Ifr. 193, Marburg, Sonntag, den 17. August.
1873
Äberhtssisihe .{citunfl.
Dies ist der Plan, welcher der Regierung allgemein zugeschrieben wird. Die republikanischen Journale und die der Partei des Herrn ThierS verhalten sich viesen Aussichten gegenüber ziemlich ruhig und tragen eine große Zuversicht auf den Widerstand des VolkeS zur Schau, während die bonapartistischen Blätter sehr heftig gegen die Fusioniften und die Prinzen deS ki- niglichen Hauses zu Felve ziehen.
Der Aufruhr, welcher noch vor zwei Wochen dm ganzen Süden Spaniens bis nach Valencia hinauf umfaßte, ist in verhältnißmäßig kurzer Zeit überall erstickt worden, mit Ausnahme von Cartagena, wo die sogenannte Regierung des Cantons Murcia, mit Contreras, Galvez Arc« und Roque Barcia an der Spitze, ihr Quartier aufgeschlagen hat. Auf Alcoy, Malaga und Sevilla sind in der vorigen Woche Cadiz, Valencia, Granada und Murcia gefolgt, in welchm Städten jetzt die Autorität der Madrider Regierung wieder aufgerichtet ist. Cartagena wird, nachdem zwei Armeen unter Pavia im Süden und unter Martinez CampoS im Norden durch den Fall von Cadiz und Valencia frei geworden, und nachdem eine unter Contreras und Galvez ausgerückte Rebellenschaar von 2000 Mann mit einem Verluste von 400 Gefangenen bei Chinchilla in wilde Flucht geschlagen worden, feine» langen Widerstand mehr leisten könnm. Während so die Regierung Salmeron's die Hoffnungen, welche man in sie gesetzt, durch Niederwerfung deS rothen Aufstandes wahr gemacht hat, ist in dem Kampfe gegen die Carlisten noch kein wesentlicher Fortschritt erzielt worden. Doch verspricht man sich gute Erfolge, sobald die Truppen, welche jetzt im Süden beschäftigt sind, für die Kriegsührung im Norden verfügbar werden. — Die Cortes haben unterdessen nicht« Bedeutendes gelnstet. Die Minderheit ist natürlich erbost, daß die Regierung dm Rebellen und Mordbrennern von Alcoy, Valencia, Sevilla keine allgemeine Begnadigung zusagen will, und droht, sich von der eben begonnenen Beralhung über den VersasiungS- entwurf zurückzuziehen.
Das b r-i t i s ch e Cabinet hat vor Kurzem folgende Umbildung erfahren: Lord Ripon, der Präsident deS geheimen StaatSralheS, so wie ChilderS, der frühere Marincmiuister und zuletzt Kanzler des HerzogthumS Lancaster, traten aus; Bruce, bisher Minister de- Innern und jetzt als Baron Aberdare ins Oberhau»
gannt in dem Zimmer auszuräumen. Ta eilte ich, unfähig, ein unthätiger Zeuge dieses schändlichen Verfahrens zu sein, zum Gericht und eö gelang mir, einen richterlichen Befehl gegen Euch zu erwirken."
„Also Euch habe ich eS zu verdanken, daß ich die Exccution so lange auischieben mußte, bis das Kind in der Erde war?" fiel der Geizhals ihm rauh in die Rede. „Schulz wußte in seiner Weise aus dem Aufschub Vortheil zu ziehen; als ich nach Ablauf der Frist zurückkehrte, waren die Möbel zur Hälfte ver- sch wunden —"
„Sagt das noch einmal und ich hänge Euch eine Jnjurienklage an den Hals!" brauste der Beamte auf. „Schulz war ein ehrlicher Mann, ich werde nicht dulden, daß Ihr sein Andenken beschimpft. Seid Ihr an ihm zu kurz gekommen, so lag an Euch allein die Schuld, warum gabt Ihr ihm nicht Ausstand, er würde seine Schuld auf Heller und Pfennig abgetragen haben."
„Reden wir nicht weiter darüber", erwiederte Kleber, „fertigt mir den Schein aus, über mein Thun und Lassen habe ich Niemandem Rechnung abzulegen, am wenigsten Euch."
Der Beamte zuckte die Achseln, rückte die Brille wieder vor die Augen und händigte nach Ablauf weniger Minuten dem Wucherer den Schein ein.
Als Kleber in seine Wohnung zurückgekehrt war, setzte er sich ohne Zögern an den Sekretär. Er ent faltete den Todtenschein und nahm aus einer Schublade ein feines, haarscharfes Radirmcsser.
„AuS der Fünf eine Drei zu machen, ist eben kein großes Kunststück", murmelte er, während ein Lächeln des Triumphes über seine Lippen glitt; „das Kind war zwei Jahre alt, als es starb, vor neunzehn Jahren
erhielt ich'S; mithin muß eS vor siebenzehn Jahren gestorben sein."
