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Mr. 158

Marburg, Dinstag, den 8. Juli.

1873.

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ßrkbeint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22z Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

«estellunge« auf das dritte Quartal werde» noch fortwährend von allen Postanstalten angenommen.

Deutsches Reich.

** Berlin 5. Juli. Ueber die derzeitigen Ver­hältnisse der Rathsstellen im Slaatsministerium herrscht in der Presse immer noch eine große Unklarheit, so daß zweckdienlich, erscheint, darüber genaue Mitiheilungen zu geben. Im Slaatsministerium cxistiren drei Raths- stellen, welche bis vor Kurzem besetzt waren mit den Herren Wehrman», Wagcuer und Heitmann, welcher Letztere in erster Reihe mit dem Kuratel desStaats­anzeigers" betraut war. Neben diesen figurirte der Regierungsrath v. Wangenheim in allen den Fällen, in welchen das Staatsministerium Disciplinar-Ange legenheilen zu erledigen halte. Nach der Pensionirung WehrmannS ruckle bekanntlich Geh. Rath Wagener in die erste Stelle der drei Räthc ein, jedoch ohne den Vortrag im Cabinet zu übernehmen. Während nun die Erörterungen über die zweite Rathsstelle schwebten, traten die Verhältnisse ein, welche zur Be­urlaubung und demnächstigen Pensionirung Wageners sührlen, so daß nur die dritte Rathsstelle besetzt war. Es wurde daher Regierungsrath v. Meyer commissa- rijch als Hülfsarbeiter in das Staatsministerium be­rufen, der mit dem Geh. Rath Zitelmann die Ge­schäfte versteht. Dem Vernehmen nach dürste nun Geh Rath Zitelmann die zweite Rathsstelle erhalten, Regierungsrath v. Meyer die dritte, während die Besetzung der ersten nur nach der wirklich erfolgten Pensionirung Wagoners erfolgen kann. Die ka­tholischeSchles. VolkSztg." und mit ihr dieGer­mania" machen viel Aufhebens davon, daß aus dem Verein der schlesischen Maltheserritter 16 Mitglieder ausgeschieden sind und darunter 9, welche die Adresse untkrzeicknet haben. DieGermania", je öfter sie diese Angelegenheit zur Sprache bringt, wird nicht verfehlen, allerdings nicht in ihrem Interesse immer wieder' von Neuem auf die Thatsachen auf­

Dir Elsässerin.

Novelle von Andrs Hugo.

(Fortsetzung.)

3. »ort!

Trotz der eifrigsten Verfolgungen und Nachlpu iungen von Seiten der Gendarmerie und der Land lager konnte man von den Wilddieben, mit welchen Benno den Kamps bestanden, Nichts entdecken. Aus der Zahl der Arbeiter des Hüttenwerkes fehlte nur der Schwarze". Ihn gefangen zu nehmen, hatten sich die Lamjäger zur Ausgabe gestellt, allein alle Be­mühungen erwiesen sich als erfolglos. Mit jedem Schleichweg und jedem Pfad vertraut, entzog er sich een Nachstellungen seiner Feinde, verblieb aber denuow ui der Nähe bei einem Vertrauten und wartete hier die Heilung seiner Armwunde ab.

So waren bereits mehrere Wochen wieder verstrichen.

Benno war von seinen Floischwunden genesen und versah seinen schweren Dienst nach wie vor. Diana imkte zwar noch etwas, allein sie wich, wenn der ijorftadjuukt in den Wald ging, nicht von seiner Seite.

Benno traf jetzt öfters mit Felicezufällig" im Walde zusammen. Von einem intimen Verhältnisse l ätte auch der schärfste Beobachter Nichts entdecken können, denn auch in den unbeachtetsten Augenblicken war die Unterhaltung der Beiden stets sehr ernster Art, und nur selten verfiel Felice in ihre Neckereien und ihr Franzosenthum. Ihr Vorurlheil über die Deutschen schien schon schwinden zu wollen, da plötz­lich tauchten die ersten Nachrichten über die Candidatur des Hohenzollernschen Prinzen am politischen Hori jont auf.

Felice vertrat natürlich sofort Frankreich und hatte harte Kämpfe mit Benno deshalb zu bestehen, ja sie ging sogar so weit, zu behaupten, daß Preußen ab sichtlich diese Candidatur provocirt habe, um einen günstigen Vorwand für die französischen Prahlereien und Schreiereien auf Krieg zu haben.

