Einzelbild herunterladen
 

Kr. 190.

Marburg, Donnerstag, den 14. August.

1873

Oterhessische Leitung. .

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22i Lar. durch die Postämter 27 Tgr. (excl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile! Lgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

_1. > ' 1'^.. 7-^!--

Deutsches «eich.

Berlin, 12. Aug. DerSchics. Preste" wird von hier geschrieben: Man ist zwar gewohnt, in den Wiener Weltblättern" allerlei merkwürdige Dinge zu lesen, und pflegt deren oft seltsame Auslastungen nicht gerade ernster zu nehmen, als sic gemeint sind, doch aber war man hier einigermaßen befremdet über dir gehässige Art, in welcher die WienerPresse" die Haltung unserer Regierung in der spanischen Affaire zu kritisiren beliebt. Die Vorliebe, mit welcher die Wiener Journale fast ausnahmslos das traurige, re­publikanische Gebilde in Spanien behandelten, ist be­kannt , ohne daß sich irgend welche logische Gründe dafür entdecken ließen. Die Nachricht, daß die deutsche Flotte der spanischen Regierung zu Hülfe kommen «olle, wurde daher allgemein mit großer Befriedigung begrüßt, namentlich daPrivattelegramme" sofort in bekannter Leichtfertigkeit die Meldung hinzufügten, die Intervention sei in osficiellem Auftrage erfolgt. Dann kamen die Dementis und Desaveus, die Sache wurde plötzlich sehr nüchtern, die schönen Leitartikel waren unsanft verpufft, und jetzt lesen wir die bittersten An griffe auf die deutsche Regierung, weil sie nicht für gut findet, für den spanischen Wirrwarr ihre Kriegs­macht aufzubieten.Eine solche Politik hat der BundeSrath auch machen können", meint heute ein großes Wiener Blatt und gedenkt befriedigt der Zeit, da Oesterreich die deutsche auswärtige Politik leitete. Den Wiener Blättern sei nun zwar ihre Vorliebe für die spanische Republik unbekümmert, wir möchten sie aber doch fragen: Warum erheben sie nicht ihre ge­wichtige Stimme und verlangen im Namen der Mensch­heit, der Freiheit, der österreichischen Rationallehre rc., daß alsbald ein österreichisches Geschwader gen Gib­raltar dampfe und die spanischen Rebellen zu Paaren tteibe.

Zur Ausführung de« Gesetzes vom 14. Mai d. I., den Austritt au» der Kirche betreffend, ist sritms des JustizministerS eine allgemeine Verfügung ergangen, nach welcher es fortan zur Aufnahme der AutrittSerklärung der Anberaumung eines besonderen kermin« nicht mehr bedarf es vielmehr den Antrag strllern freistehm soll, sich an jedem Geschäftslage,

welcher in die von dem Gesetze § 2 bestimmte vierzehn tägiger Frist fällt, zur Abgabe der Austrittserklärung an der Gerichtsstelle zu melden; den Gerichtsbehörden ist jedoch überlasten worden, für jede Woche einen bestimmten GeschäftStag zur Aufnahme solcher Er­klärungen sestzusetzen, welcher zur Kenntniß des Publi­kums zu bringen ist.

Die Motive zur deutschen Strafprozeßordnung sind jetzt im Druck beendet worden. Die Verfasser derselben sind der Appcllations - Gerichtsrath Löwe, welcher in der Strafprozeßordnungs - Commission als Schriftführer fungirte, und der Vice - Präsident des Appellationsgerichts zu Insterburg, Mager. Weder der Entwurf der Strafprozeßordnung, noch auch die Motive, werden der Oeffentlichkcit übergeben werden, sondern in gleicher Weise, wie das mit dem revidirten Entwurf der deutschen Strafprozeßordnung selbst ge­schehen ist, unmittelbar an den Bundesrath gelangen und von diesem dem Reichstage überwiesen werden. Als Referent über die Strafprozeßordnung im Bundes-" rathe ist der würtembergische Justizminister Dr. von Mittnacht in Aussicht genommen.

Mit dem neuen Mausergewehr werden zunächst das Garde , 2, 3., 8 , 10. und 11. Armeecorps be waffnet werden, für die übrigen Armeecorps ist vor läufig das in der Aptirung begriffene Chassepotgewehr bestimmt. Dasselbe wird für die Patrone des Mauser- gewehrS eingerichtet, so daß das deutsche Heer eine Einheitspatrone besitzen wird. Die Fabrikation des Mausergewehrs nimmt wegen der Sorgfalt, welche auf die Herstellung einzelner Theile verwendet werden muß, ein ungewöhnliches Maß von Zeit in Anspruch. So dürfen beispielsweise Schrauben, die bei den älteren Waffen 510 Millimeter betragen, bei dem Mauser gewehr nur einen Millimeter stark sein. Bei dieser zeitraubenden Herstellungsarbeit erschien es geboten, mittelst der besonders für diesen Zweck aptirten fran­zösischen Chastepotgewehre eine Jnterimsbewaffnung eintreten zu lassen, die dazu bestimmt ist, die deutsche Armee in keinem Augenblicke, atzch nur in einzelnen ihrer Theile, relativ wehrlos erscheinen zu lasten.

