Ufr. 147. Jfiatfiurg, Mittwoch, den 25. Juni.
1873.
Oberhessische Zeit««g.
ffrfArint tüalick, nutzer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'schc Buchdruckerei) bezogen LLt Sgr.» durch bU W und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. ~ Jnsertionsgebühr für btt gespaltene Zeile 1 Sgr. „
Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Dtstkllungtll auf die „Oöeryesstsche Leitung" bitten wir baldigst bei den betreffenden Postanstalten machen zu wollen.
Die Landbriefboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.
Mit dem neuen Quartal beginnt die Original-Novelle:
Des Schicksals Fügung,
von Ewald August König.
Neu zugehende Abonnenten in hiesiger Stadt erhalten die „Oberheff. Zeitung" vom Tage der Bestellung an bis zum 1. Juli gratis.
Die Exped. der „überliess. Ztg.“
Deutsches Reich.
•• Berlin, 23. Juni. In einzelnen Correspon- denzen wird viel von neuen ultramontanen Einflüssen bei Hofe gesprochen, die jedenfalls nur in den Köpfen dieser Eorrespondenten existiren, da man in den zu ständigen Kreisen von dergleichen Einflüflen nichts weiß; wie sehr man an Allerhöchster Stelle an den Maßnahmen der letzten Zeit festhält, beweist die Annahme der Adresse von Katholiken Schlesiens buch den König und dürfte die Gesinnung des Kaisers sich noch bestimmter in der Erwiderung auf diese Adresse au-jprechen. — Die Thatsache, daß Graf Münster sein ReichStagSmandat noch nicht niedergelegt hat, wird von einigen Zeitungen als nicht versaffungs- gemäß bezeichnet. Dem gegenüber ist darauf zu be- merken, daß ein Gesandter, bevor er seine Creditive dem Hofe, für welchen er ernannt ist, überreicht hat, nicht definitiv ernannt ist. Erst nach diesen Formalien erfolgt die Ernennung deS Gesandten, mithin kann alsdann erst die Consrqucnz dieser Ernennung hervortreten. — Nach Berliner Blättern soll im Mi
nisterium des Innern eine neue Städte-Ordnung speciell für Berlin bearbeitet werden. Nach orienlirter Angabe weiß man im Ministerium nichts von einem solchen Project, vielmehr scheint dasselbe nur in nur gtstratlichen Kreisen, jedoch auch hier nicht amtlich, veiuilirt zu werden. — Man meint, die „Prov.- Corrcsp." habe den Delegirten-Verhandlungen des ReichsiageS, von welchen in der ReichSlagssitzung am 16. d. die Rede war, zu große Bedeutung beigelegt; man scheint zu vergessen, daß Fürst Bismarck in seiner Rede am 16. d. die Auffassung ausgesprochen, welche die „Prov -Corresp." nun nproducirt hat und daß Minister Delbrück am folgenden Tage ganz ähnlich seine Ansicht kundgegeben hat, mithin hat der Aitikel der „Prov. Corresp." durchaus der Bedeutung entsprochen, welche man von den Delegirten Verhandlungen im Reichskanzleramte gehegt. — Daß Wa geners Abschiedsgesuch zum 1. Oktober bewilligt wer den roirh, unterliegt wohl keinem Zweifel, in Betreff der Pensionsansprüche kann wohl keine große Differenz vorherrschen, da Wagener bekanntlich nur kurze Zeit im Staatsdienst war. — Durch den Beschluß des Reichstages in der Eisenzollfrage ist recht deut lich erwiesen, welche Vortheile dem Verkehr durch die Einrichtungen des deutschen Reiches erwachsen, wie lange Zeit wäre früher nolhwendig gewesen, um ein solches Resultat zu erzielen, das Amendement, erst nach drei Jahren eine völlige Befreiung des Zolles eintreten zu lassen, kann wohl auch jetzt schon als eine definitive Regelung der Sache anzusehen sein, da die Regierung einem andern Beschluß niemals ihre Zustimmung ertheilen wird. — Dem Bundes rath ist ein Gesetzentwurf zur Erwägung vorgelegt, in welchem die Gewährung von außerordentlichen Vergütungen für Kriegsleistungen an Gemeinden verlangt wird. Der Entwurf geht von der Annahme aus, daß außerordentliche Verhältnisse, wie sie 1870 und 1871 bestanden, nach den Gesetzen vom 11. Mai 1851 übergehen zu lassen. ES ist einzelnen Gemeinden eine große Last durch starke Einquartierung auferlegt, wie
auch den Festungen, in welchen Kriegsgesetze dictirt waren; es werden für diese Vergütungen 306,000 Thlr. beansprucht.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Antwort des Kaisers an den Herzog von Ratibor auf die Adreffe schlesischer Katholiken; in derselben wird betont der wohlthuendc Eindruck der Adresse und, daß der König, je dringender die Sicherung des inneren Friedens ihm am Herzen liege, um so höher die Stimmen und Wünsche katholischer Untcrthanen veranschlage, welche unbeirrt von Anfechtungen an dem Streben nach einer friedfertigen Verständigung auf dem Boden des Gesetzes fcsthalten. Ein Herzenswunsch werde ihm dadurch erfüllt, daß das so lange bestandene glückliche Verhäliniß zwischen den Unterchanen verschiedener Confessionen neu befestigt werde. DaS Vertrauen werde gestärkt, welches der König nie aufgehört in die Anhänglichkeit der katholischen Untcr- ihanen an daS königliche Haus zu setzen.
