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Mr« 219. Marburg, Mittwoch, den 17. September.

1873

Oberhessische Zeitung.

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Deutsches Reich.

.. Berlin, 15. Sept. Wie schon neulich mit- grtheilt ist, wünscht die Regierung die Wahlen zum Laadlage mSglichst zu beschleunigen. Obgleich der Termin der Wahl noch nicht festgestellt ist, sind doch bereits alle Provinzialbehörden beauftragt, die nöthigen Borkehrungen zu treffen, damit später keine weitere Verzögerung entsteht. Die Wahlagitation wird unter dessen immer lebhafter. Besonders der sogenannte linke Flügel der Fortschrittspattei drängt sich in letzter Zeit, natürlich hauptsächlich in Person seiner bekannten parlamentarischen Correspondenten mit allen Kräften wieder hervor, selbstverständlich nicht ohne auf den heftigsten Widerspruch aller gemäßigten Elemente zu stoßen. Auch die Nationalpartei wendet sich in den »üerschrvffsten Ausdrücken gegen das angebliche ^radi­kale Treiben, das nur durch Eitelkeit gewisser Pelsön- lichkeiten, die in sich allein das Zeug zu einer ganzen Partei zu haben meinen, genährt werde. Sie macht darauf aufmerksam, daß diese Leute im Stillen sogar eine Verstärkung des ultramontanen, direkt staatsfeind lichen Einflusses wünschen, um so wo möglich schließ lich bei den parlamentarischen Abstimmungen das Züng­lein in der Waage zu werden und meinte der gesunde Sinn deS Volkes werde sich sicherlich von diesen selbst­süchtigen Doktrinären abwenden. Die neue Ver­fassung für die evangelische Landeskirche der sechs öst­lichen Provinzen findet, wie man constatiren kann, im Ganzen den Bestall fast der gesammlen Presse. Die Germania bemerkt zwar, die Liberalen und die Kreuz zeitnng seien mit ihr gleich unzufrieden, jedoch das wäre unseres Erachtens gerade das höchste Lob, indem eS bewiese, daß der Gesetzgeber die richtige Mitte ge. troffen hätte. Jedenfalls dürfen wir in dieser Neu­gestaltung der evangelischen Kirche wohl mit die wich tigste und erfreulichste Leistung der neuen Kirchenver­waltung begrüßen. Der längere Urlaub des Ober- pttlsidenteu der Rheinprovinz und seine Vertretung durch Herrn von Ende wird von gewissen Correspon deuten mit der Stellung des erstgenannten Herrn, zu den neuen Kirchengesetzen, denen er, ihnen zu Folge,

mit sehr getheilten Gefühlen gegenüber flehen soll, in Verbindung gebracht. An maßgebender Stelle ist hier­von nichts bekannt. Herr von Bardeleben wird nur deßhalb nicht von einem seiner eigenen Beamten ver­treten, weil Graf Villers unmittelbar vorher nach Frankfurt, Geh. Rath Zillig aber ins Ministerium des Innern versetzt wurde. WaS aber die neuen Kir­chengesetze anbelangt, so hat Herr von Bardeleben hier wie überall dieselbe Pflichttreue bewiesen, wie man sie von einem Beamten des Königs erwartet. Herr von Balan ist jetzt nach Berlin zurückgekehrt und $at die interimistische Verwaltung der Unterstaatssekretariats geschäfte im auswärtigen Amte wieder übernommen. Man glaubt jedoch, daß er demnächst seine frühere Stellung in Brüssel wieder übernehmen wird. Dem BundeSrath ist vom Reichskanzler ein Gesetz entwurf, betreffend die Wiedereinführung der Ehe­scheidungen in Elsaß Lothringen zugegangen.

Sollt, 14. Sept. Heute Morgen wurden wir sehr lebhaft an den Sommer 1870 erinnert, an die Zeit, als die Truppen in grün geschmückten Eisenbahn­waggons, patriotische Lieder singend, nach Frankreich in den Krieg fuhren; heute passttte auf dieselbe Weise in umgekehrter Ordnung der erste Zug der letzten Besatzung Frankreichs unsere Stadt, übermorgen werden die letzten Mannschaften auf vaterländischem Boden eintreffen. Diesmal waren es Reservisten vom 42 und 45. Regiment, welche eine um so lustigere Hal tung hatten, weil sie an den heimathlichen Heerd ent lassen werden. Der Erzbischof hat seinen passiven Widerstand in Betreff der Kirchengesetze verlassen unt ist dazu übergegangen, Geistliche für erledigte Stellen zu ernennen. So in dem etwa 4 Stunden von hier entfernten Orte Stommeln. Im Auftrage des Ober Präsidenten eröffnete indeß der Bürgermeister Weict den Bewohnern der Pfarre, diese Besetzung sei un gesetzlich, und verbot dem Geistlichen, Amtshandlungen zu verrichten. Natürlich gährte es darnach untei einem Theil der Ottseinwohner, und wie es heißt will man morgen daselbst eine Versammlung abhalten, um über diesen-Conflict zu betätigen. Unser stäv

