Marburg, Freitag, den 11. Juli.
Mr. 161
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L 1873
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D Oterhessische ZeitAgW
Deutsches Reich.
#» Berlin, 9. Juli. Die „Germania" sucht sich in die Illusionen immer weiter einzuwiegen, daß die Stellung des Fürsten Bismarck nicht mehr so sicher wie srüher sei und begründet diese Darstellung von zwei Seiten aus, nämlich von liberaler und vom angeblichen Standpunkte höherer Regionen. In liberaler Beziehung schmeichelt das katholische Blatt den fortschrittlichen Tendenzen, welche der Regierungspolitik den vermeintlichen Steuerdruck und den Militarismus vorwerfen und es fleht da der demagogische Pferdefuß der Ultramontancn recht widerlich hervor, indem das Raisonnement mit dem Satze schließt: „Daö Volk hat nun wohl die komische Idee, sich um bloße Ideen (soll heiße» um nationale Freiheit und Größe) weniger zu kümmern, aff uln die eminent praktischen Angelegenheiten des eigenen GeldbeuSels." Von dieser Seite scheint die „Germania" jedoch we Niger auf Erfolg zu rechnen, als sie ihre Hoffnung darauf setzt, daß Fürst Bismarck in den höheren Regionen nicht mehr als unersetzlich gilt, daß zwar seine Position noch nicht erschüttert ist, aber doch nicht Mehr für unerschütterlich gelte. Als Stütze dieser Ansicht wird ein Artikel des „Times of Germany“ citirt, welcher freilich nichts Anderes bringt, als alle die Conjecturcn, welche in letzter Zeit die Zeitungen durchschwärmt haben und in welchen besonders von dem Gegensätze einzelner Collgen gegen den Fürsten Bismarck die Rede war. Wir glauben wiederholt ver sichern zu dürfen, daß die Hoffnungen der „Germania" in dieser Beziehung durchaus auf Sand gebaut sind;, denn darüber ist in Regierungskreisen kein Zweifel, daß eS nicht einen Collegcn des Fürsten im preu ßischrn Ministerium gibt, der denselben nicht nach wie' vor für völlig unersetzlich und seine Position für. durchaus unerschüttert hielte. Alles, was in entgegengesetzter Richtung verbreitet wird, beruht auf absoluter Unkenntniß der Verhältnisie. — In dem Leitartikel der heutigen „Prov. Cvrresp." wird aufs Neue be-! stäligt, welche hohe Bedeutung die Regierung auf die von den schlesischen und anderen Katholiken an den König gerichteten Adressen legt. Dos halbamtliche Blatt faßt diese Bedeutung dahin auf, daß es sich bei den Vorgängen, welche sich an diese Adressen ge knüpf, haben, nicht etwa um eine Ausscheidung solcher Elemente aus dem Schooße der katholischen Kirche handelt, welche sich den valicanischen Glaubenssätzen nicht unterwerfen mögen, nein, sagt das Blatt, die Männer, welche jetzt mit den Anmaßungen der ultra montanen Partei in Gegensatz treten, sind als treueste- Anhänger der Kirche auerkannt und geehrt worden. Je weniger aber vorläufig das Vertrauen der Regierung auf den guten Sinn des katholischen Volke» in Er füllung ging, umsomehr war dir Regierung genölhigt,
sich auf den andern Grundpfeiler ihrer Zuversicht zu stützen, auf die festgegründete Kraft unseres Staatswesens, auf „die Souveränetät der staatlichen Gesetz gebung" auch der Kirche gegenüber. Durch die neueste kirchliche Gesetzgebung hat der Staat sich die Macht und die Möglichkeit gesichert, die Interessen der bürgerlichen Gesellschaft nach allen Seiten hin wirksam zu wahren, und die Staatsregierung ist fest entschlossen, von den Mitteln, welche die Gesetzgebung in ihre Hand gelegt hat, gegen alle geistlichen Herrschaftsgelüste, gegen allen Trotz und gegen alle Ausflüchte rückhaltlos Gebrauch zu machen. Jeder Tag bringt eine neue Bewährung dieser Entschlossenheit und Ent schiedenheit. — In einem zweiten Artikel bespricht die „Prov-Corrcsp." die Generalversammlung der schlesischen Maltheserritter, indem sie des Verdienstes gedenkt, die sich dieselben durch ihr Auftretm erworben haben. Die ultramontanen schlesischen Maltheser werden sich trotzdem das Verdienst erworben haben, durch den großen Wiederhall, den ihr schroffes Auftreten gefunden hat, die öffentliche Aufmerksamkeit noch mehr darauf gerichtet zu haben, daß selbst Katholiken, welche nach ihren Glaubensüberzeugungen innerhalb der Kirche verblieben sind, und welche