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Mr. 191

Marburg, Freitag, den 15. August.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22t Sar, durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

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HMb»nserva1ive Oppofition.

Zn jtingster Zeit hat die Opposition gegen die nationale Politik einen Zuwachs aus denjenigen Kreisen erhalten, die bisher der Regierung in fester Geschlos­senheit zur Seite ftanten. ES erklärt sich aus der Natur der Dinge, daß jede für das dauernde Wohl des Landes arbeitende Regierung auf das Vertrauen «nd die Unterstützung der konservativen Parteigruppen hohen Werth legen muß. Der oberste Grdndsatz er­haltender Politik, daß die Entwickelung des Staates unter voller Rücksichtnahme auf das geschichtliche Recht und auf die bestehende Ordnung anzustreben sei, btl- det von vorn herein den Boden, auf dem jede ein sichtige Regierung mit der konservativen Partei zu­sammentrifft. Es kommt dazu, daß die konservativen Ansichten sich überwiegend in denjenigen Kreisen ver treten finden, die durch Besitz, GeschäftSkenntniß und Erfahrung vorzugsweise den Beruf haben, bei der Lei tung der öffentlichen Angelegenheiten eine nützliche Mitwirkung zu leisten. Man kann es daher als gründ sitzlich und thatsächlich berechtigt ansehen, daß die kon­servative Partei den Anspruch erhebt, in erster Linie als eine regierungsfähige Partei zu gelten. Zn Deutsch­land, wie in England haben die konservativen Ele­mente der Gesellschaft sich in gebührender Weise Gel tung verschafft; sie nehmen in der Staatsleitung und Gesetzgebung, in der Verwaltung und im Heeresdienste einflußreiche Stellungen ein, und beide Länder haben diesem Berhältniß einen" wesentlichen Antheil an ihrem Gedeihen zuzuschreiben.

Wenn daher überall, und ganz besonders in Preu­ßen, die Bundesgcnossenschaft zwischen der Staatslei- tung und der konservativen Partei innerlich berechtigt und fest begründet erscheint, so bleibt doch beiden Theilen eine Selbstständigkeit, auf die aus allgemeinen Rücksichten Werth zu legen ist. Die konservative Partei hat ihre eigenen Grundsätze und ihre besonde­ren Jntereffen zu vertreten; sie muß darauf bedacht sein, durch UeberzeugungStreue ihr Ansehen im par­lamentarischen Leben und in der öffentlichen Meinung zu behaupten. Andererseits kann die Staatsregierung, im Bewußtsein ihrer allseitigen Pflichten und ihrer praktischen Aufgaben, sich nicht dazu hergeben, den konservativen Ansprüchen rücksichtslos Genüge zu thun. Deshalb werden in einzelnen Fragen Meinungsver schiedenheiten und Reibungen sich nicht vermeiden lassen; aber die Ausgleichung muß schlechterdings durch Un­

terordnung des Parteigeistes unter das allgemeine In tereffe erfolgen, ohne das Band innerer Gemeinschaft zu lösen Ein wirklicher Kriegszustand der konserva tiven Kreise gegen die Staatsleitung würde nur dann gerechtfertigt erscheinen, falls diese durch RechlSbruch oder Mißregierung den Bestand der Monarchie in Gefahr setzte. Wenn aber konservative Elemente sich ohne zwingenden Grund kn einen Gegensatz zur Re Mrung^Iellen. so beweisen sie, daß sie die wesentlichen Bedingungen einer dem Landeswohl ersprießlichen Po litik aus den Augen verloren haben; sie gerathen dann gleichfalls durch hartnäckiges Festhalten einseitiger An­sprüche und durch Verfolgung falscher Ideale auf jene Irrwege, welche unaufhaltsam zur Bundesgenossenschaft mit den.Staals- und Reichsfeinden führen.

In Wirklichkeit hat ein Bruchthcil der konservativen Partei sich von der Gemeinschaft mit 'der Regierung losgesagt. Derselbe hat sich entschloffen, bei den wich­tigen Fragen der Schulaufsicht, der KreisordnungSre- sorm und der Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche seinen eigenen Weg zu gehen und die Oppo­sition gegen die Regierungspolitik zu verstärken. Die Vertreter dieser Richtung glauben dem Lande durch Verewigung unhaltbarer Zustände zu dienen und be­haupten, daß die Regierung durch Willfährigkeit gegen die Forderungen der liberalen Seite den Staat und die Kirche schädige. Daran knüpft sich die weitere Klage, daß die nationale Entwickelung unter dem Ein fluß der maßgebenden Politik einer Strömung folge, durch welche Preußen aus seiner selbstständigen Stel­lung und Deutschland aus den Bahnen seiner geschicht­lichen Vielgestaltigkeit herausgedrängt werde.

