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Marüurg, Freitag, den 5. September.

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' deutsches Reichs

Berlin, 3. Sept. Am heutigen Tage, schreibt dieSperr. Ztg.", tritt in den Sitzungsräumen des Obertribunals zum ersten Mal der königliche Ge richtshof für kirchliche Angelegenheiten zusammen und wird sich zunächst mit seiner Constiluirung und der Feststellung seiner Geschäftsordnung zu befassen haben. Begründet durch das Gesetz vom 12. Mai, welches die Disciplinargewalt, die die geistlichen Oberen über die ihnen untergebenen kirchlichen Beamten und Re- ligionediener ausüben, den Hoheitsrechten des Staates gemäß einschränkt und unter bestimmte Rechtsformen stellt, ist der hohe Gerichtshof zunächst Berufungs­instanz für den Fall, daß die kirchlichen Behörden eine DiSciplinarstrafe gesetzwidrig verhängt oder eine AmiSenlsetzung im Widerspruch mit der klaren that sächlichen Lage und unter Verletzung der Gesetze und allgemeinen RechtSgrundsätzc ausgesprochen haben. Soll der Gerichtshof in dieser Hinsicht beschwerten und be drückten Geistlichen einen Rechtsschutz gewähren, so hat er dann ferner den Beruf, aus Antrag der Staats behörde eine Entscheidung in dem Fall zu treffen, daß die fernere Amtsthätigkeit eines Kirchendieners mit der öffentlichen Ordnung unverträglich scheint. Er ist dann befugt, durch sein gerichtliches Urtheil die Ent­lassung des Geistlichen aus seinem Amt auszusprechen. Weiter dient der Gerichtshof als Recursinstanz über die Gesetzmäßigkeit der Anordnungen und Verfügun­gen, welche die Verwaltung in Betreff der kirchlichen Borbildungsanstalten, Knabenseminare, Priesterseminare u. s. w. erläßt, und endlich kann an ihn, falls gegen die Anstellung oder Versetzung eines Geistlichen sei­

tens deS Oberpräsidenten Einspruch erhoben ist, wegen der Rechlmäßigk.it dieses Einspruchs Berufung ein­gelegt werden. Die hohe Bedeutung aller teufet Frrnc tionen liegt auf der Hand, und die fortschreitende Ge setzgebung tonte dieselben nocb erweitern. Der Ge­richtshof, den obersten Gerichtshöfen des Landes gleich­stehend, bietet in seiner Organisation und Zusammen setzung alle Garantien einer streng objektiven Rechts­pflege, und nur teer Theil deS CleruS, 6er die eigene Willkür und absolutistische Gewalt nicht eingeschränkt wissen will, lehnt sich gegen eine Institution auf, an der diese Willkür allerdings zerschellen wird. Der Gerichtshof hat übrigens schon heute, nachdem seine Mitglieder verpflichtet und das Geschäftsreglement berathen, einen praktischen Fall vorgenommen, die Berufung des suspend:rten Kaplans Mönnicke gegen den Bischof Martin von Paderborn. Es wurde zu­nächst beschlossen, dem Bischof die Beschwerde zur Beantwortung mitzutheilen.

Der Bericht der Reichs -Eommission über die Erforschung der Ursachen teer Cholera je. macht an erster Stelle darauf aufmerksam, daß über die Frage: ob die Cholera durch Ansteckung oder durch Uiteer tragung von Desertionen verbreitet werde, noch nicht endgültig entschieden sei. Namentlich haben zwei Falle während der Arbeit der Commission, wobei die Ver­breitung durch Ansteckung festgestellt war, den Beob­achtungen eine andere Richtung gegeben und die Com Mission auf jenen objektiven Standpunkt geführt. Man rühmt, daß der Vorsitzende, Professor v. Pettenkofer, von seinen eigenen persönlichen Anschauungen abftrahirt und erklärt habe, den Eingang weiterer Wahrneh­mungen für sein Urtheil abwarten zu wollen. Darüber ist die Commission einig, daß das Präservativmittel der Desinfektion durcbgängig noch nicht richtig ange­wendet werde, und daß ein Hauptaugenmerk darauf zu richten fei, daß zukünftig in allen Ortschaft,n mit

Bestimmung gewisser Persönlichkeiten zur Ausführung der Desinfektion vorgegangen werde.

