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Mr. ISS

JTlarßurg, Mittwoch, den 2. Juli.

1873.

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Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter 27 8gr, (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgk. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

e» Berit«, 30. Juni. Gestern waren es 800 Jahre, daß der deutsche Kaiser Heinrich im Büßer­hemde auf dem Hose von Kanosia stand. ES konnte nicht auSblriben, daß die „Germania" diesen Tag nationaler Schmach benutzte, um von Neuem ein Lob­lied auf das unfehlbare Papstthum anzustimmen. So verschieden man nun auch jenes welthistorische Ereig- mß beurtheilen mag, von jedem Standpunkte aus wird man zugeben müssen, daß die AuSführungendcr Germania ebenso confuse wie abgeschmackt sind. Der Papst habe heute nicht, wie damals, ein festes Schloß wie Kanossa, woraus er sich stützen könne; fein Kanossa sind die katholischen Gewissen, welche man brechen «olle. Aber die Gegner würden einen Tag von Kanossa erleben. Abgesehen, daß dieser Vergleich wunderbar schön und kiffend ist, möchten wir der „Germania" erwiedern, daß von einem Brechen der katholischen Gewissen über­haupt keine Rede ist, sondern von einem Biegen und Beugen ultramontaner Anmaßungen. Daß letztere» aber gelingen wird, dafür sprechen die Thatsachen be­reit» ziemlich laut. — Die „Schlesische Volkszeitung" berichtet, es stehe mit dem Gesundheitszustand des Kaisers schlecht, daß das Gegcntheil der Fall ist, be­weist wohl die Beschleunigung der Abreise nach ErnS, welche ursprünglich auf den 5., jetzt aber auf den 3. Juli angcsetzt ist. Die Aufgabe der Reise nach Wien erzeugt übrigens noch immer die albernsten Conjecturen, obgleich man nachweist, wie schwer eS dem Kaiser wird, sie za verschieben. So weiß ein phrntasiebegabter Correspondent allerhand Geheimnißvolles von wel fischen Umtrieben zu berichten, an denen natürlich kein wahres Wort ist. — Bekanntlich war auf dem statistischen Congresse zu St. Petersburg be- schlossen worden, eine permanente Comission zu bil­den, deren Präsident der russische SlaatSrath Semenoff und deren einzelne Mitglieder von den verschiedenen Regierungen ernannt werden sollten. Vom russischen Gouvernement find jetzt die diesbezüglichen Aufforde­rungen ergangen und werden die Ernennungen nach

Erledigung einiger noch nölhiger Verhandlungen er­folgen. — Vom Handelsminister ist die Frage ange­regt, ob es zweckmäßig sei, Eisenbahnbeamten und ihren Familien freie Fahrt zu gewähren, falls an ihrem Stationsorte keine Kirche desjenigen Bekennt­nisses vorhanden ist, dem sie angehören. — Vom kai­serlichen Consulat in Antwerpen sind seit einiger Zeit Tabellen über die vom dortigen Hafen aus statlfin dende Auswanderung «ingesandt. Nach Berichten aus den letzten Monaten sind dort wiederholt Schiffe nach Comandatuba in Brasilien abgefahren, deren Passagiere größtentheils (an 700 Köpfe) Deutsche waren, zu denen die Provinz Preußen daS umfassendste Contin- gent gestellt hatte. ES scheint also, als wenn die Auswanderung nach Brasilien von den Agenten wieder möglichst kräftig poussirt wird und sind die Provinzial behörden angewiesen, ihrem Treiben mit allen gesetz­lichen Mitteln entgegenzutreten.

— 29. Juni. In unterrichteten Kreisen werden sämmtliche von französischen Blättern besprochene Ge­rüchte von einer hiesigen Ministerkrisis, von der Ab» sicht des Fürsten Bismarck, zurückzulretcn, und Aehn- liches als durchaus unbegründet bezeichnet. Man be­stätigt, daß Legationsrath v. Brinken, wie bereits gemeldet, zum ersten Secretär der deutschen Botschaft in London bezeichnet ist.

— Die Abstimmung über das Münzgesetz im Lundesralh ist bisher nur ans rein formalen Gründen unterblieben. Die Zustimmung desselben zu den Reichs­tagsbeschlüssen ist zweifellos. Es sind bereits die Münzmeister von Berlin, München, Stuttgart und Dresden in Berlin anwesend und im Begriffe, eine Instruction für die Durchführung des Münzgehalts festzustellen. Auch ein Nickelfabrikant ist zu gutacht­lichen Berichten bezüglich der Ausprägung von Nickel- münzen hierher beschieden worden. Hinsichtlich des Banlnotengesetzes erwartet man, daß Preußen die Jnitialive zu dem bezüglichen Entwurf ergreifen wird.

