Mr. 155
Marburg, Freitag, deu 4. Juli.
1873.
Oberhessische Zeit«»-.
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Deutsches Reich.
Berlin, 2. Juli. Die Staatsregierung und die Landesvertrelung haben in neuester Zeit dem immer mehr hervortretenden Mangel an ländlichen Arbeitskräften allseitige Beachtung gewidmet und auf Mittel zur Abhülfe Bedacht genommen. Seitens des Abge ordnetenhauses war die Regierung auch aufgefordett worden, Maßregeln in Erwägung zu nehmen, durch welche bei den öffentlichen Bauten die Heranziehung landwirthschaftlicher Arbeiter vermieden und die Ausführung dieser Bauten während der Erntezeit überhaupt auf das unerläßlich nothwendige Maß beschränkt werde. Der Handelsminister Dr. Achenbach hat demgemäß, zunächst die Eisenbahnverwaltnngen veranlaßt, darauf Bedacht zu nehmen, von vorn herein für die Ausführung der größeren Eisenbahnneubauten einen Plan festzustellen, der es möglich macht, dieselben während der Erntezeit mit wesentlich verringerten Ar- beitskräften in dem unbedingt erforderlichen Umfange im Gange erhalten zu können. — Was die Bahnunterhaltungsarbeiten anlangt, so muß für diese zwar selbst während der Erntezeit ein ausreichender Stamm tüchtiger und eingeübter Arbeiter beibehalten werden; im Bedürfnißfalle sollen jedoch auch diese Arbeiten auf das zulässig Heinere Maß verringert werden, indem die für das betreffende Jahr vorgesehenen größeren Erneuerungen thunlichst noch vor oder nach der Erntezeit ausgeführt werden. Der völlige Ausschluß der landwirthschaftlichen Arbeiter von der Beschäftigung bei Eisenbahnbautkn ist zwar nicht wohl ausführbar. Es soll aber den Arbeitern allgemein, insbesondere den in der Gegend der Beschäftigung ansässigen, das zeitweilige Verlassen der Arbeit beim Bau oder der Unterhaltung behufs Uebernahme landwirthschaftlicher Arbeiten während der Erntezeit nicht nur erleichtert «erden, sondern die Bauverwaltung wird außerdem, namentlich in Gegenden, in denen notorisch Arbeitermangel für die landwirthschaftlichen Verrichtungen herrscht, bei Zeiten auf Entlastung von Arbeitern in ausreichender Zahl Bedacht nehmen Letztere sollen jedoch darüber nicht in Zweifel gelassen werden, daß nach Beendigung der Enitearbeiten ihrer Wiederzu- taffung zu der Beschäftigung beim Eisenbahnbau keine Schwierigkeiten bereitet werden sollen. Wenn die
Verwaltungen sich in dringenden Fällen zur Heranziehung von Arbeitern auS entfernteren Gegenden veranlaßt sehen, soll darauf geachtet werden, daß durch eine solche Maßnahme in der Heimath der heranzuziehenden Arbeiter nicht dieselben Kalamitäten eintreten dürfen, welche in der Gegend der Bauausführung selbst vermieden werden sollen.
— Die neueste „Prov. Corresp." bespricht den Ausfall der Wahlen zum Kreis- und Bezirkstag in Elsaß Lothringen und schreibt darüber: Die Niederlage, welche die französische Agitationspartei im allergrößten Theile der ländlichen Wahlbezirke erfuhr, ist eine überraschende; je weiter von den großen Städten entfernt, desto sachlicher und verständiger war die Aus sührung der Wahlen. Dieses Resultat ist um so höher anzuschlagen, als die ultramontane Partei mit der Franzosenpartei verbunden war; die Geistlichkeit agitirte für Wahlenthaltung. Der Ausfall der Wahlen ist unter solchen Umständen hauptsächlich ein Zeugniß für den gesunden und praktischen Sinn des elsaß-lothringischen Volkes. Die Regierung fasse die Wahlen nicht als einen Sieg der deutschfreundlichen Gesinnung auf, dazu sei es zu früh, wohl aber als eine Befestigung der selbständig elsaß lothringischen Gesinnung, welche auf dem Boden der Thatsachen die Landesinteressen wahrnehme und somit zugleich als eine Abwendung von französischen Agitationen, welche die Elsaß-Lothringer fortdauernd in die politischen Wirren und Gefahren Frankreichs hineinzuziehen bestrebt seien, für jetzt könne man sich freudig daran Genüge sein lasten, daß bei den letzten Wahlen die elsaß-loihringische Partei die Franzosenpartei schlug. Zuversichtlicher könne man der Zeit entzegensehen, wo daraus eine wirkliche deutsche Reichspattei hervorgehen werde. — Dasselbe Blatt schreibt ferner: Unser Kaiser, dessen Gesundheitszustand sich stetig fortschreitend gebessert hat, wird nunmehr bereits am Donnerstag (3.) Abends die Reise nach Ems antreten und dort am Freitag (4.) Vormittags einmffen, um zunächst noch einige Tage gemeinschaftlich mit Sr. Majestät dem Kaiser Alexander von Rußland zu verweilen. Die Kur in Ems wird den Monat Juli in Anspruch nehmen. — Anfang August gedenkt Se. Majestät zur Nachkur nach Bad Gastein zu gehen und in der letzten Woche des August den vorbehaltenen Besuch am kaiserlichen Hofe zu Wien zu machen.
