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Marburg, Mittwoch, den 18. Juni.
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1873
Oberhessische Zeitung
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«.* Berlin, 16 Juni. Dem BundeSrath ist eine Vorlage für den Reichstag zur verfaffungSrNäßigen Beschlußfassung zugegangcn, betreffeild den Rtichshaus halt pro 1873. Der einzige Paragraph dieser Vorlage lautet: „Die Controle des gcfammten Haushalts deS Reiches wird für 1873 von der preußischen Ober- Rechnungskammcr unter dem Namen „Rechnungshof deS Deutschen Reiches" nach Maßgabe der im Gesetz vom 4. Juli 1868 betreffend die Controle des Bundeshaushalts für die Jahre 1867 —1869 enthaltenen Vorschriften geprüft. — Im BundeSrath ist unter erheblichen Schwierigkeiten endlich ein Comprömiß über den Münz - und Bankgesetzentwurf zu Stande gekommen, für welche man auch die Zustimmung des Reichstages erlangen zu können hofft. Man verhehlt sich nicht, daß dieser Gesetzentwurf Angriffspunkte bietet, wie jeder andere auch es thun würde; man rechnet aber auf Würdigung sowohl des dringendsten Bedürsniffes nach Regelung dieser wichtigen Frage, wie auch der entgegcnstehenden Schwierigkeiten, ohne gegenseitiges Entgegenkommen im Interesse der Sache würde überhaupt die Lösung dieser wichtigen Aufgabe nie gelingen. Nach dem Entwurf sollen 120 Millionen Rcichspapicrgeld in Abschnitten zu 5 — 25 und 50 Mark ausgegeben und nach Proportionen unter die Bundesstaaten verlheilt, dagegen alles bisherige Staats- papiergclo bis zum 1. Juli 1875 eingezogen werden. Die vielen hierbei einander entgegenstehcnbcn und sich durchkreuzenden Interessen zu einer erwünschten Einigung zu bringen wird cs zuletzt eines durchgreifenden Ent schluffcs bedürfen. — Der Ausschuß für Handel und Verkehr und Justizwesen hat zu dem ihm vom Bundesrath überwiesenen Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung einiger Bestimmungen der Gewerbeordnung den Antrag auf Zustimmung des Bundesrathes jedoch unter Vorbehalt einiger Abänderungen beantragt. Unter den beantragten Abänderungen ist hervorzuheben: 1) Verschärfung der Strafe wegen Verlassen der Arbeit von 6 Monaten zu 1 Jahr, eventuell 150 Mark Reichsmünze; seiner soll auch Beschlagnahme des Dienst und Arbeitslohnes eventuell gestattet und für bestimmte Fälle die gesetzliche Beschränkung dieser Beschlagnahme aufgehoben werden.
— Der Bundesrath hielt gestern Mittag im Reichs, kanzleramt eine Plenarsitzung unter Vorsitz des Prä fidenten Delbrück. Die Reichstagsbeschlüsse auf den
Antrag LaSker rc., betreffend die Eiüberufung des Reichstages im October; auf den Antrag Schulze rc., betreffend das Berathungsmaterial für den Reichstag, ferner eine Resolution des Reichstages zu Petitionen von Telegraphestbeamten wurden übermittelt und den Ausfchüffen überwiesen. Ebenmäßig wurde verfahren in Ansehung folgender Vorlagen des Präsidiums, be treffend den am 4. Juni d. I. zu Petersburg unterzeichneten Freundschafts-, Handels- und Schiffsahrts Vertrag mit Persien, nebst einem am 6. Juni d. I. zu Berlin vollzogenen Additionalvertrage; — den Entwurf einer Verordnung über Abgrenzung der Bezirke der Disciplinar - Kammern. Ferner wurde erledigt der fünfte Bericht der Reichsschuldencommission über die Verwaltung des Schuldenwesens im Jahre 1872. Es folgte die Besprechung über den Antrag Mosle, betreffend die Abänderung des Tarifs über ConsulatSgcbührcn. Sodann gelangte zur Annahme der Antrag der Ausschüsse, betreffend den Entwurf eines Gesetzes über den nach dem Gesetze vom 8. Juli 1872 einstweilen reservirten Theil aus der französischen Kriegskostenentschädigung, welche Vorlage sofort an den Reichstag überwiesen wurde. Den hervorragendsten Gegenstand bildete der mündliche Bericht der Aus schösse über die Vorlage, betreffend den Gesetzentwurf wegen Abänderung des Vereins-Zolltarifs; der Ent wurf gelangte nicht ohne Widersoruch mit einigen Modificationen zur Annahme.