— Nach dem bereits bekannt gegebenen Anträge des Bundcsraths-AusschusseS für Handel und Verkehr

soll zur Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen der Bundesstaaten auf dem Gebiete der Medizinal- und Veterinär-Polizei ein der Reichsverfassung unmittelbar untergeordnetes Organ mit lediglich beralhendem Cha­rakter errichtet werden. Es sollen somit die zur Me- dicinalpflege eingesetzten Organe in den einzelnen Bundesstaaten bestehen bleiben, wie z. B. in Preußen die Kreis Physiker, Kreis-Wundärzte, KreiS-Thierärzte, Medizinal-Räche und Departements-Thierärzte, die wiffenschaftliche Deputation für das Mebizinalwesen, die Oderexaminations - Kommission für die höheren Staatsprüfungen der Medicinalpersonen, die tech­nische Kommission für pharmazeutische Angelegen­heiten und die Medizinal Abtheilung deS Kultusmi­nisteriums als Zentralorgan für die gesammte Monarchie. Eine der Hauptaufgaben deS zu schaffenden Organ» wird es sein, als Grundlage für eine Reform auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege eine über bas ganze Reich sich erstreckende Statistik der Gcsund- heitsverhältnisse herzustellen. Das Reichskanzler-Amt beabsichtigt nämlich — wie die „Voss. Ztg." erfährt — gemäß §. 4 Nr. 15 der Reichsverfassung, wonach der Gesetzgebung deS Reiches Maßregeln der Medici- nal- unv Veterinär-Polizei unterliegen, dahin zu wirken, daß die materielle Gesetzgebung einheitlich reformirt und vervollständigt werde. Die gegen die Verbreitung ansteckender Krankheiten in den Bundesstaaten früher erlassenen und noch gültigen Vorschriften sind in vielen Punkten von neuen Forschungen überholt und geben im Wesentlichen nur die Mittel und Wege an die Hand, wie zu verfahren ist, wenn eine Epidemie wirk­lich zum Ausbruch kommt. Was aber geschehen soll, um dies letztere zu verhindern und den schädlichen Ausdünstungen und Miasmen vorzubeugen, in welcher Weise für gesunde Luft, gesundes Wasser, für einen zuträglichen Aufenthalt der Arbeiter in Wohnungen und Fabriken, für die Controle der Nahrungsmittel u. s. w. gesorgt werden soll, dafür sucht man in den Gesetzgebungen der meisten deutschen Staaten vergeben» nach einem festen Anhalt.

Die Elsässerin.

Novelle von Andre Hugo.

(Fortsetzung.)

Da« Kritische seiner Lage wurde ihm jetzt voll­ständig klar. Die bluttriefende, von den Besten und Dornen vielfach zerrissene Hand fuhr nach den Leiau- cheuxpatronen in der Jagdtasche. Die Finger zählten unwillkürlich die zehn noch vorhandenen Patronen. Nach wenigen Sekunden waren die beiden Läuse des Jagdgewehres wieder schußferlig.

DaS Gewehr hoch haltend, eilte er aufs Gerade­wohl fort, um wenigstens noch einmal zu versuchen, durch Flucht sich der unbedingten Ueberzahl feiner Verfolger zu entziehen. Auch hoffte er bald in irgend rin ihm bekanntes Revier zu kommen. Hatte er erst einen Anhaltepunkt in dem Walde gefunden, so war r» ihm, dem mit Weg und Steg Vertrauten sehr leicht, entweder seine Verfolger zu täuschen oder doch durch die Schnelligkeit des Laufes seinen Feinden den nöthigen Vorsprung abzugewinnen.

So schnell ihn seine Beine zu tragen vermochten, eilte er vorwärts, seine Aufmerksamkeit auf irgend ein zu erspähendes Merkmal gerichtet. Dabei drang von Zeit zu Zeit das Heulen de» Jagdhundes an sein Ohr. Wieder hielt er einen Augenblick im Laufen inne. Ein kühler Luftzug fächelte über seine heiße Stirne. Er lauschte. Von den Verfolgern hörte er Nich.s mehr. Dagegen rauschte e» in den Wipfeln der alten Tannen und Föhren. Der Wind hatte sich erhoben und spielte mit den verdrehten Stämmen, daß diese jenes unheimliche Knacken hören ließen, welches auf den mit dem Leben des Forstes nicht Vertrauten einen so eigenthümlichen Eindruck hervorzubringen vermag. Für Benno Brendel, den jungen Forstad juukt, bot dieses Geräusch keineswegs etwas Entmuthi gendes, allein in diesem Augenblick war eS ihm doch zuwider, denn durch dasselbe wurde seine Berechnung stber die Erttfernung seiner Verfolger beeinflußt.

