Ur« ISS. Marburg, Sonnabend, den 23. August. 1873.
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V Oterhessische Zeitung. 1
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Deutsches «eich.
«* Berlin, 21. August. Täglich werden mehr Städte und Ortschaften bekannt, welche den 2. September d. I. festlich begehen wollen und somit scheint der hierzu anregende Gedanke Seitens der „Prov.- Lorresp." doch aus einen sehr fruchtbaren Boden ge sollen zu sein; eS erweist sich übrigens in allen über die Feier des Tage« sprechenden Kundgebungen, dah die Nation diesen Tag von nun ab als Gedenktag behalten und erhalten wird. In Berlin nimmt der Zestplatz seinen feierlichen Charakter an und sind auch bereits die Einladungen an die zur Enthüllung des Denkmals Eingrladenen ergangen, wodurch denn auch die von oppositionellen Blättern gethane Befürchtung, daß das Fest nur einen rein militärischen Charakter haben «erde, widerlegt wird; denn eS sind zahlreiche Einladungen Xln die Vertreter der Städte Berlin, Potsdam, Charlottenburg, Spandau und Brandenburg ofolflt. — In mehreren Zeitungen wird bereits daran erinnert, daß für die Räumung von Verdun und der ktappenstraßen die Vorbereitungen getroffen worden stnd; es ist dies die natürliche Folge des Vertrages tom 15. März v. I., wonach nach Zahlung der letzten WlliaÄe innerhalb 14 Tagen, vom 5. September oa gerechnet, erfolgen muß. Durch königlichen Erlaß eom 29. Juli sind die Bestimmungen getroffen über bie Demobilmachung des ObercommandoS der Occu- pationsarmee. — Aus Melburne kommt die Nachricht, daß. ein Spekulant nach Deutschland machen ehb, um Kapitalien zu sammeln für Ausgrabung ton Gold. Wie man aber erfährt, soll diesem Pro- ject kein Vertrauen zuzuschreiben sein, und eS haben daher die Minister des Innern und des Handels eine Verfügung erlaffen, in welcher die Provinzialbehörden aufgefordert werden, das Publikum zu warnen. — Nach einer Zusammenstellung, welche autorisirten Eharakter trägt, sind im Jahre 1872 zur evangelischen Kirche übergetreten (Juden, Katholiken und Dissidenten) in den alten Provinzen und zwar in Preußen 2135, Brandenburg 2173, Pommern 307, Posen 992, Schlesien 5579 (darunter 5378 Katholiken), Sachsen 976, Westfalen 1350, Rheinprovinz 2962 Personen. Unter diesen sind 55 Juden, 15,455 Katholiken und 964 Dissidenten, in Summa 16,474 Personen.
Straßburg, 21. Aug. Die '„Straßburger Zeitung" sagt ofsiciös, daß nur bei denjenigen Kreis lagen die gesetzliche Beschlußunfghigkeit eingetreten sei,
wo eine allgemeine Verweigerung des vorgeschriebenen Eides stattgefunden habe. — Der kaiserliche Rath für Elsaß-Lothringen hat heute die erste öffentliche Sitzung gehalten. ES wurde über Wahlreclamationen aus Vic und Thann verhandelt. — Das Schuljahr des kaiserlichen LyceumS hat mit der Zahl von 556 Schü lern geschlossen, unter denen sich 122 Elsässer, 398 eingewanderte Deutsche und 36 Ausländer befanden. Der Confession nach waren 416 Evangelische, 108 Katholiken und 32 Israeliten unter den Schülern. Im Laufe des Winters wurde es 6 und im Sommer 3 Primanern gestattet, das Abiturienten - Examen zu machen. Am Schluffe des Schuljahres wirkten 31 Lehrer. Leider verlor die Anstalt einen ihrer wissen- schaftlich bedeutendsten Lehrer, Herrn Dr. Seeger (aus Köln), durch einen «m 6. Januar im LyceumSgebäude ausgebrochenen Brand. <■
AuSlattv,
Wien, 19. Aug. Gestern fand im Saale der Reitschule in der kaiserlichen Burg der feierliche Act der Preisvertheilung statt. Die durch die Erinnerung an das Tagen deS ersten österreichischen Reichstages (1848) geheiligten Räume boten ein schönes, abwech. selungsreiches Bild dar, wenngleich die Feierlichkeit als solche Manches zu wünschen übrig ließ, besonders wenn man sich des Glanzes und der geschmackvollen Anordnungen erinnerte, welche bei demselben Fest in Paris 1867 vorgewaltct hatten. In dieser Beziehung blieb von den Franzosen noch viel zu lernen übrig. Die bei Gelegenheit der gestrigen Feier gehaltenen Reden der Erzherzoge und deS „Ausstellers", der ihnen programmgemäß antwortete, gingen über den Rahmen deS Ueberlieferten nicht hinaus, ein wirklich erhebendes Wort, ein neuer Gedanke, eine kühne Perspektive wäre in diesem amtlichen Höflichkeitsaustausch umsonst gesucht worden. — Vorgestern Abend fand im Wiener Stadtpark da» von der Commune Wien zu Ehren der Weltausstellung veranstaltete Fest statt, daS, obwohl in den Grenzen bescheidener Ausstattung gehalten, dennoch den freundlichsten Eindruck auf alle Geladenen machen mußte. Das kalte Buffet mit den österreichischen Weinen fand allgemeinste Anerkennung; die Sommernacht in dem herrlichen Park war lind und lau, die Illumination glänzend, die Musik von Johann Strauß selbst dirigirt. Alles Gebotene zeugte eben sowohl von der gastlichen Gesin
nung, als von dem Geschick der Gastgeber, die Ein«, geladenen aufs angemeffeneste zu unterhalten.