Weitere Auseinandersktztingen hatten zwischen den Beiden nicht mehr statlfinden können, denn ein Tele­gramm hatte Felice sofort nach Hause gerufen. Unter

merksam zu machen, welche Bedentting die innere Zer setzung innerhalb der Katholiken hat. DieSchles. Presse" behauptet, daß Graf Eulenburg die Wahl »elfisch gesinnter Personen, sobald sie conservativ ge­wesen, stets der Wahl nationalliberaler Candidaten in der Provinz Hannover vorgezogcn habe. Es kann versichert werden, daß die Regierung eine solche Wahl- taktik nie befolgt Hai; ebenso ist es ein Jrrthum, wenn die genannte Zeitung sagt, daß bei dem Wechsel, der bei derHannov. Landesztg." jetzt eingetreten, die Regierung ihre Hand gehabt; die Regierung hat nie daran gedacht, irgendwie diesen Preßverhältnissen näher zu treten, gewiß von dem richtigen Gesichtspunkte ausgehend, daß eS viel gedeihlicher für die Zustände in Hannover sei, wenn sich dieselben aus eigener Kraft entwickelten, als wenn durch gouvernementale Leeinflußung eine Aenderung herbeigeführt wird.

Im October wird im Unterrichts-Ministerium eine Conferenz über das Gymnasial- und Rcalschul wesen abgchalten werden, zu welcher außer Fachmän nern auch andere Theilnehmer herangczogcn werden, da der Gegenstand nicht blos eine technische, sondern auch eine praktische Bedeutung Hai.

Eisenach, 5. Juli. Der Berliner Nacht-Schnell­zug ist vergangene Nacht in der Nähe der Station Fröttstedt (zwischen hier und Gotha) entgleist. Der H. Morgen;." wird hierüber von einem Reisenden mitgetheilt: Ein Zug von etwa 70 Achsen, mit zwei Maschinen bespannt, entgleiste auf einem hohen Damme, und zwar gerade an einer Stelle, wo eine Brücke in bensclben gebaut ist. Die erste Maschine gelangte glücklich über dieselbe und konnte daher die Kunde von dem Unglück nach Eisenach bringen, die zweite aber riß das Brückengeländer um und sämmtliche Wagen bis auf die zwei letzten mit sich in die Tiefe. Die Wagen wurden gänzlich zertrümmert, sowie Schienen und Schwellen aus dem Boden gerissen. Die Zer störung soll furchtbar sein. Leider fanden auch drei Menschen dabei ihren Tod: zwei Beamte und eine

deß hatten sich die längst vorbereiteten Anstrengungen von Seiten Frankreichs durch das pöbelhafte Benehmen Benedelti'ö in einer Weise abgewickelt, welche auf eine Erhaltung des Friedens keine Aussicht mehr hatten.

Die Kriegslrompelen schmctlertcn und riefen die Streiter auf beiden Seiten des Rheins zu den Waffen Napoleon, noch immer auf den alten von ihm und seinem Onkel genährten Haß der Süddeutschen gegen Nordocutschland bauend, glaubte das stolze Preußen bald zu seinen Füßen und durch Läuderzuwachs dem ehrgeizigen und ruhmsüchiigen französischcii Volke wieder auf längere Zeit alle anderen Pläne getilgt zu haben. Aber er hatte sich an dem deutschen Geiste verrechnet. Mit Preußen allein glaubte er zu ihuu zu haben, gegen Preußen, das hoffte er, mußten ja die Hessen, Hannoveraner, Baiern u. s. w. marschiren; daß diese Alle sich aber plötzlich als Deutsche fühlen könnten und bereitwillig um das preußische Banner schaaren würden, daran dachte er nicht.

Auch durch das friedliche Thüringen hallte der Kriegsruf. Hurrah, Germania! klang cs durch die Felsenthäler, durch die Schluchten, durch die Wälder, über die Berge, undLieb' Vaterland, kannst ruhig sein!" wurde mit um so höherer Begeisterung gesungen, als dec Componist des Liedes ein geborener Thüringer ist.

Benno mußte seiner Ordre gemäß in der Garni­sonstadt eintreffen. Es war ein herzzerreißender Mo­ment, als er sich aus den Armen der Mutter wand, diese aber weinend und schluchzend ihr einziges Kind immer wieder an sich riß und es herzte und küßte und segnete. Die Minuten waren gezählt, denn schon hörte Benno die ankommenden Burschen aus der Um­gegend, welche nach der Stadt zogen und ihn mit nehmen wollten.

Es muß sein, Mutter, das Vaterland ruft!" rief jetzt Benno mit unterdrückter Stimme und feuchten liugen.Lebe wohl, Mutter!"