Al» jetzt der Wind einen Augenblick zögerte, den hohen Tannen ein Schlummerlied zu singen, hörte

er plötzlich ganz in der Nähe die Stimmen der Wilddiebe.

Die jähe Flucht begann von Neuem, diesmal mit verdoppelter Schnelligkeit. Kaum war er wieder einige hundert Schritt weit vorwärts gedrungen, als eine Barriere seinen Lauf hemmte. Die Augen des Försters irrten unstät umher.

Ein von dem Aberglauben und der Volkssage mit den wunderlichsten und unglaublichsten Erzählungen ausgeschmückter Ort übt selbst auf den unerschrocken­sten und beherztesten Menschen, sobald er denselben in der Stille der Nacht betritt, einen bestimmenden Einfluß aus; ganz besonders aber dann, wenn sich der Betreffende in außergewöhnlicher Aufregung be­findet.

Als sich Benno auf die morsche Barriere stützte und hinunter in das schwarze Dunkel starrte, hatte er sich instinktmäßig sofort orientirt. Er wußte, daß er sich an dem Rande einer jener unheimlichen Schluchten befand, an denen die Voihöhen des Thüringer Waldes so reich sind.

„Der Höllengrund!" preßten seine Lippen unwill­kürlich hervor.

Sein Plan war schnell gefaßt. Wenn er sich vorsichtig über das Geländer schwang und unterhalb desselben einen Baum oder ein Gesträuch gewann, an dem er sich halte» konnte, so war er gerettet, denn dann konnte er von Baum zu Baum springend, kriechend oder rutschend den Grund der Schlucht erreichen und von hier auS war es ihm dann ein Leichtes, sich nach der gegenüberliegenden nicht sehr steil ansteigenden Höhe zu bringen, auf welcher der gräflich Hohenhcim'schr Park begann, in dem jetzt sicherlich einige Forstgehilfcn oder Walvwävter im Nachtdienst anzutr-ffen waren.

Mit der Behendigkeit eines geübten Kletterers schwang er sich über die Barriere, nachdem er das Jagdgewehr mit dem Riemen über sich gehangen halte. Noch hing er mit den Händen an dem Holze, wäh­rend sein Fuß vergeblich einen Stützpunkt suchte.

ES ist eine verweifelte Lage, in der sich der junge Förster befindet. Zurück konnte er nicht mehr — die Verfolger können höchstens noch einige hundert Schritt von ihm entfernt sein und mögen ihn in den nächsten Minuten erreicht haben — die Finger be­ginnen zu zittern — und jetzt — um Gotteswillen, das morsche Geländer giebt nach! — Ein Krach — ein jäher Aufschrei und ein dumpfer Fall, untermischt mit dem Geräusch, welches die zur Tiefe rollenden Steine verursachten, ist Alles was Benno noch ver­nehmen kann — Er glaubt sich verloren. —

Doch wag ist das? Steht er nicht kerzengerade auf den Füßen? Hat ihn ein Trugbild geäfft oder waren die Erlebniffe der letzten Sekunden nur ein Spiel feiner aufgeregten Phantasie? ... Er streicht sich die in'S Gesicht gefallenen Haare zurück. Ein stechender, dumpfer Schmerz über dem Auge erschreckt ihn. Die Läufe der Jagdflinte sind beim Sturz cm seine Stirne gekommen und haben ihm eine Beule beigebracht. Kaum hat er sich ober diese Gewißheit verschafft, als ihm auch schon wieder bekannte, für ihn fürchterliche Worte an fein Ohr schlagen, denn der Klang der Stimmen ist ihm nur zu gut bekannt.

„Holla, hier ist er! Hier muß er sein!" rufen die Beiden, welche die Seine des Hundes gefaßt und eben das Krachen des brechenden Geländers vernom men haben. Sie stürzen auf die Stelle zu. Ohne zu wissen weshalb, tritt bet junge Förster unter da­überhängende Gestein des Randes, kaum ist die» aber geschehen, so gellt ein markerschütternder Schrei durch die Luft, und in jähem Falle rast eine dunkle, form­lose Masse an seinen Augen vorbei in die Tiefe. Noch vernimmt er daS klägliche Geheul be» Jagdhundes, noch hört er den entsetzlichen Fluch, der über die Lippen des Schwarzen gleitet, dann wird'S ruhig und still um ihn her. Die Aufregung, der Schreck und zum größten Theil der Blutverlust haben den jungen Förster seiner Sinne beraubt — — —

Aus das kahle Gestein klatschte der Regen und in ben Wipfeln der Bäume rauscht der Wind sein un-