— Der Etat für das ReichSeiscnbahnamt wirft für die anzustellenden Beamten folgende Gehaltssätze aus: Für den Vorsitzenden 5000 Thaler, für 2 Vortragende Räthe 3300 und resp. 2500 Thaler, für 2 ständige Hülfsarbeiter 2000 und 1800 Thaler; für sieben expedirende Sekretäre, Calculatoren und Registratoren 1000 — 1800 Thaler, im Durchschnitt 1400 Thaler; für drei Kanzlei - Secretäre im Durchschnitt 850 Thaler und für 2 Kanzleibicner 400 und 500 Thaler. An anderen persönlichen Ausgaben werden erfordert 6500 Thaler und für sächliche Ausgaben 6000 Thaler, so daß der gesammte Ausgabe Etat sich auf jährlich 40,350 Thaler stellt.
Paderborn, 21. Juni. Die neuen staalskirch- lichen Gesetze sind hier zum ersten Mal zur praktischen Durchführung gelangt. Auf die bekannte Weigerung des Bischofs wegen Vorlage der Statuten, Studien- pläne u. s. w. der hiesigen philosophisch-theologischen Lehranstalt hat daS Eultusministerium nach dem „Wests. Merk." unter dem 17. d. M durch einen Erlaß geantwortet, welcher der philosophisch-theologi-
Dir Könige des Morgenlandes.
Von Hans Wachenhusen.
(Schluß.)
Wenn ein orientalischer Herrscher, geschmückt mit alle» überschwenglichsten und so weit greifenden Titeln, daß keinem andern Monarchen der Erde eine Fuß breite Landes übrig bleibt, wenn ein oricntalicher König zu Pferde steigt, so wird der ganze feierliche Apparat der Souverainetät in Bewegung gesetzt, denn di- Erde ist nicht werth, daß seine Füße sie berühren, und all daS Gezücht, das auf derselben athmct, nicht würdig, daß cs sein Antlitz sehe. GroßentheilS geschieht dies auch nur bei wichtigen Regicrungsvorfällen oder bei religiösen Gelegenheiten, selten, wie das bei uns der Fall, zu militärischen Zwecken; denn ist er auch selbstverständlich oberster Kriegsherr, so fehlt doch jeder persönliche Verband zwischen ihm und der Armee. Im Gegentheil, die letztere har sich gewöhnlich über dir Nichtzahlung des SoldeS zu beklagen, den man ihr Monate, ja, halbe Jahre lang schuldig bleibt, und so zog denn auch bei Ausbruch des Donau und KrnnkriegeS die türkisch, e Armee inS Feld, ohne daß der Pavischah im Sto.nde gewesen wäre oder daran gedacht hätte, ihr den rückständigen sechsmonatlichen Sold auSzahlen zu kaffen. Und der Soldat, den man nicht einmal mit Schuhen und Strümpfen versorgt harte, er murrte nicht einmal; er tröstete sich sogar mit dem Gedanken, daß dieser Sold in des Padischah Händen am besten aufgehobeir sei. Rur der Vicekönig von Aegypten macht auch hierin wieder eine Aus nähme. Auch er zeigt sich zwar seinen Soldaten niemals, «ährend sein Vorgänger, Said-Pascha, kein größeres Vergnügen kannte, al« mit seinen Kanonen umher zu fuhrwerken und sie ins Blaue abschießen zu laffen, um seine Fellachen zu erschrecken. Der Khrdive steigt auch niemals zu. Pferde, weil er das nicht liebt, vielleicht wei S ifym zu halsbrechend ist, aber während er seinen Civilbe<amten sehr unregelmäßig «td nie ohne etwa ein Dti'ctcl Abzug sür allerlei dfficiclle Zwecke ihre Gehälter auSzahlen läßt, habe
ich Ursache zu glauben, daß er mit der Zahlung an seine Armee desto pünktlicher ist.