— Ueber die Verhandlungen in der Budgetcom Mission betreffend die Wohnungögeldzuschüffe für Of- ficicre und Aerzte und für die Reichsbeamten entneh men wir der „Spen. Ztg." Folgendes: Bekanntlich enthält die Vorlage des Bundesraths zwei Tarife, den ersten (A) für die Officiere und Aerzte des Militärs und der Marine, den zweiten (B) für die Reichsbeamten. Der erste ist wesentlich höher. Die Commission glaubte, zwischen beiden eine größere Ueberein stimmung Herstellen zu müffen. Der Tarif (B) für die Reichsbeamtcn fand keinen Widerspruch und wurde auch für die Officiere und Militärärzte zu Grunde gelegt. Der Antrag eines Mitgliedes stellte den Directoren der obersten Gerichtsbehörden die Divisions-, Brigade Commandeure, Admirale und Marinestationschefs, den vortragenden Rächen der obersten Reichsbehörden die RegimenlScommandcure, Stabsosficiere, Kapitäne zur See und Korvettenkapitäne, den Mit- gliedern der übrigen Reichsbehörden die Hauptleute
och'sche Buchdruckerei) bezogen 221 Sgr., durch die ■ Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. _
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erster und zweiter Klaffe gleich. Dieser Vorschlag enthielt eine Erhöhung des WohnungsgeldzuschuffeS für die Hauptleute zweiter Klasse, indeß eine Verminderung für die übrigen Chargen. Ein weiterer Abänderungs-Antrag stellte die einfachen Stabsosficiere (im Anschluß an die bereits bestehenden Vorschriften) den Hauptleuten, die Brigadiers den RegirnensScom- mandeuren gleich Mit dieser Abänderung wurde her erstgcdachte Antrag angenommen. Zwei weitergehende Anträge wurden mit der Majorität von 13 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Es kam, nämlich, zur Sprache- daß bei den Militärpersonen ein Theil deS Einkommens bereits variable sei, indem i';.ien ein ServiS, welcher — je nach den Verhältnissen jedes einzelne« Orts — in sechs Klaffen abgestuft ist, gezahlt würde- daß also dem Umstande, daß, je größer der Ort, desto theurer die Befriedigung des WohnhngSbedürfniffes sei, bereits bis zu einem gewissen Grade Rechnung getragen wäre; dem entspreche es, wenn in einem gewissen Maße der bisher gezahlte ServiS auf die nm zu gewährenden Wohnunnsgclvzuschüsse in Anrechnung käme. Dies Maß glaubte ein Mitglied zu finden in dem Servisbetrage der niedrigsten Serviöklasse,. ein anderes mindestens in dem Durchschnitt der Beträge aller sechs Servisklaffen. Beide Anträge wurden aber von derselben kleinen Mehrheit abgelehnt.
Königsberg, 16. Juni. Unter den Bernstein- Tauchern bei Brüslerort ist ein Strike ausgebrochen, wobei Widersetzlichkeiten und Demolirungen vorfrelen,, Die Intervention des DirectorS und der Gendarmen, war unzureichend, und ist daher eine Compagnie, Militär von hier nach Brüsterort zur Wiederherstellung der Ordnung abgegangen. ,
Danzig, 16. Juni. Der „Danziger Zeitung", zufolge sind von den auf der Weichsel bis zur PlehnS- dorfer Schleuse befindlichen polnischen Flößern an der Cholera erkrankt 19, verstorben 17. Von den Bewohnern von dem eine Meile von Danzig am Ausfluß der Weichsel in die Ostsee gelegenen Neufähr sind bisher 3 erkrankt und cÄrtsoviel verstorben. In Danzig selbst ist noch kein Erkrankungsfall vorgekommen.
München, 13. Juni. DaS gestrige Frohnleich- namsfest wurde hier, vom herrlichsten Wetter begünstigt, in der herkömmlichen Weise unter Paradirung der gesammten hauptstädtischen Garnison gefeiert. Hinter dem Sanklissimum, welches vom Erzbischöfe getragen wurde, folgten — da die Theilnahme des Königs
Aus dem Badclrbkn.
Erlebnisse von W. Nielenka.
«Fortsetzung.)
„Zuvörderst denke ich," erwiderte ich ihm kalt und gemessen, „daß Ihre Frage etwas sonderbar ist und selbst einer näheren Erklärung bedarf."
„Sie haben Recht," sagte er. Ich komme soeben von Frau v. Erlmberg, mit der ich eine lange, inhalt schwere Zwiesprache gehalten, und will Sie zunächst an eine frühere Zusage erinnern. Sie stellten sich mir einst zur Verfügung, wenn ich zu einem Rencontre veranlaßt sein würde. Dieser Augenblick ist erschienen Darf ich auf Sie zählen?"
