Ml». 22O Marburg, Donnerstag, den 18. September. 1873.
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LOterhessische Zeitung
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•* * Berlin, 16. Sept. Der evangelische Ober- Kirchenrath ist gegenwärtig mit der Vorbereitung der Zastructionen für die Ausführung der evangelischen Kirchen- und Synodalverfassung beschäftigt. — Die Besetzung der Stelle des SlaatSsecretärs im auSwär ttzen Amte ist wiederholt Gegenstand der öffentlichen Besprechung und wechselnder Nachrichten. Man meldet jetzt wieder die erfolgte Entscheidung. Unsere frühere Berichtigung in Bezug auf die Personalien des auswärtigen Amtes können wir dessenungeachtet, auch wenn diese neueste Meldung sich bestätigen sollte, voll kommen aufrecht erhalten; wir hatten im Allgemeinen die Andeutungen über bevorstehende umfangreiche Veränderungen unserer diplomatischen Vertretung als unbegründet bezeichnet, ohne auf einzelne Fälle ein zugeheu. — Dem vielfach zum Ausdruck kommende!) Verlangen nach bündiger Auslastung der Regierung über ihre Entscheidung wegen Vornahme der Landtagswahlen wird schwerlich entsprochen werden können, aus dem einfachen Grunde, weil das Staatsministerium einen definitiven Beschluß darüber noch nicht gefaßt hat. Der Opposition gegen Vornahme der neuen Wahles vor Ablauf der Wahlperiode glaubt man zwar in Regierungskreisen wenig Gewicht beilegen zu müssen, da auch früher, wenn gewichtige Gründe vorhanden waren, ohne Widerspruch von den stricte» Bestimmungen der Verfassung abgegangen worden ist; indessen würde andererseits die Regierung gewiß nicht auf ihrem Plane beharren, wenn ernstlichere Bedenken in weiteren Kreisen dagegen sich geltend machen sollten. — Der laut gewordene Zweifel, ob Fürst Bismarck zum Empfang des Königs von Italien hier anwesend sein würde, ist selbstverständlich ungerechtfertigt, wie die Thatsache lehren wird. — Die Resultate der Kreistagswahlen haben allem Anschein nach den Pessi «iSmuS streng Conservativer bezüglich der demokra- tistrenden Wirkung der Kreisordnung einigermaßen geheilt; „Germania- und „Kreuzztg." gestehen im- plicite zu, daß die Wahlen über ihr Erwarten konservativ ausgefallen find.
— Dir Demobilifirung der Truppen der Okkupationsarmee wird sofort nach der Rückkehr derselben in ihre betreffenden Garnisonen statlfinden, bei welcher Gelegenheit wie auch bei früheren Demobilisirungen, dm Osficieren Retablissementsgelker gewährt werden sollen, die je nach den Chargen verschieden bemestcn sind. So sind für den Lieutmant 200 Thlr., für den Hauptmann 400 Thlr. und für die höheren Chargen entsprechend höhere Beträge in Aussicht ge- nommm. Außerdem sollen die einzelnen Truppen theile noch Gelder zur Verfügung erhalten, um Remunerationen und Demobilmachungsgcldzuschüste an
Beamte rc. gewähren zu können. Das Geld zu diesen Zuwendungen soll, wie jctz( verfügt worden, auS den Fonds genommen werden, die bei der Okkupation« armee selbst durch die geringere Präsenzstärke und durch die Ersparnisse an den Rationen (man hatte z. B. statt der starken KriegSrationrn den wenig be schäftigten Pferden schon aus Gesundheitsrücksichten schwächere reichen lassen) erübrigt worden sind. Der Kriegsminister habe diese ersparten Gelder für den MilitärfiScus in Anspruch zu nehmm beabsichtigt, da jedoch seitens de« Finanzminister« darauf hingewiesen wurde, daß dieselben Eigenthum des Reiches und insbesondere der Okkupationsarmee al« solcher seien, so einigte man sich dahin, die Gelder im Jnieresse der zur Okkupationsarmee gehörigen Truppen zu verwenden. Ein Dritttheil der gesamntteu Summe soll für den oben erwähnten Zweck, ein zweite» Dritttheil für das Retablissement des Materials der betreffende» Lruppentheile und das letzte Dritttheil für einen speciellen UnterslützungSfonds, welcher für die In validen und sonstigen Hilfsbedürftigen dieser Truppen- lheile gebildet werden soll, verwanot werden. Man beabsichtigt, dem Reichstage seiner Zeit eine besondere Vorlage Behufs Genehmigung dieser Vorschläge zugehen zu lasten.