tischeS Budget gestaltet sich schon so achtunggebietend, daß eS demjenigen der deutschen Duodez-Staaten zur Seite gesetzt werden darf. Die Gesammteiunahrne stellte sich in 1872 auf die Summe von 1,169.155 Thlr., b!e Ausgabe auf 1,134,041 Thlr., der Bestand also auf 35,114 Thlr. Dieses günstige Finanzergeb- niß wird aber dadurch wieder in Schatten gestellt, daß in demselben Jahre 201,392 Thlr. zur Verzinsung und Amortisation der Stadtschuld verwendet werden mußten.

Wie-ba-e«, 12. Sept. Zu der am 18. d. M. beginnenden Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte laufen die Anmeldungen massenhaft ein. DaS Comite hat im Taunus - Hotel ein Münelde - Bureau errichtet, in welchem auch während der Festtage ein eigens für die Fest-Angelegenheiten bestimmtes Tage» blatt ausgegeben wird. DaS Blatt wird auch die Namen fämmtlicher Theilnehmer nachweisen. Der Preis der Karte ist auf 4 Thlr. angesetzt, und eS berechtigt die Karte zum Besuche der Versammlungen, aller Künstler-Concerte im Kurhause, zu denTheater- Festvorstcllungen, zu einer Festfahrt auf dem Rhein und zum Besuch des Kurhauses. In der ersten Ver­sammlung werden Dr. Neubauer von hier und Prof. Dr. Oskar Schmidt aus Straßburg, der Erstere über Justus v. Liebig und der Letztere über ein noch nicht oekamtteS Thema sprechen.

Darmstadt, 15. Sept. Der Präsident der Landessynove hat dieselbe heute mit einem kurzen Gebet eröffnet. Die Mitglieder sind mit Ausnahme oer laut Anzeige verhinderten Abgeordneten Graf Solms-Laubach, Starck, Ohly, Schlich, vollzählig er­schienen. Zur Geschäftsordnung beantragte sofort Abg. Küchler, jedem Redner nur 10 Minuten zum Sprechen ;u gewähren, was gegen eine Stimme angenommen wird. Sodann schlägt der Prästdenl vor, von einer Generaldebatte völlig abzusehen, da das Nöthige überall zu den einzelnen Paragraphen gesagt werben könne, was gleichfalls, und zwar einstimmig, angenommen ward. Hiernach ward in die Berathung deS §. 1 eingetreten, die voraussichtlich die heutige Sitzung fast

Die HimmelSannkle.

Ländliche Errählung von 6. Fraas.

(Fortsetzung.)

Anneke «ar inzwischen noch frömmer geworden als vorher. Sie kümmerte sich dabei dennoch, magerte ab, ward blaß und klagte nicht selten über Herzdrücken anb Ermattnng. Georg, der es erfuhr, wurde noch besorgter als früher uno fing an zu fürchten, daß ihm der Tod oder das Kloster schließlich doch seinen Mbgott entführen könnten.

Diesen Winter «ar die Lichtstube beim Schirmer und viele Gäste bemühten sich, daS HimmelSannele durch Erzählungen zu zerstreuen. Doch nur Einer konnte längere Geschichten erzählen und zwar solche, an die er selbst glaubte. ES war unser Stengeldick, der diese« Jahr auch die Geschichte mit der Geister- bannung vom Schmierjakel zu Tösen zum Besten gab.

ES war vor 1012 Jahren", Hub er einst unter der alten Gesellschaft in der Spinnstube an, »al« sich in dem alten, schwarzen Hau« am Ge- »«nbeanger, daS jetzt dem LutzenandreS gehört, nicht «ehr wohnen ließ. Zwar schon von alter Zeit her war es drin und herum dort unsicher, alte Leute nannten e» da« Freihaus und Niemand wollte Nachts dott etwas zu thun haben. Aber um jene Zeit ward es am ärgsten. Mit Schlag 12 Uhr Nachts begann ein Kettengeraffel, ein Klirren von Schwertern, Stöhnen und Jammern, daß es ein Graus »ar, Schlag 1 Uhr war Alles verschwunden. Die Inwohner schwitzten vor Angst in ihren Letten, aber Keiner getraute sich heraus, obgleich vor 1 Uhr ge­wöhnlich Niemand ein Auge zuthctt. DaS dauerte ge­wiß über ein Vierteljahr so fort, bis einmal der Schmierführer von Tösen, der alte Jäkel kam, von dem ich gehört hatte, daß er Geister zu bannen verstehe. Ich kaufte mir von ihm für drei Kreuzer Wagen- schmiere und sagt« ihm gelegentlich von dem Fall. Er horchte zuerst ungläubig zu, schüttelte dann seinen borstigen Kops und sagte: DaS Geschäft geht schlecht

jetzt, Dicker, die Leute glauben nichts mehr und, was noch ärger ist, wollen hintendrein nichts bezahlen. Beim Herether FuchSwirth lag ich neulich 14 Tage vergeblich und konnte nichts erwischen, und im roihen Thurm bei Sassenfarth faßte ich statt des Geistes eine tüchtige Tracht Schläge. 'S ist nicht Treu und (glauben mehr unter Geistern und Leuten. Doch will ich in's FreihauS gehen und mit den Leuten reden, was sie bezahlen, wenn ich ihn banne, weil Jhr'S seid.

