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Mr. 206. Marburg, Dienstag, den 2. September.

1873.

Äterhessische Zeitung

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Deutsches Reich.

#» Berlin, 30. August. Von Seiten des Kriegs- winisteriums wird beabsichtigt für die Vorprüfung der Aspiranten zur Aufnahme in die militärärztlichen SildungSanstalten in Berlin eine Centralcommission eiiizusetzen, deren Thätigkeit im Mai 1874 beginnen soll. Im Jntereffe der Aspiranten sollen die Vor­prüfungen dem Aufuahmetermin möglichst nahe gelegt werden, letztere aber künftig kurz vor dem 1. April und 1. Oktober stattfinden. Mit Rücksicht hierauf sind durch Verfügung des Cultusministers die königl. Provinzialschulkollegien, die Gymnasial-Directoren an zewiesen worden, diejenigen Abiturienten, welche sich zur Ausnahme in die militärärztlichen Bildungsanfialten melden wollen, rechtzeitig mit einer beglaubigten Ab schrist des Maturitätszeugnisses zu versehen, falls etwa die Einhändigung dieser Zeugnifie selbst nicht früh genug sollte erfolgen können. Der Kaiser wurde gestern Abend auf fein ausdrückliches Verlangen ledig sich von dem Stadtkommandanten, General v. Schwarz­koppen, bei der Ankunft empfangen, welcher noch einige Allerhöchste Entschließungen in Empfang zu nehmen hatte. Bekanntlich ist General v. Schwarzkoppen Bor sitzender deS Ausschusses, welcher aus Vorschlag der Commission, die unter dem Vorfitz des General von Kameke die ersten Vorschläge für die Enthüllungsseier Allerhöchsten OrtS zu unterbreiten hatte, eingesetzt wurde und aus Vertretern der Ministerien des Innern, des Cultu«, und des Handels, unter Zuziehung von Bautechnikern und eines Vertreters der Thiergarten- Verwaltung zusammengesetzt ist. Als Vorsitzender dieses Ausschusses hat der General von Schwarzkoppen viel« sachach Gastein zu berichten gehabt und hatte auch gestern noch einige Vorschläge zu unterbreiten. Es bestätigt sich, daß Fürst BiSmarck am 31. hier ein tresfen wird und werden gleichzeitig der Ministerprä­sident, der Minister deS Innern und des Cultus in Berlin anwesend fein. Die hier versammelte luthe­rische Pastoralconferenz hat in der Presie eine sehr große Beachtung gefunden. Ohne uns für jetzt über dm Geist, über den Ton, in welchem die Verhandlungen geführt werden, oder über die gefaßten resp. vorge-

schlagenen Resolutionen ein Urtheil zu erlauben, muß doch schon jetzt auf zwei Thatsachen hingewiesen wer­den, deren Würdigung nicht umgangen werden kann. Wie schroff sich mündlich auch ein großer Theil der Versammlung der Staats- und Kirchenverwaliung, so wie der jüngsten Gesetzgebung gegenüberstellt, ist doch selbst von diesen entschiedenen Widersachern und zwar ohne erheblichen Widerspruch constatirt worden, daß die Staatsgewalt formell in ihrem Rechte ist; sodann aber hat man zuzestehen müssen, daß man über Ver­letzungen der evangelischen Kirche in ihrem Glaubens- bestande sich nicht zu beschweren habe. Erwägt man diese Zugeständniffe, so ist es freilich um so unbe­greiflicher, wie die in der Conferenz versammelten Ver­treter der lutherischen Kirche bei dem aus dringlichen Gründen veranlaßten Kampfe des Staates gegen den Ultramontanismus sich auf die Seite der Gegner des Staates stellen können und es drängt sich von selbst die Frage auf, ob dieselben sich bewußt sind, im Geiste LulherS zu handeln? Es ist natürlich, -daß diese Ver tretet der lutherischen Kirche die Beziehungen der Staatsgewalt zur Kirche empfindlich alteriren könnten wenn die Staatsregierung sich nicht in richtiger Wür digung ihrer Ehre und Pflicht über den Parteien zu halten wüßte. DasDeutsche Wochenblatt" hört, daß die Nachricht, die neue Provinzialordnung sei so weit im Entwurf vollendet, um nach der Rückkehr des Ministers des Innern dem Staatsministerium vor gelegt zu werden, unbegründet sei; trotz umfaffender Vorarbeiten sei die Angelegenheit noch nicht soweit vorgeschritten.