Constauz, '14. Sept. Zu dem gestern im Conciliumsjaale veranstalteten Abendessen de« altkatholischen Congrestes halten sich über 300 Personen eingefunden. Prof. v. Schulte toastirte auf den deutschen Kaiser und den Großherzog von Baden, Bürgermeister Stromeyer auf den Bischof ReinkenS, dieser auf die Ehrengäste aus anderen Consessionen, ein Toast, der mit lautem Beifall ausgenommen wurde. Heute wurde in der Spitalkirche vom Pfarrer Thürlings aus Kempten das Hochamt gehalten; Bischof Reinkens hielt die Predigt über das Evangelium von der Auf erweckung de« Jünglings zu Rain.
Ausland.
Wien, 13. Sept. Zu all' dem Elend, welches die Dörsenkatastrophe unmittelbar geschaffen, droht sich jetzt, nachdem die Ernte allenthalben eine mehr al« mittelmäßige gewesen, auch eine Brodtheuerung zu gesellen, deren Folgen unter den bereit« gegebenen Verhältnisten geradezu unberechenbar sind: schon jetzt hat sich, bei gleich hoch gebliebenen Preisen, das Gewicht des Brodes so stark verändert, daß in den Kreisen der Arbeiter und der kleinen Gewerbetreibenden d.e Gährung hochgradige Dimensionen anzunehmen beginnt. Der Vorstand der Frucht« und M-Hlbörse hat sich demnach bewogen gesunden, in einer moii virten Eingabe an das Handelsministerium zunächst die Abschaffung deS Getreide Einfuhrzolls und die Herabsetzung des Eisenbahn-Frachttarifs nachzusuchen:
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wenn aber auch, was noch immer sehr fraglich, der Preis des unentbehrlichsten aller Lebensmittel dadurch in etwas herabgedrückt würde, woher wird die Arbeit kommen, die die Hungrigen in den Stand setzt, auch nur die niedrigeren Preise zu zahle»? — peber dfe Festlichkeiten zu Ehren de« König« von Italien er* tährt man das Folgende: Der König wirb am 17. d. M. in Wien anlommen und am 22^. nach Berlin abreisen. Für die Dauer der Anwesenheit des hohen Gastes sind am 19. September ein großes Diner im Ceremoniensaale der Hofburg, eine Festvorstellung (Ballet) im Opernhaufe; am 20 d. M. eine Fahrt nach Laxenburg, Pirutjchade 'und Fischzug, am 21. eine Jagd im Thiergarten bei Lainz in Aussicht genommen. Am zweiten Abend nach seiner Ankunft wird der König einer Soiree beim italienischen Gesandten Grafen Robillant beiwohnen.
Bern, 15. Sept. In Folge der von dem Appellationshof verfügten definitiven Absetzung der 69 renitenten Geistlichen herrscht im Jura, eingetroffenen Nachrichten zufolge, große Aufregung, doch seien ernstliche Ruhestörungen nicht zu befürchten. Daß eine Anzahl auswärtiger Geistlicher, welche indessen nicht genügt, zur Besorguirg der erledigten Pfarrämter bereit ist, wird officiös bestätigt.
Turin, 16. Sept. König Victor Emanuel ist heute früh 7V2 Uhr nach erfolgten Abschieds-Begrüßungen des Prinzen Carignan und AmadeuS, der Behörden und unter Zurufen einer großen Volksmenge nach Wien abgereist. :
Paris, 15. Sept. Der Arbeitsminister hat mit den großen Eisenbahn Gesellschaften Verträge zur Er leichterung des Getreide - Transports abgeschlossen, welche auf Grund der Verträge vom 14. März 1868, die unter ähnlichen Verhältnisten zu Stande kamen, in gewissen Fällen 33 pCt. betragen. Die ^Jesell- schaften verpflichten sich, diese Ermäßigung auf drei Monate zu gestatten. Zur Entschädigung dürfen ste nach jener Frist das Maximum des Frachttarifs nehmen, sobald dies ohne Schädigung des allgemeinen Wohls geschehen kann. Uebrigens ist das Journal de« De- bats der Ansicht, daß der Getreidemangel so groß nicht fei, als man jetzt sich den Anschein gebe. Die Regierung spielt die Vorsicht selber, theilS weil sie sich den Massen empfehlen will, und theilS weil aller rings eine HungerSnoth während einer politischen KrisiS gefährlich werden könnte. — Die Patrie legt von ihrer grundgemeinen Gesinnung Zeugniß ab, indem sie aus Verdun vom 12. schreibt: „Di sen Morgen um 71/2 Uhr rückte ein Bataillon des preußischen 64. Infanterie - Regiments und eine Compagnie Artillerie auf den Hauptplatz von Verdun. Die Soldaten sind wie die Packesel überladen und durch ihre
Die Hi»»elS»n«ele.
