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Ir. 2LS

Marburg, Freitag, den 12. September.

1873.

Oderhessische Zeitiig.

GrfAeini täalick außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition Vosiämter 27 gar. (erd. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. . * Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

(Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Frankreich und Deutschland.

Dieselben Tage, welche Deutschland als patriotische Festtage begangen hat, sind in Frankreich mit freudigen Kundgebungen gefeiert worden. Der Ausdruck unserer nationalen Genugthuung im Rückblick auf, die Thaten lint Errungenschaften der jüngsten Jahre ist in fran -Sstschen Blättern mit dem befriedigten Hinwels auf Len sich so eben vollziehenden gänzlichen Abschluß der unmittelbaren Folgen des Krieges erwidert worden. Frankreich hat in der That reichen Grund, sich der Thatsache zu freuen, daß schon jetzt, kaum drittehalb Jahre nach dem ersten Friedensschlüsse, die vollständige Abzahlung der Kriegsschuld und demzufolge die gänz liche Räumung französischen Gebietes erfolgen kann; denn abgesehen von der selbstverständlichen Befriedig amig über die Befreiung dcS Landes von dem letzten Rest fremder Herrfchaft, ist zugleich die so rasche Zahlung eines Betrages von 5 Milliarden em Er weis wirthschaftlicher Kraft, wie sie nur einem von der Natur bevorzugten und durch vielhundertjährige Entwickelung geförderten Lande iunen-ohnen kann. Man wird eS durchaus natürlich finden, daß die Franzosen sich dieser glänzenden Erprobung ihrer finanziellen Kraft nach einem schweren und verhäng- nlßvollen Kriege in hohem Maße erfreuen.

Die Thalsache freilich, daß Frankreich im Stande war, die ihm auferlegte Kriegsentschädigung statt in vier Jahren, wie zuerst bestimmt war, schon nach zwei Jahren völlig abzutragen und in derselben Zeit noch ungeheure Summen auf die Wiederherstellung seiner Armee zu verwenden, gibt vor Allem den Beweis, daß die finanziellen Forderungen, welche Deutschland an Frankreich gestellt hatte, keineswegs so übertrieben und so drückend waren, wie beim Friedensschlufie auf vielen Seiten, besonders in England, behauptet wurde. Alle ängstlichen Vorhersagungen, welche damals mit dem Scheine größter Autorität in Bezug auf den wirthschastlichen Wn Frankreichs und auf gleichzeitige verhängnißvoüe Erschütterungen des Weldgeldmarktes laut wurden, haben sich als irrthümlich erwiesen.

Für Deutschland stand bei den Friedensverhand­lungen die Geldfrage von vorn herein nur in zweiter Linie. DaS Wichtigste, worauf es dem Fürsten Bis­marck ankam, und was er vom September 1870 ab in allen Verhandlungen und Kundgebungen betonte, das war die Erlangung sicherer Bürgschaften eines künftigen dauernden Friedens durch die Aufrichtung fester Bollwerke zur Abwehr neuen Friedensbruchs. Die eine dieser Bürgschaften: die vollendete Einigung Deutschlands, hatte uns schon der Krieg gebracht, und ste war im Laufe desselben feierlich besiegelt worden;

die weitere Bürgschaft sollte uns der Friedensschluß bringen in der Wiedergewinnung der alten deutschen Grenzlande mit Straßburg und Metz.

Die Kriegsentschädigung, welche neben dieser ge wichtigsten Friedensbedingung Frankreich auferlegt wurde, sollte Deutschland zunächst nur für dir un mittelbaren und mittelbaren Schäden, die an feiner nationalen Wohlfahrt durch den Krieg erlitten hatte, soweit möglich Ersatz gewähren, sowie ferner die Mittel barbieten, um die militärischen Einrichtungen des Rei­ches nach allen Richtungen wieder zu erneuern und zu vervollständigen. Richt um eine Bereicherung Deutschlands, nicht um eine dauernde Schädigung Frankreichs durch eine unerschwingliche Last war es Deutschland zu thun.

Daß unsere Regierung' die wirthschaftlichr Kraft Frankreichs dabei nicht überschätzt hatte, wurde gleich damals von der französischen Regierung selber und von der Nationalversammlung entschieden bezeugt. Herr Thiers sprach mit voller Zuversicht und mit Stolz von Frankreichsewiger Jugend" unduner­schöpflicher Kraft", und der Berichterstatter der Na­tionalversammlung sagte: Frankreichs Hilfsquellen seien groß genug, um auch jenen hohen Anforderungen zu genügen, vorausgesetzt, daß Frankreich Entschließun­gen für die Zukunft faste, wie sie sich aus der jüng­sten harten Prüfung ergeben, Entschließungen, durch welche Frankreich ebenso vor Revolutionen wie vor despotischer Herrschaft bewahrt bleiben und eine Aera ernster Arbeit, wahrhafter Ordnung und Freiheit ge­sichert werde.