lieber die Ursachen, welche die Vertagung des internationalen Poftcongr.sseS in Bern herbeigeführt haben, bringen einige Blätter als verbürgt noch fol­gende Mitiheilungen. Die Arifnahntz, welche die Ein­ladungsschreiben von teert einzelnen Regierungen em­pfangen haben, ist eine äußerst günstige gewesen. Von 18 Staaten haben sich 15 sofort bereit eit'ärt, Ver­treter nach Bern zu senden. Es bestätigt sich, daß Frankreich aus finanziellen Gründen wenigstens für die nächste Zeit seine Mitwirkung abgelehnt hat, da eS nicht daran denken könne, den Portotarif demnächst herabzufetzen. Die türkische Regierung hat in gewohnter Saumseligkeit noch keine Zeit gefunden, eine definitive Antwort zu erthetlen, doch glaubt man, daß dieselbe noch eintreffen unv günstig lauten wirte. Die Erklä­rung Rußlands endlich war für die Idee des Con- gresses fehr fymphatifch gehalten, hielt jedoch au8" äußerlichen Gründen" die Zeit des Zusammentrittes für nicht sehr geeignet und beantragte Vertagung deS CongresstS. Wegen teer großen Wichtigkeit, welche Rußlanv hinsichtlich seiner ungeheuren Ausdehnung für ein einheitliches Porto hat, befürworiete die deut- fche Regierung beim Schweizer Bund den VertagunzS« antrag des Petersburger CabinetS. Gegenüber einer Bemerkung des Journals de Geneve, daß teer russischen Regierung ein Versammlungsort in teer ihr mißliebigen Schweiz nicht gepaßt habe, wird dem Nord auS Pe­tersburg geschrieben, daß die russische Regierung ihre Betheiliguirg nur deßhalb abgelehut habe, weil sie sich erst von den Resultaten der so eben erst von ihr ab­geschlossenen Postverträge Kenntniß verschaffen wolle, bevor sie neue Verpflichtungen übernehme.

Posen, 3. Septbr. TieOstdeutsche Zeitung" meldet als ganz bestimmt, daß teer Erzbischof Le« dochowSky eine Anzahl Kleriker zur Ausbildung auf

Kai».

Erzählung von M. Dobson.

v* 3?-,n, ^Fortsetzung.) 7 _

So ganz mit den Bildern der Zukunft beschäftigt, die sie vielleicht schon bald nach Amerika führen sollte, gedachte sie kaum ihres Begleiters, als sie plötzlich dicht an ihr« Seite seine leidenschaftliche Stimme vernahm:

Selma, ich muß diese Gelegenheit, die einzige, - dir mir in langer Zeit geboten, benutzen, um Ihnen eine Mittheilung zu machen

Eine Mittheilung? Mir?"

Ja. Ich will kurz sein, denn die Zeit drängt, wir haben bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt. Selma, Sie müssen Ihr jetziges Verhältniß lösen, mtiireitoiöen aufgeben, denn ich liebe Sie und Sie wüsten die Meine werben!"

Sie vergessen wohl, Graf Paul, daß Sie zu fct Verlobten Ihres Bruders reden, die er in seinem s Briefe auffordert, ihm halte zu folgen und die fest entschlossen ist, seinen Wunsch zu erfüllen", rief, sich * hoch ausrichtend das junge Mädchen

Ich weiß nur, daß Sie mit einem Hochverräth« verlobt sind, daß sie diese Verlobung lösen können, lösen werden, der Ehre Ihrer Familie willen, aber »uch um Ihretwillen, denn eS kann nicht Ihre Absicht sein, sich lebenslänglich auS teer Heimath verbannen ' i» wollen, um an teer Seite eines ManneS zu leben, der zum Tode verurtheilt, Ihnen nur ein Dasein in ber Wi'dniß zu bieten vermag! Nein, Selma, geben Sie teen Gedanken daran auf, Sie sehen, man verfährt gegen Ihren Verlobten mit der ganzen Strenge öer Gesetzes, s.in Vermögen ist hin, teaS Ihrige wür­den Sie ebenfalls verlieren, in die Heimath darf kr niemals zurückkehren ich fl.he Sie Ihrer eige den Wohlfahrt willen an, lösen Sie die Verbindung, vchmen Sie meine Hand, und eine Zukunft als Gräfin Waldenau lege ich zu Ihren Füßen. Ich verlange nicht gleich Ihren Entschluß nach einigen tagen*

Und hätten Sie mir ein Königreich zu bieten, Graf Paul, ich würde es dennoch zurückweifen, denn

mein Herz gehört Ihrem Bruder und ich vermag nur einmal zu lieben."

Sie werden mich lieben lernen Selma", fuhr er fort,nicht gleich, aber später. Geben Sie mir nur eine leise Hoffnung, mir, ber Sie so unaussprechlich liebt!"

