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ZNarKurg, Sonntag, den 6. Juli.
1873.
Lterhejjische Zeit««-.
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Politische Wochen-Uebrrficht.
Die Ferienzeit der großen Politik ist auch für Deutschland gekommen. Fürst Bismarck weilt in Varzin, auch die Mehrzahl der übrigen Minister sucht Erholung außerhalb Berlins, und nur im Finanzministerium herrscht durch die Zusammenstellung der Etatsforderungen der verschiedenen Ressorts noch angestrengte Thäligkeit. Kaiserin Augusta ist von Wien in Codlenz wieder eingelrofsen, und Kaiser Wilhelm hat sich nach Ems begeben, wo er von dem russischen Kaiser am Bahnhof empfangen wurde. — Im neuen Reichslande haben am vorigen Sonntag die erforder. lichen Nachwahlen für Bezirks- und KreiSräthe statt- gesunden, und es läßt sich nun als das Gesammt Resultat aussprechen, „daß die elsaß-lothringische Partei die französische Partei gründlich geschlagen hat«, und daß wir zuversichtlicher als je zuvor der Zeit entgegen sehen dürfen, wo aus der elsaß-lothringischen eine wirkliche deutsche Rcichspartei hervorgehen wird.
Der Besuch der deutschen Kaiserin am österreichischen Hoflager bei Gelegenheit der Ausstellung hat der Woche den Charakter einer Festguirlande ge geben. Zu den bedeutendsten Blüthen dieser Tage gehört die Galatafel vom 29. Juni, bei der Franz Joseph beide deutsche Majestäten hoch leben ließ, und die Kaiserin Augusta im Namen des Kaisers Wilhelm mit der Versicherung „jener Freundschaft" cwiederte, „die in treuen Wünschen für das Wohl beider kaiserlichen Majestäten, für das Wohl ihrer Länder und Vö.ker« ihren frohesten Ausdruck findet. — Am 30. Juni wurde die Weltausstellungsstadt mit einem ungewöhnlich heftigen Unwetter mit Sturm, Regen und Hagel so überschüttet, daß Alles unter Wasser stand. Der auf das Glas niederprasielnde Hagel zerschlug da und dort Scheiben und brachte in den Ausstellungs gruppen und den Hofbauten Schaden, namentlich dem Lyoner Seidenhofe. Dem Wolkenbruche, der auch die Provinz schwer heimsuchte, ging in Istrien, im südwestlichen Kärnlhen und Venetien am Morgen des 29. ein Erdbeben vorher, das in einigen Orlen auch Verluste von Menschenleben zur Folge hatte; in Venedig und Padua waren die Stöße von donnerndem Getöse begleitet. — In der Politik Cislcithaniens herrscht bis auf die ultramontanen Wühlereien Sabbath-
Die Elsäffrrin.
Novelle von ilncre Hugo. (Fortsetzung.)
„Siehst Du, liebe Freundin, wie Du, so sind die deutschen Damen alle. Politik, wenigstens so viel Politik, um über TagcSfragen orientirt zu sein, tret den wir Französinnen alle. Ihr Deutschen setzt Euch jedoch hin, strickt am ehrsamen Strumpfe oder stickt dem Ideal Eure« Herzen« irgend ein Necesiaire, oder nehmt einen Roman zur Hand, der irgend eine un glückliche Liede behandelt und schließt Euch von den großen Ereignissen, welche um Euch Vorgehen, ganz unv gar ab. AuS diesem Grunde und Dir jedenfalls auch alle jenen kleinen Vorgänge fremd geblieben, welche wie unglückvcrheißende Sturmvögel über den Rhein herüber und hinüber geflogen sind. Siche Anna, ich habe Eure Entwickelung in Deutschland in den letzten Jahren mit großem Interesse verfolgt; ich habe Preußens Machtentfallung und das Selbststän digwerden des norddeutschen Bundes nicht ohne Herz klopfe» beobachtet, und habe geglaubt, daß Preußen mit dieser Machtsülle genug haben müsse. Allein ich täuschte mich. ES will eine Großmacht in Europa werden und das kann nicht geschehen, wenn Frankreich nicht zu einer Größe zweiten RangeS herabgesetzt werden soll. Frankreich wird und muß deßhalb mit Prrußen einmal abrechnen und ihm seine Großmachts- gedanken austreiben."
Anna von Hohenheim hatte staunend ihrer Freundin zngehört.