Die in diesen Worten bezeichnete Politik der da­mals begründeten Regierung, die von dem Präsidenten Thiers zwei Jahre hindurch mit großem Erfolge ge­handhabte Poliük hat in der That Frankreich in den Stand gesetzt, seine Verpflichtungen in ungeahnt rascher Weise zu erfüllen.

Unsere Regierung aber hat in Anerkennung des b-soniienen Geistes, welcher in jener Politik zur Gel­tung gelangte, bereitwillig die Hand dazu geboten, Frankreich die Abtragung der Schuld zu erleichtern und die Fristen der Auseinandersetzung abzukürzen.

Wie groß Frankreichs Nationalreichlhum und der auf demselben beruhende Credit des Landes auch ist, so würde doch eine so rasche Abwickelung, wie sie er­folgt ist, nimmer möglich gewesen sein, wenn nicht das ebenso vertrauens- wie rücksichtsvolle Verhalten unserer Regierung die finanziellen Unternehmungen der französischen Regierung unterstützt hätte. Nicht aus eigener finanzieller Kraft allein hat Frankreich die fünf Milliarden in so kurzer Zeit abgetragen, sondern

unter umfastender Mitwirkung der Kapitalien aus allen Ländern. Die Zuversicht des Auslandes aber wurde vornehmlich durch das Vertrauen, welches die deutsche Regierung bei allen Verhandlungen walten ließ, begründet und gefördert.

Auch die Okkupation französischen Gebietes, welche jetzt zu Ende geht, ist von^dcutscher Seite mit allseitig anerkannter Schonung und Rücksichtnahme durchgeführt worden. Mit Recht sagt ein norddeutsches Blatt: Im Grunde wissen wir von dieser zweijährige« Oceupation nicht viel mehr als die bloße Thatsache und daß dieselbe jctzt ihre Endschaft erreicht. Aber daß wir nicht mehr wissen, ist ein ausgezeichnetes und höchst ehrenvolles Zeugniß für die Truppen und deren Führer, denen die undankbare Md schwierige Aufgabe zufiel, inmitten einer feindseligen Bevölke­rung, gelosten und ruhig den Garnisonsdienst wahr­zunehmen in täglicher Kriegsbereitschaft. Wan kann von dieser Oceupation nichts Rühmlicheres sagen, als daß man während der zwei Jahre ihrer Dauer im Grunde nichts über sie gehört hat.--- Die Kunst

bestand darin, aus ein stürmisches und aufregendes Drama einen möglichst geräuschlosen Schlußakt fol­gen zu lassen, und auch dies ist der deutschen Hee­resleitung ebenso vollständig gelungen, wie dje krie­gerische Action."

Frankreich wird nunmehr wieder sich selbst über­lassen sein; Deutschland wird nach Lösung aller Ver­pflichtungen Seitens Frankreichs und nach dem Ab­züge der letzten Truppen von Verdun keine anderen Beziehungen mehr zu dem großen Nachbarstaate haben, als zu irgend einem anderen Lande,

Wir werden der Entwickelung der inneren Ver­hältnisse Frankreichs durch alle Wechselfälle mit voller Ruhe und Unbefangenheit folgen können. Je stärker und zuverlässiger die thalfächlichen Bürgschaften fijtb, welche für die Sicherheit des Deutschen Reiches in seiner jetzigen Ausdehnung gewonnen worden, desto aufrichtiger sind unsere Wünsche, daß Frankreich zu einer inneren Neugestaltung gelangen möge, welche dem Landeeine Aera wahrhafter Orduung und Frei­heit" bringe und zugleich den Weltfrieden fördern und befestigen helfe. (Prov.-Corresp )

Deutsches «eich.

« Berlin, 10. Sept. Ein großer Theil der deutschen Preste hat entschieden für den Capitän Wer­ner Partei ergriffen und dessen Abberufung lebhaft bedauert. In erster Linie war dies wohl durch die natürliche Sympathie hervorgerufen, welche in alle« national gesinnten Gemüthern jede Lebensäußerung

