Marburg, Sonnabend, den 26. Juli.
Ur. 174
1873
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ObcMsische atilun.«.
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•* Berlin, 24. Juli. Bei der Ausführung der Kirchengesetze liegt der Kernpunkt ohne Zweifel in dem Gesetze über die Anstellung und Vorbildung der Geistlichen. ES kann hierauf nicht genugsam aufmerksam gemacht werden, damit daS Volk sich vorsieht. Daß die Bischöfe Alles versuchen werden und vor einer offenen Auflehnung gegen die Staatshoheit nicht zurückscheuen, scheint sich immer deutlicher herauszu stellen. Das Gesetz bestimmt bekanntlich, daß der Bischof von jeder von ihm vorgenommenen Anstellung dem OberprSstdettten MittheilUng machen soll. Diesem stcht daS Recht der Prüfung zu, ob der designirte Geistliche auch gesetzlich für qualifieirt zu erachten ist, und kann er innerhalb einer Frist von 30 Tagen gegen feine Anstellung Protest einlegen und sie verhindern Die Strafen für eine Uebertretung dieser Vorschriften find im Gesetze genau bestimmt. Es liegt aus der Hand, daß alle von einem solchen Geistlichen sorge nommenen Akte civilrechtlich ohne jede Geltung wären, da eben der Staat ihm keine priesterlichen Functionen zugestehen kann. Dahin gehört z. B. die £r»uung. Der Staat wird seine ganze Energie hier einzusetzen haben, um eine Verwirrung der Zustände zu verhüten, und seine Autorität der Kirche gegenüber trotz aller deren Gegenanstrengungen zu wahren. Daß es an diesen nicht fehlen wird, kann man versichert sein. — Nachrichten auS China melden, daß nunmehr die Vertreter der auswärtigen Mächte vom Kaiser persönlich empfangen, sind. Diese Thatsache bezeichnet, wie auch anderswo bereits hervorgehoben ist, einen gewaltigen Umschwung. Vielleicht ist eS ausgefallen, daß ein Bertreter Deutschlands der Cevemonie nicht beiwohnte; eS erklärt sich dies aber aus dem einfachen Umstande, daß der deutsche Gesandte noch immer sich auf Urlaub befindet; dagegen war, wie man hört, der Dollrnetscher des diplomatischen Corps der officielle Dollmetscher der deutschen Gesandtschaft. — Wie man hört, werden iw Anfang des Jahres 1874 wahrscheinlich ein ober zwei Schiffe der Kaiserlichen Marine für eint wissenschaftliche Expedition zur Beobachtung des Durchgangs der Venus an der Sonnenscheibe bereitgestellt werden. Doch soll die Forschungsreise auch andere wiffen- schaftliche Gebiete in Betracht ziehen, wie Meteorologie, Hydrographit, Strömungen deS OceanS rc. Die Re
sultate der Beobachtungen werden dem hydrographischen Bureau der Admiralität zur weiteren Bearbeitung überreicht werden. — Die Nachrichten aus EmS lauten täglich günstiger: kaum jemals hat die Sommerfrische und Badekur auf Se. Majestät so wohlthätige Wir- kungen ausgeübt, wie in diesem Jahre.
— 24. Juli. D« „Rordd. Allg. Ztg." hebt in einem Artikel hervor, daß die Ausführung der neuen Kirchengesttze überall ernstllch im Gange sei. Genaue Ueberwachung darüber, ob Seitens der katholischen Bischöfe den Gesetzvorschriften über Vorbildung und Anstellung der.Geistlichen entsprochen werde, sei um so noth- wendiger, als die Amtshandlung der unbefugter Weise angestellten Geistlichen null und nichtig seien und für bürgerliche Verhältniffe beklagenswerthe Verwirrung hcrbeiführen müßten. — Als bestimmt wird mitgetheilt, baß Johann Hoff's ZahlungS - Einstellung in keiner Beziehung zur Deutschen Prämien- Kredit und Renten Bank _ steht und diese letztere durch dieses Ereigniß unberührt bleibt. Die Bank hat so wenig wie ihr Director Braun gegenwärtig Accept-, Giro- oder Börsen Verbindlichkeiten, die Bank arbeitet ohne Passiva.
Pofen, 20. Juli. Das Wunderwasser von Lourdes hat sogar seinen Weg bis nach Posen gefunden und wird auffallenderweise nicht in Apotheken und Mineralwasserniederlagen, fonbern in einer frommen Buchhandlung per Liter drei Silbergroschen verkauft und soll, »ach der Versicherung des Verkäufers, von allen Krankheiten außer von der — Dummheit heilen.
