Mr. 166 Marburg, Donnerstag, den 17. Juli.
1873.
Obkrhessische Zeitim«.
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Deutsches Strich.
•« Berlin, 15. Juli. In Bezug auf die Revision geistlicher Seminarien ist von dem Cultusminister angeordnet werde«, datz zu derselben gewöhnlich ein juristisch gebildeter Beamter und ein Fachmann zuzu ziehen sind, womöglich aus den betreffenden Regie- rungS Collrgien. Die Commiffarien sollen sich bei ber Revision von dem Vorsteher des Seminars die Haus vrdnung und das Reglement über die Disciplin vor- lezen laffen, so wie die Revision auf die gesammte Thätigkeit in der Anstalt und daS ganze Anstallsleben sich erstrecken. NameNllich sollen dieselben d.m Unter richt deiwehnen, ihr Augenmerk darauf richten, in welcher Weise die Zöglinge außer den Unterrichtsstunden beschäftigt werden. Was die Lehrer und die zur Handhabung der Disciplin angestellten Personen anbelangt, so haben die Commiffarien eine specificirte Nachweisung deS augenblicklichen Personalstandes auszunehmen und ist insbesondere zu ermitteln, ob Ausländer in der Anstalt fungiren. — In dem Gesetze vom 11. März wegen Anstellung von Geistlichen Hal man eine Lücke insofern finden wollen, als ein Mittel vermißt wird, vermöge dessen die Bischöfe verhindert werden, Stellen landesherrlichen Patronats, zu denen der Staat in Folge der Garantien der Bischöfe Can- didalen nomimren könne, auf unbestimmte Zeit pro- vijotisch verwalten zu laffen. Der Cultusmimster hat jedoch erklärt, daß diese Annahme auf einer zu engen Interpretation beruhe Die darüber sprechenden Lor- schristen finden auch auf die Stellen landesherrlichen Patronats Anwendung, nur wenn der Staat innerhalb der gesetzlichen Frist Niemanden nvminirt, so habe der Bischof ex jure devolutionis zu besetzen und zwar so zeitig, daß die definitive Wiederbesetzung innerhalb Jahresfrist erfolgt sein muß. Die Frist von einem Jahre in §. 18 ist ausweislich der Motive ausdrücklich gewählt, um einen genügenden Zeitraum auch für solche Fälle zu gewähren, in welchen patro- nansche oder ähnliche Verhältnisse ein weitläufiges Verfahren nothtveitdig machen. Wenn also in einem Falle der bezüglichen Art der Bischof die provisorische Verwaltung über die festgesetzte Frist andauern läßt, so kann unbedenklich gegen ihn das Executivverfahren eiugeleitet werden. Dabei sei eS selbstverständlicb, daß auch im Falle der Besetzung ex jure devolutionis
I II =====
Dir Elsässerin.
Novelle von Arrors Hugo.
(Fortsetzung.)
Am Nachmittage desselben Tages verließ Benno zum ersten Male sein Lager. Durch das geöffnete Fenster strömte die milde, warme Herbstluft herein und trug die harzigen Düste des nahen WaldeS, un lermisedl mit den Wohlgerüchen aus dem berühmten Blum.mhale (Florivat) herbei.
Benno saß in einem bequemen Lehnstuhl am Fen ster und harte Gelegenheit, sich über die schöne Gegend zu freuen, die ihm aus seinem früheren Hiersein bekannt war. Felice stand neben ihm und hatte ein leichtes Gespräch mit ihm begonnen. Alö in demselben eine kleine Pause eingetreten war, sagte er zu Felice:
„Fräulein Felice, jetzt ersuche ich sie aber, mir da« Nähere über meine Entfernung vom Schlachtfeloe wirzuthcilen."
Mit der den Französinnen eigenen außerordenlli chnr Lebendigkeit und Beredsamkeit schilderte ihm Felice aUe Einzelnheilen, wie ihr Vater beim Ausbruche des Kriege« eine Amdulance auf siine eigenen Kosten ge gründet habe, wie sie sich derselben angeschloffen und wie sie dann durch daS Portefeuille BennoS zufällig ihn gefunden.
„Haben Sie das Portefeuille noch?" fragte Benno. „Es ist nicht aus meinen Händen gekommen." „Kann ich es sehen?"
„Hier ist eS." Felice zog eS auS der Tasche und überreichte es erröthend dem Kranken.
