Mr« 184
Marburg, Donnerstag, den 7. August.
1873.
OteMsische Zeitung.
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Deutsches Reich.
## Berlin, 5. Aug. Die heutige Nachricht, daß Capitän Werner von seinem Posten abberufcn worden, kann nur diejenigen überraschen, welche dem DeSaveu der „Nordd. Allg. Ztg." einen hartnäckigen Unglauben entgegensetzten. Es scheint daher, daß dem Capitän die dienstliche Rechtfertigung, welche jener Mittheilung zufolge von ihm cingefordert werden sollte, nicht ge- hingen ist. — Die „Spen. Ztg." meldet, daß der SpecialuntersuchungScommisston aus dem königlichen Cabinete wieder an das Staatsministerium gesandt sei. Es dürften nun Erwägungen stattfinden, wann und in welcher Form eine Veröffentlichung stattfinden soll. Zunächst wird wobl die den Bericht begleitende königl. Cabinetsordre zur Kenntniß des Publimms gelangen. — Herr von Meyern ist jetzt von seinem Urlaube zurückgckehrt und hat seine Arbeiten wieder ausgenommen. Derselbe wird sich unverzüglich auch an den im landwirtschaftlichen Ministerium eröffneten Conferenzen über die ländliche Arbeiterfrage betheiligen. — Der Handelsminister hatte dem deutschen Eisen bahnverein die Vorschläge gemacht, welche auf eine Vereinfachung, gleichmäßige Rangierung und Abzeichen der Beamten als Station«-, Expedition«-, Streifen■ und Zug- und Locomotivdienstes hinstrebten. Vom Vorstände des Vereins sind dieselben jedoch nur in sehr bcscbränktem Maaße acceptirt worden. Der Han delsminister hat deßhalb die Direclionen der könig. lichen Eisenbahnen angewiesen, bei Berathung der An gelegenheit im Plenum für die von ihm gemachten Vorschläge einzutreten und eine möglichst umfangreiche Anwendung derselben herbeiznführen.
— Der Bericht der Spccial-Untersuchungs-Com- mission, welcher am 17. Juli dem Kaiser überreicht wurde, ist, wie die „Sp. Ztg." vernimmt, dem Staatsministerium mit dem Befehle remittirt, nunmehr bestimmte Gesetzesvorschläge behufs Regelung des Eisen bahn - Aktienwesens zu formuliren. Ob der Bericht jetzt veröffentlicht werden wird, ist zweifelhaft. In Regierungskreisen scheint man nach Ansicht des ob-n- genannten Blattes diese Veröffentlichung zur Zeil kaum für zulässig zu erachten, da die Allerhöchste itict- schäft vom 14. Februar bestimmt, „der Landesvertre- wng seiner Zeit die bezüglichen Commission^berichte zugehen zu lassen".
— Der Geh. Obermedicinalrath Dr. Pettenkofer aus München, der Obermedicinalrath Dr. Volz aus
Karlsruhe und der Geheime Medicinalrath Dr. Günther aus Dresden sind zu der vom Bundesrath ein berufenen außerordentlichen Conferenz in Sachen der Cholera hier eingetroffen.
— Ueber den Stand der Cholera im Juli liegen folgende Nachrichten vor: In Altendorf bei Ratibor wurden vom 23. bis 29. 12 Erkrankungen constatirt, darunter 4 mit tödtlichem Auögange; ein fünfter Todesfall trat am Choleratyphus ein. Seit Sonnabend schien die Epidemie im Erlöschen; am 28. indeß traten 3 neue schwere Erkrankungen hinzu. In Thorn waren seit dem 28. polizeilich angemeldet 4 Personen. Seit Ausbruch der Cholera in Thorn am 2. Juli sind incl. der Flößer im Ganzen erkrankt 164, davon gestorben 100 Personen. In Graudenz sind bis jetzt im städtischen Gebiete seit 3 Wochen 19 Todesfälle unter der Civilbevölkerung zur polizeilichen Anmeldung gekommen. In das für die polnischen Flößer eingerichtete Choleralazareth sind int Ganzen 61 Personen ausgenommen worden. Davon 30 gestorben, 24 als gesund entlassen. Zu den Orten, die mit besonderer Heftigkeit von der Seuche ergriffen worden sind, gehört Podgurze bei Thorn. Von der 500 Per fönen zählenden Einwohnerschaft sind bis jetzt 54 gestorben. In Braunsberg waren vom 21. bis incl. 28. v. M, Mittags 24 Erkrankungen an der Cholera und darunter 12 Todesfälle polizeilich angemeldet Die größte Zahl der Erkrankungen, nämlich 10, ist am 28. v. M. vorgekommen. Leider steht es jetzt est, daß auch Fälle von Cholera in Berlin vorgekommen sind. Eines der ersten Opfer war der in den ärztlichen Kreisen Berlins wegen seiner Tüchtigkeit und steten Bereitwilligkeit überaus populäre langjährige Diener des pathologischen Institutes Fischer. Er erlag der Cholera in kaum 6 Stunden. So wenig man der Ansicht zu sein braucht, daß eine eigentliche Cholera Epidemie unter allen Umständen sich ausbilden wird — Danzig und Dresden beweisen das Gegentheil —, o dürfte es doch gerade um deswillen geboten fein, Vorsichtsmaßregeln zu treffen, weil sie unter diesen Umständen noch Erfolg versprechen.