„Zuverlässig!" sagte ich und dachte bei mir, „das kommt davon, wmn mau sich in anderer Leute An gelegenheitm mischt. Da wird Frau v. Erlenbcrg ihm die Moral gelesen, und ihm schließlich als ihren Gewährsmann, als di- Quelle dieses Sündenregisters mich bezeichnet haben Ich sollte nun die Geschichte auSbaden.
_ „Freut mich'." fuhr Harmer fort, „so bitte ich Sie denn, den Referendar Hohnwitz von mir auf Pistolen zu fordern. Zeit, Ort und sonstige Modalitäten ordnen Sie ganz nach Belieben!"
Er mochte an meiner verblüfften Miene sehen, daß mir diese Wendung äußerst unerwartet kam und die Veranlassung des Duells einer Erklärung bedurfte.
„Sie find, wie ich seit meiner Unterredung mit Frau v. Erlenberg weiß, der Freund und Vertraute von deren Schwester Pauline. Vorher habe ich Ihre Annäherung, wie ich nicht verhehle, anders betrachtet;
Sie werden daher so ziemlich von Allem unter
richtet sein, was zwischen mir und Fräulein Pauline in beu letzten Wochen vorgegangen ist, welche Entfremdung zwischen uns eingetreten war, nachdem wir uns vorher nahe gestanden. Diese Spannung begann um die Zeit Ihrer Ankunft; von da an wich mir Pauline aus, war ihr Wesen gegen mich wie umgewandelt. Ich fand für diese Veränderung keine andere Erklärung, als auf Seite Paulinens mädchenhaften Ftattersinn, weibliche Gefallsucht. Ich hielt sic für treulos und erblickte in Ihnen den begünstigten Neben buhler. Es war ein Jrrthum. Pauline wendete sich mir ab, weil man ihr hinterbracht hatte, daß ich vcr heirathet sei. DaS geschah durch einen anonymen Brief am Tage vor Ihrem Eintreffen. Ich erinnere mich, Sie am Morgen darauf zuerst im Walde gesehen zu haben, als Pauline mir eben mit grollenden Mienen begegnet war, mich scheu und schweigend ver lassen hatte, und ich in schmerzlicher Erregung auf ungebahnten Pfaden die Einsamkeit der Berge auf suchte."
Auch mir war eS noch im Gcdächtniß, wie mir am Morgen nach meiner Ankunft die Beiden im Walde erschienen waren und durch ihr Leidwesen mir den Naturgenuß vergällt hatten.
„Jene Nachricht, die man Pauline hintcrbracht hatte, war eine hämische Erfindung, eine nichtswürdige Lüge, ausgeheckt von ein paar boshaften Weibern, wie ich vermuthe, und in Scene gesetzt von dem Referendar Hohnwitz, der dm Brief geschrie den hat."
„Eine Erfindung, eine Lüge, sagen Sic?" rief ich^, aus einer Ueberraschung in die andere fallend. „So wären Sie nicht verheirathet?"
„So wenig wie Sie oder der Archivar, dem man den Hagestolz auf hundert Schritte ansieht. Nicht wahr, nun wird Ihnen Vieles klar, Vieles verständlich, — auch an mir. Nun begreifen Sie auch warum ich beim Eintritt fragte, was Sie von mir denken mögen? In welchem' Lichte mußte ich Ihnen erscheinen, waS mußten Sie von meinem Benehmen gegen Pauline und Ihnen selbst gegenüber halten, so lange Sie in mir einen verheiratheten MaNn erblickten? Welch eine lächerliche Figur muß ich gespielt haben mit meiner tragischen Eifersucht gegen Sie als vermeintlichen Nebenbuhler, mit meinen grol- lendm, vorwurfsvollen Blicken gegen sie, die ich für treulos hielt. Ich könnte rasend werden, wenn ich' daran denke. O wahrhaftig, der Streich traf gut und that feine Wirkung. Rur in einer gallsüchkigen, gifl- strotzenden Seele konnte der Gedanke ausgebrütet werden. Hohnwitz aber war das dienstwillige Werkzeug, — er mag dafür einstehen." Damit wandte er sich zum Gehen. An der Thüre fiel ihm noch etwas ein.
„Wenn die Sache abgemacht ist und ich noch dispositionsfähig bin, gedenke ich mich mit Fräulein Pauline zu verloben. Es liegt mir daher daran, daß Entscheidung in den nächsten Tagen erfolge."
„Wäre nicht vielleicht eine Verständiguna möglich ?" fragte ich ihn.
„Nein, mit meinem Willen nicht. So ein Aus gang wie beim Hornberger Schießen hat immer etwas RidiküleS. Ich als Industrieller, der sich gewöhnlich' nicht so leicht auf die Mensur bringt, würde in einem solchen Falle doppelt lächerlich erscheinen."
' (Fortsetzung folgt.) 1 ‘ -