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Mr« 213 Alarkurg, Mittwoch, den 10. September.

1873.

Oberhessische Zcitiing.

Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 324 Sgr., durch die Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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ist gegen den Erzbischof Grafen LedochowSki bereits in neun verschiedenen Fällen wegen eigenmächtiger Anstellung von Geistlichen Seitens der Staatsanwalt­schaft Anklage erhoben worden. Dasselbe Blatt schreibt: „Nachdem die Verwaltung unseres städtischen Simultan­schulwesens die für dasselbe bestimmte geistliche Schul- inspectiou mit so dankenswerlher Energie beseitigt hat, droht den jungen Simultanschulen schon wieder von Seiten des katholischen Kirchenregiments ein Eingriff. Der Erzbischof LedochowSki hält in der künftigen Woche hier die üblichen Kirchen - Visitationen ab und hat auf Grund der Ober-Präsidial-Bestimmung vom 6. Februar 1873 die Dirigenten unserer Simultan- Stadtschulen durch die Pröpste auffordern lasten, die katholischen Schulkinder so wie die Lehrer und Lehre­rinnen an den Visitationstagen in die betreffenden katholischen Kirchen zu schicken, wo sie in der Religion geprüft werden sollen. Die Dirigenten haben In­struction vom Magistrat erbeten, und dieser hat sie zunächst angewiesen, der Aufforderung der Pröpste, der früheren Schulinspectoren, nicht Folge zu leisten und ihre Schulen und das Lehrer-Collegium nicht zu zereißen; gleichzeitig aber hat sich der Magistrat, wie wir erfahren, an den Ober-Präsident gewendet mit der Bitte, die angeführte Ober-Prästdial-Bestimmung aufzuheben, denn dieselbe konnte ihre Berechtigung haben, als unser Schulwesen confessionell war und und die geistliche Schulinspection besaß, sie darf aber auf keine Simultanschule ausgedehnt und angewendet werden, weil diese alsdann illusorisch und in kurzer Zeit wieder zur Confessionöschule werden würde, und das wird die Energie unseres Magistrats gewiß zu verhindern wissen."

Bielefeld, 5. Sept. Die „Wests. Zig." meldet einen schrecklichen Unglücksfall auS dem in der ver­gangenen Nacht in der Nähe von Enger stattgehabten Bivouac. Eines der leichten Offizierszelte hatte Feuer gefangen und die in tiefem Schlaf liegenden Bewohner retteten sich mit großer Mühe bi« auf einen — den Prem.-Lieutn. v. Ditfurth vom 55. Infanterie-Regi­ment. Dieser wurde, wie es scheint, in der allgemeinen Verwirrung erst später vermißt und als gräßlich ver­

brannte Leiche wiedergefunden. Die Ueberreste des Verunglückten wurden heute früh in daS hiesige La- zareth gebracht.

Dresden, 6. Sept. Um der wahrscheinlich ht der ersten Hälfte deS künftigen Monats zusammen­tretenden Ständeversammlung den Budgetentwurf recht­zeitig vorlegen zu können, entwickelt daS Finanzmini­sterium jetzt eine emsige Thätigkeit. Wie daS osfieielle „Dresdner Journal" mitzutheilen weiß, wird daS Budget, weil die letzte allgemeine Erhöhung der Be­amtengehälter um zehn bis zwölf Procent im Großen und Ganzen kaum hingereicht hat, um die Steigerung der Mielhpreise auszugleichen, dieses Mal noch weiter­gehende Anträge auf Gehaltserhöhungen enthalten, die sich bei den untern Elasten der Staatsdiener theilS auf 20 bis 25, theilS bei besonders niedrigen Besol­dungen auf 25 bis 30 Procent belaufen werden. Für die mittler» und höhern GehaltSclasten sollen ähnliche, wenn auch nicht gleich hohe Vermehrungen in Vor­schlag kommen.

Eisenach, 6. Sept. An dem in voriger Woche hier vereinigt gewesenen Congreste der Svcialdemo- kraten von der Richtung Bebel-Liebknecht hatten 71 Delegirte mit 134 Mandaten theilgenommen, welche 110 Orte und 9224 Parteigenossen vertraten.

Darmstadt, 8. Sept. Der zweite Ausschuß der ersten Kammer hat bereits die Berathung des Schulgesetzes begonnen und dürfte der dessallsige Be­richt noch im Laufe dieser Woche in Druck gehen. — Nach einer vorläufigen Ueberficht sollen die Staats­einnahmen in den zwei ersten Quartalen dieses Jahres die im Voranschlag angenommenen Summen sehr er­heblich überstiegen haben. — Gestern wurde vom hiesigen Bezirksstrafgericht die Anklagesache gegen PH. Brand und Consorten von Neu-Isenburg wegen Land­friedensbruchs verhandelt. Die Beschuldigten zehn an der Zahl, sollen sich, mit Ausnahme des Brand, der wegen seiner Jugend noch nicht vor das Schwurgerichts welches seiner Zeit die Rädelsführer des ExcefseS zu Zuchthausstrafe verurtheilte, gestellt werden konnte, bei dem fraglichen Vorfall in minder hervorragender Weise beteiligt haben, waS sie freilich größtentheilS

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Postämter 27 Sgr. (exel. Bestellgebühr und incl.

