Mr. 177.
Marburg, Mittwoch, den 30. Juli.
1873.
Lterhessifche Zeitung.
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August und September werde« von allen Postanstalten, sowie von der Expedition in Marburg angenommen. Mit dem Monat Angust beginnt im Keutlleton die Novelle:
Des Schicksals Fügungen, von E. A. König.
Deutsches «eich.
•• Berlin, 28. Juli. Die Aufbringung der „Vigilante" durch Sr. Maj. Schiff „Prinz Friedrich Carl" ist mehrfach so gedeutet worden, als ob der Commandant des deutschen Schiffes, Capitän Werner, auf Instruction seitens der deutschen Reichsregierung gchanoelt und thatsächlich die spanische Regierung anerkannt habe. Diese Auffassung ist jedenfalls irrig, da dem genannten Offizier keinerlei Instructionen der Art zugegangen sind. Es ist selbst zweifelhaft, ob derselbe von der bekannten Verfügung von der spani- schen Regierung Kenntniß gehabt oder ob er lediglich nach dem Grundsätze des SeerechtS gehandelt hat, welcher jedem Kriegsschiffe die Berechtigung gibt, jedes Schiff aufzubringen, welche» ohne Flagge cder ohne staatlich und völkerrechtlich anerkannte Flagge fährt oder diese willkürlich wechselt. Die Thatsache selbst ist der obersten Marinebthörde ebenso überraschend gekommen, als dem Publikum, und wird daher die Behörde selbst erst Stellung zu der Sache nehmen können, wenn die Motive des Vorgehens des Capitän Werner amtlich bekannt sein werden. — Im Strafgesetzbuch des deutschen Reiches sind auch Strafbestimmungen enthalten für den Fall, daß ein Widerstand gegen Beamte in Ausübung ihres Amtes erfolgt. Nach einem Erkennt- niß des Obertribunals sind Bahnpolizeibeamte nur dann solche Beamte, auf die sich jene Bestimmung de» Strafgesetzbuches anwenden läßt, wenn sie vereidigt sind. Der Handelsminister hat daher die Vereidigung dieser Beamten sofort angeordnet und dabei bemerkt, daß nur solche Beamte zu Bahnpolizeibeamten verwendet werden sollen. — Die „Germania" veröffentlicht Aktenstücke über den Bischof von Ermland, womit sie unzweifelhaft beabsichtigt, gegen die Ent
scheidung des Obertribunals Protest zu erheben, die „Germania" druckt mit hervorragender Schrift diejenigen Stellen ab, welche die Deutung einer Möglichkeit besitzen, daß das Erkenntniß des Obertribunals anzufechten sei. Das katholische Blatt läßt aber die Stellen weg, durch welche das Erkenntniß unanfechtbar dasteht; es heißt nämlich in dem königlichen Erlasse vom 8. Mai 1868, in welchem die Bischofswürde in Ermland staatlich anerkannt wird, daß die in diesem Erlasse gemachte Zusicherung unbeschadet der ober- landesherrlichen Gerechtsame geschieht. Der Staat iah sich aber in diesem Falle veranlaßt, diese Gerechtsame zu schützen, und hat der Cultusminiftcr deshalb nur dem königlichen Erlaß sein Recht gewahrt. — <Sf königliche Hoheit der Prinz Friedrich Carl wird sich von Rügen auS mit einem Theil unseres Uebungs geschwaders nach Schweden-Norwegen begeben, wo unser Kronprinz nach einem Telegramm der „Stockholmer Zeitung" am 4. August (Dromheim) erwartet wird.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Wegnahme des spanischen Schiffes „Vigilante" durch Sr. Maj. Panzerfregatte „Friedrich Karl" erfolgte ohne alle Instruction und Autorisation der kaiserlichen Regierung. Capitän Werner wird über sein Verhalten sich zu rechtfertigen haben. Ein Bericht dcffelben liegt noch nicht der kaiserlichen Regierung vor.
Breslau, 28. Juli. Der „Schlesischen Presse" zufolge hat der Erzbischof LedochowSki angeordnet, daß am 12., 13. und 14 August in allen Kirchen seiner beiden Erzdiöcesen öffentliche Gebete für „die schwer verfolgte und bedrängte Kirche" gehalten werden, indem er vollkommenen päpstlichen Ablaß verheißt
Hannover, 24. Juli. Um die Mitglieder des hier zusammentretenden Juristentages würdig empfangen zu können, hatte der Magistrat die Bewilli gung einer gewiffen Summe bei den Bürgcrvorstehern beantragt, die partikularistische Majorität des Collegiums hat indessen dieselbe abgelehnt.