Die Oberförsterin konnte ja nichts mehr sagen. Der Schmerz wollte ihr schier das Herz brechen. Nur noch einen Kuß konnte sie ihm auf die brennende Stirn drücken, dann warf sie fich in wildem Schmerz

Dame aus Weimar, die sich ganz allem in einem Wagen befand und übel zugerichtet unter den Trümmern hervorgezogen wurde. Außerdem kamen noch viele Verwundungen vor, über die sich das Nähere noch nicht bestimmen läßt. Von Eisenach aus wurde na­türlich sofort die nöthige Hülfe nach der Unglücksstätte gesandt. Die Post kam, ohne weiteren Schaden zu nehmen, mit einer tüchtigen Durcheinanderschüttelung davon. Von einem Augenzeugen, welcher von der Wiener Weltausstellung mit diesem Zuge nach Kaffel zurückkehrte, erfährt dasselbe Blatt noch folgendes über das stattgehabte Unglück: Die beiden Lokomotiven mit einem Güterwagen hatten den Viaduct bei Fröttstedt glücklich passirt, als der dann folgende Personenwagen den Viaduct hinunterstürzte und unter seinen Trümmern die in demselben sitzende, in Weimar eingestiegene Dame begrub. Auch die nächsten drei oder vier Personen­wagen wurden in lausend Stücke zersplittert, während die Insassen dieser Wagen, wunderbarer Weise, außer einem Armbruche, nur geringere Kontusionen und Verletzungen davontrugen. Ein besseres Loos hatte der Post-, sowie die an diesen sich anschließenden Per­sonenwagen. Sie wurden der Böschung entlang um- geworfen, die Paffagiere kamen th:ils mit dem Schrecken, theils mit kleinen Contusionen davon. Todt ist außer der obenerwähnten Dame der erste Bremser, welcher in den Wagen förmlich hincingedrückt wurde, lebens­gefährlich verletzt der zweite Bremser. Wie groß die Zahl der Verwundeten ist, war bei Abgang des Zuges noch nicht sestgestellt. Polizeipräsident v. Madai, welcher in dem Zuge saß, ordnete alsbald die nöthigen Ermittelungen an. Das Geleis ist 1000 Schritte lang vollständig zertrümmert. Nach einer weiteren telegraphischen Nachricht sind drei Personen (eine Dame und zwei Beamte) tobt gebliebip und gegen 60 ver­wundet.

Stuttgart, 5. Juli. Die gestrige Gedenkfeier der Amerikaner war die zahlreichst besuchte von allen bisherigen und die denkwürdigste derselben durch das

auf das Ledersopha, während Benno auS der Woh­nung zu den unten harrenden Kameraden eilte.

Wenige Minuten später hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt und laut wiederhallend klang die Wilhelm'sche Weise durch die Lüfte, bis auch diese Töne die Oberförsterin nicht mehr hörte und eS so recht still in der Försterwohnung wurde.

Morgen wird er 24 Jahre", lispelte sie still vor sich hin.Wird er noch einen Geburtstag fei­ern, oder wird eine feindliche Kugel den Weg zu fei­nem Herzen finden, oder wird der gesunde, kräftige Mann als untauglicher, elender Krüppel wieder­kehren?"

Diese und ähnliche Gedanken marterten die Ober­försterin den ganzen Tag. Am Abend stieg ein in­brünstiges Gebet aus dem Forsthause zum blauen Sternenzelt. Die unheimliche Stille währte auch am andern Tage noch im Forsthause und die ab- und zugehenden Forstleute störten sie nicht, denn sie konnten sich die Gefühle der Mutter denken und ehrten sie deßhalb »ach jeder Seite. Nach dem MiltagStisch halte sich die Oberförsterin in den Garten begeben. Alle Möglichkeiten erwägend und die Phantasie von Schrcckgespensten erfüllt, saß sie stumm und in sich gekehrt in der großen Jelängerjelieberlaube.

Aus diesem dumpfen Hinbrülcn riß sie plötzlich die Erscheinung Annas von Hohenheim.

»Ihr Herr Schn ist wohl bereits gestern schon nach der Stadt marschirt?" fragte sie, nachdem sie die Oberförsterin begrüßt hatte.

Die Oberförsterin bejahte.

Felice Manteau hat mir ein Paket übersandt, in dem sich außer einigen Gegenständen für mich auch ein Portefeuille von prachtvoller Arbeit für Ihren Herrn Sohn befindet."

Für Benno?"

Gewiß, Frau Oberförsterin, hier ist der

Brief."

Die Oberförsterin überflog den Inhalt, aus dem deutlich hervorging, daß Anna Recht gehabt hatte.

Also ein Geburtstagsgeschenk."