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Mr. LSI Marburg- Sonntag, den 29. Juni. 1873.

Oberhessische Heilung. -

.«olick außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22; Sgr., durch die SRoftämter 27 Lar (erd. Bestellgebühr und inel. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

v ' Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

“ für das dritte Quartal

.. auf die „Höerhesstsche Ieitung" bitten wir baldigst bei den betref­fenden Postanstalten machen zu wollen.

Die Landbriefboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Mit dem neuen Quartal beginnt die Origi­nal-Novelle:

Die Elsässerin von Andre Hugo, der die Original-Erzählung:

Des Schicksals Fügung, von Ewald August König.

folgen wird.

Die Exped. der „Oberliess. Ztg.“

Politische Wochrn-Urberficht.

Nach 61 Plcnar- und 125 Commisstonssitzungen hat der deutsche Reichstag den von ihm ersehnten Schluß seiner Session am Mittwoch erreicht, Fürst Biömarck vollzog denselben im Auftrag des Kaisers, der noch in vorsorglicher Zurückgezogenheit, dem Rache der Aerzte folgend, in Babelsberg weilt. In der letzten Nummer der „Prov. Corresp." wird noch eine außerordentliche Session des Reichstages zur Erledigung des Reichsmilitärgesetzes in Aussicht ge­stellt. Der versöhnliche Geist, der in der Reichsver­tretung waltet, hat sich in den Beschlüssen der letzten Wochen auf ganz verschiedenen Gebieten bewährt. So sind die einschneidende Zolltarif-Vorlage rücksichtlich der Eisenzölle, das sogenannte „Servisgesetz" rück sichtlich der Wohnungszuschüsse für Offiziere und Relchscivilbeawte, und eben so das Reichsmünzgesetz rücksichtlich der Regelung des deutschen Banknoten- und Papicrgeldwesens durch Compromisse erledigt, die man für Unterpfänder eines noch weiteren maß- und rücksichtsvollen Sichzusammenfchließens aller reichs-

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Das Ständchen.

Rovelette von Al arte Calm.

(Schluß.)

„Noch mehrere Stücke folgten auf das erste; dann kehrte diese- noch einmal zurück... Wehmülhig klagend zogen die -Löne durch die Nacht, und es war ihr, -IS mischten sich leise Klänge aus dem Zimmer über ihr — Marthas Zimmer — hinein. Die lauschende Frau ballte die Hände vor Aufregung, dies Alles hören zu muffen und nichts thun zu können! Es war unerträglich!

„Jetzt schwieg die Musik. Die „Spielleute" ent­fernten sich, nur Günther blieb noch jurüd. Er hielt einen Blumenstrauß hoch in die Höhe und warf ihn bann über daS Geländer in den ©arten. Wenige Augenblicke später kam Jemand die Treppe herunter; war's möglich — Martha! Schreckliche Gedanken an Flucht, Entführung, schossen Frau Barbara durch den Sinn; rasch hüllte sie sich in einen Shawl und folgte ihrer Nichte.

„An der geöffneten Thür des Hauses, die in den Garten sührte, blieb sie stehen. Dort, wenige Schrille vor ihr, eilte Martha flüchtigen Fußes über den Kieß- weg hin; jetzt hob sie das Bouquet aus und drückte es an ihre Lippen; dann näherte sie sich dem Gelän der... einige geflüsterte Worte, ein Händedruck — er sucht sie zurücktuhalten, aber sie macht sich von ihm los... noch ein Wink, ein „Lebewohl", das wie ein Schluchzen klang, — und sie wendet sich dem Hause wieder zu.

„Gottlob, keine Flucht! Frau Barbara athmet auf. Aber bestraft muß sie doch werden, die Falsche, Undankbare! Schnell Ha sie ins Haus zurück und verschließt die Thür; das ungehorsame Mädchen soll erst demülhig bitten, ehe sie ihr öffnet!

„Sie tritt in daS nächste Zimmer ein und setzt sich in einen Sessel aus Fenster. Richtig, jetzt rüttelt Martha an der Thür. Daß Jemand in der Nähe sei, konnte sie wiffen, — sie Hane ja die Thür offen gelassen und fand sie nun verschlossen. Jetzt ruft sie

freundlichen Partei-Abschattirungen in der Nation halten muß. Und dieses Zusammenschließen thut Noth. — Im Reichslande Elsaß Lothringen haben — trotz allen Madonnenerscheinungen in den Vogesenthälern und allen Wallfahrten und Weihungen sowohl elsässischer wie polnischer Fahnen in Frankreich — die Krets- und Bezirksrathswahlen am Sonntag unter einer Über Erwarten lebhaften Betheiligung stattgefunden und vielfach — namentlich auf dem Lande und in kleineren Städten — sind gemäßigte und versöhnliche Männer gewählt worden. Daß überhaupt mit reger Betheili­gung gewählt ist, und zwar in Mehrheit „frei", ohne allen bisher unter Frankreich gewohnten Verfassungs- Mechanismus, das ist zunächst die Haupffache; die Theilnahme an deutscher Selbstverwaltung und das thatiächliche Einleben in diese wird bald auch hier weiter führen.

