>r. 19$. Marburg, Mittwoch, bett 20. August. 1873.
Wberhessische
ZeltungU
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Deutsches «eich.
•• Berlin, 18. August. Es ist natürlich nicht unbemerkt geblieben, daß sofort nach der Zusammen kunst in FrohSdvrf die Andeutungen und Vcnnu- thungen von einer Begünstigung der FusionSbestre- buugen Seitens der österreichischen Regierung in deren Preßorganen schleunige und entschiedene Zurückwei sung erfahren haben. Diese Ablehnung jeder Begünstigung der Fusionsverhandlungen ist jedoch nicht dabei stehen geblieben, für die österreichische Regierung das Protectorat zu deSavduiren, sondern man hat sich auch beeilt, den etwaigen Einwendungen zuvorzukommen, daß die Sympathieen nicht gerade in RegierungS- krrisen, aber doch in sehr einflußreichen Hofkreisen gehegt würden. Auch für letztere soll der Protest nach neueren Kundgebungen unbedingt gelten und namentlich in Italien wird man wohl nicht ohne Befriedigung von dieser strengen Zurückhaltung Oesterreichs in der FustonSangelegenheit Act nehmen. Man darf darin die bewußte Intention finden, jede Störung der freundlichen Beziehungen zu den Nachbarstaaten zu vermeiden, denn der Ultramontanismus würde nicht verfehlen, jede von einer Regierung der Fusion sicht bar zugewendete Sympathie zu seinen Gunsten auszubeuten. Dies scheint man in Wien zu berücksichtigen und zu besonderer Zurückhaltung sich dienen zu lassen. — Wie zu erwarten war, hat die „Kreuzztg." heute auch die Erwiderung auf den letzten Artikel der „Prov.-Corresp." vom Stapel gelassen. Die darin angewendete Taktik ist jedoch eine yi verbrauchte, um wirksam sein zu können. Die „Kreuzztg.^ ignorirt alle thatsächlichen Kundgebungen und die Existenz der jetzigen konservativen Parteien im Land- und Reichs tag, welche von der Tendenz zur Unterstützung der RegierungSpolitik Zcugniß ablcgen und nimmt an, daß die konservative Partei nur aus den Fraktionen Kleist-Retzow, Gerlach u. s. w. bestehe. Die Täuschung ist ein schwaches Verlegenheitsmittel, Niemand laßt sich dadurch irre leiten. — Der Schn des Vice-
königs von Egypten, Prinz Hassan, wird im 1. Garde- Dragoner Regiment Dienst nehmen.
— Durch ein Schreiben des KriegSministeriums vom 11. d. M. wird das Finanzministerium in Kennt niß gesetzt, daß die Plätze Graudenz, Kosel, Stettin, Wittenberg, Erfurt und Minden nunmehr den Charakter als Festungen verloren haben, und daß Stralsund und Cclberg fortan nur theilweise befestigt bleiben; daß in Folge besten die Commandanturen dieser acht Orte Anweisung erhalten werden, von einem noch zu -bestimmenden Termine an von dem Thorverschluß gänzlich abzusehen und den Steuerbeamten allein den Nachtdienst an den Thoren zu überlasten. Heber die Bestimmung dieses Termins, den das Kriegs-Ministerium möglichst kurz zu setzen wünscht, haben die Com mandanturen sich mit den betreffenden Steuerbehörden direkt ins Einvernehmen zu setzen, jedoch spätestens den ersten Oktober d. I. als solchen Termin zu wählen.
— Wie der Kaiser ein Kriegs-Album hat anlegen lassen, welches jedoch der königlichen Bibliothek überwiesen wurde, so besitzt auch der Kronprinz ein der artiges Album, welches in zwei riesigen Folianten allerhand Denkwürdigkeiten an den Krieg von 1870/71 in Wört und Bild enthält. Der Kronprinz hat im vorigen Winter zu Wiesbaden diese reichhaltige Sammlung selbst geordnet. Theils ernsten, theils heiteren Genres wechseln Federzeichnungen, Buntdrucke, Holzschnitte, Proklamationen in großer Mannigfaltigkeit mit anderen Erinnerungszeichen ab. Besonderes Vergnügen mögen dem Kronprinzen eine Anzahl in Amerika erschienener Porträts der berühmten deutschen Heerführer und Staatsmänner gemacht haben, welche vollkommene Phantasieschöpsungen oder Porträts ganz unbekannter Personen sind. Einen werthvollen Schmuck des Albums bilden dagegen die Original-Feder- ober Stift-Zeichnungen, welche, wie es den Anschein hat, von der Hand geschickter Offiziere herrühren. Besonders groß ist die Zahl der Bilder aus der Belagerung von Paris. Da erblickt man die Haupt-Schan-
Des Schicksals Fngaag.
