­vollkommnet wurde, bestand in der Entdeckung der Ruder und insbesondere des Steuers. Sehr anmuthig führt eine alte Sage auch diese Erfindung auf eine zufällige Beobachtung zurück und erzählt, daß ein ins Waffer gefallenes Thier sich au fein ihm zugeworfenes Stück Holz gerettet, es mit seinem Schwänze gelenkt und so die erste Idee zum Steuer gegeben habe.

Tie Erfindung ging nun noch einen Schritt weiter. Eine alte Sage erzählt, ein Tyrier, Usous mit. Namen, fei der Erste gewesen, der mittelst Feuer einen Baumstamm ausgehöhlt und sich bann mit dem selben auf daS, Meer gewagt habe. Da ihm der Vcr-