„Hier traf die Kugel auf l" sagte er, auf die Stelle zeigend, wo die Kugel den Kopf und den oberen Theil der Franze weggeriffen hatte, „und hier", — er deutete aus das fehlenve Stück in dem Bügel — „wurde sie Von meinem Herzen abgelenkt — ich habe Ihnen also
der Bischof verpflichtet sei, vor der Anstellung den Candidaten dem Oderpräsikente» zu benamen, so wie, daß auch die Bestimmungen über da« Einspruchsrecht deS Staates volle Anwendung finden. — Während die liberalen Parteien fortgesetzt über die Möglichkeit des Zusammengehens bei den Wahlen schreiben, wird von einzelnen der bedeutendsten Organe, besonders vom Hamburger Correspondenlen, mit Rücksicht aus die neueste industrielle Entwickelung, mit großer Ent schiedeuheit darauf hingewiesen, daß bis zu den Wahlen die socialen Gegensätze möglicher Weise die politischen Schattirungen bei Seite schieben werden, und daß die Frage der so ialen Gesetzgebung voraussichtlich von Diil größerer Wichtigkeit jein werde, als die politischen Nuancen, um welche man jetzt streitet. Das Hamburger Blatt geht bei seiner großen Beachtung der socialen Bewegung zunächst von der Wahrnehmung über die Agitation in Schlesien auS; seine Auffassung und Mahnung verdienen jedoch auch in weiteren Kreisen beachtet zu werden. — Das Uebungsgeschwa- der ist am 13. Juli in Drontheim angikommen, Sr. Majestät Schiff „Prinz Friedrich Karl" ist an dem selben Tage in Barcelona angekommen.
Köln, 12. Juli. Gestern hat, wie die „K. B-Z." meldet, auch hier eine Visitation des erzbischöflichen Priester-Seminars im Auftrage deS Oberpräsioenten der Rheinprovinz durch zwei Commissare desselben stattgefunben. Die beiden Herren, RegierungSrath Schnitzler und der commissarische Schulrath Dr Sinnig, führten dem Vernehmen nach ihren Auftrag mit aller angemessenen Rücksichtnahme aus, und fanden auch von Seiten des Vorstandes alles Entgegenkommen, so weit Pflicht und Umstände eS gestatteten. Mit Hin weis auf die Erklärungen der Bischöfe wurden ihnen die Statuten und die Tagesordnung unter Protest eingehängt, auch eine Besichtigung des Hauses in feuer-, bau- und saniiätspotizeilicher Hinsicht gestattet, aber jede Mittheilung über die Interna des Seminars verweigert. Namentlich wurde die Vorlage de« Lehrplanes so wie der Besuch der Vorlesungen abgeschlagen, und hierbei zugleich darauf verwiesen, daß schon daS Gesetz selbst bhfen Anspruch nicht mache, indem eS die Vorlage des Lehrplanes nur von denjenigen An- st Iten verlange, welche zur wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen bienen, die Priester-Seminare
mein Leben indirekt und zu gleicher Zeit auch direkt zu danken."
„Wie so?" fragte Felice ausweichend.
„Nun, wäre bie Kugel nicht durch Ihr Geschenk aufgehalten und abgelenkt worden, sie hätte mir sicher tich den LebenSfaden zerrissen; hätte ferner nicht das Portefeuille am Loden gelegen, es fragt sich, ob Sie mich, aller Kleider beraubt, erkannt und gerettet hätten. —"
Das Sprechen hatte Benno bedeutend angestrengt; et mußte husten.
„Wollen wir da« Fenster schließen?" fragte Felice.
Benno schüttelte mit dem Kopse.
„Nein, die Luft ist zu herrlich — laffen Sie es. — Wie gesagt, Fräulein, ich verdanke Ihnen mein Leben auf doppelte Weise."
„O, sprechen Sie doch davon nicht, Herr Förster. — Ich erfüllte meine Menschenpflicht."
„Das war nicht bloß Menschenpflicht!" warf Benno ein.
„Ich versichere eS Ihnen aber." *
Neber das Gesicht FelicenS glitt ein tiefer Purpur.
„Dann hätten Sie noch viele andere meiner Kameraden retten muffen!"
Felice gerieih in Verlegenheit.
„Hätten wir noch mehr Leute vom Kampfplatze wegschaffen wollen so hätten die Räume im Schürten- hvse nicht ausgereicht; Überdies haben die Preußen anch ^mbulancen."
„Sie wollen sagen, die Deutschen; Preußen kämpfen nicht allein gegen Ihr Vaterland."
„Meinetwegen nennen Sie Ihre Landsleute, wie Sie wollen, für un« Franzosen bieiben unsere Feinde „Preußen".