Novelle von Ew. Ang. König. S '■
M.-,Hüll’ n (Fortsetzung.) .
Ä.W T> Fünftes Kapitel. tu
's rt-j Unsanfte Ueberraschung.
In derselben Stunde, in welcher der Wucherer verhaftet wurde, schritt Lohhausen der Wohnung des Kutschers zu, bei welchem er den Wagen für den Freiherr« von Gebaur in Empfang nehmen sollte. Er hatte seinen Sonntagsstaat angelegt, ohne zu berücksichtigen, daß derselbe in dem Handgemenge Schaden nehmen könne, und ein Lächeln stolzen Sieges dewußtseinö breitete sich über seine Züge, «lS er sich tof dem Kutschbocke zurechtsetzte und die Zügel ergriff
»Schont meine Pferde", rief der Hauderer ihm zu, »und sorgt, daß Ihr bis Morgen früh wieder hier rintrefft." — „Laßt mich nur machen", erwiederte Lohhausen, dem Besorgten mit gravitätischem Stolze junickend, „Ich werde Euer Interesse bestens wahren."
Damit ergriff er die Peitsche, die Pferde zogen »8, und langsam fuhr der Wage« durch das Thor die Straße.
In der Seele deS jungen Mannes tauchten jetzt vumcherlei Besorgnisse über das Gelingen seines Pla- W aus. Er mußte sich gestehen, daß er ein gewagtes Tpiel trieb; — wie nun, wenn der Freiherr schon v» Hause des Wucherers Gewalt brauchte? Wie wollte sv es ermöglichen, der Bedrängten beizustehen? Er wtte eigensinnig eine schwere Verantwortung auf seine schultern geladen; der einfachste und der beste Weg v>äre der gewesen, den Schutz der Polizei anzurufen 'M* Pauline zu warnen, und dadurch nicht nur jeder «esahr vorzubeugen, sondern auch dem Mädchen die Aufregung und den Schrecken zu ersparen. Jetzt sah ? ruhig zu, daß daS Opfer in das ihm gestellte Netz H ohne reiflich zu bedenken, ob er daffelbe im Au- itttblich der Gefahr auch den Armen des Wüstlings kreißen konnte.
Unzufrieden mit sich selbst, schüttelte Lohhausen bedenklich sein Haupt, im ersten Augenblick wollte er ^kehren und beim Polizeikvmmiffariat einige hand
feste Diener der Gerechtigkeit zur Begleitung mitnehmen, doch kam seine Reue zu spät, denn eben schlug eS vom Kirchthurme Acht, die Stunde, in welcher der Wüstling im Hause KleberS eintreffen wollte.
Es war stockfinster in den Straßen; da im Ra tenber ber Vollmonb schien, hatte es ber Stabtrath für unnöthig gehalten, bie Laternen anzünden zu lassen trotzdem schwarze Wolken ben Mond bedeckten.
Die Rücksichtslosigkeit, mit welcher die hochweisen Herren an ber Beleuchtungstabelle festhielten, entlockte bem jungen Manne, bem es große Mühe kostete, bie Pferde hübsch in der Mitte der Straßen zu halten, manchen schweren Seufzer, daneben aber auch manchen kernigen Ausdruck seiner Unzufriedenheit, der sich hauptsächlich in Wünschen Luft machte, welche das specielle Wohl der Stadtverordneten betrafen und sehr wenig Liebe und Wohlwollen verriethen.
Endlich hielt der Wagen vor dem Hause des Wucherers. Lohhausen zog die Zügel an, ließ die Pferde halten und warf einen Blick auf die dunklen Fenster des Erdgeschosses. Es befremdete ihn, daß keines der selben erhellt war, und lebendiger denn vorhin fühlte er all seine Besorgniste wieder erwachen. Vielleicht kam er schon zu spät, am Ende hatte der Freiherr mit seinem Opfer das Haus schon verlassen, aber nein, die Stunde der Zusammenkunft war ja auf acht Uhr festgesetzt, und wie wollte der Freiherr mit dem sich sträubenden Mädchen ohne Wagen die Eisenbahnstation erreichen?
Lohhausen wollte sich Gewißheit verschaffen, er stieg ohne Zögern vom Bock, schlang die Zügel um ben Schellenknopf unb zog herzhaft bie Glocke. Dumpf verhallte ber Schall in dem düstern stillen Hause, aber Niemand erschien, die Hausthür zu öffnen. Der junge Mann schellte zum zweiten und pritten Male und trat, als das zu keinem Resultate führte, mit dem Fuße gegen die Thüre. Jetzt erft bemerkte er, daß diese nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war, einen Augenblick Zögerte Lohbausen, dann trat er ent-- schlossen ein und schritt durch den finstern Hausflur auf das Wohnzimmer zu.
zen der Deutschen, das Innere von -Offiziers - Wohnungen in den Redouten, improvisirte Casinos im Freien, die Ruinen zerschoffener Schlösser u. bergt. Nicht minber zahlreich sind bie Skizzen französischer Volkstypen.