Luzern, 19. Aug. Am Sonnabend wurde Herrn Thiers eine Serenade gebracht. Eine Abtheilung der Feldmusik (in Civil) spielte mehrere Stücke. Dazwischen sang eine Abtheilung von der „Liedertafel" unter Lei- tung des Herrn Musik-DirectorS Arnold drei Lieder: „Frühlingsahnung", daS schöne „VaterlanbSlftb" von Baumgartner und das bekannte Mendelssohn'sche Wanderlied „Wem Gott will rechte Gunst erweisen". Herr ThierS saß längere Zeit auf dem Balkone, rechts neben sich seine Gemahlin, links Frl. Dosne. Die Zauberklänge in Baumgartner'S Lied an das Vaterland schienen den gewesenen Präsidenten Frankreichs besonderergriffen zu haben, denn er klatschte lebhaft Beifall. Eine ungeheuere Menschenmasse wogte vor dem „HStel National" auf und nieder, dessen Anlagen herrlich beleuchtet waren. Die Serenade endete um 1/210 Uhr, nachdem sich der Gefeierte schon vorher vom Balkon rurückaeroaen batte.
Genf, 21. Aug. Gestern Abend hat bie Oeff- gung der Leiche deS Herzog- von Braunschweig statt- gefunden und stellte sich heraus, daß er einem Gehirn- schlag erlegen ist. Die Eingeweide wurden, den Bestimmungen des Testaments entsprechend, zwei Chemikern zur Untersuchung übergeben. — Heute ist der Stadtrath von Genf zu einer Sitzung berufen worden, in welcher über die Annahme des Testaments berathen werden soll. Montag findet wahrscheinlich die Bei- setzung statt. Ob bei dieser Feierlichkeit die Familie deS Herzogs vertreten fein wird, weiß man noch nicht. — Dem verstorbenen Herzog Carl von Braunschweig widmet die „Voff. Ztg." folgenden treffenden Nekrolog: Carls Vater war in der Schlacht bei Ouatre- bras am 15. Juli 1815 gefallen, als karrst 11 Jahre alt war. Als Stellvertreter seines Vormundes, de« Königs Georg IV. von England, verwaltete Graf Münster das Herzoglhum Braunschweig, bis Carl am 30. October 1823, neunzehn Jahre alt, die Regierung übernahm, um da» monarchische System gründlich zu compromittiren. AuS kindisches Haß gegen seinen Vormund und Graf Münster, wurden die von letzterem geschaffenen Einrichtungen beseitigt, die in die Verwaltung berufenen Männer enlsrrnt, Günstlinge, meist unfähige charakterlose Menschen, wurden in die Aemter und die Nähe des Herzog« gezogm. Die Unzufriedenheit, welche diese Maßregeln weckten, rief ein
Des Schicksals Fügung.
Novell« von Ew- Aug. König.
(Fortsetzung.)
Der Freiherr war noch ein rüstiger, dabei leut- seliger Herr, in seinem äußern Auftreten voll Würde mb Hoheit, ein Aristokrat vom reinsten Wasser; die Eigenschaften, welche man der Geldaristokratie, und N» n vielen Fällen mit Recht, zum Vorwurf macht, Geringschätzung der unteren Stände, Haschen nach Aßcrem Prunk und spöttelndes, verächtliches Hinab- ichen auf den schlichten Handwerker, fehlte ihm gänz- Mit zuvorkommender Freundlichkeit, ohne jevoch inner Würde etwas zu vergeben, bat er den Bilv taer, Platz zu nehmen und ihm zu sagen, womit er No dienen könne.