Königsberg, 24. Juli. Die „Ostpreußische Zeitung" meldet, daß die Domherren zu Frauenburg daS am 1. Juli fällige Gehalt noch nicht empfangen haben. Bekanntlich soll jetzt jedem Einzelnen der Gehalt gegen eine Specialquittung von der Regierung ausgezahlt werden. Doch weigern sich die Domherren, wie es heißt, in Folge höherer Weisung die Special- quittungen auszustellen.
Görlitz, 21. Juli. Hier ist vorgestern der kgl. General-Lieutenant z. D., Otto Rudolph Benno Hann von Weyhern, im 65. Lebensjahr gestorben. Als militärischer und politischer Schriftsteller hatte General Hann v. Weyhern sich einen Ruf geschaffen, der über die Grenzen seiner Heimath und der heimathlichen Armee hinauSging.
Paderborn, 20. Juli. Die „Ess. VolkSztg." erfährt aus sicherster Quelle, daß ein westfälffcher Graf sich bei dem bischöflichen Generalvicariat erboten hat, den Professoren der hiesigen philosophisch-theologischen Lehranstalt daS ihnen vom Staat entzogene Gehalt aus seiner Tasche zu zahlen.
Bonn, 22. Juli. Die Weihe deS allkatholischen Bischofs ReinkenS ist verschoben worden. ReinkenS hat sich zwar heute nach Rotterdam begeben, muß jedoch, dem kürzlich hier eingetroffenen Wunsche deS Bischofs Heydkamp zufolge, vorerst eine Conferenz über verschiedene Angelegenheiten mit demselben halten, ehe zur Vornahme deS feierlichen ActeS geschritten wird.
Göttingen, 22. Juli. 'Die letzten Tage haben eine Reihe von theilweise längst erwarteten Personal- Veränderungen an unserer Universität gebracht: der bisherige außerordentliche Professor der Augenheilkunde und Director der ophthalmologischen Klinik, Dr. Leber, ist zum ordentlichen Profeffor in der me- dicinischen Fakultät, der bisherige außerordentliche Professor in der philosophischen Fakultät und Director der landwinhschaftlichen Versuchsstation Dr. Henneberg, zum ordentlichen Profeffor der Agrikulturchemie, der seit Jahren hier bomicitirenbe Privatgelehrte Dr. Karl Gövekc zum außerorbentlichen Profeffor der deutschen Literaturgeschichte ernannt. — Der hiesige Prt» vatgelehrte und Abgeordnete des Wahlkreises Göttin« gen-Münden für das Berliner Abgeordnetenhaus, Dr. Mithof, wird einem Rufe als ordentlicher Profeffor der Nationalökonomie an die Universität Dorpat, der Privatdocent Dr. Carl Stumps einem Ruf als ordentlicher Profeffor der Philosophie nach Würzburg folgen; der Privatdocent Dr. Neesen als Doceut und Assistent am physikalischen Cabinet nach Berlin übersiedeln. Dagegen hofft man, daß eS gelingen werde, unseren Historiker Georg Waitz, der einen Ruf nach Heidelberg erhalten haben soll, an unserer Georgia Augusta und in seiner hiesigen ausgebreiteten und fruchtbaren Wirksamkeit festzuhalten.
Weilburg, 23. Juli. Bei der heutigen Do- manialgrubenversteigerung wurde ein GesarnrnterlöS von 1,203,700 Thaler erzielt gegen den früheren Erlös von 900,000 Thlr.
Bad Homburg, 23. Juli. Man erwartet im Laufe dieser ober Der nächsten Woche den Besuch
: • / Die Elsiifferi«.
' r‘?i' Novelle von AndrS Hugo.
(Fortsetzung.) ,,
Goviller hatte von den sich- in den letzten Miauten abfpielenben Vorgängen durch seine Aufregung «chtS gehört.
„Hast Du einen Strick", keuchte er, als er Schritte hinter sich vernahm.
„Ich muß die Kanaille binden ich will doch scheu, ob -r-" — Er vollendete nicht.
Tie nervige Faust Benno'S hatte den Schurken gepackt. Wie eine junge Katze warf er ihn auf den Dvden. Er versuchte aufzuspringen, aber die Klinge den Benno'» Schleppsäbel sauste in diesem Augenblick auf ihn nieder. Der Säbelhieb, mußte ihm den Kopf gespalten habüt.
Felice hatte sich mühsam aufgerafft. In halb fitzender Stellung preßte sie dir Hände auf den wo Wdeu Busen und vermochte, dmch den fliegenden Ochern verhindert, kein Wort hervorzubringen.