Er fuhr emsig mit dem Messer über da« Papier, glättete die Rasur und nahm die Aenderung der Zahl mit einer Gewandtheit, die den geübten Fälscher ver- rieth, vor.
Da eS inzwischen zur Bereitung de« Miltagesien« zu spät geworden war, so begnügte der Geizhals sich mit einer Brodkruste und einem Glase Wasser, er warf sich dann in seinem Schlafzimmer aufs Bett, um in gewohnter Weise ein kurzes Mittagsschläfchen zu halten.
Es mochte gegen vier Uhr Nachmittags fein, als er durch den schrillen Ton der Hausglocke aus seinem Halbschlummer gcw-ckt wurde. Er fuhr erschreckt auf, rieb den Schlaf aus ben Augen und näherte sich bedächtig der HauSthüre.
In dem Glauben eine Bettlerin zu erblicken, wollte er die Thüre wieder in« Schloß werfen, doch die ölte dürftig gekleidete Frau stemmte sich, ihre gange. Kraft aufbietend, gegen dieselbe und mit einiger Mühe ge* lang es ihr, im Innern des HauseS festen Fuß zu fassen.
„Ihr seid kurz angebunden", hob fie an, einen stechenden Blick auf den Wucherer werfend, „wäre ich nicht auf ein solches Manöver vorbereitet gewesen, würdet Ihr der allerdings nicht angenehmen Unterredung mit mir entgangen sein."
„Und weshalb suchet Ihr mich auf?" fragte der Geizhals lauernd.
„Nicht meinetwillen, sondern unsere« Sohne« wegen," fuhr die Alte fort, „er ist arm; während Ihr im Selbe wühlt, drückt ihn die Sorge um das tägliche Brod, gebt ihm, was er bedarf zu seiner Selbft-
dertrage und wurde publicert durch das Cultusmini- sterium und im Reichsgesetzblatt. Mau ist auf die Maßregeln der Regierung gespannt. Die halbamtliche Provinzialpresie stellt eventuell ein energisches Vor gehen in Aussicht. — Von den vielen „Congresien", welche sich an .die Weltausstellung anschließen, hat Der „internationale Patenicongreß" letzte Woche getagt und so eben tagt der Congreß der deutschen VolkSwirthe.
Der schweizerische Bundesrath hat die Versteigerung der Ligue d'Jtalie vorbereitet und nunmehr definitiv^ auf den 1. Oktober anberaumt. — Turch das Centralcomite der schweizerischen Altkatholiken ist eine Delegirten-Versammlung der schweizerischen altkatholischcn Gemeinden und des liberalen Katholiken- vereinS auf den 31. August nach Olten einberufen.
In Frankreich ist die Vereinigung der monar chistischen Parteien zum Zwecke der Wiederherstellung Der Monarchie mit Henri V. auf dem Throne daS bedeutendste Ereigniß. Schon jetzt, wie dies vor dem 24. Mai geschehen war, haben die drei Gruppen der äußersten Rechten, der Rechten und des rechten Centrums Den Mitgliedern der Permanenz - Commission, welche sie vertreten, unumschränkte Vollmacht ertheilt, alle nothwendigen Maßregeln za ergreifen, welche die Her- stellung der Monarchie söidern können. Den (Singe, weihten zufolge ergäbe die Zustimmung dieser drei Gruppen schon 280 Unterschriften. Da nun die Aus sShnunz zwischen dem Grafen von Chambord und Den Prinzen von Orleans zu Stande gekommen ist, hat man neue Unterschriften gesammelt, und die Summe derselben soll bereits 330 betragen. Wäre erst die Majorität gesichert, so würde die Permanenz - Com Mission — unmittelbar nach der gänzlichen Räumung — die National - Versammlung einberufen, und es würden nach Der Erklärung, daß der Augenblick, dem Provisorium ein Ende zu machen, gekommen sei, in Der möglichsten Eile solgende Beschlüsse gefaßt werden: „1) Die Monarchie ist die gesetzliche Regierung Frankreichs. 2) Eine Commission von dreißig Mitgliedern soll ernannt werden, um die Verfassung aufzusetzen. 3) Die National - Versammlung vertagt sich auf zwei Monate, um der Commission Zeit zu lassen, ihre Arbeiten auszuführen. 4) Der Marschall Mac Mahon wird fortfahren, al« General - Lieutenant des Königreichs die ihm ehedem übertragenen Gewalten zu üben."
DrS Schicksals Fügung.
, , Novelle von Ew- Aug- König.
(Fortsetzung.)
Der CivilfiandS-Secretär schaute erstaunt auf, als Der Wucherer den Todtenschein der vor fünfzehn Jahren gestorbenen Amalie Schulz, Tochter des ebenfalls ver- ftorbenen Dachdeckers Peter Schulz, forderte.