Lüneburg, 11. Aug. Dem wüsten und agi­tatorischen Treiben der social-demokratischen Vereine

gegenüber gewährt es uns eine große Befriedigung, über eine hier bestehende Arbeitervereinigung zu be- richten, welche die Hebung des Arbeiterstandes auf dem entgegengesetzten Wege nämlich durch Bildung und Selbsthülfe anstrebt und mehr wie einmal gegen die socialistischen Tendenzen entschieden Front gemacht hat. Der hiesige Arbcitcrbildungsverein feierte gestern unter reger Betheiligung der Bevölkerung, bei welcher er in gutem Ansehen steht, fein 25jährigeö Stiftungsfest. Unter dem Einflüsse deS erwachten VolkSgeisteS im Jahre 1848 gegründet, Hal der Verein in den ver­flossenen 25 Jahren in unablässiger treuer Arbeit, ernst und besonnen sein Ziel verfolgt, auch in den Zeiten der Borries'schen Reaction, welche derartigen Vereinen keineswegs wohl wollte, unbeirrt durch die Ungunst der Regierung die Fahne hoch gehalten und, obwohl er in richtiger Selbstbeschränkung die Be- theiligung deS Vereins als solchen an den Fragen der praktischen Politik statutmäßig ausgeschlossen hatte, doch seit jeher unter seinen Mitgliedern eine echt deutsche Gesinnung gepflegt. So ist es nicht zu verwundern, daß diesem Vereine die besseren Elemente unter den hiesigen Arbeitern, namentlich den jüngeren, fast ohne Ausnahme angehören. Der Verein gewährt seinen Mitgliedern die Möglichkeit, sich durch Leciure, Vor. träge und Unterricht, sowie durch Besprechung gemein­nütziger, insbesondere die Arbeiterkreise intercssirender Fragen fortmbilben, hat bereits eine reichhaltige Bi­bliothek geeigneter Werke und Schriften angesammelt und verschafft namentlich den unverheirathelen Arbei­tern die Gelegenheit zu geselligen Zusammenkünften, welche sie dem häufig rohen und unflälhigen Treiben in den sogenannten Herbergen entziehen. Mehrfach hat die soeialdemokralische Partei versucht, den Verein in ihre Agitation hinein zu ziehen; diese Versuche find aber immer mißglückt und haben schließlich mit der Ausscheidung aller ungeeigneten Elemente, welche un­geachtet der VcreinSjtatuteu sich Eingang zu verschaffen gewußt halten, geendet.

Paderborn, 9. Aug. Gestern Abend sind von Münster die Herren Provinzialschulrath Dr. Schultz und Regierungörath Hügcr als Commistare des Herrn Oberpräsidenten eingetroffen. Wie dasWestf. V."

DeS Schicksals Fügung.

Novelle von Ew. Aug. König.

(Fortsetzung.)

Aber so oft wir auch mit unserem Sohne da­rüber sprachen, stets wies er untere Vorschläge zurück. Er bat uns, ihn in Ruhe zu lasten, er habe daran "och nicht gedacht und müsse, ehe er einen solchen Schritt thue, vorher denselben reiflich überlegen. Ich konnte ihm nicht Unrecht geben und schwieg, in der Hoffnung, er werde nun nicht säumen, den Wunsch feiner Ettern zu erfüllen. Er traf indeß nicht die mindeste Anstalt dazu, wurde im Gegentheil von Tag M Tag stiller und schweigsamer, und vermied endlich, ®it es uns schien, absichtlich alle die, von denen er drrmuthete, daß sie im Stillen sich Hoffnung auf sein Herz und seine Hand machten. Dies fiel mir auf: "nes TageS nahm ich Paul scharf ins Gebet, und letzt gestand er mir, daß er längst ein Mädchen liebe "ud dieses Verhältniß nur deshalb verschwiegen habe, #fil seine Geliebte arm sei. An eine reiche Schwie- hrnochter hatte mein Herz nie gedacht zwar wäre 18 mit lieber gewesen, wenn die zukünftige Frau »eines Sohnes eine, wenn auch nur kleine Aussteuer i »itbrachte, doch ich brauchte, Gott sei Dank, aus das Eeld nicht zu sehen und stand deshalb auch keinen! Augenblick an, Paul zu erklären, ich wolle seiner

