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Marburg, Donnerstag, den 19. Juni.

1873«

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Deutsches Reich.

Prinzen Louis Napoleon schon heute mit dem ge. jL wohnlichen Zuge um 10 Uhr 45 Minuten hier ange-

kommen, und mit einem Gefolge von 3 Damen und

grüß bildet die feierliche Grundsteinlegung des neuen Ralhhauses und die bei derselben gehaltene Ansprache

3 Herren in 2 offenen Wagen nach Armenberg ge» fahren. Die Kaiserin war so dicht verschleiert, daß man ihre Züge nicht erkennen konnte. Der Prinz ist ein schlanker junger Mann geworben, der das schwäch­liche Aussehen von früher fast ganz verloren hat. Die große Rase erinnert sehr an seinen Vater, roti? ihm überhaupt eine unverkennbare Behnlichkeit' mit Napoleon III. nicht abzusprechen sein wird. DaS wasserblaue Auge blickte ziemlich matt und ausdrucks­los, was aber von der Ermüdung der Reise herrühren konnte und keinen Schluß zuläßt. Das Publikum begrüßte die von ihrer einzigen Höhe Gestürzten durch Abnehmen der Hüte; von der Begeisterung, die ihnen in England begegnete, konnte natürlich hier keine Rede sein. '

Stuttgart, 17. Juni. Der Ausschuß der würt- tembergischen Gewerbevereine petitionirt beim württem» bergischen Finanzministerium um die Annahme öster­reichischer Gulden und Fünffrankenthaler zu festem CourS durch die Staatskassen, um künftige Fürsorge für einen gleich« Schritt bei der Einziehung alter und der Ausgabe neuer Münzm, sowie um die Emission von Münzscheinen, falls solche nvthig wird, auch in Heineren Stücken.

Straßburg, 17. Juni. 'Gestern hat Hierselbst eine von 500 einheimischen Wählern besuchte Wahl­versammlung stattgefundm. Einzelne Redner, worunter Advocat Schneegans und Gemeinderath Geißen, spra­chen für gemäßigte Wahlen, die Majorität unter Füh­rung des SeidenhändlerS Carre entschied indeß die Wahl von Deputirten der extremen Parteien und stellte die Herren Lauth, Meyer, Gognel und Haber als Candidaten Straßburgs für den Bezirkstag auf. — Der von dem verstorbenen Maire Käst als besten Nachfolger bezeichnete Apotheker Klein hat in Folge Seitens der Bürgerschaft an ihn gerichteter Auf­forderungen eine Candidatur anzunehmen sich bereit erklärt.

ÄnSInwi.

Wien, 17. Juni. Der Wiener Polizeipräsident, Lemonnier, ist heute gestorben. — Das TageSer-

•« Berlin, 17. Juni. Der Umstand daß der Preßgesetzentwurf durch den Reichskanzler Fürsten Bismarck dem Bundesrach überreicht worden ist, hat österreichischen Blättern zu falschen Schlußfolgerungen Anlaß gegeben. Zur Berichtigung derselben diene die Erläuterung, daß der Minister des Auswärtigen der berufene Vermittler zwischen dem Bundesrath und der preußischen Regierung ist, und baß demgemäß auch Fürst Bismarck bei Ueberreichung des Preßgesetzent- wurfS nicht unterlasten hat auf. fein Mandat seitens der preußischen Regierung sich zu berufen. --- Der Tod hat »NS wenige Tage nach Fr. von Raumer's Tod wieder eine der ersten Notabilitäten der Wisten- schaft, Geheimrath Kornberg geraubt. Namentlich in der Spccialität der Nervenleiden hat derselbe europä­ischen Ruf gehabt. — Der Minister für Handel, Ge­werbe und öffentliche Arbeiten hat die Eisenbahndirec turnen angewiesen, dafür zu sorgen, daß an den Eisen­bahnstationen zur Bequemlichkeit des Publicums Brunnen in der Nähe der Perrons vorhanden seien und leicht erkennbar hervortreten. — Die General­versammlung deS landwirthschaftlichen Centralvereins der Provinz Sachsen wird am 27. und 28. d. M. in Wernigerode am Harz abgehalten werden.

— 17. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die in der Presse vielfach verbreitete Nachricht, daß der deutsche Botschafter in Paris, Graf Arnim, bei Gelegenheit deS Regierungswechsels in Frankreich den neuen Machthabern ein gewisses Empressement ent­gegengetragen habe, sind wir in der Lage, aufs Be­stimmteste in Abrede zu stellen.