bisher auf Grund ausdrücklicher Anerkennung von Rom aus an der Spitze einer streng katholischen Genossenschaft standen, sich um des Gewissens halber gedrungen fühlen, das Treiben der römischen Partei in der katholischen Kirche öffentlich zu verleugnen. — Der König von Portugal hat sich am 25. Juni an Bord des von Capitän Werner befehligten Schiffes Sr. Maj. des deutschen Kaisers „Friedrich Carl" begeben und während eines dreistündigen Aufenthaltes den Uebungen der Mannschaft mit lebhafter Theilnahme und unter wiederholten Ausdrücken großer Befriedigung über die Leistungen des Schiffes beigewohnt. Vor der Weiterfahrt nach Cadix hatte Capitän Werner die Ehre, zur Königlichen Tafel gezogen zu werden. -*• Wie sich jetzt näher feststellcn läßt, Hal die Wahl des Herrn von Arnim im Kreise Neusteltin, den bekanntlich Herr Wagener bis dahin vertreten hatte, mit einer erheblichen Stimmenmehrheit stattgefunden, denn es stimmten für Arnim über 3000, während für Hrn. v. Kleist-Retzow gegen 800 Stimmen abgegeben wurden. — Aus der Sitzung des BundeSratheS vom 30. Juni, in welcher über den Gesetzentwurf, betreffend die Entscheidung der Compe tenz-Conflicte zwischen den Gerichten und den Verwal tungsbehörden in Elsaß - Lothringen berathen wurde, wird gemeldet, daß sich bei Berathung deS §. 1 de» Gesetzentwurfes ergeben hat, daß die Versammlung in ihrer Mehrheit der in Aussicht genommenen Einsetzung eines au» Mitgliedern des Reichs-Ober-Handelsgerichts und des BundeSratheS zu bildenden Gerichtshofes zu zustimmen nichl geneigt gewesen; die Entscheidung
der Frage, welches Organ mit der Entscheidung der Competenz-Conflicte zu betrauen sein soll, wurde bis zu einer späteren Sitzung vertagt.
— AlS Resultat der Besprechung deS BundcsrathS über den Reichstagsbeschluß wegen Verlegung der Session wird der Beschluß gemeldet, die Regierungen zunächst noch um Erklärungen über ihre Stellung zu der Frage zu ersuchen. Die Ausschüsse hatten die Zustimmung zu dem Beschlüsse des Reichstags befürwortet. — Der Bundesrath hat die Vollzugsbestimmungen zum Münzgesetz beschlossen und wird voraussichtlich erst im September wieder zu weiteren Arbeiten zusammentreten.
Coblenz, 9. Juli. Nach hierher gelangter Mit- theilung ist der CabinetS-Serretär der Kaiserin, Dr. Brandts, gestern in Linz an der Lungen-Entzündung gestorben.
Effe», 7. Juli, Gestern ist die definitive Con- stituirung der hiesigen altkatholischen Gemeinde erfolgt. Die Versammlung der Gemeindemitglieder war zahlreich besucht, und wurden viele neue Beitrittserklärungen abgegeben. Herr Bischof Dr. Reinkens hatte an die hiesige Gemeinde ein Schreiben wegen der Constituirung rc. gerichtet, das unter allgemeiner Erhebung von den Sitzen zur Verlesung kam und die Gemeindemitglieder durch seinen innigen, herzlichen Ton wahrhaft erfreute. Man schritt demnächst zur Wahl des Seelsorgers, und wurde einstimmig Herr Kaplan Hoffmann aus Hemmerde bei Unna zum @eel- sorger gewählt. Die Berufung und Gemeindebildung datirt vom 1. Juli.
SonderShaus-n, 8. Juli. General Werder hat unsere Stadt wieder verlassen. Bei der ihm am 5. Juli dargebrachten Ovation der Bürget hast äußerte sich der hochverdiente Held ungefähr “i. olgt: „Ich danke Ihnen aufrichtig für die mir gewordene Aufmerksamkeit, muß aber hervorheben, daß vor allem Gott Ehre und Preis gebührt für das, was Großes und Heilbringendes unserem deutschen Vaterlands in dem Kriege zu Theil geworden. Mit gleichem Opfer« muthe haben der Kaiser, alle anderen deutschen Fürsten und alle Volksstämme zusammengestanden in der gemeinsamen Gefahr; mich selbst hat der oberste Kriegsherr auf einen Poften gestellt, wo es mir vergönnt gewesen, dem Vaterlande zu nützen. DaS ist mir aber nur bei dem Heldenmuth und der Ausdauer meines Corps, zu dem fast alle Gaue Deutschlands Mannschaften gestellt, möglich gewesen." Schließlich forderte der Held die Anwesenden auf, dem Kaiser, dem Fürsten dieses Landes und dem großen deutschen Vaterlande ein Hoch auszubringen, in welches die unabsehbare Menschenmenge begeistert einstimmt. — Nachdem ein Sängerchor das Lied „Hurrah Germania" anzestimmt hatte, fetzte sich der Fackelzug in Bewegung,
Dir Elsässerin.