Deutsche« Reich.

** Berlin, 8. Sept. Die Ankunft des Königs Victor Emanuel in Berlin ist nunmehr auf den 22. festgesetzt worden und werden bis dahin sämmtliche Mitzlieder deSkaiserlichen Hofes hierher zurückgekehrt sein; denn es wird Nichts versäumt werden, um dem hohen Gast einen möglichst freundlichen und glän­zenden Empfang zu bereiten. Die Frage, in welcher Form dieser Besuch eingeleitet worden ist, läßt sich leicht genug dahin beantworten, daß wenn auf beiden Seiten die Geneigtheit vorhanden ist, das Uebrige sich l«cht findet. Der König von Italien soll zuerst direct oder inbirect angefragt und darauf die wärmste Ein Übung erhalten haben. — Die Wahlniederlage v. «leist-Retzow'S hat der „Germania" Veranlastung gegeben, ihren pharisäischen Hochmuth und Partei- zanatismuS wieder einmal zu documentiren. Aus der Niederlage v. Kleist-Retzow'S ist es der „Germania" unbedenklich, den Schluß zu ziehen, daß die altcon- servative Partei in Preußen ausgespielt habe; weiter folgert sie aus dieser Voraussetzung, daß die altcon- servative Partei und ihr Führer v. Kleist-Retzow ihren Untergang haben, weil ihnen das ChristeMhum gefehlt habe und wahre Christen sind demnach nur unter den Jesuiten zu finden; v. Kleist-Retzow gilt der „Ger­mania" nur alS „Viertel-" ober „halber" Christ, zur Strafe für seine Halbheit ist er nicht gewählt worden. Man sieht, aus Logik kommt es der „Germania" nicht an, „der Zweck heiligt die Mittel!" — Die „VolkSztg." hat ihr Mißfallen über das Aushängen der Gedenktafeln gefallener Krieger in den Kirchen zu erkennen gegeben und dagegen daS Aufhängen in den Rathhäuseru empfohlen, wie z. B. in München ge­schehen; dieser Vorschlag dürste aber doch nicht all gemein gebilligt werden, sondern nur in denjenigen «reisen, welchen ein RathhauS sympathischer ist als die Kirche. — Bei der Feier am 2. September ist nicht unbemerkt geblieben, daß jüdische Geistliche nicht anwesend waren. Die Concurrenz der Ressortverhält Bifle soll Sie Ursache sein, daß diese Geistlichkeit keine Einladung erhalten hat, ihre Vertreter zu schicken.

Pose», 6. Sept. Wie die Ostd. Ztg. meldet, ' ----------------- 1

Anin.

Erzählung von M. Dobson.

(Fortsetzung.)

Etwa eine halbe Stunde später betrat athemlos mit allen Zeichen der Aufregung Graf Paul das Schloß und rief dem ihm begegnenden Kastellan, wie emigen Dienern entgegen: „Zu Hülse! schnell! schnell! am Strande ist ein Unglück geschehen, ein Mord auS geführt — begleiten sie mich, Feldmann, indeß die Leute mit einer Tragbahre und Laterne folgen!"

„Ein Mord, Herr Gras?" erroieberte entsetzt der Kastellan, während Beide schon der UnglückSstätte zu- MPen.

„Aber wie ist es nur möglich?"

„Sagte ich Ihm« nicht bei meiner Ankunft, daß mir einige mehr alS verdächtige Gesellen begegnet seien? Aber hören Sie, ich war in der Fasanerie geblieben, »ährend mein Bruder mit Herrn Werner voranging, plötzlich war mir'S, als hörte ich einen unterdrückten Schrei, ich folgte dem Laut und fand Letzteren in feinem Blute, während von Ersterem keine Spur mehr »behänden war, eben so wenig aber von dem Mörder."

Jetzt hatten sie die Stelle erreicht, wo Friedrich öetner bereits entseelt dalog; das Blut quoll nur »och langsam aus bet tiefen Herzenswunde, die schönen 3ige hatte schon der Tod berührt und der Kastellan, ta neben ihm kniete, sagte zu seinem Begleiter: „Hier ’ft keine Hülfe mehr, Herr Graf. Zwei von den Leuten, die da kommen, können die Leiche in'S Schloß tragen, dichtend die übrigen mit den Laternen genau nach Tros Leopold forschem Außerdem muffen wir sogleich tat Inspektor nach der Stadt senden, damit die Ge- »ichtSbeamten die Untersuchung einleiten."