„Wenn Du meinst, daß sich die deutschen Mädchen mch Frauen wenig oder gar nicht um Politik kümmerten, so hast Du nur theilweise Recht. Wir in
ruhe. In Ungarn hat das Abgeordnetenhaus den von Deal unterstützten Antrag des Cultus-Ministkrs auf Einsetzung einer Commission, welche Vorschläge zur Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche machen soll, mit großer Majorität angenommen.
Zum 1. September d. I. soll nach Bern ein internationaler Postcongreß eingeladen werden. Behufs Beraihung eines europäisch - nordamerikanischen Postvereins.
Die Wallfahrt der „katholischen" Dcputirten nach Paray-le-Monial erfüllt die Jesuitenpartei in Frank reich mit Entzücken, und UuiverS, Monde u. s. w. reden, als wenn schon in den nächsten Wochen der Kreuzzug gegen Italien und die Herrstellung des neuen Jerusalems in der lconinischen Stadt bevorstände. Ein Volk, das den Schwerpunkt in sich verloren, wird auch, wie ThierS mit Reue erkennen mußte, nicht leicht in der National-Versammlung Centrumsmänner von Charakterstärke und Einsicht in die Bedürfnisse der Situation finden, cs wird zwischen den Extremen der Rechten und der Linken schwanken und von dem Nihilismus zur Wundersucht, vom rochen zum schwarzen Convente hin- und hertaumeln. Thiers wollte laviren, und wurde gestürzt; Broglie möchte Zeit gewinnen, aber er wird getrieben wie ein Opferlamm von den kläffenden Hunden, und wenn morgen Gambetta ihn ablösie, so würde der schwarzen die rothe Meute folgen. Jndeß ist die Lage in Paris noch golden im Vergleiche zu der in der zweitgrößten Stadt des Landes. Von Lyon soll das neue Heil der syllabistischcn Aera ausgehen, und Dueros ist sein Prophet, der wie ein Pascha gegen alles, was gegen die „moralische Ocd nung" verstößt, vorgeht. An der Rhone haben' sich die Gegensätze zwischen Schwarzen und Rothen am schärfsten zugespitzt, und das Cabinet Broglie hat daher zuerst dort zeigen müssen, ob es „eine clericale Rcgicrüng" sei oder nicht. Die Maßregeln gegen die Presse, die durchgreifende Bewegung in den Präfekturen, die drohende Sprache der Regierungsorgane wie die jetzige Polemik in den Pariser" Zeitungen be weisen, daß die Krisis mit jedem Tage sich mehr er hitzt, ohne daß eine Aussicht auf eine verständige Lösung vorhanden wäre. Das Ausland kann nichts thun, als dcm Verlaufe des Parcxysmus mit entschlossener Vorsicht zuzuschauen.
Nach vielen scheinbaren und vorübergehenden Krisen befindet sich Italien seit dem 25. Juni in einer
unserm kleinen und friedlichen Thüringen haben allerdings von dem Nationalgefühl, das in den Preußen vorhanden ist, keinen so rechten Begriff, denn dazu sind unsere politischen Verhältnisse zu unbedeutend und kleinlich, aber daß eine Jede von uns Thüringerinnen deutsch fühlt und deutsch, nicht preußisch, gesinnt ist, das kann ich Dir ganz bestimmt versichern. Und das Gefühl, eine deutsche Frau, ein deutsches Mädchen zu sein, das «xistirt überall. Wenn wir uns nicht mit den Tagesfragen befassen, so ist daö jedenfalls nicht ohne Grund. Der deutsche Mann ist bedeutend ge btldeter als der Franzose und diesem überlassen die Frauen die Politik. Was Du nun über Preußen gesagt hast, ist nichts als der Ausfluß französischen Neides, der in dem Aneinanderschließen der deutschen Stämme seit 1866 nur preußische Großmachtsgedanken wittert und zu errathen sucht. In Wirklichkeit — wenigstens ist das meine Meinung — uzag Preußen die Veranlassung dazu bieten, allein das Streben nach Krast und Ansehen nach jahrelanger Ohnmacht ist in dem deutschen Volke neu erwacht und hat sich in den Produkten der Dichter schon längst ausgesprochen. Jemand muß nun diesen Gedanken des Volkes reali- siren. Dazu gehört aber bedeutende Machtsülle. Preußen besitzt diese und muß darum auch an die Spitze dieser Bewegung treten und mit seinem ehernen Schilde unsere kleineren Länder in Schutz nehmen. Wer sollte eS sonst?"