Bonn, 27. Juli. Der Termin für die altkatholische BischofSweihe ist jetzt definitiv festzestellt. Die- selbe wird nicht, wie jüngst eine durch die Presse lau
fende Berliner Nachricht meldete, am 3., sondern am 11. August in Rotterdam durch den Bischof von Deventer vorgenommen. Letzterer consccrirt am 5. August ben neuen Bischof von Haarlem, Rinkel, welcher mit dem Capitularvicar von Utrecht bei oer BischofSweihe ReinkenS' als Assistent fungirt.
Wiesbaden, 26. Juli. Die k. Regierung dahier, Abtheilung für Kirchen- und Schulsachen, hat an sämmtliche Schulinspcctorcn folgenden Erlaß ergehen lassen: „Da es zu unserer Kenntniß gekommen ist, daß in manchen Gemeinden Lehrer und Schulkinder zu Begräbnißfeierlichkeiten, die während der gesetzlichen Schulzeit stattfinden, herangezogen zu werden pflegen, so machen wir Ew. Hochwürden darauf aufmerksam, daß dies wegen der damit verbundenen Siörung der festgesetzten Unterrichtszeit unstatthaft ist, und ersuchen Sie demnach, sämmtliche Ortöschulvorstände Ihres Aufstchtsbezirks von dieser Verfügung in Kenntniß
Meinivge«, 26. Juli. Der neugewählte Land- tag war auf heute hierher einberufen worden, die Eröffnung findet erst morgen nach einem gemeinschaftlichen Gang zur Hofkirche statt und erfolgt durch das Staatsministerium im Landschaftshause. Die Geschäfte beginnen MontagS mit der Wahl deS Wahlprüfungs- AuSschuffeS, und erst nach der Gültigkeitserklärung der Wahlen erfolgt die Wahl des Präsidiums. Eigentliche legislative Arbeiten liegen jetzt nicht vor; nur die Rückzahlung des 5proc. Staatsanlehens wird von der Regierung proponirt, da sic den gefammten Schuldbetrag aus dem Reichs-Jnvalidenfond zu 4*/2 pCt. erhalten soll. Die Kündigung der 5proc. Schuld steht daher in nächster Aussicht, die Convertirung in 4Vrproc. Schuldscheine wird jedoch den Staatsgläubi- gern nachgelaffen werden.
Darmstadt, 28. Juli. Die zweite Kammer nahm heute in der Schluß-Abstimmung die Kreis-, «lävte- und Landgemeinde-Ordnung einstimmig an.
Ausland.
Wien, 27. Juli. Es soll am 4., 5. und 6. August hier ein „internationaler Kongreß zur Erörte- rung der Frage des Patentschutzes" zusammentreten.
Der Rhciuwei«.
Der „N. fr. Pr." entnehmen wir über die Rheinweine auf der Wiener Weltausstellung folgende An gilben:
Als König der Rheingauer Weine gilt überall der Johannisberger, dessen Name der bekannteste von allen wäre, ohne den Hochheimer. Der letztere wächst eigentlich nicht im wirklichen Rheingaugebiet, sondern auf dem südlichen Abhange des TaunusgebirgcS, dicht am Main, in dem Winkel, den dcffen Vereinigung mit dem Rheine bildet. Das „Gold von Hochheim", welches Klopstock gefeiert hat:
Du duftest Balsam, wie mit der Abendlust Der Würze Blume an dem Gestade dampft, Du bist eS würdig, daß Pu den deutschen Geist Nachahmst, bist glühend, nicht ausflammend, Taumellos, stark und von leichtem Schaume leer!
'N Von Alters her so berühmt, daß ein großer Theil Welt keinen anderen Rheinwein kennt und nennt, den Hochheimer; die Briten nämlich, welche ihn bvrzpgSweise schätzten, haben seinen Namen durch Ab- brediatur in „Hock“ (die englischen Kellner pflegen ölvs „Oc“ zu sagen) verstümmelt und benennen damit nunmehr alle deutschen Weine. Was sie davon halten, sagt ihr Sprichwort: „Good Hock keeps off tbe ®°etor“ — „guter Rheinwein ersetzt den Arzt." Da- Skgen wollen sie von den Weinen mainauswärts dir Frankfurt a. M. und dort herum nichts wissen: „Rhine
*ine good; Neckar plessant; Moselle innocent; ^rankfort bad I“ übersetze» sie den alten deutschen «»lkSspruch:
;/j Der Wein vom Rhein.ist immer gut. Der Moselwein nicht schaden thut; Der Neckarwein ist auch noch recht — Frankfurter Wein ist immer schlecht!