Posen, 18. Slug. Arn 14. b ist gegen ben Propst Brzezinski in Storchnest die Execution wegen der ihm zuerkannten Strafe von 100 Thlr. vollstreckt worden.
Paderborn, 18. Slug. Der „Wests Volksztg." zufolge ist unlängst bem Präses beö hiesigen Knaben- Seminars Seitens deS OberpräsidinmS von Westfalen eine Zuschrift zugestellt worben, bes Inhalts, baß bei Vermeibung ber gesetzlich angebrohten Folgen neue Zöglinge in baS Knaben Seminar nicht mehr ausgenommen werben burfen.
Bonn, 18. Slug. Die hiesige katholisch-theolo- gische Fakultät, welche auch einen Anhänger ber Un» sehlbarkeit, Professor Floß, zählt, hat folgende Bekanntmachung erlassen: „Zu Folge höhern Auftrags wirb ben Stubirenden ber katholischen Theologie hiermit zur Kenntniß gebracht, baß wenn Se. Exeellenz, der Herr Minister rc. auch gern bereit ist, denjenigen Studirenden, welche den Abschluß ihrer Studie« jetzt erreichen, Dispensation von der wissenschaftlichen Staatsprüfung zu ertheilen, dies selbstverständlich nicht auch für diejenigen geschehen kann, welche noch Zeit haben, ftch auf dieselbe vorzubereiten, und werden die Studirenden darum hierdurch ausgeforderk, das in ihren Studien bisher etwa Versäumte rechtzeitig nachzuholen. Die katholisch-theologische Fakultät, gez. Langen, z. Decan". Hiermit häkle die Fakultät den ersten Schritt gethan, zu der Ausführung ber Kirchengesetze mitzuwirken, was die Bischöfe so energisch ver- boten haben. Man ist gespannt darauf, ob der Erzbischof (von Köln) nun ben einzigen noch nicht ex- communicirten Orbinarius, ber an diesem Schritte be- thcitigt ist, als Staatskatholiken excommuniciren wirb. — Die hier erscheinenbe infallible „Deutsche Reichs Zig " enthält einen fulminanten Protest gegen bie
Als er bie Thüre zu -demselben öffnete unb sein Auge sich an bie Finsterniß gewöhnt hatte, bemerkte er, baß Niemand sich in ber Stube befanb, sofort ber Vermuthung sich hingebenb, daß hier ein Verbrechen, gar ein Mord stattgesunden habe, wollte er umkehren um die Polizei herbeizuholen, als fein Fuß an einen beweglichen Gegenstand stieß, der bei dieser Berührung einen Hellen, klirrenden Ton von sich gab.
Lohhausen hob denselben auf und erkannte in ihm ein kleines Blechschild von derselben Form und Größe, wie die, deren die Polizeibeamten sich als Erkennungszeichen bedienten, wenn sie nicht in Uniform waren. Rasch eilte der junge Mann hinaus an eine Wagen- latente, er las auf dem Schilde die Worte: „Könia- liche Polizeibehörde Nr. 8 "
Diese Entdeckung war nicht geeignet, die Befürchtungen deS Eisengießers gänzlich niederzuschlagen; auf der einen Seite konnte er allerdings vermuthen, daß der Wucherer verhaftet worden fei, auf der anderen dagegen durfte man auch annehmen, daß die Raubmörder sich dieses Schildes bedient hatten, um sich in d°s Haus Klebers Zutritt zu verschaffen. Daß aber t^ines von Beiden stattgefunden hatte, daran zweifelte Lohhausen nicht länger, denn aus Zufall ober Absicht "eß der Wucherer gewiß nicht seine Hausthür offen stehen.
Als « eben barüber nachsann, ob eS nicht bas Beste sei, ben Vorfall ber Polizei zu melben, hörte er plötzlich neben sich eine Stimme, welche bie Frage an ihn richtete, ob Kleber vielleicht Besuch habe. Loh- hansen warf einen Blick auf bie Fragende unb er« tannte in ihr, trotzdem sie ihr Antlitz zu verbergen suchte, die Tochter deS Bildhauers. Er hatte noch nicht Zeit gefunden, darüber nachzudenken, was er bem Mäbchen sagen und wie er sich nun verhalten wollte. Er steckte hastig bas Blechschilbchen in seine Tasche unb bat Pauline, einen Augenblick zu warten, ba ber Wucherer augenblicklich nicht zu sprechen sei. — Das letzte Won war kaum seinen Lippen entflohen, als ein bicht in ben Mantel gehüllter Mann neben bie »eiben trat. Lohhausen zweifelte nicht da-