Königsberg, 17. Juni. Die Revolte der Bern­steintaucher in Brüsterort ist nach Eintreffen des Mrlitärkommandos sofort gestillt worden. 13 Rädels sichrer wurden verhaftet. Wie man erfährt, haben die Ruhestörer Plünderungsversuche gemacht. Regie rungsrath Molly ist zur Feststellung des Thatbestan- deS nach Brüsterort gereist.

Coble«), 12. Juni. Wie die „Mosel-Ztg." erfährt, ist die Antwort auf die beiden Schreiben, welche der hiesige Oberpräsident v. Barbeleben im Auftrage deS SlaatsministeriumS an bie Bischöfe von

Köln und Trier unterm 26. Mai gerichtet, und worin er dieselben aufgefordert hat, die Statuten, Hausordnungen u. s. w. ihrer Seminarien und Con- victe baldigst an ihn einzureichen, bereits eingetroffen. Beide Bischöfe verweisen auf die Collectiv-Eingabe des preußischen Episkopats, welche sie mitunterzeichnet hätten, und erklären, daß sie nicht in der Lage seien, der an sie gestellten Aufforderung nachzukommen.

Dresden, 16. Juni. Der König von Sachsen verläßt, dem „Dresd. Journ * zufolge, morgen Ems, übernachtet in Eisenach und begibt sich am Mitt woch von Riesa aus mit der Königin nach Jahnis Hausen.

Darmstadt, 17. Juni. Zur Feier des Regie- rungsjubiläums des Großherzogs ist bie Stadt im höchsten Festschmuck. Der deutsche Kronprinz, der Erzherzog Victor, Prinz Luitpold von Baiern und der Prinz Herrmann von Sachsen-Weimar sind zur Beglückwünschung hier angekommen. Der Großherzog hat heute Deputationen der Synode, der Stände, der Standesherren und eine Deputation ans Aschaffen bürg empfangen. Um 11 Uhr ist große Parade. Der Kaiser von Rußland wird um 2 Uhr hier er­wartet.

Gießen, 16. Juni. Heute, am Tage vor fei­nem 25jährigen Regierungsjubiläum, hat der Groß Herzog von Hessen dem derzeitigen Rector unserer Hochschule, Prof. Dr. Ludwig Lemcke, das Ritterkreuz des Verdienstordens Philipp's des Großmüthigen ver liehen. In dem Begleitschreiben des Ministerialdirec- tors v. Starck heißt es: „Se. Königliche Hoheit der Großherzog beabsichtigen durch diese Verleihung eben so sehr der Landesuniversität, J&eren zeitiger Repräsen tont Ew. Magnificenz sind, "einen Beweis der. aller­höchsten Anerkennung für die seitherigen Bestrebungen der Hochschule und ihrer Ehre zu geben, als Ihnen persönlich die wohlverdiente Auszeichnung für Ihre Leistungen zu gewähren."

Consta«), 14. Juni. Die „Const. Z " schreibt: Ganz unerwartet ist die Kaiserin Eugenie mit dem

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Oderhcssische Zeitung

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Aus dem Budelebr».

Erlebnifle von W. Nielenka.

(Fortsetzung.)

Am dritten Tage darauf fand das Duell statt Es verlief unblutig. Ob die Kugel Harmer'S dem Gegner eine Locke an der Schläfe mitnahm, — was lag daran? Man brauchte nicht über bie Grenze zu fliehen, die übrigens nach allen Himmelsgegenden sehr schnell zu erreichen gewesen wäre, noch auch Festung« arrest auszuhalten. Bei der nur für Kurdiät ein­gerichteten Vorralhskammer des Badewirths folgte ebensowenig ein Frühstück mit Champagner, Austern und sonstigen Zuthaten eines Romanduells. Es war eben ein einfacher Kugelwechsel, um den Gesetzen der Eh« zu genügen. Noch am nämlichen Tage erfuhr man die Verlobung Harmer'S mit Fräulein Pauline Keßler, was zur Folge hatte, daß Fräulein Theodelinde von Hosititz mit verächtlichem Zucken der vornehmen Nasenflügel etwas von „Bürgerpack" murmelte und Fräulein Kunigunde Thugut die Braut natürlich noch „unausstehlicher" fand, obwohl diese in den letzten Tagen keinen Krampfanfall mehr gehabt hatte. Der Archivar sah in diesem Verschwinden jener Nerven zufälle eine Bestätigung seiner früheren Diagnose und meinte, nun brauche Pauline nicht mehr nach Califor- uien zu gehen.

»aber das Paar ist ja noch nicht verheirathet!" wandte Jemand ein, „und die Hochzeit scheint mir noch gar weit im Felde zu liegen."

