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Zllarlrurg, Sonnabend, den 12. Juli.

1873

Oberhejsische Zeitnn-.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22iSgr., durch die Postämter 27 Lgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgrbühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Marburg, 10. Juli. Vor Eintritt in die Tagesordnung der heutigen Generalversammlung des hessischen landwirthschastlichen CentralvereinS begrüßte der VorWende desselben, Herr Regierungsrath W en- tiff fudi die zahlreich Anwesenden und sprach im eaiidtzbeckder Versammlung der Stadt Marburg für a^gedenkhndlicheS Entgegenkommen den besten Dank Einzetzils Mitglieder der Prüfungs-Commission für daS"'Äoncurrenzmähen der Getreide-Mähmaschinen werden als gewählt bezeichnet die Herren Professor Dr. Melde alS Obmann, Oeconom Sinning von Kirchhain, Oeconom Pauli, Instrumentenmacher Holzhauer, Oeconom Souchai von Fulda und Oberamtmann Thon aus Wilhelmshöhe. Dieselbe Commission soll auch bei dem Ankauf von Verloosungs, gegenständen Mitwirken. Als VerloosungS - Corniis wurden dann auch die Herren Wittmann, C. Hoff­mann und Ullrichs bezeichnet. Die Verloosung soll geleitet werden von den Herren Lotz und Peter­sen. Ueber die landwirth)chaftliche Versuchsstation theilte der Herr Vorsitzende mit, daß Dr. Vicbahn an derselben als Assistent angestellt sei und forderte die Vereine auf Deputirte dorthin zu senden, um Einsicht von den Zurichtungen zu nehmen. Die Hahlings Mühle bei Niederbieber stehe, bemerkte der Herr Vorsitzende weiter, als künstliche Fischzucht-An­stalt, namentlich für Lachs und Forellen, in bester Blüthe, so daß eine zweite Anstalt in der Nähe von Schmalkalden cheils aus Mitteln des Vereins, theils aus einem Zuichuß des Herrn Ministers für die landwirthschailtichen Angelegenheiten errichtet werden soll. Ferner wurde von dem Herrn Vorsitzenden der Versammlung mitgetheilt, daß am 28. März das dem unvergeßlichen Mitglied Ullrichs errichtete Grabdenk mal enthüllt worden sei, dasielbe sei in edlem Style auSgeführt. Auch forderte der Herr Vorsitzende die Versammlung auf durch Erheben von ihren Sitzen, ihre Theilnahme an dem Ableben des um die Land- wirthschaft hochverdienten Prof. Dr. Liebig auSzu drücken, welcher Aufforderung die Versammlung ent sprach. Dem Comite zur Errichtung eines würdigen Denkmals für Liebig gehört auch Herr Regierungsrath Wendelstadt an, eine Aufforderung an die Vereine um Beiträge wird er demnächst erlassen. Vicebürger- meifter Herr Dr. Wolff begrüßte hierauf die Ver­sammlung Namens der Stadt. Herr Oeconomie-Nath Vogeley theilte der Versammlung in vollständiger Rcchnungsablage die DermögenSverhältnisse des Ver­eins mit. — Als erster Gegenstand der Tagesordnung

stand die Beschlußfassung bezüglich einer Resolution (veröffentlicht in Nr. 8, Seite 209 der laiidwirth I schafttichen Zeitschrift für den Regierungsbezirk Kassel, Jahrgang 1873) des landwirthschastlichen Kreisvereins Rinteln, das VerkoppelungSgesetz vom 13. Mai 1867 und die Ausübung deffelben betreffend. Herr Bodo von Trott als Referent zergliederte zunächst die Rede des Abgeordneten B ähr, die bekanntlich Ver­anlassung zu dieser Resolution gegeben hatte, führte dann weiter auS, daß von den land- wirthschaftlichm Vereinen, in deren Gemarkungen Erfahrungen über daS VerkoppelungSgesetz gemacht worden seien, die Mehrzahl für eine Revision des Gesetzes sich ausgesprochen hätten und stellten hierauf mehrere deßfallsige Anträge. Korreferent Herr Dr. Schmidt theilte die Ansichten des Vorredners eben wohl und hob noch einzelne Bedenken vom juristischen Standpunkt gegen das Gesetz hervor. Beide Redner suchte Herr Obcrregierungsrath Wilhelmi zu widerlegen, namentlich vcrtheidigte er den mehrfach angefochtenen § 3. des Gesetzes und schilderte denselben als absolut nothwendig, wenn man überhaupt Verkoppelungen haben wollte, auch theilte derselbe eine vollständige Uebersicht über die von der Generalcommission vol­lendeten Arbeiten mit, die allerdings weit bedeutender sind, als allgemein angenommen wird. Herr Brand vertheidigt als Miturheber die Rintelnsche Resolution und hebt speciell hervor, daß man im ganzen Kreise Rinteln mit den Verkopplungsarbeiten höchst zufrieden sei. Herr Oberamtmann Thon spricht sich zu Gun­sten deS mehrfach angegriffenen § 3. des Gesetzes aus, macht aber bei einer zu erwartenden Revision auf die Mißstände des §. 12 ganz besonders aufmerksam. Von den zur Abstimmung gestellten Anträgen deS Herrn Bodo von Trott, findet mir der Annahme, dem Herrn Minister für landwirthschaftliche Ange legenheiten eine Revision des Gesetzes vom 13. Mai 1867, unter 'Mitwirkung hessischer Beamte und Lanb- wirthe, zu bitten. Der Antrag eines Dankes an den Abgeordneten Dr. Bähr wird zurückgezogen nachdem auch Herr Brand die Rintelnsche Resolution zurück zieht. Die übrigen Gegenstände der Tagesordnung konnten der vorgerückten Zeit wegen nicht zur Ver­handlung kommen. Frage 2 (die Errichtung einer Dampfwollwäscherei im Regierungsbezirk) Cassel soll morgen früh in einer weiteren Versammlung, im Cafe Quentin, discMirt werden.

