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Mr. M3

Marburg, Freitag, den 20. Juni.

1S73.

Oderhessische Zeitung.

it täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch b« Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

sicht genommen worden sei. Der Reichskanzler habe bei dem Kaiser die Zustimmung zu dieser Vereinbarung befürworten können. Je schwerer der Verzicht auf die definitive Feststellung des Reichsmilitärgesetzes empfunden wurde, desto mehr Gewicht mußte der Reichskanzler auf die Bürgschaft legen, welche er be­züglich des gesammten Geschäftsganges des Reichstages auf Grund der vertraulichen Verhandlungen überneh­men zu dürfen geglaubt hatte. In der Wiederauf­nahme der Preßgesetzberathung erblickte der Reichs kanzler einen Bruch des vertraulichen Einverständnisses. Dies berührte um so empfindlicher, als damit zugleich unverdiente Vorwürfe wegen Lässigkeit des Bundes rathes verbunden waren und der Begriff sich in For­men kleidete, welche einen schroffen Gegensatz zwischen dm Bestrebungen der Regiemng und der Reichsver­tretung bezüglich des Volkswohls und der Volksrcchte geltend zu machen schienen. Der Artikel schließt. Je mehr die Reichsregierung und der Reichskanzler sich persönlich bewußt ist, des deutschen Volkes Wohl und Gedeihen in seiner Gesammtheit, auch die allsei­tige Entwicklung der Volksrechte vor Augen zu haben, um so weniger durfte er die Grundaufsassungen und Bestrebungen der Regierung in dieser Beziehung in falsches Licht stellen lassen. Vor allen Dingen kam es dem Reichskanzler darauf an, die Grundlage eines fruchtbringenden Zusammenwirkens zwischen dem Reichstage und der Reichsregierung zu betonen, wie sie durch das seitherige beiderseitige Vertrauen sich immer fester gestaltet halte und sich trotz der augen­blicklichen Irrung gewiß auch weiterhin bewähren wird. Dasselbe Blatt wiederholt, der Kaiser werde den Besuch in Wien im Laufe des August nachholen und fügt hinzu, der Kaiser hoffe zu Anfang Septem­ber in Berlin roieber einzutrcffen, da am 29. die fei­erliche Enthüllung des Siegesdenkmals auf dem Kö­nigsplatz statlftndcn solle. DieProv.-Corr." be- zeichnet das Gerücht, wonach der Fürst von Rumä­nien die Absicht habe, abzudanken, als jeder Begrün­dung entbehrcud.

Breslau, 16. Juni. Wie man hört, wird Domherr v. Richthofen seitens des Staats in allen

seinen Rechten als Domherr geschützt werden. In erster Linie wird er also sein Gehalt, das den Dom­herrn jetzt wieder bittet vom Staate zugeht, fortbe­ziehen. Er wird nach wie vor seine eventuellen Wahl­rechte u s. w. auSüben dürfen. Da die Maßregeln des Fürstbischofs Förster gegen Richthofen vor den Erlaß der Kirchengesetze fallen, so wird dieser Schutz sich nicht aus jene Gesetze, wohl aber auf den bis­herigen Rechtsbestand in Preußen basiren.

Erfurt, 16. Juni. DieErfurter Zeitung" berichtet über eine grauenvolle Mordthat Folgendes: Am Sonnabmd Mittag ließ sich in dem nahen Dorfe Waltersleben ein unbekannter Mann von etwa 25 Jahren, kräftiger Statur, auffallend dickem, rochen Kopf, auf dem die Mütze kaum sitzen konnte, von einem Mädchen einen Trunk Wasser geben und er­kundigte sich dabei nach Arbeitsstellen, deren ihm drei nachgewiesen wurden. An der dritten, bei dem dortigen Landwirth Zimmermann, wurde er angenommen. Am Abend ' erkundigte er sich bei dem Dienstmädchen sehr angelegentlich nach den Verhältnissen und der Lokalität seines Herrn, worüber ihm das unerfahrene Mädchen bereitwillig Auskunft gab. Es wird nun etwa 12 Uhr gewesen fein, als der Bösewicht, mit einem unter seinem Bette vorgefundenen Beile bewaffnet, in die Schlafstube seiner Herrschaft eingeschlichm ist; beide Eheleute schliefen fest, der Mann mit dem Gesicht nach der Wand, die Frau entgegengesetzt nach vorn. Da hat er nun der unglücklichen Frau einen Hieb mit der Schärfe des Beiles in die Stirn versetzt, welche dieselbe spaltete; gleich darauf eben so dem Manne, der, mit der Hand nach der klaffenden Stirn fassend, einen zweiten Hieb erhält, welcher mehrere Finger abschneidet. Hierauf versetzt das Scheusal der Frau noch einen tieferen Hieb in die Stirn, welcher die Hirnschale weit auseinander sprengt, einen tiefen Hieb in die Schulter und noch einige Beilhiebe, ebmso dem Manne. Nachdem er diese Gräuelthat vollbracht hatte, ist der Mörder in die Ncbenstube gegangen und hat sich an das Pult begeben, um nach Geld zu suchen. Während dies geschah, war des Mannes Schwiegermutter, welche eine Treppe höher schläft,