Glücklicher Weise haben derartige Vorwürfe nach keiner Seite hin Eindruck gemacht. Dem besonnenen Urthcil der conservativen Bevölkerung entgeht es nicht, daß die Regierung, weit entfernt, bei ihren Reform­bestrebungen den einseitigen Weisungen einer Partei Folge zu leisten, lediglich auf eine gesunde Entwicke­lung des Staatswesens durch Ausgleichung streitender Ansichten und Interessen hinarbeitet und sich nicht von den Formeln einer politischen Schule, sondern von den unabweisbar hervortretenden Bedürfnisten des Landes leiten läßt. So handelt es sich in der Kreis ordnung darum, eine seit Jahrzehnten rückständige Reform unter verhältnißmäßig günstigen Umständen zu verwirklichen, die Grundlagen einer allseitig befür­worteten Selbstverwaltung zu gewinnen und ein rich-

Des Schicksals F8g««ß.

Novelle von Ew. Ang. König.

(Fortsetzung.)

Viertes Capitel.

Wn Besuch von jenseits des kceans.

Der Morgen deS ersten November brach mit den Anzeichen eines trüben, unfreundlichen Herbsttages an.

Schon beim ersten Grauen erhob der Wucherer sich aus den Federn, die Ungeduld, das lohnende Geschäft mit bein Freiherrn abzuwickeln und sich in Besitz deS ihm für seine Hülfe zugesagten Wechsels zu setzen, ließ ihn nicht länger ruhen, und noch ein­mal ging er jetzt mit sich zu Rathe über den Plan, den er in Bezug auf diese Angelegenheit entworfen hatte.

Inzwischen war er mit seiner Toilette, auf die er nie große Sorgfalt verwandte, zu Ende gekommen; er ging durch das anstoßende Wohnzimmer in die Küche, nahm dort aus einem Schranke eine Brodkruste, füllte ein Glas mit Wasser und trat dann in die Wohnstube zurück, um dort das frugale Frühstück zu verzehren und dabei einen Blick in die Zeitungen zu werfen, welche er aus Rücksicht für fein Gewerbe zu halten sich genöthigt sah.

Von Zeit zu Zeit, wenn sein Blick auf einen Artikel fiel, der ihm, dem friedliebenden Manne nicht besonders gefiel, schüttelte er bedenklich den Kopf, und ein höhnisches Grinsen überzog fein fahleS Antlitz, als er bei der Spalte anlangte, welche die Ankündigung -erichtlicher Zwangsverkäufe enthielt.

„Die armselige Habe Hartwig's wird bald eben­falls die Ehre erleben, daß man ihrer in der Zeitung Erwähnung chut," murmelte er sarkastisch, während

er das Blatt sinken ließ und das Glas zum Munde führte, „wird eben nicht viel vabei herauskommen, aber doch immerhin genug, die Miethe zu decken."

Er warf einen Blick auf die alte schwarzwälder Wanduhr, welche neben seinem Sekretär hing, legte das Blatt hin und verließ das Zimmer, um seinem unterirdischen Schatze den geivvhnten Morgenbesuch abzustatten. Rach Ablauf einer halben Stunde kehrte er wieder zurück, es war jetzt nahe an neun Uhr, und ohm sich länger in dem Zimmer aufzuhalten, als nöthig war, um den Mieihvertrag einzustecken und den alten, fuchsrothen Filzhut aufzusetzen, verließ er jetzt das Haus und schlug den Weg zur Wohnung des Bildhauers ein.

Der Letztere stand in banger Besorgniß der An kunft seines Miethsherrn harrend am Fenster, als Kleber mit einem schlauen Lächeln auf den Lippen eintrat

»Wie geht'S, wie steht's, alter Freund?" Hub er an, dem alten Mann die Hand reichend. „Ihr seid noch immer gesund und rüstig, wie ich sehe; kann dasselbe von mir eben nicht rühmen, meine Kräfte beginnen nachzulaffen, und ich werde mich wohl bald von den Geschäften zurückziehen müssen; es ist wirk­lich traurig, wenn man im hohen Alter allein steht und selbst für fein kärgliches Durchkommen sorgen muß."