— Ueber die Rekruten-Einstellung pro 1873/74 hat das Kriegs-Ministerium folgende Bestimmungen getroffen : 1) Die diesjährige Rekruteneinstellung findet bei den Truppentheilen des Garde-Corps, sowie sämmt- li l en Truppen zu Pferde am 5. November c. statt. 2) Alle übrigen Truppen stellen die Rekruten am 3. Dezember c. ein. 3) In Betteff der Oekonomie- Handwerker und Trainfahrer bleibt eS bei den gegebenen Festsetzungen. 4) Gelernte Jäger, drei- und vierjährig Freiwillige dürfen vom 1. Oktober c. ab Seitens der Truppmtheile in Verpflegung genommen werden.
— Die von den deutschen Ultramontanen gegen das Reich gehegten Gesinnungen werden in Frankreich gebührend gewürdigt Der „UniverS" enthält ziemlich verspätet einen Leitartikel über die von uns seiner Zeit erwähnte» Aussprüche des Dr. Jörg in den „Historisch- politischen Blättern." Derselbe verweilt mit großem Behagen bei dem der Regierung des Marschalls Mae Mahon von Herrn Jörg gespendeten anerkennenden Worte „allianzfähig" und eitirt dann die Sätze deö Dr. Jörg über die Möglichkeit eines neuen Religionskrieges. Der französische Ultramontane sagt gerade heraus, was sein deutscher Gesinnungsgenosse nur er- rathen läßt. „Ein solcher Religionskrieg", schreibt er, „würde unwiderruflich und mit einem Schlage die künstliche und lügnerische Einhesi des neuen Reiches zerstören. Ein katholischer SouverÄi in Paris und Wien wäre deßhalb für das neue Deutschland der Todesstoß". Zum Schluß läßt der „Univers" dann den „Coloß aus Gold, Silber, Erz, Esten und Thon" mit Gottes Hilfe plötzlich zur Erde stürzen und Frankreich, „das schönste Reich nach dem Himmelreiche", seinen alten Platz in der Welt wieder rinnehmen.
St. Johann, 28. Juni. Der EisenbahnttanS- port der aus Frankreich zurückkehrenden OccupationS- truppen beginnt am 6. Juli in Saarlouis, von wo auS von diesem Tage ab täglich zwei Militärzüge in der Richtung Trier-Eifelbahn-Köln und Neuß abgehen werden. Am 14. wird der Transpott über diese Linie beendet sein.
Bremen, 30. Juni. Das Executivcomits für die internationale landwirthschaftliche Ausstellung hat am Freitag und Sonnabend voriger Woche das Programm und die Ausstellungsbedingungen in allen wesentlichen Punkten festgestellt und wird dastelbe schon
Die Elsässerin.
Novelle von AndrS Hugo^
(Fortsetzung.)
In diesem Augenblicke heb die alte Schwarzwälder aus, und der Kukuk ließ gleich darauf ein elsmaliges Kukuk hören.
„Nun, Benno kann jeden Augenblick zurückkommen, dann kann er Ihnen denselben selbst nennen."
„Er ist wohl im Walde?"
„Die Gegend wird neuerdings durch einige berüch tigte Wilddiebe unsicher gemacht, welche gerade in so dunklen Nächten, wie die heute, gern ihr Unwesen treiben. Dann muß nun mein Sohn hinaus, um ihnen da» Handwerk zu legen."
„Da werden wohl auch die Schüsse, welche die Pferde scheu machten, von ihnen hergerühtt haben."
Dir Obersörsterin erblaßte sichtlich.