~ für das dritte Quartal

t _ auf die Oberhessische Zeitung bitten wir baldigst bei den betreffen­den Postanstalten machen zu wollen.

Die Landbriefboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Mit dem neuen Quartal beginnt die Origi­nal-Novelle: 4j.

Des Schicksals Fügung,

von 8wal» August König.

Neu zugehende Abonnenten in hiesiger Stadt erhalten die Oberh. Zeit, vom Tage der Bestellung an gratis.

Deutsches Reich.

« Berlin, 18. Juni. Das Comite zur Er­richtung des Nationaldenkmals auf dem Niederwald wird dieser Tage hier zusammentreten. Zu diesem Zweck ist auch der Oberpräsident Graf zu Eulenburg augenblicklich hier anwesend. DieProv.-Corresp." tritt dem Gerücht von der bevorstehenden Abdankung des Fürsten von Rumänien entgegen, ein Beweis, daß die Regierung auf die Berichtigung des falschen Gerüchtes Werth legt. Am 2. September soll die Enthüllung des Siegesdenkmals stattfinden; die Bau- arbeilen sollen vor dieser Zeit beendigt sein und der Kaiser hat bereits Bestimmungen über die Feierlich­keit getroffen; dieselbe wird natürlich einen vorwiegend militärischen Charakter haben.

18. Juni. DieProvinzial - Korrespondenz" bespricht die unter Leitung des Reichstagspräsidiums mit Zuziehung des Präsidenten des ReichökanzleramteS zu Anfang dieses Monats stattgehabte vertrauliche Verständigung von Deputirten aus den einzelnen Fraclionen über die Vorlagen und Arbeiten, welche noch durchberathen oder zurückgestellt werden sollten, wobei in Betreff bet Regierungsvorlagen vor Allem der Verzicht auf die Berälhung deS Reichsmilitärge- setzes, in Betreff ber im Reichstage angeregten Fragen auch die Nichtfortberathung des PreßgesetzeS in Aus-

Aus Htm Badkleben.

Erlebnisse von W- 91 ielento.

(Schluß.)

Mag im Ehestand wohl manchmal so sein," ließ fich ein biederer Landmann vernehmen, der seine Frau hoffentlich nicht aus diesem Grunde daheim gc- laffen haue. Jin Brautstand ist's doch noch nicht so weit gekommen; wie ich weiland noch Bräutigam war, hing mir wenigstens der Himmel voll Baßgeigen."

Brautstand Verlobte!" ries der Archivar, welch ein hausbackener, philisterhafter Begriff mit seiner Ausstattung an Weißzeug und Küchengeschirr, mit Möbelkram und Logissuchen. Mahagony- oder Nußholz zu den Möbeln, Plüsch oder Damast zum Uederzug? Das ist die Frage! Alle« Andere ist Nebensache. In diesem Gerümpelwerk, diesen Müh­seligkeiten und Drangsalen muß selbst eine bis in den Himmel hineinragende Liebe ersticken und untergehen, wie die stolzen Paläste von Herculanum in Staub und Asche.

Aber mein Gott," sagte darauf die Pfarrerin, wenn sich zwei lieben und heirachen, muffen sie sich doch vorerst verloben und für häusliche Einrichtung sorgen. Sie können doch nicht erst auf der Gaffe in den Ehestand treten!

Beileibe nicht!" rief der Archivar mit komischem Entsetzen.Da würde sich sofort die Polizei da- jw^hen legen. Aber nach meiner Meinung ist es em besten, sich, wenn man sich einander liebt, gar nicht zu heirathen. Ein Wesen zu ehelichen, das man vorher wahrhaft geliebt und adorirt hat, heißt aus einem Tempel einen Speicher machen, wie eS weiland zu KriegSzeiten von den gotteslästerlichen Soldaten - Horden geschehen. DaS einzig Wahre und Richtige ist nnd bleibt eine Vernunftehe, und die Menschheit, so mtvernünftig sie in andern Stücken noch sein mag, ist heutzutage auf dem besten Wege dahin. Der Jüngling singt nicht mehr wie ehedem:

Raum ist in der kleinsten Hütte Für ein glücklich liebend Paar!

sondern jetzt heißt es:

Herr Schmid, Herr Schmid, Was kriegt die Jule mit?