Ländliche Erzählung von C. FraaS.
. •, (Fortsetzung.) j
* Damit setzte sich der Mann, besten Kette und Schwert auf einmal verschwunden waren, auf die nahe Bank, nahm feinen Kopf herunter und wischte ihn sorgfältig ob, nicht ohne einen hämischen Seitenblick auf Jäkel, als er an das Unterkinn kam, — dann «tch feinen Hals, der gar nicht mehr blutete, denn schon war er wieder ganz Geist und nicht mehr Fleisch «md Blut. Er stellte dann seinen Kopf auf den Tisch Miib ließ noch folgende Worte den staunenden Jäkel hären, der noch gar nicht wußte, ob er auf seine Erlösung stolz sein solle oder nicht.
„Mir scheint, daß auf der Welt immer dieselbe Summe von Hundsföttereien ist, aber mit der Zunahme bet Bevölkerung dünner vertheilt und immer je nach den wechselnden Vorstellungen der Menschen in anderer Form. Zu meinen Zeiten waren sie gröber und man fuhr scharf dagegen an mit Galgen und Rad, Feuer >wd Schwert. Dagegen war aber auch die Tugend stark und fest, oft grob, der Charakter von Eisen konnte nur gebrochen, nicht gebogen werden. Jetzt ist die Hundsfötterei fein, schmeichelnd, schmiegsam und biegsam geworden und weiß fast gesetzlich zu vergiften und den ehrlichen Mann jahrelang zu todt zappeln ju lasten — die Tugend aber schlägt verschämt die
Augen nieder und wagt eS gar nicht, sich zu erkennen zu geben. Weil Alle Scharfrichter sind, wollen sie natürlich auch die Todesstrafe abschaffen. Und nun (hier setzte der Spitzwürfel seinen Kopf wieder auf) gehab Dich wohl, Jäkel, habe Dank für Deinen Muth und nimm den Hausleuten kein Geld für Deinen Dienst ab. Nimm!" Damit warf er ihm einen Krem nitzer hin und verschwand als ein blauer Dunst^wi- schen den Dachlatten. Jäkel aber legte sich auf fein Sirohbuud und schlief gar bald ein, ivie jeder Gerechte."
So schloß die Erzählung be« -ZStmgelSdik, aus welche eine tiefe Stille folgte, die endlich der Saker- »undidiö mit den S®orten unterbrach, „es fei j<v bekannt, daß KuunerhanS der Knecht damals zur Ma- riameig, dcr Magd, gegangen sei und um ungestört zu sein, den Lärm fast ein Vierteljahr-lang gemacht habe." Aber darauf folgten alle möglichen Verwünschungen des Ungläubigen und unter Zanken und Schreiest löste sich die Spinnstube auf.
So ging der Winter seinem Ende zu und HimmelS- annele wurde immer bläster und schwächer, ein geheimer Kummer nagte offenbar an ihr — und endlich wurde sic gar bettlägerig. Vergeblich war der öftere Besuch deS Vetter Georg, der auS der Stadt kam und ihr das irdische Paradies der ehelichen Verbindung vormalte. Ihr Entzücken für das Himmlische
wuchs damit nur noch mehr, so daß Georg allmälig die Hoffnung, sie die ©einige einst nennen zu können, ganz aufgab. So kehrte er einst verzweiflungsvoll wieder an die Universität zurück, gab die Philologie auf und wandte sich der Theologie zu, um wenigsten- dereinst, wie er sagte, geistlich mit Derjenigen vereinigt zu sein, die das irdische Beisammensein mit ihm verschmäht hatte. Es war bestimmt, daß Himmels- anrtele schon im nächsten Frühling ins Kloster gehen sollte.
Der Kastenheiner, dem seit dem Händedruck beim Abschied im von stumpfen Pfeilen gar arg vernarbten Herzen doch auch ein spitziger bis über die Widerhaken eingebrungen war, hatte natürlich von Georg diese Vorgänge alle gebärt und dachte ost über die Manie, wie er eS wedicinisch bezeichnete, dieses einfachen Mäd chens nach. Als er nun gar hörte, daß sie ernstlich krank niederliege, glaubte er, schon dem Schockbauer zu Liebe, einen Curversuch machen zu müssen, um so mehr, als er eben sein Examen bestanden und zum Doctor promovirt worden war.
Ganz philisterhaft fein AeSkulapröhrlein schwingend trat er bald darauf in den Hof deS Schockbauers, der eben au« feiner Scheune kam. „Hellauf! Vetter MaiheS!" rief ft, sofort eine fröhliche Laune annehmend , daß man Alles in der Stube Annele« hören könnt, „was machen die Wärmeeinheiten und die Klee-