Die Nachricht, daß aus österreichischen Ab­geordnetenkreisen auf eine Einberufung des Reichstags Behufs deffeu Mitwirkung zur Durchführung der Mittel gegen die Folgen der Börsenkrisis hingear­beitet werde, hat sich als ein leeres Gerücht erwiesen. Am Wiener Hofe ist die deutsche Kaiserin cingetroffen und aufs Herzlichste empfangen worden. In Pest hat der Führer der äußersten Linken einen Theil des linken CentrumS an sich zu ziehen versucht und vor­läufig so viel erreicht, daß zwischen beiden Thcilen Unterhandlungen, die auf Gründung eines gemeinsamen Organs gerichtet sind, stattgcsunden haben. Das Gros des linken Centrums hat sich in Folge dessen der Deakpartei genähert, und eine Frucht dieser Annähe­rung ist zunächst der mit großer Mehrheit gefaßte Beschluß des Unterhauses, sofort in die Budgetbera thung einzutreten, bereu Grundlagen bereits mit 210 gegen 25 Stimmen angenommen sind.

Die Schweiz hat die Genngthuung gehabt, daß der bisherige französische Gesandte Lanfrey/ dessen Abberufung die klerikale Partei bei Broglie und Mac Mahon schon halb durchgesetzt hatte, die Bestätigung auf seinem Posten erlangt und bereits überreicht hat.

— aber nicht der Tante, sondern der Magd. Da kann sie lange rufen, die schläft im Erker! ... Alles still. Sie geht wohl nach der andern Seite des Hauses, — oder wieder in den Garten zurück? Nein, Der ist leer. Eine Wolke ist vor den Mond getreten ... wie gespensterhaft die Bäume aussehen ... Sie kommt noch nicht wieder, ist noch nicht g demüthigt. Starrkopf! Aber die Tante hat auch ihren Willen. Erst sollst Du bitten, flüstert sie vor sich hin; und Dann, und dann...

„Ihr ist, als stünde sie auf von ihrem Platz, als ginge sie nach der Thür und ließe das zitternde, reuige Mädchen ein; und dann suchte sie ihr Belt auf und sank in einen tiefen, tiefen Schlaf...

„Ader plötzlich fährt fie auf. Nein, sie liegt nicht in ihrem Bette, sie fitzt noch in dem Sessel am Fenster, und draußen — — Großer Gott! Martha, — sie hat ihr nicht geöffnet, sie ist eingeschlafen — schnell! schnell!

„Sie eilt hinaus. Der Mond ist untergegangen; tiefe Dunkelheit! — Martha! Martha! tönt es durch Die Nacht. Keine Antwort. Sie durchsucht jeden Winkel des ©artens; da in einer Laube entdeckt ihr geschärftes Auge etwas Helles — Gottlob! sie ist es! aber sie liegt am Boden — bewußtlos! ,

„Bebend vor »Angst hebt die Frau das junge Mädchen auf und trägt sie in ihren Armen ins Haus, in ihr Zimmer. Sie reibt ihre eisigen Hände, reibt ihre Schläfen, sie sucht sie zu erwärmen an ihrer Brust. — Jetzt regt sie sich. — Gott sei Dank, das Herz schlägt wieder, das Leben kehrt in den erstarrten Körper zurück.

„Ja, das Leben kehrte zurück, aber nicht die Be­sinnung. Am nächsten Tage verbreitete sich die Nach­richt durch die Stadt, die schöne Martha sei von einem heftigen Nervenfieber befallen worden; und bald sagte mir mein Mann, daß keine Hrffnnng mehr da sei. Was liebevolle Pflege, was Geld vermochte, das ge­schah, sie zu retten; aber jene falte Nacht hatte ihren Todeskuß, wie auf so viele Frühlingsblüthen, auch

Im Cantou Neuenburg soll die Revision deS kirchen- politischen Verfassungsartikels 71 dem Rache zur Ab­stimmung vorgelegt werden.