Breslau, 4. Aug. Der neugewählte Bischof der Altkatholiken, Professor Reinkens, beabsichtigt, wie die „Reuest. Nachr." melden, seine Professur in Breslau erst dann aufzugcben, wenn die Altkatholiken vom Staate definitiv als kirchliche Corporation anerkannt sein werden, da seine neue Stellung erst bann
genügende materielle Sicherung erhalten kann. Dr. Reinkens wird daher — obwohl in Bonn wohnhaft — zu Anfang des Semesters sich hierher begeben, um seine Vorlesungen wieder zu beginnen.
Kiel, 4. Aug. Als in voriger Woche Ihre kaiserl. Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin nach Föhr reisten, fand auf der Durchreise durch unsere Provinz vorgeschriebener Maßen nirgends Empfang statt. Gestern jedoch war dieser bei der Reise deS Kronprinzen von dort nach Kiel gestattet und nach allen uns bisher zugekommenen Berichten hat derselbe bewiesen, mit welcher Liebe die Bevölkerung den kaiserlichen Prinzen umfaßt. Unsere Stadt hatte sich glänzend geschmückt die ausgestellten Gilden, Gewerbe und Kampfgenossen (selbst die allen schleSwig-holsteinischen von 1848 bis 1850, bekannt wegen ihrer patticula- ristischen Richtung empfingen den Prinzen mit nicht minder begeistertem Zuruf als die Bevölkerung. Die Ankunft war verspätet, statt li/i Uhr erst 23/< Uhr. Dennoch empfing der Kronprinz, auf dem Schlöffe angekommen, sofort die Behörden aus Stadl und Land, denn es hatten ». A. die Ritterschaft und der pro- vinzialständige Ausschuß sich eingesunden. Das Fest- comiie für die Universitätsseier nebst einer Deputation der Studirenden war schon vorher in längerer Audienz empfangen. Leider begann es am Nachmittag heftig zu regnen, worunter sowohl der Festzug wie auch die Grundsteinlegung des neuen UniverstlätSgebäudes selbst litten. Dennoch ging diese programmäßig vor sich, und »ach der Weihrede des Kirchenraths Dr. Lüde- mann und einer Anrede des Oberpräsidenten v Schcel- Plessen ergriff der Kronprinz das Wort, um mit warmen Wünschen für die Schleswig-Holsteinische Universität, die symbolischen Hammerschläge auszuführen. Die Kürze der Zeit — es war 6 Uhr geworden — hinderte den beabsichtigten Besuch des Alterthums- museums und der kaiserlichen Werft; denn das vom Kronprinzen befohlene Diner, zu dem etwa hundert Personen geladen waren, sollte auf dem bekannten Schlosse Bellevue schon um 6 Uhr beginnen, konnte jedoch erst um 7 Uhr stinen Anfang nehmen, und für den Abend hatte Se. kaiserl. Hoheit die Einladung der Studenten zum Festcommerö angenommen, wo derselbe reichlich zwei Stunden verweilte. An beiden Stellen redete der Kronprinz wie verholt in einer alle Herzen gewinnenden Weise und feierte nach vorangegangenem Hoch auf den Kaiser die
DeS Schicksals Fiigmtg.
Novelle von Ew. Aug. König.
(Fortsetzung.)
Zweites Kapitel.
Der Wucherer.
Es gab in der Stadt, welche der Schauplatz unserer Erzählung ist, vom Schulkinde aufwärts wohl Niemand, der nicht den „Partikulier" Hermann Kleber kannte. War er doch eine Persönlichkeit, auf welche die Erwachsenen mit Verachtung herabsahen, welche die Kinder mit Spott und Hohn verfolgten, wenn sie stch in den Straßen blicken ließ.
Und doch mußte ein Jeder sich gestehen, daß er ftn geheimes Grauen vor dem Manne empfand, der M dem hohen, finsteren Hause mit den vergitterten umftern und den geschwärzten Mauern wohnte, deffen Einsamkeit kein lebendes Wesen theilte.