Ich sagtenichts für ungut" und ging meiner Wege. Der Jäkel blieb aber einen Tag verschwunden und erst darnach kam et wieder in den Sternwirth, wo sein Schmierkarrcn stand, sah sehr angegriffen au« und tränt einen Schnaps um den andern.

Da traf ich ihn und weil Niemand sonst in der Stube war, brachte ich ihn zum Sprechen. Au« Freund­schaft und weil ich ein Mann starken Glaubens sei, erzählte er mir auch Alles. Die Sache ging nun so zu. Im FreihauS ist der obere Stock, wie Ihr wißt, unbewohnbar, er ist nur ein großer Dachraum, in dem feit je Fledermäuse, Ratten und Marder ihr Kurzweil trieben. *

Nachdem Jäkel beim Sternwitth auSgetrunten hatte, ging er Abenos um 10 Uhr in's Freihaus auf diesen Dachboden. Kumierhanns, der Knecht, leuchtete die lange Stiege hinauf, breitete eine Schütte Stroh aus, brachte einen altert wackligen Tisch, eine Bank und einen hölzernen Stuhl, stellte das Oellichl auf den Tisch, und wünschte eine geruhsame Nacht. Darauf suchte er fein Saget. Unser Jäkel aber zog ein Fläschchen Schnaps heraus, dann seinen Bann und eine Brille Dreimal laS et ben Segen, bann war er fest, bas wußte er, trank einen Wurf, legte zwei Strohhalme Über's Kreuz auf ben Tisch und streckte sich, so wie er war, auf baS Stroh. Das Gerurnp.l von Ratten und Mäusen wurde zwar allmälig stäcket, aber Jak.l wat daran gewöhnt und überdies hielt sie das Licht zurück. Seinen Sack, um bett Gebannten hineinzu

schieben, hatte er unter ben Kopf gelegt, bet Bann­spruch lag auf bem Tische. So buselte et eine Zeit lang fort und wäre fast eingefchlafen, wenn ihm nicht das zeitweise Schlagen der Dorfuhr, noch mehr aber bet Gedanke, daß es um den Kragen gebe, madige« halten hätten. Und so kam allmälig die Zeit und er war ganz wach, als eS dreiviertel auf 12 geschlagen hatte. Sachte richtete er sich ein wenig auf, lüpfte den Sack, trank seinen Schnaps aus und dachte, jetzt kann er kommen. Denn Schneid' hat der Jäkel wie sieben Teufel, das muß wahr sein.

Es schlägt 12 Uhr, ganz gemächlich, nicht lang­samer und nicht schnellet wie sonst. Aus Neugierde aber zählt Jäkel die Dchläge. Aber er hat noch nicht 12 gemurmelt, so stürzt mit entsetzlichen Krachen etwas wie vom Dach herunter, Kettengetaffel und Schwerterklirren folgen nach und aus dem finstern Hintergrund des Dachbodens fchreittt eine schreckliche Gestalt langsam auf den Jäkel zu. Die Gestalt wat am linken Arm mit einer großen nachschleifenden Kette gefeffelt und hielt in der rechten Hand ein lange« Schwert, wie eS sonst nur die Scharfrichter führen, aber so fein und scharf, daß man nur daS Blitzen desselben und kaum die Klinge selbst sah. Da er auf dem Kopse einen spitzen Hut und am Leib rothen WammS und rothe Hosen trug, dachte sich der Jäkel gleich, daS ist ein Spitzwütfei und war sehr erfreut, oer Sache so leicht auf den Grund zu kommen. Da­bei vergaß aber der Tapp auf feinen Bann, der auf dem Tisch lag, und ehe er sich'S versah, wischte der Geist mit dem Schwerte das Buch vom Tisch weg, daß eS weithin in eine Ecke flog und sagte zu Jäkel, der aufstehen wollte:Bleib sitzen, es ist mir sehr lieb, daß Du einmal kommst. Auf Dich habe ich schon lange gewartet."

Nun dachte dieser, fein letztes Stündlein sei ge­kommen, denn der Bann war fort und der Spitz­würfel fuhr sich selbst mit dem Schwerte ganz luftig und grimmig um den Kopf. Dann aber setzte er sich