„Auf, Felice!" gebot Benno. „Zeige uns den Weg! — Wir müssen den Kerlen in den Rücken kommen!*
Felice nahm ihre letztm Kräfte zusammen und er- hvb -sich vom Boden.
„Eine Treppe tiefer!" keuchte sie, als sie aus dem Zimmer getreten waren. Benno eilte mit seinen Leu kon und Felice hinab.
„Signalist, an'S Fenster! — Das Ganze avan ttrtn!" rief Benno, als er den Korridor erreicht hatte, hr nach Felicris Angaben nur durch eine Bretienhür bon dem anstoßenden Korridor deS bewohnten Flügels Ptrennt war.
„Zurück, Felice — tritt hier in da» Zimmer und
verschließe es!" sagte Benno, als er sich überzeugt hatte, daß seine Untergebenen Alle zur Stelle waren.
. „Sie", sagte er zu dem ihm am nächsten stehenden Füsilier, „bleiben bei der Dame und haften mit ihrem Kopfe für das Leben derselben."
Benno konnte in seiner Aufregung und in dem Tumulte nicht hören, daß das Signal, welches der Hornist jetzt in die Luft schmetterte und die in der Thoreinsahrt versteckten zum Vorgehen rufen sollte, im Walde von einer neuanrüttenben Kolonne beantwortet wurde. Den Säbel in der Faust, stürmte er vorwärts. Einige Kolbenstöße sprengten das Schloß welches in den anstoßenden Korridor führte. Er trat in die Fensternische und kommandirte, als die Thür aussprang:
„Chargirt! GeladenI — Feuer!"
Die Salve krachte in den Korridor und fast jede Kugel mußte ihr Ziel gefunden haben, denn am Bo den wälzte sich eine formlose Menschenmaffe.
Ein schreckliches Wuthgeheul schnitt durch die Luft.
Die aus den Zimmern hervorkommenden begrüßte eine neue Salve, der ein donnerndes Hurrah von S'iten der Leute Benno'S folgte. Kanin war dies ausgerufen, so entstand ein kurzes Handgemenge, das schließlich dckmit endete, daß die noch lebetwen ober unverwunbeten Franktireurs die Waffen wegwarfen und um Pardon baten. Nur der Schwarze kämpfte noch in der Stube wie ein Löwe. Er blutete bereits auS mehreren Hieb und Schußwunden, aber dennoch vertheidigte er sich noch. Die von Außen Andringenden hatten jetzt auch die verbarrikadirte Thür genont men und waren nach kurzem Kampfe in daS Erdgeschoß gedrungen und stürmten die Treppe herauf.
Noch immer hielt sich der Schwarze mit einigen
der Verwegensten seiner Bande, als Benno in den Saal stürzte und mit Stentorstimme rief:
„Willst Du Dich ergeben, Schwarzer?"
Die Augen deS Slngerebcten blitzten in neuem fürchterlichen Feuer auf.
„DaS ist der Hunds" krächzte et. „Hat Keiner eine Kugel mehr für seinen Hauptmann?" schrie er mit wulherstickter Stimme.
„Ich!" schrie eine Stimme vom Boden auf. Gleichzeitig krachte ein Schuß. Benno wankte. Die von dem Daliegenden abgeschoffene Kugel war Benno kurz unter dem rechten Schulterblatt durch daS Fle sch gegangen. Den Frevler am Boden, sowie den An« sühr.r der Bande ereilte in diesem Augenblicke gleichzeitig das Schicksal, denn der jetzt erfolgende Schuß war dem Schwarzen, wie es schien, durch den Kops gegangen. Wenigstens schoß, als er taumelnd zurück sank, ein Blmstrom au» seinem Munde, über dessen Lippen noch ein unverständlicher Fluch glitt An dem Schädel deS Daliegenden, der den Schuß auf Benno abgegeben hatte, versuchte ein Soldat Die Wucht seine» Gewehrkolbens in einer solchen Weise, daß in der nächsten Minute ein Kopf in Wirklichkeit nicht mehr existirte.
Unter triftigem Hurrah stürzte ein neue» Detachement Soldaten in den Hof de» Schlöffe». Ein Hurrah der Freude tönte den Ankommenden au» den Fenstern des Schlöffe» von Benno'S Leuten entgegen. Nach wenigen Minuten war Hauptmann Sterchenbach an der Seite Benno'S.
„Verwundet, Herr Kamerad?" fragte dieser.
„In den letzten Minuten des Kampfes. Ein Verwundeter schoß mir die Kugel durch die Schulter.
„Wo ist er?"