1873
Marburg, Donnerstag, den 26. Juni.
Ur. MG.
täali* außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da« Quartal durch die Expedition (Kvch'fche Buchdru Nosliimter L7 Sar. (erd. Bestellgebühr und iml. Stempelsteuer), für das Ausland exd. Stempel SS Sgr. — Jnsertwnsgebühr 1 * ' Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
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Oberhessische ZeümlM
_ . jtferci) bezogen SS; Tgr., durch bte
- Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeil« 1 Sgr.
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*"* " “ für das dritte Quartal
( _ auf die „Hberhesstsche
Leitung" bitten wir baldigst bei den betreffenden Postanstalten machen zu wollen.
Die Landbriefboten nehmen auf dem Lande
Bestellungen entgegen.
Mit dem neuen Quartal beginnt die Original-Novelle : ' J tV.....
Des Schicksals Fügung, 7
von Ewald August Röntg.
Neu zugehende Abonnenten in hiesiger Stadt erhalten die „Oberheff. Zeitung" vom Tage der Bestellung an bis zum 1. Juli gratis.
Die Exped. der „überliess. Zig.“
z Deutsches Reich.
## Berlin 24. Juni. Se. Majestät wird voraussichtlich am 2. Juli die Reise nach EmS an treten, Fürst Bismarck wird sich dem Vernehmen nach bereits Donnerstags nach Varzin begeben, nachdem er Mittwoch Nachmittags im Auftrage des Kaisers den Schluß de« Reichstages vollzogen haben wird. — Das Staatsministerium hat in seiner letzten Sitzung die Frage wegen Bildung des kirchlichen (Gerichtshofes erörtert und verlautet, daß diese Angelegenheit so weit gediehen ist, daß in nächster Zeit die bezüglichen Vorschläge dem Könige zur Sanclionirung vorgelegt werden dürfte». — Die Erwiderung deö Kaiser- aus die Adresse der Katholiken, an deren Spitze der Herzog v. Ratibor sicht, ist nunmehr veröffentlicht und wird in dem Lager der „Germania" nicht verfehlen, Ein druck zu machen. Die Unterzeichner der Adresse sind fast alle Namen, die bisher in streng katholischen Kreisen einen guten Klang hatten, wie z B. Herzog von Ratibor, der in Rom als persona grata stets galt. Mau wird eingestchen mü»en, daß die Spal tung, welche durch das Dogma der Unfehlbarkeit er zeugt ist, nicht blos auf Kreise der Altkatholischen beschränkt geliehen ist — Heute, kurz vor der Sitzung des Reichstages, hat der Bundesrath sich versammelt, um über dir Fassung des Münzgesetzes durch den Reichstag Beschluß zu fassen; es bars wehl nicht gezweifelt werden, baß der Bundesrath dieser Fassung
feine Zustimmung ertheilt haben wird, da ja bekannt lich eine Verständigung über dieses Gesetz zwischen dem Reichstage und dem Bundesrathe vor der Be- ralhung des Entwurfs erzielt worden war. — Die Ieneralversamnilung des baltischen Verein« zur Förderung der Landwirlhschaft wird vom 15. bi- 18 September zu Stralsund abgchalten werden. Mil derselben wird eine große Thiersckau abgehalten, sowie Maschinen- und Probukien-Auostrllung verbunden sein. — Die Auswanderung aus der Provinz Hannover halte in dm Jahren 1866, 1867 und 1868 ihren Höhepunkt erreicht und betrug jährlich zwischen 10 bis 11,000 Personen, sie verringerte sich in den folgen dm Jahren bis auf 5780 Personen im Jahre 1871. Die Auswanderungsverhältnisse stehen also jetzt aus demselben Standpunkt als der war,'welcher in Hannover vor der Besitzergreifung der Provinz durch Preußen gegeben war.
— Die Frage in Bezug auf die Anwendung von Gußstahl oder Bronce bei der zum Angriffskrieg bestimmten Festungs Artillerie ist, wie die „Voss. Z " hört, definitiv dahin eittschieden, daß fortab letztere bei der deutschen Armee nur aus Bronce hergestellt wird. Das Material dazu ist in den eroberten reichen fron zösischen Vorräthen in anerkannt trefflicher Güte überreichlich vorhanden.
