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1873

Marburg, Dienstag, den 9. September.

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aber die Herzen schlagen lauter aneinander, und die Thränen des Einen netzten das Antlitz des Anderen.

Der Schn reißt sich zuerst los, um seine Mutter zu begrüßen, wie auch Herr und Frau von Buchholz, indeß seine Gattin mit den kleinen Enkelinnen, die ganz erstaunt sind, dem von ihr so geliebten Vater in die Arme sinkt, der keine Worte hat, da- Uebermaß seines Glückes auszudrücken.

Diese Scene währte in ihrer Abwechselung noch lange, denn Jeder, auch der letzte Diener, muß be­grüßt werden, denn leuchtenden Antlitzes steht ein Jeder da.

Nur ein Auge blickt finster, eS wird jedoch in der allgemeinen Freude übersehen. Ein Auge blickle drohend auf den Erdhcrrn von Waldenau und voll leidenschaft­licher Glut auf dessen Gemahlin, welche argloS Beide sich der Freude dcS Wiedersehens überließen.

Neues Leben, fröhliches Treiben war jetzt auf dem alten Schlofie eingekehrt, dessen Ruhe Jahre hindurch nur selten durch ungewöhnliches Geräusch gestört wor­den war. AuS Fern und Nah langte Besuch an, die junge gräfliche Familie zu begrüßen, wo kleine Fest­lichkeiten dann die Folge desielbcn waren; die munteren Kinder trieben ihr Wesen in den unbewohnten Räu» men, und meistens waren Altersgenossen bei ihnen, die die kleinen Amerikanerinnen mit deulschen Spielen und Sitten bekannt machten. DaS alte Herrenhaus indeß sollte sich dieser Abwechselung nur während deS Winters freuen, denn Gras Leopold wollte für den bevorstehenden Sommer seinen Aufenthalt in dem Schloß am Meere" nehmen, welches er schon vor seiner Verbannung mit seiner Gemahlin zu bewohnen gedacht hatte. Er beschloß daher, mit seinem Freunde nach dem eine Tagereise entfernten HauSberge, dem eigentlichen Namen der Besitzung, zu reisen, um, wenn nöthig, für die Aufnahme seiner Gemahlin und Kinder noch Anordnungen zu treffen.

Früh an einem schönen Morgen zu Ende Februar sollte die Reise angetreten werden, und der Wagen, '

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Sept. Der heutigeStaatsanzeiger" bringt an seiner Spitze ein Handschreiben deS Kaisers ,n den Reichskanzler, welches denselben beauftragt, der großen Anzahl deutscher Vereine, Festgenossen­schaften und einzelnen Personen innerhalb und außer­halb deS Reiches seine erkenntlichen Empfindungen für s, viele neue rührende Beweise verehrungsvoller Auf­merksamkeit und treuer Anhänglichkeit zu erkennen zu geben, welche dem Kaiser an dem Tage zugegangen seien, an dem eS ihm vergönnt war, einem dem Heere von dem dankbaren Vaterland gewidmeten Denkmale die öffentliche Weihe zu geben. Die Frage bezüg­lich der staatlichen Anerkennung des attkaiholischen Bischofs Dr. ReinkenS soll bei den jüngst stattge­habten Berathungen deS preußischen Staatsministeriums in bejahendem Sinne entschieden worden sein. WaS die Dotirung deS Bischofs angeht, so ist dieselbe selbst­verständlich eine reine Budgetfrage. Die Gesammt- ausprägung der Reichsgoldmünzen stellt sich bis zum 23. August d. I. auf 801,895,640 Mark, wovon 725,205,160 Mark in Zwanzigmarkstücken und 126,690,480 Mark in Zehnmarkstücken bestehen. Zu der im Oktober stattfindenden Conferenz in Real schul-Angelcgenhciten sind nach derElb. Ztg." auS der Rheinprovinz eingeladen: Director Ostendorf aus Düsseldorf, Director Jaeger und AppellationsgerichtS- rath Reichensperger auS Köln.

Die letzten Nummern der ZeitschriftCon- eordia" brachten ein paar bemerkenSwerthe Aussätze auS der Feder von Prof. Nasse in Bonn überdie Ergebnisse der preußischen Klassen- und Einkommen- steuer-Emschätzungen nach ihrer socialen Bedeutung." In dem ersteren werden die übertriebenen Vorstellun­gen von der numerischen Stärke der lohnarbeitenden und überhaupt der besitzlosen Volksklaflen, welche ein oberflächlicher Blick auf die Steuerlisten zu erzeugen pflegt, und die bekanntlich u. A. auch eine Hauptwaffe L-ssalle'S bildeten, auf ihr richtiges Maß zurückge- sührt, und in dem zweitm behandelt der Versaffer die heikliche, aber darum nicht minder wichtige Frage