Marburg, 11. Juli. An dem im Saale des Cafe Quentin stattgehabten gestrigen Festesten fand

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eine vielseitige Betheiligung auch von Nichtmitgliedern statt, namentlich waren die Spitzen der hiesigen Mili­tär- und Civilbehörden bei demselben vertreten. Herr Regierungsrath Wendelstadt brachte auf Se. Maj. den Kaiser ein dreimaliges Hoch aus. Zahlreiche Toaste folgten, und zwar wie richtig bemerkt von Hrn. Oberamtmann Thon, Jo dicht wie ein Hagel­wetter", aber darum doch vom Herzen zum Herzen gehend. Se. Durchlaucht der Fürst vonNsenburg- Büdingen wohnte ebenwohl dem Esten bei und toastirte auf das Gedeihen der Stadt Marburg, in der er einen Theil seiner Jugendjahre verlebt habe. Erst spät trennte sich die recht heitere Gesellschaft.

Marburg, 10. Juli. An der Maschinen Aus­stellung auf dem Kämpfrasen haben sich nachstehende hiesige Firmen betheiligt: I. C. Ostheim, I. H. Lang, I. Klein, I. Grimmell, I. B. Schäfer, H. Richter, Wilh. Holzhauer, Israel Klee, Wilh. Meckel, M. Erlanger, I. F. Keppler.

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Berlin, 10. Juli. DaS „Preußische Volksbl." enthält heute einen Artikel über die Beurlaubung des Fürsten Bismarck, in dem dasselbe sagt: Tie häufig gemachte aber noch nicht in ihrem ganzen Umfange gewürvigte Bemerkung, daß die welthistorischen Er­eignisse des letzten Decenniums den Sinn der Be­zeichnungen liberal und konservativ gänzlich verändert haben, findet ihre vollständigste Bestätigung in der Geschichte des Ministeriums BiSmarck: kein einziges der Mitglieder ist aus dem Kabinel getreten, weil eS zu liberal oder zu konservativ war, sondern der Rück­tritt erfolgte entweder auS rein sachlichen Gründen, wie in dem Falle der Herren v. d. Hryvt und Graf Jtzenplitz, oder auS der Stellung der einzelnen Per lönlichkeiten zu dem nationalen Gedanken und den Conscquenzen, die der nationale Gedanke erheischte. Herr v. Mühler schied aus dem Cabinete, nicht weil er zu konservativ oder zu orthodox war, sondern in erster Reihe deßhalb, weil er nicht erkannte oder nicht erkennen wollte, daß daS Faktum der Wiedererstehung vcs deutschen Kaiserreichs und die kollateralen Ereig- niste die Hierarchie zum unversöhnlichen Kampfe gegen Deutschland angeregt haben und daß der Staat um seiner Selbsterhaltung willen zur Abw-Hr sich rüsten und den Anmaßungen herschsüchtiger, mit der Religion und ihren heiligen Namen und Worten empörenden Mißbrauch treibender Pfaffen entgegentreten müsse. Der Artikel bezeichnet dann in sehr entschiedener Sprache alle Gerüchte über Zetwü-fniste innerhalb

Marburg.