„Steckte ich in Eueren Schuhen, würde ich Sorge Sorge sein lassen und ein behagliches Leben führen," erwiderte Hartwig, dm die Freundlichkeit deS Wucherers nicht bestechen konnte; „Jedermann weiß, daß Zhr ein reicher Mann seid — "

tigere« Vcrhältniß zwischen Rechten und Lasten her- zustellen. Bei den Gesetzen über die Schulaufsicht und über die weltliche Stellung der Kirchen galt es lediglich, dem Mißbrauch geistlichen Einflusses Schran­ken zu setzen und die Staatsbehörden mit wirksamen Mitteln zur Abwehr der unter religiösem Deckmantel thätigen deutschfeindlichen Bestrebungen auszurüsten.

Diejenigen Mitglieder der konservativen Partei, welche sich durch politische und religiöse Wahnvorstel­lungen verleiten ließen, der Reformpolitik der Regie­rung den äußersten Widerstand entgegenzufetzen und ihr die nöthigen Waffen gegen die Reichsfeinde zu versagen, haben nach oben und nach unten hin die Fäden abgeschnitten, an denen ihr politischer Einfluß hing. Sie haben sich nicht blos von der Regierung getrennt, sondern auch den Zusammenhang mit den konservativen Volkskreisen aufgegeben, die ihren berech­tigten Platz in der nationalen Entwickelung behaupten wollen.

Zwischen dem konservativen Geist des preußischen Volkes und der Staatsregierutig ist kein Bruch ein­getreten. Noch bei den jüngsten Landtagsverhand­lungen gab Fürst Bismarck, als er die Angriffe ein­zelner Wortführer der äußersten Rechten des Herren- Hauses abzuwehren hatte, die Erklärung ab, er wisse sich in Uebereinstimmung mit der großen konservativen Partei des Landes und sei entschlossen, diese Ueberein stimmnng aufrecht zu halten. Andererseits hat es auch nicht an Kundgebungen gefehlt, welche bezeugen, daß die Regierung auf die treue Unterstützung konser­vativer Kräfte zählen kann. In den Kreisen der kon­servativen Bevölkerung bricht sich das Verständniß Bahn, daß man einer Regierung, mit der man in Bezug auf die wichtigsten Grundsätze und die höchsten Ziele eine gemeinsame Politik hat, nicht den Zwang eines Partei-Programms auflegen darf, daß vielmehr die Staatsleitung ihren Beruf nur dann zu erfüllen vermag, wenn sie, über den Parteien stehend, überall ausgleichend und versöhnend einwirkcn kann, wo für Ausgleichung und Versöhnung eine Stelle ist. Man folgt der leitenden Politik mit vollem Vertrauen, weil man die feste Ueberzeugung hat, daß die Geschicke Preußens und Detitschlands bei der Regierung unseres Kaisers und Königs in guter Obhut sind. Diesem Vertrauen hat eine große Zahl von Stimmführern der konservativen Partei im Reichstag und im Land­tag durch unzweideutige Erklärungen Ausdruck gegeben,

„Redensarten!" fiel Kleber hastig ihm in's Wort. „Glaubt den Gerüchten nicht, sie lügen; heutzutage gilt mancher für reich, der, bei Lichte besehen, nicht so viel sein eigen nennt, daß er seine Schulden be­zahlen kann, und man braucht nur einen eingezogenm Lebenswandel zu führen, um in den Geruch eines Geizigen zu kommen. Bah, ich denke immer, last' die Thoren schwätzen, wenn ich einmal sterbe und das Gericht meinen Nachlaß versiegelt, wird man schon einsehen, weich' großes Unrecht man mir gethan hat. — Wie geht'S Eurer Frau mid der hübschen Pau­line ?"

„Ich danke," entgegnete der Bildhauer kurz. „Ihr kommt wegen deS Miethzinses?"

„Ja, ja, ganz recht," versetzte der Wucherer, während er den Kontrakt aus der Tasche zog und sich an den Tisch setzte. „Achtzehn Thaler für die Zeit vom ersten August bis ersten November, soll ich die Quittung ausfertigen?"

Eine glühende Röthe überzog die Wangen deS alten Mannes.

„Ihr wißt, der Bildhauer Hammer ist seit einiger Zeit sehr krank," hob er an —

„Thut mir leid für den Mann," fiel der Geiz hals ihm inS Wort, „aber seid so gut und gebt mir mein Geld, ich habe Eile."

„Ferner werdet Ihr wisten, daß ich bisher bei Hammer arbeitete," fuhr Hartwig fort, „feit feiner Krankheit ist die Werkstätte geschloffen, und eS gelang mir nicht, anderwärts Arbeit zu finden. Die wenigen Thaler, welche ich für den MiethzinS zurückgelegt hatte, gingen vor und nach wieder drauf, ich mußte mit meiner Familie doch leben, deshalb sehe ich mich