wir nicht, so wäre man auch schon längst viel ernst­licher auf eine Abhilfe dieser Nebelstände bedacht ge. wesen, wenn nicht politische Gründe entgegcnständen- Eine gründliche Reform der Einkommensteuerveran» lagung wird nämlich die Majorität des Abgeordneten­hauses nicht bkwilligen, wenn nicht zugleich die Steuer aus einer dauernden in eine jährlich nach Quoten zu bewilligende oder doch in eine im Gesammtertrag fixirte verwandelt wird. Die Staatsregierung will diese Con- cession nicht machen, ohne die doch alle weiteren Be­mühungen wahrscheinlich fruchtlose Arbeit sein würden ; und somit müssen denn, wie eS scheint, alle Reform- bestrebungen ruhen, bis in diesem Punkte die Uebcr- zeugungen der Regierung und der Volksvertretung sich einander genähert haben." Der Verfasser seinerseits ist der Ansicht,daß in unseren gegenwärtigen gesell­schaftlichen Zuständen der Schaden, den die öffentliche Moral auS den angeregten Mißständen erleidet, wich­tiger sei als der Streit um das Mehr oder Minder der parlamentarischen Rechte in Bezug auf die Be­willigung der Einkommensteuer."

Königsberg, 6. Sept. Die Cholera ist hier entschieden im Abnehmen. Tie Hartung'sche Zei­tung meldet, das KaufmannS-Vorsteheramt habe Denk­schriften über die Reform der Gesetzgebung und deS ActienwesenS an den Handelsminister, über den Han­delsvertrag mit Rußland an den Reichskanzler gerichtet. Die Hartung'sche Zeitung wird die wichtigen $)ccu- mcnte veröffentlichen.

Weimar, 6. Sept. Das sonst so stille Weimar bot heute einen ungemein belebten, festlich geschmückten Anblick dar. ES galt, den Einzug des Neuvermählten ErbgroßherzogS und seiner jugendlichen Gemahlin zu feiern, und die Stadt hatte wirklich alles Mögliche aufgeboten, sich im festlichsten Glanze dabei zu zeigen. Schon der Bahnhof war mit Kränzen und Fahnen in den schwarz-weiß-rothen deutschen und schwarz-grün­gelben weimar'schen Farben reich geschmückt, und gleichen Schmuck trugen fast ohne Ausnahme sämmtliche Häuser der Straßen, welche der Festzug passirte. Sehr hübsch und von wirklich künstlerischem Werthe war besonder»

die theure Muttersprache hörten, da eilten sie in. den nächststehenden Wagen, indeß ihr Begleiter sich der kleinen erstauntm Mädchen wie der Dienerschaft an­nahm.

Eine fast größere Rührung noch empfanden sie beim Betreten ihres eigentlichen Vaterlandes wie ihrer Besitzung, und als sie nun erst die früheren Diener, die bekannten alterthümlichcn Wagen sahen, da trat zum Glück Graf Paul zu ihnen heran und sein Er­scheinen, wie seine Begrüßung der ältere Bruder wußte um seine frühere Neigung zu seiner Gattin legte ihren Gefühlen einigen Zwang auf und lenkte sie in andere Bahnen.

In unbeschreiblicher Erregung stand der Schloß- Herr von Waldenau in der Vorhalle, neben ihm seine Gemahlin, wie Herr und Frau von Buchholz, indeß Die sämmtliche Dienerschaft vor dem Schlöffe versam­melt war, die sehnsüchtig Erwarteten zu empfangen.

Sie bleiben lange", sagte die Gräfin, den wechseln­den Ausdruck in den Züge» ihres Gemahls bemerkend, als lauschend dieser an Die Treppe trat und mit zit­ternder Stimme rief:Sie kommen! Sie kommen! Hören Sie nicht das Rufen und Jauchzen der Guts­leute, die Hufe der Pferde, wie das rafche Rollen der Räder? O, da sind sie schon!" und der greise Guts, Herr preßte seine Hände gegen das hochklcpfende Herz, indeß ihm unbewußt die Thränen in den weißen Bart rannen und Herr und Frau von Buchholz gleichfalls ihrer Bewegung freien Lauf ließen. Die Gräfin ver­hielt sich am ruhigsten; sie sah ein, daß ihr Traum von der künftigen Größe ihres Sohnes auSgeträumt war, wie auch, daß ihr Stiefsohn den Vorrang in Dem Herzen seines VaterS besaß

UnD jetzt hält der erste Wagen, der Verbannte springt heraus und liegt in den Armen seines Vaters, von dem er acht lange Jahre getrennt gewesen, indeß Die Anwesenden Graf Leopold und seine Familie mit lautem Jubel willkommen heißen.