Novelle von AndrS Hugo. - - ■v‘ j (Fortsetzung.) '■ ,u"’ ‘ ;
5. Unter dem Johannitterkrer»».
Ehe wir im Laufe unserer Erzählung weiter gehen, müssen wir einige Stunden in dein Gange der Ereig uisse zurückgreifen. ■ ,
In dem ungefähr 4 Stunden südlich von Wörth gelegenen, früher festen Städtchen Hagenau*) herrschte am Nachmittag des 6. August eine fürchterliche Auflegung, denn aus der Gegend von Wörth her dröhnte schon seil einigen Stunden anhaltender Kanonendonner, und man wußte bis jetzt über den Gang der Ereig Nisse auch noch nicht ein Wort. Noch in der Mittagsstunde hatten die Bewohner auf einen für eie Preußen unglücklichen Ausgang gehofft, als^ aber wieder Stunde um Stunde verstrich und keine Sieges. Nachricht eintraf, als sogar der Kanonendonner mehr von Nordwesteu herkam, und aus derselben Richtung bedeutende Rauchsäulen ausstiegen, da blickte man sich
*) Hagenau, eine Stadt von 10,000 Einwohnern, ist toat mit Mauern, Thürmen und Gräben versehen, dient jedoch nicht mehr als Festung. Sie wurde im 12. Jahr- bundeii angelegt und deshalb befestigt, weil hier von den ^eichskleinodien: Krone, Scepter, Reichsapfel und das Schwert Carls des Großen aüfbewahrt werden sollten. ' 1
äiigftti$ und verlegen an, sich aber immer noch mit Siegeehoffnungen' tragend.
„Was denken Sie, Herr Dockor, über den Ausgang des Gefechts?" fragte dic junge, in Schwarz gekleidete und mit dem internationalen Johanniterkreuz am Arme geschmückte Dame den älteren Herrn, der wie es schien, der Commandirende der kleinen Karawane^ war, welche am nördlichen Thore von Hagenau hielt' und nur aus das Aushören des Kanonendonners zu warten schien, um bann ihren Samariterdienst beginnet! zu können. . »
„Mein verehrtes Fräulein", antwortete der An geredete in französischer Sprache, — „ich will hoffen, daß Frankreich die Scharte, die es vorgestern bei Weißenburg erlitten, wieder auswetzt, allein ..."
Der Arzt zuckte mit den Achseln.
„Sie glauben doch nicht, daß unsere gewandten und triegsgeüblen TlUppen den schwerfälligen Preußen gegenüber weichen könnten?"
„Mademoiselle, der Deutsche ist kriegsgeübter als wir denken;' wir haben überdies gekaufte Soldaten, während in den preußischen Linien Arm und Reich ohne Nangunterschied nebeneinander kämpft."
»Das ersetzt aber doch immer nicht den Elan unserer Truppen."
Der Arzt zuckte wieder mit den Achseln. :'i
Felice Manteau, denn diese war es, welche sich | mit dem Arzte im Gespräch befand und sich der Am- bulance freiwillig angefchlossen hatte, fühlte, daß der ältere Mann nicht so ganz unrecht hatte, wollte diesem aber nicht beistimmen, sondern ihm vielmehr eben wieder eine Entgegnung bieten, als plötzlich ein allgemeiner Ausruf der Überraschung durch die Reihen der vor dem Thore Versammelten lief.
AlS sich Felice umwandte, sah sie ein lediges Pferd, den Sattel unter dem Bauche schleppend, vorüber galoppiren. Ihm folgten bald mehrere andere.
„Es sind doch nur einige versprengte Thiere!" sagte Felice mit gerunzelter Stirn zu dem Arzt.
„Es wird sich wohl bald aufklären!" antwortete der Arzt mit einem tiefen Seufzer.
Z" diesem Augenblicke sprengte ein Kürassier auf schäum- und blutbedecktem Pferde heran. Die Kopfbedeckung und der Küraß, sowie die Waffen mußten ihn gehindert haben, denn ohne diese Gegenständ« stürmte er mit weit aufgerissenen Augen und flatterndem Haar an der Menge vorüber. In bunter Mischung sprengten jetzt etwa 20 Reiter aus allen Waffengattungen auf der Straße heran.
„Alles verloren — Alles — Alles k" rief der Letzte von ihnen, dessen Thier, wie es schien, nicht mehr weiter konnte. „Armes Frankreich!" — Eine