»Ich muß Dir gestehen", sagte Felice gedehnt, „daß ich mir die Verhältniffe anders gedacht habe. Ich glaubte bis jetzt nur, daß Preußen mit den übrigen Ländern Deutschlands ebenso verfahren wolle, ro e mit dem armen unglücklichen Hannover."
wirklichen und -ernsten Ministerkrisis, die ihrer Erledigung noch immer harrt. Der Papit hat die Exkönigin Isabella zu wiederholten Malen im Vatican empfangen und dadurch den Alphonsisten in Spanien neuen Muth gemacht. Ein Erdbeben hat am 29. Juni an mehreren Punkten Oberitaliens einiges Unheil angerichtet. In verschiedenen kleinen Städten hatte man Verluste an Menschenleben zu beklagen.
Die spanische Republik ist wiederum mit einem neuen Ministerium gesegnet. Pi y Margall hat, Gebrauch machend von ver ihm verliehenen Ermächtigung, selbst sein Cabinet zu ernennen, sich folgende College» zugesellt: Maisonnave für die auswärtigen Angelegenheiten, Gonsalez für den Krieg, Gil Berges für die Justiz, Joso Carvasal für die Finanzen, Anrich für die Marine, Costalez für Handel und öffentliche Bauten, Suner für die Colonial Verwaltung. Die Linke, welche nur durch zwei Mitglieder in der urnen Regierung schwach vertreten ist, gibt ihre Unzufriedenheit schon zu erkennen, und in der Hauptstadt erscheinen wieder als übles Vorzeichen die bewaffneten Banden, welche auf die Volksvertretung einen Druck ausüben wollen, so daß die Behörden umfassende Vorsichtsmaßregeln treffen.
Die parlamentarischen Arbeiten nehmen in England ihren ruhigen Fortgang, wenn auch conservative und radikale Opposition keine Gelegenheit versäumen, der Regierung einen Seitenhicb zu versetzen und große Wirkungen aus kleinen Ursachen zu entwickeln versuchen. Eine der bedeutendsten Vorlagen dieser Session, Der Entwurf zur Bildung des obersten Gerichtshofes ist auf besseren Weg gekommen, als man erwartet hatte, und die Regierung hat sogar im Einverständnisse mit dem Unterhause die Vorlage erheblich erweitert, indem der höchste Gerichtshof nicht nur für England, sondern auch für Schottland und Irland das Oberhaus in dessen gerichtlichen Funktionen ersetzen soll. Dem Schah von Persien muß es in England wohl gut gefallen haben, daß er seinen Aufenthalt über das Programm hinaus bis zum Ende der Woche verlängert.
In Holland hat die Zweite Kammer den Gesetzentwurf zur Abschaffung des Einstehersystems im 'Militärdienste verworfen, worauf der Kriegsminister erklärte, er werde seine Entlassung einreichen. In Beantwortung einer Interpellation erklärte der Colo- nialmin'ster, die Gerüchte über eingeleitete Friedens-
Anna von Hohenheim lächelte.
„Du bist im Jrrthum, Felice."
„Aber das kannst Tu nicht wegleugnen: Preußen strebt nach einer Großmachtsstellung in Europa!"
„Ja, das glaube ich auch. Das will es aber nicht für sich, sondern für das ganze deutsche Volk. Und das muß einst auch werden."
„So?"
„Gewiß! Weil wir nur dann, wenn wir eine Achtung gebietende Macht repräsentiren, Euren französischen Rheinzelüsten mit Erfolg begegnen können.
„Die exfftircn bei uns gar nicht!"
„Felice, Du behauptest zu viel!"
„Unser Kaiser will den Frieden!"
„So spricht er, aber seine Handlungen deuten auf etwas Anderes."
Felice wurde der Streit unangenehm Sie zwang sich zu einem Lächeln und verbarg unter demselben die Verlegenheit, in die sie Anna v. Hohenheim durch ihre Behauptungen gebracht hatte.
„Was wir doch für große Politiker sind!" rief sie deshalb auf einmal lachend. „Wahrhaftig, wenn uns Euer Graf Bismarck gehört hätte, er würde uns in fein Cabinet birigiren. Lassen wir den Streit fallen und suchen uns lieber ein anderes Thema."
In diesem Augenblick trat aus einem der Waldwege die herkulische Gestalt eines großen bärtigen Mannes.
„Sprechen wir französisch," flüstette Felice, als sie den Fremden auf sich zukommen sahen.
Anna v. Hohenheim ging auf den Vorschlag ein und parlirte mit ihr so gut und so gewandt, daß ein