Ich kann es nicht", entgegnete besänftigt durch feine Worte baS junge Mädchen.

Unb dennoch mußt Du es!" rief er, die nichts Ahnende mit beiden Armen umschlingend.Mein mußt Du werden, ober bei Gott, eS entst.ht baraus ein entsetzliches Unglück für Dich, für uns Alle!"

Einen Augenblick nur hielt er sie gegen seine Brust gepreßt, bann entwanb sie sich seinen Armen unb sprach mit ruhiger Würbe:

Sie wagen mir zu brohen, Graf Paul? Wo durch habe ich ein solches Betragen von Ihr« Seite verdient?

Mochte nun der junge Mann das Unkluge seines Benehmens eingesehen haben, oder das Verfolgen seines Zieles auf eine gelegenen Zeit verschieben wollen, genug, er antwortete in ganz verändertem Tone:

Verzeihen Sie mir meine Heftigkeit, wie meine Liebe, Selma, die ich so lange bezwungen. DaS täg liche BeisammeNfein mit Ihnen jedoch hat mir die Besonnenheit geraubt, aber Sie werden niemals wieder davon hören! Und jetzt reichen Sie mir Ihre Hand zum Zeichen unferer Versöhnung!"

Er sprach diese Worte so bittend, im Tone so aufrichtiger Reue, daß Selma ihm ihre Hand reichte, die er lange in der ©einigen behielt und bann seine Lippen baraus preßte.

Sie glaubte an seine Reue und Aufrichtigkeit und war herzlich froh, die Sache so abgethan zu sehen; hätte sie jedoch den Blick gewahrt, teen er dabei auf sic heftete, sie wäre voll Bangen und Sorgen der Zukunft entgegengegangen.

Die Briefe waren unter der verabredeten Adresse abgegangen; zwei Wochen später folgte Friedrich Wer ner mit einer bebrütenden Summe Gelbes, nachdem er auf unbestimmte Zeit Abschied von der Familie genom­men, deren noch vor Kurzem so reges Zusammenleben dadurch eine Störung erlitt, daß H«r unb Frau von

Buchholz mit ihrer Nichte eine längere Reise nach dem ©üben antraten. Der Zweck derselben war, da sie die Verbinbung des jungen Mädchens mit Graf Wal- benau, dem Hochverrälher nicht billigten, burch Tren­nung dem Einfluß von bissen Vater zu entziehen, bem Selma mit kindlicher Liebe anhing, unb in anderer Umgebung sie noch während ihr« Minderjährigkeit zu bewegen, die Verlobung mit seinem Sohne aufzu­geben.

Den Briefwechsel mit bem alten Grafen, durch ben ihr die Briefe aus Amerika zugehen sollten, konn­ten sie nicht hii'bern, durch den Wechsel ihres Aufent­haltes aber mußte dieses oft unterbrochen werden.

Selma selbst war mit ber Reise sehr einoetftanben, da sie bavurch bem öfteren Zusammensein mit bem jungen Manne entging, welches ihr nach ber gehabten Scene peinlich war.

Auch Graf Paul v«ließ im neuen Jahre Walde­nau und kehrte, von sein« Mutt« reichlich mit Geld versehen, in seine Garnison zurück.

Nach ein« glücklichen, verhältnißmäßig sehr kurzen Reise langte Friedrich Werner, ber treue, unermübliche Freund bes Verbannten, in Newyork an.

Graf Leopold, ber durch die bereits erhaltenen Briese, die ihn üb« die ©einigen beruhigt hatten, von feiner Ueberfahrt wußte, befand sich im Hafen, und kaum hatte ber Fuß beS Rrisenben ben amerikanischen Boben betreten, als er auch schon von zwei Armen sich umfaßt fühlte, die ihn an ein hochklopfendeS Herz/ preßten. Die Freude teeS Wiedersehens läßt sich nicht beschreiben, Brust an Brust weinten laut die jungen Männer und erst in dem nahe gelegenen Hotel onge» langt, vermochte Leopold zu fragen:

Wie hast Du meinen Vater, wie Selma ver­lassen?"

Er hat Dir, wie er Dir selbst geschrieben, allen Kumm«, der ihn zwar zu einem frübzeingen Greise gemacht, vergeben, unb sendet Dir seine besten Segens - wünsche. Deine Mutier bageaen und Dein Bruder sind unversöhnlich gegen ben Hochverräth«. Selma ist uneeränbett, sie trägt muthig ihr Gesäick, teaS ihr, wie mir nicht entgangen, ben Jhrigm gegenüber nicht