Königsberg, 18. Juni, lieber den thelegraphisch erwähnten Aufstand der Bernstein Taucher vom 15. d. berichtet die „K. H. Z.": „Der Tumult hat in Groß Dirschkeim begonnen, woselbst die Arbeiter Strikebc- rathung hielten. Die Taucher in Brüsterort erhalten neben freier Wohnung, Holz, Licht und Branntwein 1 Thlr. täglich festen Lohn, ganz gleich ob Sonn-, Fest- oder Werktag, ganz gleich ob die Witterung das Tauchen zuläßt oder nicht; außerdem für jedes Pfund Bernsteili, das sie über 3 Pfund von dem 'Meeresgründe heraufbringen, 15 Sgr. Der unvermeidliche Schnaps spielte dabei eine Hauptrolle, und als die Gemülher echitzt waren, begann Abends £ Uhr der Scandal, der bis zum Morgen währte. Es wurde demolirt, geraubt, und Jedem Wiederstand ge
leistet, der sich den Wüthenden enlgcgenfteDte, den Aufsehern sowohl wie den Gendarmen, und da das Schlimmste noch besürchtet wurde, wandte sich der dortige Geschäftsführer noch in der Nacht telegraphisch um Hülfe hierher. Das am andern Morgen von hier enlscndete Militär - Kommando traf dort Nachmittags
ein. Die Ruhe war am Montag nicht weiter gestört worden, aber cS wurden sofort 13 von den Haupt- meuterern arretirt. Weitere Ruhestörungen sind nicht zu befürchten. — Auch in Wagnicken, eine Meile von Brüsterort entfernt, ist unter den Torfstechern ein Tumult ausgebrvchen, bei welchem ein Aufseher durch Meffer- tiche verwundet worden ist; sechs der Rädelsführer i.id verhaftet, die Ruhe ist wieder hergestellt worden."
Detmold, 22. Juni. Die Nachricht Herr von- Flottwell sei um seine Entlaffung als Cabinetominister eingekommen, ist unbegründet; Veranlaffung zu der-" selben mag vielleicht eine gegenwärtige Badereise deS Herrn von Flottwell gegeben haben.
Darmstadl, 24. Juni. Die „Darmstädter Zeitung" meldet, daß Prof. Onken zu Gießen an Lt.lle dcS früheren Abgeordneten Heß einstimmig' zum Landtags Abgeordneten für Gießen gewählt worden ist.
Gieße«, 23. Juni. Die UniverfitätSfeier am Jubiläumstage des Großherzogs ist aufs würdigste verlausen. Die Festrede des Rectors, Prof. Lemcke, behandelte das Wechselverhältniß zwischen Natur- und Geisteswissenschaften in ausgezeichneter Weise. Die Preise, die vertheilt werden konnten, fielen zwei Slu- direnden der philosophischen Fakultät zu. — Die Stadt Gießen wird im laufenden Landtag seit langer Zeit zum ersten Mal wieder durch ein Mitglied der Hochschule vertreten sein. Ihr bisheriger Abgeordneter, Fabrikant Heß, hat sein Mandat niedergelegt. Das Collegium der Wahlmänner, in dem übrigens die Universität nicht vertreten ist, hat an seiner Steche einstimmig den Prof, der Geschichte, Dr. Oncken, jumr Abgeordneten gowihlt. 1 ' _
München 21. Juni. Das neue Militärhandt' buch für das Königreich Baiern ist nach dem Stande- der Armee vom 9. Mai d. I bearbeitet, und es sind in demselben zum ersten Male Offiziere der Reserve bei jenen Regimentern und Bataillonen aufgeführt, welchen sie zugetheilt worden. — Vom Reichs-Jnva lidenfonds sind 8 Millionen deS chi/rprocentigen Prioriläts - AnlehenS der baierischen Ostbahnen übernommen worden, und zwar in Obligationen ä 100,000 Thaler, welche zu diesem Zwecke eigens angefertigt' wurden. — Eine vom Kultusministerium berufene/ aus Profesivren der Universität und deS Polytechnikums und Bauräthen bestehende Commission hat Pläne für ein chemisches Laboratorium an der Universität' l
DaS Ständchen.
Novelette von Marie Calm.
Auf einet Reise durch das herrliche Thüringer Land begriffen, weilte ich seit einigen Tagen in dem öltet- thümlichen Städtchen E .., dessen reizende Umgebungen vereint mit der Herzlichk.it meiner Wirthe, mich dort feffelten.
Es war der wundervolle Monat Mai des Jahre- 1868, — ein Mai, wie ihn die Dichter besingen, voll Rosen und Nachtigallen. Der Tag war ungewöhnlich warm gewesen, so daß ich keinen größeren Ausflug unternommen, sondern den Nachmittag mit meiner Wirthin auf einem nahen, schön gelegenen Felsenkeller zugebracht hatte. ES war spät, als wir den Heimweg antraten; aber die Lust war so köstlich mild, die Gegend so zauberhaft schön in der Stille des Abends, beleuchtet von den matten Strahlen deS jungen Mon des, daß wir unS nicht davon trennen konnten, son deru deschloffen, auf einem Umwege unsere Wohnung aufzusnche».