sofort meine Zustimmung geben, wenn seine beliebte ein unbescholtenes, tugendsames Mädchen sei. T Ich sollte sie sehen, war seine Antwort, und wirk- "ch führte er mich am Abend destelben TageS an ein Häuschen nahe am Ende der Stadt, wo er mir eine ?ste Frau als die Mutter seiner Geliebten und ein ^ldschhneS Mädchen als feine Braut vorstellte. Ich muP gestehen, das Mädchen gefiel mir, sie war wie gesagt bildschön, wußte sich mit Anstand zu benehmen, ,ifl6 dabei ein heitere« Temperament, Mutterwitz und Wlt e« mir wenigsten« schien, einen gutrnüthigen Cha

tatter. Auf dem Heimwege erging Paul sich in nicht enden wollenden Lobeserhebungen über die Tugenden seiner Braut, ich ließ ihn schwatzen und behielt mir eine definitive Zusage bis zum nächsten Tage vor. Am folgenden Morgen machte ich mich gleich nach dem Frühstücke auf den Weg, um über das Mädchen und dessen Blutter Erkundigungen einzuziehen. Zu meinem Entsetzen hörte ich, daß dastelbe nichts weni­ger als unbescholten, vielmehr eine Dirne war, die schon Manchen in ihrem Netze gefangen habe. Neider und Feinde hat Jeder, dachte ich, und von Beiden sind die Verläumder nicht fern, deßhalb legte ich auf die erste Auskunft kein großes Gewicht und beschloß, weitere Erkundigungen einzuziehen. Aber wo ich mich auch umhören mochte, überall vernahm ich dasselbe; das Mädchen thue Nichts, hieß es, den ganzen Tag gehe es i.i Sammet und Seide, während die alte Mutter die Hausarbeiten verrichten müsse, und sehr oft habe man in später Nacht Gesang und rohes Lachen in dem Häuschen vernommen. Auch sprach man davon, eine hochgestellte Person gebe den Beiden, was zu ihrem Unterhalt erforderlich sei, und was diese dazu bewege, bedürfe wohl keiner weiteren Nach­frage. Paul gerieth in den heftigsten Zorn, als ich ihm diese Gerüchte mitlheilte und verschwor sich hoch und theuer, er werde sich nicht durch sie beirren lassen und das Wort nicht brechen, welches er der Geliebten gegeben habe, er sei überzeugt, daß das Mädchen wegen seines makellosen Lebenswandels und der blen­denden Schönheit Neider und Feinde genug besitze, und von diesen allein würden jene Verläumdungen auSgehen. Ich hatte meinen Sohn nie in dieser Gc- müihverfastung gesehen und schwach, wie ich ihm gegen­über stets war, suchte ich ihn damit zu beruhigen, daß ich nochmals auf Erkundigung ausgehen wolle. Aber welche Mühe ich mir auch gab, eine bessere Aus­kunft wie die erste, konnte ich nirgends erhalten, und

um meiner Sache ganz gewiß zu sein, beschloß ich endlich, ohne daß Paul es wußte, mich eines Abends in der Nähe des Häuschens zu verstecken, um mich selbst von der Wahrheit der Gerüchte zu überzeugen.

Nun?" fragte Ritter, als der Greis inne hielt. Ward Euch diese Ueberzeugung zu Thcil?"

In dem Maße, daß ich nicht mehr zweifeln konnte," fuhr Hartwig fort.Gegen Mitternacht sah ich einen Vermummten an die Fensterladen pochen, er wurde eingelassen, ihm folgten drei Aildere,, die eben­falls Einlaß begehrten und erhielten. Gleich darauf vernahm ich drinnen wüstes Lachen, Gesang und rohe Vcherze, und nun wußte ich genug. Aber Paul war verblendet; als ich ihm am nächsten Morgen meine Entdeckung mitlheilte und ihn bat, von der Dirne ab­zulassen, sie sei seiner nicht werlh, und nie könne ich sie als meine Schwiegertochter anerkennen, verließ er, ohne mit Rede zu stehen, das HauS; et kehrte erst gegen Abend wieder. In ruhigem, festen Tone erklärt« er, was tch m vergangener Nacht gesehen zu haben vorgebe, müsse ein Traum gewesen fein, denn daS Mädchen fei rein und mackelloS wie die Sonne, ob auch die giftigen Zungen der Klatschbasen, die vor Neid über ihre Schönheit bersten möchten, sich alle Mühe geben, das Gegentheil auszustreuen. Ich be­merkte, daß seine Ruhe erheuchelt war und hielt e« bei seinem aufbrausenden Temperament für rathsam, mich auf eine weitere Erörterung nicht einzulasten. Mit der Erklärung, daß ich nach Verlauf von acht Tagen hören wolle, wozu er sich entschlossen habe, und daß ich ihm nochmals die Ruhe seiner Eltern und den Frieden der eigenen Seele warm ans Herz legte, brach ich die Unterredung ab mit nur sehr ge­ringer Hoffnung auf eine günstige Wendung dieser fatalen Angelegenheit. Wie ich voraussah, sprach et nach Ablauf bet Bedenkzeit eben so wie früher, und da Bitten nichts fruchteten, drohte ich ihm, ihn zu