Aus der nunmehr veröffentlichten Instruction zu der wissenschaftlichen Staatsprüfung der Candi Baten des geistlichen Amts, welche durch das Gesetz vorn 11. Mai angeordnet ist, ist hervorzuheben, daß die Prüfung sich mit den drei Lehrfächern: Philo­sophie, Geschichte und deutsche Literatur befaffen soll. Der Candidat soll seine Bekanntschaft mit den ver­schiedenen philosophischen DiSciplinen und Systemen, git Psychologie, Logik und Pädagogik nachweisen; er soll einen sicheren Ueberblick über die allgemeine Ent­wicklung der Weltgeschichte besitzen und besonders mit der Geschichte der drei letzten Jahrhunderte und mit der vaterländischen Geschichte -vertraut fein und von dm zeilbcwegenden Ideen sowohl nach der politischen Seite als nach der der Culturentwicklung eine klare Vorstellung haben. In der deutschen Literatur muß

Einsicht in den inneren Entwicklungsgang und ein« gehendere Beschäftigung mit den bedeutendsten klassi­schen Werken nachgewiesen werden. Wie man sieht, ist die nationale Bildung der Geistlichkeit besonders be­tont und die in Rede stehende Prüfung dürfte wohl geeignet sein, einen mit den Ideen der heutigen Zeit und den geistigen Bedürfnissen des deutschen Volkes bester vertrauten CultuS zu gewinnen, als es wenig­stens der katholische bisher gewesen. Die Wahl deS Prüfungsortes, die wohl in den meisten Fällen auf die Provinzialnniversität fallen dürfte, sowie die Be­stimmung, unter welchen Bedingungen die Staatsprü­fung mit der theologischen Prüfung verbunden werden kann, behält sich die Verwaltung vor.

Hannover, 30. Aug. Der Juristentag berieth heute über Vorsichtsmaßregeln der Gesetzgebung gegen die unsolide Begründung und mißbräuchliche Verwal­tung von Aktiengesellschaften. Der Juristentag beschloß: 1) die Gründer haben in einem unterschriebenen Pro­spekte die für die Gründung wichtigsten Angaben, na­mentlich über nicht in Geld bestehende Einlagen kund­zugeben, sind 2) solidarisch haftbar zu erklären für jede Täuschung sowohl bezüglich dieses Prospektes und deS Vorhandenseins und WertheS der Actienzeichnungen wie für geleistete Einzahlungen, 3) die Bestimmung, welche gestattet, nach der Einzahlung von 40 pCt. die Jnhaberactienzeichner von der Haftung für weitere Einzahlungen zu befreien, ist aufzuheben. 4) die Ge­richte sind zu ermächtigen, jederzeit auf Antrag der Actionäre die Mittheilung der Bilanz und sonstiger Aufklärungen sowie die Vorlegung der Bücher zu vn- anlassen, 5) jedem Aktionär ist, soweit eS fein In tereffe erheischt, daS Klazerccht auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften und Statutenbestimmungen über die Geschäftsführung zuzugestehen. Rach diesen Beschlüssen wurde der Juriftentag geschloffen. -Bevor derselbe auSeinanderging, wurde eine ständige Depu­tation gewählt, welche aus folgenden Herren besteht: Dhomson (Hannover), Brunner (Berlin), Kühne (Celle), Kunowsky (Berlin), Meyer (Thorn), Mac- kower (Berlin), Jung (Frankfurt), Wächter (Leipzig), Borchardt (Berlin), Schwartze (Dresden), v. Steng- lein (München) Hausen (München), v. Kißling (Linz), Jaques (Wien), v. Süsser (Karlsruhe), Wiedemann (Stuttgart), Albrecht (Hamburg), Becker (Oldenburg) und Drechsler (Leipzig.) Die vorgestrige Corso- fahrt, svelche unter den günstigsten Ausptcien begann,

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"1" ii./j-,. Erzählung von M. Dobsoü.

ZN einer von der Natur mit Schönheit verschwelt befisch ausgestattktm Gegend Badens, zwischen Bergen und Holzungen, liegt Waldenau, eine große Besitzung be» an Gütern so reichen Majoratsherrn Grafen von Waldenau. (Da die Hauptpersonen der in diesen Blättern geschilderten Begebenheit noch leben, ist selbst verständlich der Name ein fingrrter.) Er wohnte dort mit feiner zweiten Gemahlin und seinem ältesten Sohne Leopold, während der jüngere, Paul, aus zweiter Ehe, in einer entfernten Garnison alS Offizier stand. Graf Leopold hatte seit längerer Zeit schon feine Studien vollendet, war dann auf Reifen gegangen und erst kürzlich zurückgekehrt, um auf besonderen Wunsch seines BaterS sich bei der Verwaltung der zerstreut liegenden Besitzungm zu betheiligen. Daß für ihn indeß die Sache nicht gar fo ernst und schwierig werden würde, ihtg daraus hervor, daß ein junger Mann, Friedrich ferner, einige Jahre älter als Graf Leopold und mit liefern erzogen, ihm in dm ihm zufallenden Ar­beiten behülflich fein sollte. Für dm Augenblick jedoch befand sich der junge Mann, behufs Studien land- mitthschaftlicher Maschinen, in England. Uebrigens b«te eS mit ihm, wie sich die Seute erzählten, eine ^sondere Bewandtniß; er sollte der uneheliche Sohn eines Bruders der verstorbenen Gräfin sein, war auch bem ältesten Sohne des Grafen, der feiner Mutter sehr glich, zum Verwechseln ähnlich, und ward von biesem wie dem alten Gutsherr« sehr geliebt; desto menigtr dagegen von Gräfin Adelheid und ihrem Sohne, welche auch Beide, habgierig und ehrgeizig, wie sie Waren, einen zwar tiefverborgrnm Haß gegen den