Er war ein großer, schon bejahrter, hagerer Mann, nttS in einen fadenscheinigen Ueberrock von blauem Tuche gekleidet, den er bis unter’« Kinn zugeknöpft duz, um die zerrissene Weste, daS schmutzige Vorhemd bie settglänzende Halsbinde zu verbergen, und ni5 sah man ihn anders über die Straße gehen, als unverwandt zu Boden gesenkten Blicken und die ®<*geren Hände in den weiten Seitentaschen des RockeS.
glich er dem personificirten bösen Gewissen, und «anche Matrone, welche noch an den Vorurtheilen vorigen Jahrhunderts hing, behauptete dreist, Lieber sei mit dem bösen Blick behaftet und mit dem ^fufel im Bunde, dem er für daS rothe Gold seine ^eele verschrieben habe.
Zwar glaubten, zur Ehre der Bürger und Bür- ikrinnen sei’s gesagt, nur Wenige an eine solche Be
Häuptling, Niemand aber setzte in das allgemein verbreitete Gerücht, Kleber habe enorme Schätze angehäuft, den leisesten Zweifel.
Der Letztere suchte auf jede mögliche Weise dieses Gerücht zu widerlegen, seit zwanzig Jahren trug er Sommer und Winter hindurch nur ein und denselben Rock, nie sah man ihn ein WirthShaus betreten oder an einer öffentlichen Lustbarkeit Theil nehmen, kein Handwerker konnte sich rühmen, jemals für ihn etwas angefertigt zu haben, die Verkäufer von Lebensmitteln, bei denen Kleber persönlich seinen geringen Bedarf einkaufte, schimpften weidlich auf daS Feilfchertalent des Geizhalses, und kein Bettler näherte sich seiner Schwelle, war es doch allgemein bekannt, daß Kleber „dieses Gesindel", wie er die Kategorie der HttlfSbe dürftigen fammt und sonders nannte, mit schneidendem Hohne abfertigte. Er war von Allen gefürchtet, ge- bofjt und gemieden, nur Wenige überschritten seine Schwelle, welche die Noth zwang, eine Anleihe zu machen und diese von dem Geizhälse zu erhalten hofften. Tie meisten dieser Bedürftigen sahen in ihren Hoffnungen sich getäuscht, nur bie, welche doppelte und dreifache Sicherheit bieten konnten, gelangten bei dem hartherzigen Wucherer zu ihrem Ziele, wenn sie sich bequemten, hohe, fast unerschwingliche Zinsen zu bewilligen und die Bedingungen einiuaeben, welche Kleber zu stellen für gut befand. Nur in seltenen Fällen gelang es dem Schuldner, diesen Bedingungen rechtzeitig nachzukommen, der Wucherer war alsdann nicht abgeneigt, gegen eine angemessene Entschädigung den Termin zu verlängern, die Schuldenlast wuchs, und hatte sie endlich die Höhe erreicht, welche Kleber, je nach den VermögenSverhältniffen seines Schuldners
von vornherein als das Ziel seiner Nachsicht bezeichnete, so kam Hab’ und Gut des zu spät Bereuenden unter den Hammer, und mit kaltblütiger Ruhe sackte der Wucherer den Erlös ein.
Diese Zwangsverkäufe, die auf Ansuchen Kleber’s häufig stattfanden, mußten natürlich das Gerücht, welches über seinen Reichthum, wie seinen Charakter in Umlauf war, mehr und mehr befestigen, trotzdem fiel es keinem, auch nicht dem kühnsten Diebe in den Sinn, bei dem alten Manne einzubrechen, um denselben zu berauben, hieß es doch allgemein, die Schätze deffelben seien in einem Gewölbe verborgen, in welches nur der gelangen könne, der die mechanischen Vorrichtungen an den Schlössern der Thüren genau kenne. Kleber kannte die Gerüchte, weit entfernt, sie zu wider- iegen, begnügte et sich damit, wenn einer seiner Besucher forschend ein Wort über dieselben fallen liefe, gleichgültig die Achseln zu zucken, wohl wissend, daß er dadurch jenen absurden Behauptungen einen weit größeren Anschein von Wahrscheinlichkeit gab, als wenn er gegen dieselben protestirt ober sie bestätigt hätte.
Am Tage nach dem im vorhergehenden Capitel erwähnten Abend saß et, in einen alten, zerlumpten Lchlafrcck gehüllt, in einem Zimmer des Erdgeschosses vor dem Frühstückstische und laS aufmerksam in einem Briefe, den der Postbote vor wenigen Minuten ihm überbracht hatte.
Dieser Brief, batirt aus New Iork, enthielt nur die wenigen Zeilen: „Sie erhalten hierbei eine fernere Anweisung auf dreihundert Dollars, zahlbar a vue bei dem Bankier Walther dort, die Sie erheben und in gewohnter Weise verwenden wollen. In den ersten