Ein solcher Empfang mußte Hartwig entwaffnen, milde, freundliche Auge, welches auf ihm ruhte, iriich ftinem Zorne die Spitze ab, und gewaltsam •u&te er sich den ganzen Vorfall, wie Pauline ihn Mhlt hatte, ins Gedächtniß zurückrufen, um seinem Ersätze treu bleiben zu können.
„Sie haben einen Sohn, gnädiger Herr," hob er einer Weile an, „und ich besitze eine Tochter, w Sie ja wohl kennen, Pauline Hartwig." ' Der Freiherr nitfte, und ein düsterer Schatten über seine Stirne.
„Schon längst hatte ich Ihren Sohn im Veracht, daß er sich dem Mädchen mehr nähere, als für •* Ruhe des unschuldigen Kinde« gerathen sei," fuhr Hartwig fort, „aber mein Herz dachte nicht daran, iaB Freiherr Eugen von Gebaur seine Ehre so ver Wn könne und zu Gewaltmitteln seine Zuflucht *hmeu werde, um —*
„Halt!" unterbrach ihn der Freiherr. „Reden Sie von der Ehre meines HauseS in gelinderen Ausdrücken, Herr Hartwig; bis heute hat eS noch Niemand gewagt, dieselbe anzutasten und ich möchte Nie manden rächen, dies ohne die gültigsten Beweismittel zu thun."
„Ich besitze diese Beweismittel," entgegnete Hartwig, deffen Zorn bei dem Einwurf deS Freiherrn neu aufflammte. „Vor einer halben Stunde hat Ihr Sohn den Versuch gemacht, meine Tochter gewaltsam zu entführen; waö ihn dazu bewog, darüber wollen wir Beide uns keinen Vermulhungen hingeben. Wollen Sie Beweise, ich bin bereit, sie zu geben; Ihr Sohn lag mit dem Wucherer Kleber unter der Decke, Kleber wußte unter dem Vorwande, er habe einen Auftrag für sie, meine Tochter in sein Haus zu locken, der Wagen des jungen Herrn hielt vor der Thüre, und der Bubenstreich wäre gelungen, wenn nicht Gottes Hand denselben vereitelt hätte."
Ruhig, gewaltsam den Sturm zurückdrängend, der in seinem Innern tobte, erhob sich der Freiherr und zog die Glocke.
»Ist Eugen zu Hause?" fragte er den Diener, der jo rasch erschien, daß der Freiherr, wäre er nicht zu sehr beschäftigt gewesen, sofort hätte schließen müssen, derselbe habe spionirt.
„Der junge Herr ist vor einer Viertelstunde zu- rückgckehrt," erwiderte der Letztere, „hat sich aber sofort ins Bett gelegt und klagt über heftiges Kopfweh."
„Das glaube ich," versetzte Hartwig, nachdem der Diener sich entfernt hatte, „der Schlag, welcher ihn zu Boden warf, war gewiß kein janfter."
„Ich werde ihn au- dem Bette holen laffen," erwiderte der Freiherr.
„Nein, thun Sie das nicht," fiel der Bildhauer ihm ins Wort, „ich mag nicht Zeuge solcher Familienscene sein, denn ich weiß es an mir selbst, wie bitter eS für den Vater und Sohn ist, wenn ein Fremder zwischen sie tritt. Machen Sie das allein in Ruhe mit Ihrem Sohne ab, nur bitte ich Sie, dafür zu sorgen, daß dieser Vorfall sich nicht wiederhole; der Bräutigam meiner Tochter versteht in dergleichen Dingen eben so wenig Scherz wie ich, und ich stehe Ihnen nicht dafür, daß Ihr Sohn eine fernere Ge- waltlhat gegen daS Mädchen mit seinem Leben büßen müßte."
„So war eS also der Bräutigam Ihrer Tochter, welcher die Entführung vereitelte?" fragte der Frei- Herr.
„Nein, ein Freund von diesem," fuhr Hartwig fort, während er sich erhob, „wie ich höre, halte der Zufall ihn mit dem sauberen Plane bekannt gemacht; er übemahm die Rolle des Kutscher-, welcher den jungen Herrn und deffen Opfer zur nächsten Eisenbahnstation bringen sollte, ersetzte im entscheidenden Moment dem Entführer einen Schlag, der ihn für einen Augenblick bewußtlos machte."
Der Freiherr ging mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Schon ost hatte er gerüchtweise von dem wüsten Lebenswandel seine« Sohnes gehört, bis jetzt aber geglaubt, daß diese Gerüchie erfunden ober doch übertrieben seien. Um so schmerzlicher traf es ihn, den rechtlich denkenden, streng auf seine Grundsätze haltenden Mann, deffen Seele gegen jede Ge- meinheit, gegen jede Schurkerei sich empörte, al« er