„Wo haben Sie die Schüffe gehört?" fragte sie.
„Ja, den Ort kann ich Jhnm nicht nennen. Es »ar an der Ecke, wo sich der Weg nach dem Forsthaus hierher abbiegt. Der Kutscher behauptete, eS sei dicht vor ihm eine Kugel vorbei gesaust. DaS Auf- blitzm der Gewehre habe ich selbst gesehen. Die Pferde zogen plötzlich an und der Kutscher vermochte die Thiere kaum zu halten. Da, mit einem Male fuhr ter Wagen gegen einen großen, aus dem Wege liegenden Stein und er stürzte nach vorn. Nachdem bet Kutscher die Pferde vvm Wagen loSgemacht hatte, half er mir heraus und wir gingen nun zusammen hierher."
„Haben Sie vielleicht bemerkt, daß von der Ecke rin Fußweg in den Wald führte?"
Ja, der Kutscher nannte auch daS Dorf, nach dem er führt, ich habe den Namen vergessen."
„Nach einem Dorfe?" Die Oberförsterin überlegte.
„Ich denke!«
„Er sagte nicht nach dem Höllengrunde?"
„Richtig, „Höllengrund" nannte er eS!"
Aus dir Brust der Obersörsterin entrang sich ein tiefer Seufzer.
„Gott im Himmel — daS ist kein Dorf — es ist die verrufene Schlucht! Und Sie haben mehrere Schüsse gehört?"
„Drei oder vier! Ich kann eS nicht behaupten, da ich zu aufgeregt war."
„Der Himmel mag helfet», daß ihm kein Unglück zustoße."' " -
Ueber die Wangen der Oberförsterin perlten einige Zähren.
Die Französin suchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und es glückte ihr auch. Mit der den französischen Frauen eigenen Geschwätzigkeit- hatte sie eS dahin gebracht, daß die Oberförsterin ihre trüben Gedanken momentan vergesse» hatte.
„Aber nun könnte der Kutscher längst wiedcw da sein!" sagte Felice, als der Kukuk zwölsmal auS fei mm Häuschen hervorgekommen war und jedes-mal seinen Ruf hatte ertönen lassen. „Sie werde» mmde sei» und ich halte Sie vom Schlummer ab."
Die Oberförsterin sah nach der Uhr.
„Allerdings", sagte sie. „Von Hohenheim bis zu unserem Forsthause läuft man eine kleine Stunde; ein Wagen braucht die Hälfte der Zeit; allein der K ut# scher wird Mühe mit dem Herausschaffen der Kuts che haben und kann jeden Augenblick kommen."
Der Regen Hätschle jetzt mit aller Heftigkeit ges >en die Scheiben der Försterwohnung und der Wind n ät-
telte an den vom Wetter auSgedörrten Holzkreuzen mit seltener Heftigkeit.
„Wird Ihnen nicht bange, daß Ihr Herr Soh« noch nicht zurück ist?" fragte Felice nach einer Weile die Obersörsterin.
„Des Wetters wegen nicht, denn das ist beip Forstmann so ziemlich einerlei, aber die von Jhnm gebrachte Mittheilung über das Abgeben mehrerer Schüsse beunruhigt mich. Auch bleibt Benno selten über zwölf aus."
Die Unterhaltung stockte. Das Bedürfniß des Schlafes trat bei dem jungen Mädchen mehr und mehr auf, während die Mutter Bmno'S, von Unruhe erfaßt, bald zum Fenster ging, dieses öffnete und mit angehalienem Äthern lauschte, bald wieder stumm, in sich gekehrt, vor sich niederstarrte.
Als die Obersörsterin wieder ans Felice blickte, war diese fest entschlummert.
Die Schwarzwälder hatte längst ein Uhr geschlagen. Der Wagen war noch nicht da. Die Angst und die Beklemmung der alten Oberförsterin wuchs mit jeder Minute.
Der große Zeiger an der Uhr glitt geräuschlos über die Zlfferfiäche und hatte eben das Vorüber- geeiltjein einer halben Stunde wieder markirt, als die Obersörsterin auffuhr und das Fenster öffnete.
Die Hunde im Hofe stießen ein Hägtiches Geheul aus. Es tarn der allen Frau vor, als »ernt in der Ferne ei» Hund gleiche Töne von sich gäbe. Sie lauschte noch einmal. Richtig! Jetzt vemahm sie e» ganz deutlich.
Die Hände der Obersörsterin falteten sich ganz unwillkürlich und über ihre Lippen glitten fromme Worte.