Damit nahm er seinen Abgang.

Ein unleidlicher Mensch mit seinen giftigen Re­den! Nichts läßt er ungeschoren!" schnarrte die Pro sessorswittwe.

Ganz besonders hat er eS auf das schöne Ge­schlecht abgesehen und auf den heiligen Ehestand. Er scheint ein unversöhnlicher Weiberfeind zu fein," wagte der Stadtrichter Spindel anzumerken.

Da lhun Sie dem Herrn Archivar doch vielleicht Unrecht!" entgegnete der Vogeldoetor, der selbst ein Cölibatär für die ganze Genossenschaft auf zutreten die Verpflichtung fühlen mochte.Es giebt sicherlich viele Hagestolze, und alte Junggesellen, die nie Weiborseinde waren, die im Gegenlheil in dem anderen Geschlecht immerdar des Lebens schönsten Reiz erblickten."

Ei, das ist ja allerliebst!" fiel da der Forellen doetor ein.Warum sind denn diese Kgnze dennoch ehelos geblieben, und weßhalb haben sie eS ver­schmäht, ihr einsames Dasein durch diesen Reiz zu verschönern?"

Vielleicht anS zu großer Gewissenhaftigkeit, aus Mangel an Selbstvertrauen, auS einer erhabene» Rück sichtsnahme gegen das weiblische Geschlecht: weil sie dassllbe zu hoch stellten nicht weil sie mit Ver achtung darauf herabblickten. Sie konnten es darum nicht über sich gewinnen, ein weibliches Wesen zur Gefährtin ihres einfachen, glanzlosen Lebens zu machen, eine Frau unter ihren Stimmungen, ihren Schwächen leiden zu lassen und ihr das Loos einer Dulderin zu bereiten. Sie zweifelten an ihrer Fähigkeit, eine Frau glücklich zu machen, und wollten ihr daher mit edler Selbstaufopferung ein Martyrerthurn ersparen.

Ei ja wohl, ich glaube, es ist etwas Wahres varan," begann zustimmend ein Apotheker, der zuweilen als Gesinnungsgenosse des Archivars sich an der Conversation der Kaffegesellschaft beteiligte und von dem weder die Professorswittwe, noch die Frau Pfar­rerin bis zu dieser Stunde herausgebracht hatten, ob er verheirathet ober noch ledig sei;unb daraus erklärt sich am Ende die Thatsache, daß vorzugsweise solche Männer ehelos bleiben, welche keine Schwestern gehabt haben."

Das hat seinen Grund wohl darin," bemerkte eine der Frauen,daß diese Männer in jüngeren Jahren weniger Gelegenheit hatten, mit jungen Damen zusammenzukommen, als dies durch die Vermittelung einer Schwester der Fall gewesen sein würde."

O, an Gelegenheit fehlt eS nicht; es finden sich zumal unter den Frauen immer dienstfertige Seelen, die gern ein Paar zusammenbriiigen, und zu­letzt bleibt noch dernicht mehr ungewöhnliche Weg" eines HeirathsgesucheS in der Zeituyg. Aber nein, der Grund liegt wo anders. Wer Schwestern hat und mit ihnen im elterlichen Hause zusammenlebt, ge­langt bei diesem zwanglosen Verkehr frühzeitig zu der Ueberzeugung, daß junge Mädchen zu Hause in der Wohnstube ganz anders aussehen, sprechen und fich gebärden, als im Ballsaal, ober in einer Theaterloge, baß sie früh Seife, Zahnbürste, Haarkamm und Pom- made brauchen, daß Stecknadeln, Hefteln, Bänder, Fischbein und wer weiß was sonst noch für Apparate zur Toilette nöthig sind, mit einem Wort, daß junge Damen keine Engel des Himmels, sondern Menschen­kinder sind, die an Kopfschmerz, Zahnreißen unb Herz­weh laboriren unb zu Purganzen unb Vomitiven ihre Zuflucht nehmen müffen, wie anbere ©taubgeborene auch."

Aber" fiel Herr Spindel mit triumphirend« Gewißheit ein, um denPillendreher" mit seiner Ar­gumentation aus dem Felde zu schlagenwas Sie