Die Stadt lag in tiefer Ruhe unter uns. Aus den Gärten an unserer Seite sandte der blühende Jasmin feine betäubende Düfte, alle die zarten Blu- menieelen, die sich dort auShauchten, beherrschend. Ge heimnißvoll winkten die Bäume deS bewaldeten Berges zu unseren Häuptern; leise nur zog der Abendwind durch die Wipfel und daS Mondlicht zitterte silbern auf dem jungen Laube.
Alles still ! Auch wir schwiegen, ergriffen von der heiligen Ruhe um uns her. Da plötzlich schlugen sanfte Klänge an unser Ohr, unverkennbar den Seiten einiger Streichinstrumente entsteigend. Sie ei tönten au« einem Garten nicht weit von unS, — einem Garten,
in welchem der Mond blumenbedeckte Hügel, schimmernde weiße Kreuze und Steine beleuchtete — dem Garten der Tobten I
Ein Friedhof — und Musik! Doch waren eö leise, klagende Töne, die von dort zu uns emporschall- ten. Willenlos fast gingen wir ihnen nach.
, Ach, wie wär'- möglich bann," fangen eben die Geigen. Es waren ihrer zwei, dazu ein Violoncell und ein Baß. Die Musiker standen nicht weit vom Eingänge deS Kirchhofs neben einem Grabe, auf dem blühende Rosen au« dem dunkeln Laub deS Immergrüns hervorleuchteten. Zu Hänpten ces Hüge.S stand ein Denkmal, — eins der schönsten, daS ich je auf einem Grabe gesehen. Es war ein- w-ißer Kranz mit goldenen Lettern, die ich aber in dem unsicheren Licht« deS Montes nicht entziffern konnte, daran lehnt« ein Engel mit gesenkten Flügeln, in der Hand hielt er einen Rosenzweig, »och die ein zige volle Blüthe d.ffelben war geknickt. In kcm Blicke de- Engels, der auf dieser geknickten Blüthe ruhte, lag allerdings nichts, was in tröstender Weise an die Ewigkeit und an ein Jenseits mahnen konnte, aber d»r Ausdruck des ganzen liebliche» Antlitzes war so rührend in seiner Reinheit, feiner Jugend und Trauer, daß ich daS Auge nicht davor« abwende» konnte und mich tief ergriffen fühlte.
Auf dem Grade ober kniete oder vielmehr log eine menschliche Gestalt. Es schien eine ältliche Frau zu fern, groß und schlank, in schwarze Trauerk-.eioer ge hüllt. Ihr Gesicht war i« den Blumen ov< Grabes verborgen, aber von Zeit zu Zeit lönien schwere Seufzer daraus hervor, und in bei« Paffen der Musik leimte man auch einzeln« gemurmelte Morte verstehe»»
Meistens war es der Name: Maiha, mehrmals auch flüsterte sie innige ZärtlichkeitSauSdrücke vor sich hin.
Die Musiker spielten noch mehrere Stücke, meist bekannte Volkslieder. Die Frau schien kaum darai.f zu achte«,; aber alS jetzt eine längere Pause eintrat, und die Leute sich zum Fortgehen anschickten, sprang sie plötzlich von dem Grabe auf, und rief mit gebieterischer Stimme: „Das erste noch einmal! spielt ihr noch einmal ihre LieblingSmelodie auf."
Und wieder fangen die Geigen: df./
Ach, wie wtir's möglich bann, Daß ich Dich lasten kann, r„
Hab' Dich von Herzen lieb, •-1 r ' Das glaube mir.
SReine Gefährtin und ich waren unter eine überhängende Traueresche getreten, von wo aus wir, ohne Gefahr, gefehen zu werden, die eigenthümliche Scene überblicken . konnten. Die Frau stand jetzt hoch aufgerichtet da, -eine große, stattliche Gestalt; aber das Antlitz war von tiefen Furchen durchzogen, und die »irren, halbe rgrautm Haare, die starr.», thränenlosen Augen gäbe n ihm etwas Unheimliches, säst Grausenerregendes.
Als die letzten Töne des LiedcS ve< klungen waren, ma chle die Frau eine Handbewegung gegen die Musiker, wie um sie zu verabschieden. Sie entfernten sich scktveigend; die Frau aber warf sich noch einmal auf ba<i Grab nieder, — bann erhob sie sich und verließ langsam den Kirchhof.
Wir folgten ihr nach einer Weile, konnten aber noch iimmer nicht sprechen. Erst nachdem die weißen Kr.uze in der Dämmerung verschwunden, utld die Häuser der Stavt wieder vor unS auftauchten, wagte ich, das Schweigen zu brechen unb - nach der Erklä-