Hauptsache." DaS war sein Leibwort und der eben zutretende Sakemundidie klopfte ihm auf die Achsel und sagte blos:Fritz, Du bist ein Dunnerschlachtiger, wie sie im oberen Jtzgrund sagen!" Aber Niemand antwortete ihm, denn fast Alles sah ihn mit Staunen, die jüngeren Bursche fast mit Neid, die Mädchen mit Lächeln, die Buben aber mit Bewunderung an. Unser Sakernundidis war nämlich in seinem Festanzuge er­schienen, wie er ihn nur selten trug. Schneeweiß glän­zend leinene Hosen, fielen weit und saft in Windungen tief herab bis auf die Schuhe, über welche eben so weiße Gamaschen kaum bemerkbar hervorguckten. Er trug dann einen leichten, weit geöffneten grünen Rock, mehr Jacke als solcher, aber im Knopfloch drei Ordens­bänder, wie ein Postrath, eine rothe Weste mit großen silbernen Knöpfen, eine steife Cravatte, in den Ohren bummelten große Ohrenringe, ein glänzend gewichster Schnurrbart krönte die Oberlippe, ein fein gekämmter, dünner Backenbart verlor sich aber bald hinter den Ohren, den Kopf schmückte der Modetyrann ein trauriger Cylinder. Wer wußte, daß der alte Soldat an beiden Armen bis an die Achsel tätowirt war wie ein Mingo, der erriech sofort, daß sein Pri- catccftüm der alten französischen Armee unter dem I. Napoleon aus den letzten Feldzügen destelben ent­nommen war. Da schritt unser Sakemmidibie elastisch einher, allen Mädchen, die ihm begegneten, schalkhafte Reden zuwersend, mit leichten WendMHen des Körpers und doch kerzengerade, immer im Schritt, und es war

Die Hi«»elSay«ele.

Ländliche Erzählung von C. Fraas.

Die Kirche zu Wachenheim war im Herbst der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts im besonderen Festgewande. Der Baum der Minne, die bei allen unseren Kirchenfestlichkeiten nie fehlende Birke, schmückte an allen Pfeilern und Thoren des altersgrauen Mauer­werks Kirche und Thurm, die roth-weißen Fähnchen flatterten lustig an vielen Fenstern des letzteren heraus, die großen Teppiche spannten sich über die Altarstufen, di« Heiligenbilder waren mit Blumen verziert und schön murmelte die probirte Pauke, pfiff die Orgel­pfeife, zwickte die gestimmte Geige und quirlte die Elarinette das verlangte A im Aceord vom Chor, herab, sichere Zeichen für den früher Gekommenen, daß heute eine große Festlichkeit im Anzug sei.

Vor dem Portale aber standen dichtgedrängt und in Festkleidern die Kirchengänger, welche von weiterher, aus den eingepfarrten Dörfern und Weilern, von den Filialen gekommen waren, und immer noch strömten solche durch die weiten Straßen deS anmuthig den Hügel hinab sich ziehenden DorseS, welches eben die Kirche und das Pfarrhaus hier oben krönten. An der Kirchenmauer gelehnt standen noch, ehe der Gottes­dienst begann, Männer und Weiber, Jung und Alt, und ergötzten sich an der köstlichen Aussicht, die sich hier in weiter Ferne bot.

Der durch lachende Wiesen sich schlängelnde Fluß »atf blitzend daS Sonnenlicht in feinen Wellen zurück,

der finstere Tannenwald und der hellgrüne Laubwald umrahmten auf zwei Seiten in großer Entfernung die reich tragenden Fluren mit zahlreichen Obstbaum­gruppen auf vielgestaltigen Hügeln. Da und dort schaffen wie aus dem Hügel, auf dem die Kirche stand, graue Felsmassen in geringer Höhe empor, dem Jura­zuge angehörend und kahl.

Trotz der Nähe des uralten Asyles für Kummer und Noch, des geistige» Rüstzeuges im Jammer des Lebens, der Kirche, entzündete doch bald die heitere Natur den Frohsinn in der jüngeren Hälft« der Kirchen­gänger und der PhilippSschwelk zischelte dem Glaser- evchen allerlei Scherzhaftes in die Ohren, denn sie schlug mit ihrem Basilikumstrauß nach ihm, wurde feuerroth und ging zu einer anderen Gruppe.Ja, ja", sagte lächelnd der alte -Stengelsdik, der sich auch hier eingefunben hatte,solche Hochzeiten, wie die heu­tige, die sind eben nicht nach Euerem Geschmack. Lieber dem Gottseibeiuns lothweise sich verwiegen lasten, denn mit Einern Ruck iu den Himmel fliegen, daS ist so. Euer Brauch!" Und der kleine BalteS von Höfen raunte ihm Beifall zu.

Nun, 's ist Geschmacksache, Nachbar," meinte der Schloßfritz, den man den Specht bespitznamte und der gerne unterschied,in daS Kloster der barmherzigen Schwestern eintreten und ihren Dienst thun, ist zwar kein Honiglecken, aber eine Bauersfrau, die das Evche» einmal werden kann, hat auch Mühe und Noth genug, bis sie sich durch das Leben schlängt, pfiffig ist die