,Waö wollt Ihr mit dem Todtenfchem? fragte et. '„Wittert Eure Nase vielleicht eine Erbschaft, die Ihr in Eurer Eigenschaft als Gläubiger der Verstorbenen zu erheben gedenkt? Wenn ich mich recht entsinne, wart Ihr Derjenige, der den Dachdecker in Noch und Elend stürzte —" ,
„Euch steht das Recht nicht zu, darüber Rechenschaft von mir zu fordern," fiel der Wucherer in barschem Tone ihm ins Wort. „Thut, was Eures Amte« ist und fertigt mir den Schein au«.
Der Beamte fchob die grüne SBtifle auf btt gefurchte Stirne und warf einen Blick der Verachtung auf den vor ihm Stehenden.
„Bangt Euch, meine Worte könnten euer Ge »iffen wachrufen?" fragte er. „Ich wollte diese Stunde segnen, wenn eS mir gelänge, nur emen funken de Reue in Eurem Herzen anzusachen. Wißt, ich war ein Freund des Dachdeckers und erinnere mich noch genau der Stunde, in welcher Ihr in d°S HauS des Manne« tratet, um Hab und Gut desielben m Beschlag zu nehmen. Da« einzige Kind Eure« Schuldner« lag auf dem (Sterbebett. Schulz und feine Frau faßen weinend an dem Lager der Kleinen, die der eisige Hauch de« tobe« anwehte. Vergebens beschwor ich Euch, von Eurem Vorhaben abzustehen unb nur noch einige tage Gebulb zu haben; mit empörender Gefühllosigkeit winktet Ihr Euren Schergen unb de-
Politische Wicheu-Ueberficht.
Die Rückreise beS Kaiser« Wilhelm von Gamin nach Berlin soll am 27. b. M. über Zell am £ unbReichenhall erfolgen. - Die kirchenpolitischen donflitte in Preußen nehmen immer größere Dt- nenftonen aa Außer in zwei Gemeinden der Drö- «ke Vosin-Gnesen sind nun auch in der Diöcese Fulda und in der Diöcese Breslau (zu Landsberg an der Warthe) Seiten« der Bischöfe Einsetzungen von Getst. U-den «folgt, die wegen Verletzung der Vorschriften de» Gesetzes über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen von der Staatsregierung einfachi für un= gültig «klärt worden find, unter strafrechtlicher Ver Lung der Bischöfe und Ankündigung gleich«straf- «chtlicher Verfolgung der also angefteUtcn Geistlichen jrtber für den Fall, daß sie sich der Vollziehung gesit- stcher Amtshandlungen nicht enchalten sollten.Ji> Pofen hat da« Gericht befchlosfen, gegen den Erzbischof Ädochowski, welcher der Vorladung zu gehorchen sich weigerte, im Contumacialverfahren vorzugehen. Auch ist bereits auf den 3. September das erste Zusammen treffen und die Constituirung des „königlichen Gttichts- h, eS für kirchliche Angelegenheiten" anberaumt. - Im vergangenen Montag ist die Confecration I. G. ReinkenS zum Bifchof für die Altkatholtken tm beut schen Reiche durch den Bischof von Deventer erfolgt und der neue Bischof hat am selben Tage etnm Htr- tenbrief an seine D>öcesa>>gcmeinde erlasien. — In bester Ordnung ist die Räumung deS französischen Gebietes bis auf die Festung Verdun, welche als Pfand fur ben Rest der Kriegsentschädigung noch einige Wochen besitzt bleibt, vollendet worben.
Der Graf von Paris hat Wien unb FrohSborf zmn Schauplatz eines vielleicht „welthistorischen" Actes gemacht, invem er bie lange geplante „Fusion bet beiben dourbonischen Linien durch Unterwerfung unter den Grafen Chambord in den letzten Tagen »origer Woche zu Stande gebracht hat. — Das cts- leithanische Reich hat einen interessanten kirchuipolt- tjschen Conflict erhalten. Der Fürst-Erzbischof von Olmütz hat sich geweigert, seinem Diöcesancleru« eine Ministerialverordnung zur Kenntmß zu bringen, welche verfügt, daß die Todtenschein« in Oesterreich verstorbener italienischer Staatsangehöriger an btt LandeS- behörde einzusenden sind. Jene Verordnung beruht zwar auf einem mit Italien abgeschlossenen Staats-
........ ben fflerftaaen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition («och'sche Buch druckerei) b^gen22i Sgr.. durch bie flrfdjetnt t ägl öb p Bestellgebühr unb ind- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 6gr. — Jnsertwnsgebühr für bie gespaltene Zeile Sg •
Postämter s ■ . Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.