„Station Marburg!" so ertönte die Stimme des Schaffners dem mit zwei Locornottven daher brausenden Zuge entlang. Und noch einmal „Station Marburg!" und die Thüren der Wagen öffneten sich und eine unübersehbare Menschenmasse durcheilte die Räume des Bahnhofs. Da lag sie nun die alte Stadt mit ihren tausendfältigen Erinnerungen vor uns. Doch wie anders als ehedem! Die schmale Lahnbrücke mit ihren alten Linden verschwunden ist sie, und eine neue breite und elegante Brücke ist an ihre Stelle getreten. Der Saurasen, der einst idyllisch zur Weide denen diente, Vie ihm seinen Namen gaben, er ist umgewan- dell in ein be)cheideneS Häusermeer, das den poetischen Namen „Rosenstraße" trägt, in der die junge Industrie der alten Stadt kräftige Wurzeln faßt. Doch vor über, die Erinnerungen „Kalter Frosch" und „Haariger Ranzen" sie schweben uns nur noch dunkel vor, und speciell historischen Erinnerungen heute uns zu wid­men, dazu fehlt eö an Zeit. Noch einen Blick nörd- llch und die alle Kirchspitze, der schönste unter Mar öurg's zahlreichen Bergen, der wenn auch nicht mit einer Kirche doch mit einem Tempelchen bald versehen sei» wird, liegt dicht vor uns und neben ihm die ebenso alte Minne. Doch darunter kredenzt Freund dambrinuS dem durstigen Wanderer einen labenden Trunk, Lahnlust neu und DigiluS alt, wer sie auf­sucht, den reuet es nicht. Aber was prangt dort rechts vor uns? eine blau - roth - goldene Flagge — Mein Begleiter flüstert leise mir in's Ohr: seitdem Freund Lotz daS Moltern abgeschafft, nützt er zu

Heilzwecken das Wasser seines Mühlgrabens aus, wunderbare Erfolge hat er bereits mit seinen Wellen­bädern erzielt, und namentlich an sich selbst — eine Jugendfrsiche, wie sie Wenigen vergönnt, darum rasch unter Gertruds bewährter Leitung ein Wellenbad ge­nommen. — Mit Staunen betreten wir nun die Stadt, die sich jetzt so sicher wähnt, daß sie ihr festes eisernes Elisabeththor längst abgeschafft hat, auch der „Euro­päer" ist einem „Hotel Pfeiffer" gewichen, und der „Ritter", den man vor vierzig Jahren noch auf dem Marktplatz suchte, er ist herunlergerutscht an den Ketzer­bach, in den die Kctzervcrbrcnner nun auch keine Asche mehr werfen können, weil er überwölbt ist. So ändert sich Alles. Was sich aber nicht geändert hat, das ist der altehrwürdige Dom der heiligenElisabeth, der stolzeste des Heffenlandes. Hoch ragen'noch, wie ehedem, seine Thürme zum Himmel empor, und sein Inneres verräth nicht mehr jene Armulh, die ihm noch vor dreißig Jahren eigen war. Unverändert ist aber auch geblieben der Hof des deutschen Hauses, wenn auch von seinem herrlichen Obstgarten manch schönes Stück abgeschnitten ist und eine neue Chi­rurgische Klinik und Entbindungsanstalt auf ihm emporgewachsen sind. Der daranstoßende bo­tanische Garten ist auch nicht nuhr derselbe wie ehedem, ein neues Gewächshaus ziert ihn und ein neues ZnstitutSgebäude in ihm ist im Bau begriffen. Doch bevor wir uns den Steinweg hinaus wagen, müssen wir der Anatomie erst unseren Besuch ma­chen. Selbst bei dem flüchtigsten Durchgang zwingt mehr wie irgendwo die Wissenschaft und Kunst uns

ihre Bewunderung ab. Sonst war hier das westliche Stadt Ende, wenn auch nur ein einfaches Holzthor dasielbe bezeichnete. Doch weg ist das Thor und der Marbacher Weg sogar gepflastert, aber warum auch nicht; gleich vorn Roser'S Privatklinik, etwafl weiter das neugebaute pharmazeutische Institut, das unter den neueren Instituten der Universität wohl die zweckmäßigste Einrichtung hak, arbeitet man doch in ihm sogar mit Dampf. Neugebaute Sillen und Wohnhäuser beleben das enge Thal der Marbach, der Weg in ihm führt uns aber nicht mehr etwa in daS Dörfchen gleichen Namens, sondern nach „Bad Mar­bach." Gut Ting will Weile haben! Sagte doch schon Winkelmann um6 Jahr 1697 in seiner wahrhaften Beschreibung deS Fürstenthums Hesien im neunten Kapitel von den süßen und merkwürdigen Brunnen und Quellen des Hesienlandes: „als da ist der Mar- bacherbritnn, desien Wasser Winterszeit so warm, daß eS einem die hinein gesteckte Hand erhitzet, Sommers­zeit aber erfüllet", bei solch lürlrefflicder Eigenschaft ist es nicht zu verwundern, Wenn im 19. Jahrhundert ein Badehaus mit sehr guter Einrichtung und eine Gegend mit den schönsten Spaziergängen in erfri­schenden Wäldern der leidenden Menschheit ihre Dienste anbieten.

Doch zurück nach Marburg muffen wir wieder. Bevor wir unS aber zur oberen Stadl begeben ver­säumen wir nicht im „Deulicden Hause" unS das zoologische Institut anzus.hen und dann geht es den ©reinweg hinauf, der noch ebenso steinig und steil geblieben ist, als er vordem war. E.nS haben