Eine erhabene, heilige Abgeschlossenheit, eine himmlische Unnahbarkeit, die sich auch auf die höchsten Haus und Regierungsbcamten erstreckt, wenn der Souverain „im Harem ist", trennt den letztern von seinem Volke, das überhaupt nur um deS Steuerzah lens willen vorhanden ist. Desto bequemem Spielraum haben deßhalb die Palast -Jntriguen, deren eigentliche Agentur sich im „Haremtik", in den Händen der Frauen und Eunuchen befindet, und wenn wir in Deutschland mit Erstaunen von dem wetterwendischen Wechsel der Minister in Konstantinopel lesen, so haben wir keine Ahnung davon, wie warm dem armen Sultan nicht im Divan, sondern im Harem der Kopf ge macht wird, wenn er zweimal seine Minister wechselt, ehe er einen Tschibuk ausgeraucht hat.
Man denke sich also, welch' großer Maschinerie es bedarf, um einen solchen Monarchen zu einer Reise in's Abendland mobil zu machen, einem Unternehmen, das gegen alle seine religiösen Gesetze, gegen die Tra dition und vor Allem seine eigene Ruhe und die des Landes bedroht, das ihn in ein Meer von Unbehag lichkeiten stürzt und ihn zwingt, seine erhabene Person den Blicken einer frechen kivilisirien Bevölkerung und eer Kritik europäischer Souveräne auszusetzen! Voll- wichtige Gründe müffen es sein, die eine solche Reise gestalten, und namentlich die Priesterschaft muß zu einem jo ungewöhnlichen Entschluß ihre Einwilligung geben, denn derselbe verlangt zugleich einen Dispens hinsichtlich unverbrüchlicher LedenSgesetze, denen der Souverän am strengsten unterworfen.
Anders ist es mit dem Gefolge, das ihn auf einer solchen Reife begleitet. Die orthodoxen Orientalen dieser Suite, wie sehr sie die Ungläubigen ver achten, sind doch neugierig, die Ungebundenheit des europäischen Gesellschaftslebens kennen zu lernen. Die in europäischen Schulen Gebildeten, die namentlich sür die Suite ausgewählt werden, sind glücklich, die Stätten wieder zu betreten, an welche sich ihre schönsten
Erinnerungen knüpfen, und nichts geht über deren Stolz, mit welchem sie unterwegs ihre Kenntniß fränkischer Sitten auökramen. Sic haben natürlich nichts Eiligeres zu thun, als sich ganz denselben wieder zu accomodiren, aber die armen College» sehen sich in einer Welt, die ihnen unverständlich, unbegreiflich, die sie stündlich in Collision mit den ihnen vom Koran vorgeschriebeneu Gesetzen führt. Dazu drücken eie verwünschten Lacksticfel, die man gegen die bequemen „Babuschen" vertauscht; eö geniren die Glacshand schuhe, in die sie ihre Hände einklemmen müffen, und dieses Frankenvolk ist so beweglich, so quecksilberig, daß cs sich dreimal herumdreht, ehe man eine einzige Perle des Rosenkranzes durch die Finger gleiten laffen kann. Und nun gar die Frauen! Sie werfen freche, unverschleierte Blicke auf den Straßen, auf denen sich eine ehrsame „Hanum" oder „Hanch" zu Hause nur unter dem Jaschmak vethüllt bewegen darf; sie erscheinen sogar aus den Hvfbällen, in den Concerten mit entblößten Armen und Schultern; sie drehen sich Arm in Arm mit den Männern im Kreise herum, vaß ihnen der Schweiß auf der Stirn steht wie daheim den tanzenden Derwischen; sie sitzen sogar in den Theatern mit entblößtem Nacken — eS ist eine verrückte, gottlose Welt, in die sie sich hinein versetzt sehen, von der sie zu Hause bis an ihr Lebensende zu erzählen haben werden. Erklärlich ist eS, wenn sie von der gesellschaftlichen Freiheit, welche unsere Gesetze den Frauen gewähren, gleich den plumpsten Gebrauch machen; daß sie mit den Freiesten dieser Freien in den intimsten Verkehr geraihen, und selbst Se. Majestät der Schah von Persien attachirle in Berlin seinem Gefolge einige Damen der Straße, deren Gepäck die dortige Polizei schon vor der Abfahrt deS Extrazuges eScamo irte. Dieselben sahen sich durch so ungewohnte Gunst sogar verleitet, in Wiesbaden mit dem hohen Gast daS Schloß beziehen zu wollen, und der Letztere mag es mit sehr ungnädigem Auge angesehen haben, als die Sittenbehörde sich gezwungen sah, aus Besorgniß, daß der Schah diese Seglet»