Aber zurück zum Johannisberger, von welchem kin 1768er auS der berühmten Kellerei des Herzogs don Naffau in Biebrich ausgestellt ist neben Hoch- Hmer aus den Jahren 1706, 1779, 1783, 1806,
1839, Steinberger von 1811, 1822, 1834, 1846 1848, 1857, 1858, 1859, 1862, 1865, und noch anderen Hochgewächsen der gleichen Jahrgänge; — wer ein Weinkenner ist und diese Zahlen erschaut, der wird ahnen, welch ein Schatz hier sich vor dem „Sesam" des Pfropfenziehers der Weinjury öffnen wird, und diese beneiden um die Genüsse, welche ihr in solcher heißen Zeit gekühlt zufließen.
Dem Schloß-Johannisberger zunächst steht der Steinberger, der in guten Jahrgängen jenen an Feuer sogar übertrifft, wenn er ihm auch an Bouquet nachsteht; er wächst auf 20 Hectaren einer preußischen Domäne. Das Stück --- 1200 Liter ist schon mit 12,000 fl verkauft worden; in der Ausstellung ist eS, aus dem herrlichen Jahrgang 1865, mit 5440 fl. notirt. Jrn Rang der drille unter den Rheingau SÖeinen steht gegenwärtig der Rauenthaler, zu dieser Ehre erst neuerdings durch gesteigerte Culiur und gerechtere Würdigung gelangt. Jrn August 1863 be- wirlhete die gute Stadt Frankfurt ihre Gäste, die Mitglieder des vorn Kaiser von Oesterreich zusammm- berufenen Fürsten-Congreffes, mit einem Rauenthaler, moöcn die Flasche 15 fl. kostete; er heißl seitdem der „^urstenwein." Die Agriculturhalle hat einen „Rauen- lhaler Berg, Auslese" mit 15 fl. ä Flasche aufzu- weijen. Der duftige, besonders im Alter kräftige Marco- brunner wächst dicht am Rhein zwischen Erbach und Hattenheim; die besten Lagen gehören dem Grafen Schönborn. Der Distrikt hat seinen Namen von einem Brunnen, welchen 1864 die Gemeinde Erbach renovirm und mit der Inschrift versehen ließ: „Marco- brunn, Gemeinde Erbach". Die Hattenheimer glaubten sich dadurch verletzt, denn der größere Theil des berühmten Weinbezirkes liegt in ihrer Gemarkung; sie rächten sich daher durch folgende, über Nacht an ihrer Brunnenseite angebrachte Legende: „So ist es recht und so soll eS fein: Für Erbach das Wasser, für Hattenheim ben Wein." Der Gräfenberger, bei Kiebrich
wachsend, ist ein Ebelwein erster Klasse. Rüdesheim war von altersher durch seinen kräftigen, blumenreichen Wein berühmt: schon Fischart fang:
Dort unten an dem Meine, da ist ein Berg bekannt Der trägt em guten Weine, Rüdesheimer genannt. Der hat ein geistlich Art an sich, macht äußerlich und innerlich!
Rüdesheimer Berg von 1862, Riesling, wird in der Ausstellung mit 3000 Thlrn. das Stück offerirt Dann kommt Geisenheim mit seinem Rotheberg, Capellengarten, Morschberg, Kosakenberg, Eltville mit dem Traubenberg, Kiedrich mit der Wasserrose, Winkel — auf dessen Friedhof die unglückselige Günderode, die Freundin Kreutzers von der Bettina, begraben liegt mit seinem Dachsberg und Hafersprung; Hall- garten, das Eigenthum v. Jtzsteins, wo so oft Rotteck, Welcker, Hecker verkehrten und unschuldige Conspira- twnen schmiedeten, jetzt im Besitze des Dr. Eisenlohr, bekannten Namens, auch noch gar manche andere Orte, welche gute Säfte erzeugen, wenn diese gleich mit fremden Taufscheinen in die Welt gehen. Da, wo der eigentliche Rheingau rhcinanfwärts endet, nimmt er sich zum Abschied noch einmal zusammen, und schenkt der Welt den schmalzigen AßmannShäuser mit feinem Mandelgefchrnack, den edelsten Rothwein Deutschlands. Darüber hinaus aber gedeiht kein Hochgewächs mehr.
Fragt der wißbegierige Leser, welchen Verhältniffen die Rheingauer Weine ihre Eminenz verdanken, so kann man daraus antworten: der geschützten günstigen Lage am breiten, die Sonne reflectirenden Strom, deffen Verdunstung die Luft mit warmer Feuchtigkeit schwängert; der ausgezeichnet fleißigen und rationellen Behandlung der Rebe und der Weine, endlich der Wahl des RebsatzeS. Dieser besteht bei de« Hochgewächsen durchweg auS Riesling. Das aber ist die edelste von allen Weintrauben, die einzige, die da» unnachahmliche Bouquet liefert, sie ist die Traube der