„Thut nichts!" erwiderte der Archivar. „Herr Doctor Brögel wird Ihnen auf Grund seiner physio logischen Studien bestätigen, daß auch daS Verlöbniß schon einen bedeutenden Einfluß auf die Psyche und daher mittelbar auch auf den physischen Organismus einer Jungfrau zu äußern im Stande ist."

„Hm, ja, in der Thal!" bemerkte der Ornithologe; Mm darf wohl dergleichen annehmen. Verlobung

ist, wie ein Philosoph gesagt hat, die Propädeutik des Matrimonialverhältnisses, ein transitorischer Zustand, in welchem bie Brautleute ihre spätere eheliche Ver einigung, bas Jneinanberausgehen immerhin bereits au6 bet Vogelperspective erblicken. Eine derartige hoffnungsvolle, beglückende Aussicht wird aber zweifels­ohne nicht verfehlen, in dem sehnsuchtskranken Nerven­system eines jungfräulichen Wesens eine mächtige Um­stimmung zu bewirken, — wie ja auch der ermattete verschmachtende Wanderer neuen Muth und frische Kräfte fühlt, wenn er — ob auch noch auS weiter Ferne — erst einmal den heimischen Kirchthurm erschaut." —

Als ich Fran v. Erlenberg traf, gratulirle ich ihr zu der erfreulichen Lösung, die sie so schnell herbeizu­führen gewußt hatte.

„O, das war komisch genug", sagte sie. Ich wünschte wohl, Sie hätten das mit ansehen können, wie Harmer dastand, da er hörte, daß er verheirathet sein solle."

„Und Fräulein Pauline?" fragte ich. „Ist sie jetzt, nachdem sich Alles geklärt hat, glücklich?"

„Nun ja, sie ist ruhig uub vernünftig geworden und das ist sicher ein Glück zu nennen. So beglückt und beseligt aber, wie Sie denken, und wie eS andere Mädchen an ihrer Stelle wären, ist sie nicht."

„Ader weshalb nicht?"

„Erinnern Sie sich beffen, was ich neulich von den Räthseln eines MäbchenherzenS gesagt habe. Wer kann wissen, was in ihr vergeht? Und meine Schwester hat — ja, ich muß eS so nennen — leider jenes beklagenswerthe, unheilvolle Naturell, daß sie immer der Emotionen bedarf und sich in leidenschaftlicher Aufregung gefällt."

Ja, Frau v. Erlenberg mochte nach dem, was ich selbst sah, Recht haben mit ihrer Ansicht. Pauline jpar ruhig, gesammelt, — aber ob beglückt? .. ....

Sonderbar! Auch Harmer schien keinen hohen ,Werth darauf zu legen, in den Genüffen eines Bräu­tigams zu schwelgen und sich in der ritterlichen Glorie zu brüsten, die ihm sein bestandener Ehrenhandel in den Augen der Kurgesellschaft verschafft hatte. Obwohl er vorher kein Won von seiner Abreise erwähnt hatte, mancherlei Umstände vielmehr noch eine längere Dauer seines Aufenthalts hatten vermuthen taffen, so packte er doch eines Abends plötzlich seinen Koffer, verab­schiedete sich am anderen Morgen in herkömmlicher Weise am Frühstücktische bei den ihm bekanntm Kur­gästen und fuhr von bannen.

Vielleicht lag es inbeffen in seiner Absicht, die Zeit des Braulstanbes abzukürzen und zum Zwecke seiner baldigen Berheirathung vorläufige Anordnungen zu treffen, welche seine Anwesenheit in der Heimath nöihig machten. In der Gesellschaft aber fand man diese plötzliche Abreise seltsam, höchst auffällig, äußerst bedenklich, und erging sich in allerlei Kombinationen, die so ziemlich alle darauf hinauSliefen, daß die Geschichte kein gutes Ende nehmen und daß man etwas erleben werde.

„Wie konnte das anders kommen?" sagte die ProfessorSwitwe. „Ein Verhältniß, daS nicht auf reiner, ächter Siebe beruht, welches nicht ein geheiligtes Seelenbündniß ist, sondern, wie in diesem Falle, in irdischen Leidenschaften wurzelt, wird nie von Bestand fein, wird nie zum Segen führen."

„Wie war eS auch möglich, daß ein so „unaus­stehliches" Ding einen Mann von Geist und Gemüth auf die Dauer zu fesieln vermochte!" bestätigte die poetische Pfarrerstochter.

„Ich für meine Person", meinte der Stadlrtchter Spindel mit schmachtender Augenverdrehung, „hätte mich wenigstens nicht so schnell von meiner jungen Braut trennen mögen, denn — „im Arm der Liebe ruht sich's wohl", wie der Dichter sagt.