jungen Majoratserben hegten, der indeß keine Ahnung davon hatte, und gegen Mutter und Bruder sich herz­lich und frmndlich bewies, ja Letzterem, der ein Spieler und Verschwender war, oft aus eigenen Mitteln Zu schuß zukommen ließ.

Die nächsten GuiSnachbaren deS noch von vielen Beamten und Tagelöhnern bewohnten Gutes waren dn Herr von Buchholz mit seiner Gattin, die keine eigenen Kinder besaßen, sondern eine Nichte und reiche Waise erzogen hatten, deren Vormuub--der Onkel war. Leide Familien lebten in freundschaftlichstem Verkehr, und auch an dem Tage, au welchem unsere Erzählung beginnt, in der Dämmerung eines Märznachmittags um die Mitte des Monats, finden wir die gräfliche Familie auf dem Wege nach Buchholz, da der junge Erbe erst kürzlich, wie schon bemerkt, heimgekehrt, sich dort als wieder anwesend vorst-Herr wollte. 1

Wir bekommen Besuch, liebe Tante", rief Selma von Buchholz, welche eben ihre Handarbeit bei Seite legte, da das Tageslicht fast verschwunden war, und dabei in dm Park hineinblickte, durch den der Weg zum Herrenhause führte, auf dem ein vierspänniger Wagen heranrollte.Ich glaube, eS sind Waldenau'S. Ich will schnell dem Onkel diese Nachricht bringen, der mit dem Verwalter bei den WirthschaftSbüchern beschäftigt ist", und dienstfertig eilte baS junge Mäd­chen zum Vormund, in Wahrheit aber nur um sich zu sammeln, denn die unerwartete Freude, den jungen Nachbar wieder zu sehen, hatte ihr baS Blut zum Herzen unb in die Wangen getrieben, und sie mußte ihre ganze Selbstbeherischung aufbieten, diese verräthe rischen Zeichen zu unterdrücken, weil bereits der Wagen

vorfuhr und ihr nur noch die Zeit übrig blieb, inS Zimmer zur Tante zu schlüpfen.

Willkommen, Frau Gräfin, willkommen, mein lieber Waldenau!" rief herzlich den jetzt Eintretmden der Gutsherr entgegen.Aber da haben wir ja auch den vielgereisten jungen Herrn wieder. Nun, herzlich willkommen in der Heimath, Leopold, die Du hoffent­lich sobald nicht wieder verlassen wirst."

Unter diesen herzlichen Begrüßungen hatte Herr von Buchholz bereits den Besuch in ein Entreezimmer geführt, dieser sich seiner Winterumhüllungen entledigt, und Alle betraten jetzt daS große, äußerst behagliche Wohngemach, dem sich mehrere kleine elegante Cabinete anschloffen, die zum Spielen, Rauchen, Lesen und Musiciren benutzt wurden und stets zur Aufnahme der Gäste bereit standen.

Nicht minder freundlich waren die Begrüßungen der Damen vom Haufe; zum Glück war j tzt die Dämmerung fast vollständig eingetreten, fonst wäre den Anweseiiben doch baS höhere Roth im Angesichte Selma'S nicht entgangen, das ihre tiefe Erregung ver­riet^, als einen Augenblick länger als nöthig Graf Leopold ihre Hand in der feinen hielt, während ein gegenseitiger Blick sie erkennen ließ, daß sie einander nicht vergessen, daß die Zuneigung der Kinder in ihr jetziges Alter hinübergegangen war, und eS gewiß nur einer geringen Veranlagung bedurfte, um ihre Liebe zu Tage zu fördern.

Unb diese Veranlassung fand sich, oder ward viel­mehr durch Graf Leopold, der trotz der Dämmerung die Erregung Selmas entdeckt hatte, denn baS Auge der Liebe sieht scharf, hexbeige uhrt.

AIS nach eingenommenem Thee der Spielfisch auS-