In Versailles sorgt „die Regierung des Kampfes" dafür, daß die rückläufige Bewegung zur Rettung der Gesellschaft in jeder Woche mindestens einen „Scandal", um mit den Rothen, einen „Sieg Der Sittlichkeit", um mit den Schwarzen zu reden, abwerfe. Die letzten acht Tage brachten den Erlaß des Rhonepräfecten DucroS gegen die Civilbegräbniffe und die praktische Anwendung dieser Maßregel auch in Versailles bei Gelegenheit deS Leichenbegängnisses des freisinnigen und wohlthätigen Abgeordneten BrousjeS, indem die Deputation der Nationalversammlung, den Vicepräsidenten de Goulard an der Spitze, links ab­schwenkte und der Ehrenwache der Cuirassicre daS Signal gab, gleichfalls umzukehren, als der Sarg nicht nach der Kirche,, sondern unmittelbar nach dem Friedhöfe geleitet wurde. Die Interpellation, welche Le Roher dieser Vorgänge wegen im Namen des An­standes und der Gewiffensfreiheit am 24. Juni an die Regierung richtete, führte zu einer RechtfertigungS- rebe Beule's, bie in ihren ©rünben ein würbigeS Gegenstück zum 10. Juni bildete und mit einem neuen Stimmsiege gekrönt würbe, in welchem 422 Deputirte mit Beule, Ducros und dm Generalen de Cisfiy und du Baratt ihr Jahrhundert in die Schranken riefen. Unter solchen Zeichen der Zeit und bei der steigenden Flut der chauvinistischen Propaganda durch kirchliche Mittel, neben der Commune die schlimmste Ausgeburt des französischen Parteitreibens, soll am 10. Juli die allgemeine Räumung beginnen und an demselben Tage General Manteuffel von Nancy nach Verdun über­siedeln, um dann im September auch das letzte Pfand auszuliefern. Auf Befehl des französischen KriegS- Ministers müssen bis zum 5. Juli alle beurlaubten Offiziere bei ihrem Corps sein.

Die italienische Kammer hat über daS Schick­sal des Ministeriums Lanza-Sella entschieden. Am 25. d. M. — an demselben Tage, an welchem die auf diese jugendliche Stirn gedrückt; sie hatte sich darunter geneigt — um sich nicht wieder emporzu- richten.

„Es war am siebenten Tage ihrer Krankheit, als sie starb; ohne Bewußtsein, so erzählte mir mein Manu, mit der Melodie eine« bekannten Volksliedes auf den Lippen. Es war eine so friedliche, schöne Leiche, als man nur sehen konnte; die ganze Stadt brachte Blumen, sie zu schmücken; man trauerte um sie, als um etwas ungewöhnlich Schönes, Liebliches, das uns geraubt Ensetzlich aber war der Schmerz, die Verzweiflung ihrer Tante. Sie wollte Niemand zu ihr lassen, wollte nicht zugeben, daß man sie be­grabe; man mußte Gewalt anwenden, um die unglück­liche Frau von der Leiche zu entfernen!

„Damals war es, als sie meinen Mann, der sie täglich besuchte, die Einzelnheiten jener schrecklichen Nacht mittheilte, wobei sie ihn bald aufforderte, sie als Mörderin Den Gerichten auszuliefern, ihn bald beschwor, sie zu schonen, da sie das Kind ja so lieb, so lieb gehabt! ' Erst nach längerer Zeit wurde sie ruhiger; — aber es war nicht die Ruhe der Erge­bung, sondern die des Tiefsinns. Sie hatte das Denk­mal, welchen sie gesehen, auf das Grad setzen lasten; Der Engel ist von Meisterhand nach einem Bilde Martha's gemeißelt Auf jenem Grabe bringt sie den größten Theil ihrer Tage zu; oft sitzt sie stundenlang schweigenD dort, oft auch spricht sie mit der Ent­schlafenen, ober singt daS Lied, das sie so oft von ihr gehört Jedes Jahr aber am Vorabend des 14. Mai — und das ist ja heute — läßt sie ihr ein Ständchen bringen wie das, durch welches Günther ihr Lebewohl gesagt. Als sie es zum ersten Mal that, wollte man es ihr wehren; da aber wurde sie wüthend und mein Mann bat, man möge sie ge­währen .lasten, er müsse sonst daS Schlimmste be­fürchten. So lebt sie ungestört fort, ohne Verkehr mit irgend Jemand, abgestorben für diese Welt; — möge Gott sie balD davon erlösen!"

Zch drückte meiner Begleiterin schweigend die Hand.