Beide hielten sich eng umschlungen, Keiner spricht,

derZuverlässigkeit der Einschätzungen zur Einkorn mensteuer." Er gelangt in Bezug hierauf zu ebenso erstaunlichen als bedeutenden Ergebnissen. Auch ohne weiteres Nachdenken muß cS z. B. Jedem höchst auf fällig erscheinen, daß die einzige Stadt Berlin bei­läufig ein Fünftel des Steuerertrages der gesammten Monarchie aufbringt; und die Verwunderung muß sich steigern, wenn man hört, daß die ganze Provinz Westfalen mit ihrer großartigen Industrie, ihrem be­güterten Adel im Münsterland, ihrem wohlhabenden Stande mittlerer Landwirthe im ganzen nördlichen Theile der Provinz und doppelt so vielen Einwohnern wie Berlin noch nicht den vierten Theil, Hessen und Nassau mit Frankfurt a. M., Wiesbaden mit seinen vielen Rentiers, Hanau u. s. w. nicht die Hälfte beS Steuerbetrages der Hauptstadt erreicht. So weit fort­geschritten in der Centralisation deS Vermögens sind wir denn doch noch lange nicht, daß der Hinweis auf sie zur Erklärung dieser und ähnlicher Thalsachen genüge; dieselben erklären sich vielmehr daraus, daß es aus verschiedenen, von dem Verfasser näher ent­wickelten Gründen in Berlin weniger möglich oder leicht ist, die Stcuerpfiicht zu umgehen als in der Provinz. Der Verfasser gibt aber auch einen direkten Beweis: er rechnet nämlich heraus, daß sich schon allein an der Hand der Grund- und Gebäudesteuer, sowie deS Reinertrages der Privatbahnen und des Betrages der Zinsen der preußischen Staatsschuld ein Einkommen von mindestens 580 Millionen Thalern ergibt, ganz abgesehen von dem Ertrag der Berg werke, Banken und deS ganzen Gewerbebetriebes, des in ausländischen Werthpapieren angelegten Vermögens und deS Lohnes derjenigen zahlreichen Kategorien persönlicher Arbeit, welche ein Einkommen von höch­stens 1000 Thalern und mehr gewähren, wäh­rend dem Ertrage der Einkommensteuer (von 1872) ein eingeschätztes Gesammteinkommen von höchstens 262 Mill. Thlr. entspricht!Eine so großartige Umgehung der Steuerpflicht," bemerkt der Versaffer schließlich,muß in der Thal als ein wahrer socialer Nothstand bezeichnet werden. Irren wir

Kein.

Erzählung von M. Dobson.

(Fortsetzung.)

Auch die «einen Mädchen, welche kein Verständ- für die Thränen ihrer Eltern halten, kamen hinzu, ängstlich diese anblickend; als aber der Vater sie herzend und küssend in seine Arme nahm und ihnen "zählte, daß sie weit über'« Wasser nach Deutschland zu dem Großvater reisen würden, da klärten sich ihre lieblichen Gesichter auf, und in kindlicher Weife er­zählten sie bald Allen von dem Vergnügen, welches ihnen zunächst bevorstand.

DaS Wichtigste war, über die Plantage zu der- fügen, und Graf Leopold that eS zu Gunsten deS Freunde-, der feiner in der Stunde der Noch ange­nommen, indem er sie Dr. Groneveg für eine geringe Äaufjumme überließ, der Kränklichkeit halber seine Praxis in Baltimore ausgeben mußte und dem er da­durch eine sorgenfreie Zukunft sicherte.

Al» aber die Stunde deS Abschieds schlug, da trenntm sich Graf Waldenau und seine Gemahlin mit schweren Herzen von der Stätte, auf welcher ihnen sieben glückliche Jahre verflossen, die jedoch durch den Tod ihres Sohnes, wie die Trennung von der Heimalh getrübt waren.

In Begleitung Friedrich Werner'» schifften sie sich rin und erreichten nach glücklicher Fahrt Hamburg, dann ihr schönes Baden und endlich, als die letzte Station erreicht, hielten schon die Reifewagen, welche sie dem alten Grafensitze zuführen sollten.

Daß für sie die Ankunft auf deutschem HeimothS- ivden nicht mit der Ruhe und Gelassenheit erfolgte, »ie wir dieselbe jetzt zu beschreiben vermögen, wird Svviß der Leser annehmen. Im Gegentheil, ihre Thrä­nen floffen, als sie an einem Haren Novembermorgen i da» Verdeck des großen Dampfschiffes bestiegen und in der blauen Ferne die Thürme der großen Handels- Mt immer deutlicher hervortreten sahen; und nun I "st als sie an» Land stiegen und um sich her nur

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; Obcrhessische Zeitung