„Ader eine Ambulance, welche das internationale
aber im Sinne des Gesetzes nur als der praktischen AusbilSung dienend betrachtet würden. Der Besuch dauerte nahezu zwei Stunden.
Gms, 14. Juli. Gestern halten einige hier zur Kur weilende Frankfurter Damen, welche sich schon seit Jahren hier durch Patriotismus und Loyalität bemerklich machen, den in den Kuranlagen eingelassenen Marmcrblcck, den sog. Benedellistein, zur Erinnerung an die vor drei Jahren vorgefallene Scene zwischen König Wilhelm und Benedetti bekränzt, und baten den Kaiser, denselben zu besuchen. Der Kaiser lehnte dieses Ansinnen aber entschieden mit dem Bemerken ab, daß sich auch eine Anzahl Franzosen in dem Bade befänden, welche er durch eine solche Demonstration in ihren Gefühlen nicht kränken wolle.
Frankfurt, 14. Juli. Den Theilnehmern an dem Bier Ccawall vom 21. April, die jetzt vor den Asfisen erscheinen, scheint der Gedanke auch während ver Untersuchungshaft noch nicht gekommen zu sein, daß eS sich, falls sie der ihnen zur Last gelegten Verbrechen, schwerer Landsriedensbruch, Aufruhr rc., schuldig befunden werden, um sehr schwere Zuchthausstrafen handeln könnte; denn sie sind meist ganz guter Dinge, und ein Theil von ihnen ließ sich, al« sie deute in einem Wagen nach dem Schwurgerichtssaale besövert wurden, in den ausgelassensten Liedern vernehmen. Es sind zwar nur 196 Zeugen geladen, da aber mehrere wiederholt auszusagen haben, so steigt die Zahl auf etwa 260 einzelne Vernehmungen. Interessant ist die Anklageliste. Danach hat man eS mit 8 Rädelsführern, 36 Personen, welche Gewalt- thätigkeiten verübt, bezw. geplündert und zerstört Haden, und dreien, welche sich der bewaffneten Macht widersetzten, zu thun. Unter den Zeugen befinden sich der Polizei-Präsident, 6 Polizei Commissäre, 17 Bierbrauer bezw. Brauburschen, 18 Wirthe bezw. Wirthinnen, 22 Schutzleute und 37 Militärs, vom Tambour bis zum Hauptmann aufwärts; der Rest sind iheils Kaufleute, Handwerker, Dienstboten. Auch 3 UntersuchungS- bezw. «Strafgefangene kommen zur Vernehmung. Von den 47 Angeklagten sind nach ihrem Berus 1 Tapezirer, 10 Schreiuer, 1 Dachdecker, 11 Taglöhner, 1 Spengler, 4 Schlosser, 2 Schneider, 2 Schristgießer, 1 Buchbinder, 4 Bäcker, 1 Wagner, Johanniskreuz führt, hat keinen Unterschied zwischen oen Hülfsbedürftigen zu machen. Ihr Mühlhausener Platzkommandant hat da doch recht unmenschlich gehandelt, als er den Krankenträgern verboten, Preußen auszunehmen."
„Sie wiffen —"
Felice stockte.
„Die Nachricht lief schon vor Beginn deS Kriege« durch die Zeitungen."
„Ich kann es allerdings nicht leugnen, daß etwa« Derartiges geschehen ist", sagte Felice beschämt, — allein, Sie müssen auch bedenken, daß der FanaiiSmu« de« Einzelnen einem ganzen Volke nicht zur Last gelegt werden kann."
„Paßt aber auch keineswegs zu den Großspre- chereren Frankreichs, daß eS an der Spitze der Civi- lisation marschire."
Felice fühlte daS Wahre in dem Vorwurfe und schwieg.
„Lasten wir den unseligen Streit; unterhalten tote UNS lieber von etwas Anderem, wir w.rden ja sehen, was der verhäiignißvolle Krieg uns bringen wird."
„Jedenfalls Ihnen ein neue« Vaterland!"
„Herr Förster!" F lice sagte diese Worte in sichtlicher Ueberraschung. „Sie glauben doch nicht, daß —"
„Daß Elsaß und Lothringen wieder deutsch werden wird? — Ganz bestimmt glaube ich das. Deuische Lander waren es bis vor 200 Jahren. Frankreich« Streben ging auch jetzt dahin, neue Stücke von Deutschland zu trennen, aber einmüthig sind wir auSgezogen, um unsere Marken zu schütz.« und gleichzeitig auch um unser rechtmäßiges Besitzthum zurückzuerobern."
„Birne« Frankreich!" seufzte Felice. „Und Sie glauben nicht daran, daß Frankreich siegen wird?"