In diesem Augenblick langte auch der GutSver- »alter, der die Schreckenskunde vernommen, mit einer Anzahl Leute an; sie trugen Latenten, denn eS bun= tate schon, unb Tragbahren, ans welcher gleich darauf dir Leiche in'S Schloß getrogen warb. Da auch er

es für Pflicht hielt, die Criminalrichter so bald wie möglich herbeizurufen, so fand er eS für alle Fälle am Geeignetsten, selbst den vielleicht zweifachen Mord zur Anzeige zu bringen und fuhr auch nach kaum einer Viertelstunde der Stadt zu.

Unterdeß hatten bet Kastellan, Graf Paul unb bie Leute beim Laternenlicht bcn Erdboden untersucht unb Blutspuren gefunden. Diese verfolgend, erlangten sie bald bie Gewißheit, baß ber junge Mann entweder tobt oder lebend, jedenfalls aber verwundet gewesen, in den See hinabgestürzt sein muffe.

Mit dieser Entdeckung mußten sich die Suchenden begnügen lassen, jede weitere Aufklärung fehlte.

„Was wird nur Ihr unglücklicher Vater sagen, Herr Graf", sprach der Kastellan, als endlich beide Männer den Rückweg antraten. „Vielleicht lebt Ihr Bruder noch und ein vorüberfahrendes Schiff hat ihn ausgenommen, sonst zweifach Fluch über den doppelt schuldigen Mörder!"

Weshalb erbleichte Graf Paul bei dem laut ge­sprochenen Finch des alten, tieferschütterten Mannes? Weshalb gedachte er in demselben Augenblick jenes Brieses seiner Mutter, der ganz wörtlich den Fluch seines Vaters enthielt, den er gegen Denjenigen aus- gestoßen, ber seinen Sohn in Amerika verwundet hatte?"

Der Tag war noch nicht lange angebrochen, da kehrte auch schon der Verwalter nebst drei Unter­suchungsbeamten und dem Physikus aus der Stadt zurück. - -

Einer weiteren Erklärung bedurfte eS für sie nicht, da sie durch den Verwalter vollständig unterrichtet waren, und so begaben sie sich zuerst zu der Leiche, die noch unberührt dastand und welche sie genau unter suchten. „Hier läßt sich nichts seststellen", sagte ber Criminalrath, nachdem ber Arzt den Tod durch einen Dolchstoß in'S Herz conftatirt hatte. „Wir müssen jetzt in den Schloßgarten gehen und dort unsere Unter suchnngen vornehmen. Aber haben Sie", fuhr er zu

dem Grafen und dem Kastellan gewandt fort, „haben Sie nichts Verdächtige« gesehen? Vermögen Sie unS keine Spur anzugeben, welche wir weiter verfolgen könnten?"

Der Kastellan mußte diese Frage verneinend be­antworten, jedoch Graf Paul sagte: „Ich habe aller­dings bei meiner Ankunft vor einigen Tagen sehr verdächtige Vagabunden in dieser Gegend umher» streifen sehen, allein gestern habe ich Niemand ge­sehen."

„Der Mord de« Herrn ist um so unerklärlicher, da ihm nichts geraubt ist."

„Der Mörder mag durch mich verscheucht sein, denn sobald ich den Schrei hörte, eilte ich hinzu."

Auch die Beamten mußten unbefriedigter Sache nach dem Schlosse zurückkehren. Sie hatten zwar auch auf dem Geröüe des abschüssigen Ufers deutliche Blut­flecken gesehen, allein Graf Leopold, lebend ober tobt, blieb verschwunden, und eS war als gewiß anzu- nehmen, daß ihn die Fluthen des Bodensees hinweg­geführt

Der ThatKestand ward jetzt zu Protokoll genom­men und darauf sämmtliche zum Schlöffe gehörenden Personen in das Zimmer deS Verwalters beschiedm, um dort verhört zu werden. Der als gewandter Jn- quirent bekannte Kriminalrath jedoch vermochte auch hier nichts zu entdecken und die Beamten gewannen die Ueberzeugung, daß der Verbrecher, wer eS auch sei, nach einem wohlangelegten, zwar jetzt noch un­durchdringlichen Plane gehandelt und Vollführung der Thät schnell daS Weite gesucht habe.

„Eine Verfügung bleibt mir noch zu treffen," sprach der Richter, nachdem er hiermit daS Ver­hör geschloffen. „Keiner der jetzt hier Anwesenden darf in ber nächste« Zeit daS Gut verlaffe«. Es ist die Möglichkeit vorhanden, daß Graf Leopold noch am Leben, von einem Schiffe aufgenommen ist. Viel­leicht, aber auch wird irgendwo feine Leiche am Ufer