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hatte. Frau v. Erlenberg mochte sich die Sache anders gedacht haben. Sie folgte meinen Mittheilungen mit Ruhe und Aufmerksamkeit und drückte nur zuweilen durch eine Gebärde ihre Ueberraschung und innere Erregung aus. Einmal aber entschlüpfte ihr ein AuS ruf, als sie nämlich hörte, daß Harmer verheirathet uud feit der Zeit, da Pauline davon Kenntnih er­halten hatte, die Verschlimmerung ihres Zustandes eingetreten sei.

15. Juni. Die sämmtlichen heutigen Blätter äußern ihre Entrüstung über die nach Berlin tele- graphirten Lügen. Die „N. fr. Pr." warnt vor der Verbreitung solcher falscher Nachrichten und erklärt das Gerücht, daß drei hiesige Jndustriefirmen fallirten, für so falsch, daß selbst die Verbreitung dieser Nach­richten hier den Credit der genannten Firmen nicht untergraben hat. Aus Ungarn sei flüssigeres Ein­laufen deS Geldes bemerkt worden. Der Einkauf in der Manufakturbranche habe leidlich guten Anlauf genommen. Bezüglich deS auf Veranlassung des gr nanzministerS eingesetzten AushilfScomilö'ö bemerkt die »R. fr. Pr.", daß der Ministerrath dem Finanz­minister ausgedehnte Vollmachten ertheilt habe. — Wegen der Creditnoth der böhmischen Industriezweige ist auf Anregung der Prager Handelskammer be schloffen worden, die Nationalbank zu ersuchen, daß SeparatfondS für die Belehnung der bisher ansge- fchloffenen böhmischen Jndustriepapiere gegen die so­lideste Garantie gebildet würden. — Eine Versamm lung von Gläubigern der Wiener Wechslerbank hat einen controllirenden Ausschuß gewählt, welcher auch in das von der Generalversammlung der Gesellschaft zu wählende Liquidationscomite Eintritt. Die vorge­legte Bilanz ergiebt 19 Millionen Aktiva gegen 14 Millionen Passiva.

14. Juni. In der gestrigen Conferenz der Deakpartei wurde der Antrag Simonyi's, welcher die Regierung zur Vorlage eines Gesetzentwurfes wegen Errichtung einer ungarischen Nationalbank auffordert, verhandelt. Der Finanzminister Kerkapolyi erklärte, daß die Verhandlungen wegen einer befriedigenden Lösung der Bankfragen fortschritten, daß die Ange­legenheit niemals so günstig gestanden habe wie heute, und daß laut einer heute eingetroffenen Note de Pretis' zwischen beiden Regierungen bezüglich aller wesentlichen Punkte Einigung erzielt sei. Man sei einig daß die Lösung der Bankfrage mit der Regelung der Valuta Hand in Hand gehen müsse, und habe sich ebenso über diesbezügliche Maßregeln des Staates verständigt. Er sehe dem weiteren Verlaufe der Handlung sehr zuversichtlich entgegen Der Finanzminister bekämpft schließlich, unter Hinweis auf das Entgegenkommen in den jüngsten verhängnißvollen Tagen, den Simonyi- schen Antrag, welcher nur den günstigen Verlauf der Dinge stören könnte, und erklärt sich bereit, seinen Platz Jedem zu räumen, welcher andere, dem Geschmacke der Menge zusagende, aber auch die vitalsten LandeS- intereffen wahre Lösung finden zu können meint. Die Rede des FlnanzministerS machte tiefen Eindruck, und beschloß, die Conferenz der Deakpartei, den Antrag Simonyi's einfach abzulegen.

Bern, 14. Juni. Sämmtliche in Zürich stu- dirende Russinnen, mit Ausnahme von zweien, gehen vorläufig nicht nach Rußland zurück, sondern nach anderen nicht schweizerischen Universitäten.

gestutzt, zuletzt ruhig im Hühnerhofe ausharrt und nur manchmal noch lauschend die Schwingen hebt, wenn bekannte Töne aus den Tagen verlorener Frei heit zu ihm dringen. Aber ein Mädchenherz! Der Flug seiner Gefühle und Träume ist endlos, uner- forschlich und unberechenbar gleich dem des hoch im Äether kreisenden Adlers. Sie glauben nicht, einen wie mächtigen Zauber hoffnungslose Liebe eines Mannes auf ein Mädchenherz übt! Auch wenn diese glücklose Neigung einer andern gilt, wird ein romantisches Mäd- chenherz immerhin warme Sympathie dafür hegen. Und nun gar der Gegenstand einer hoffnungslosen Liebe selbst zu fein — dies Bewußtsein ist von über­wältigender Wirkung, führt uns ins Unabsehbare. — Arme Pauline!"

Frau v. Erlenberg schwieg und war in Nachdenken versunken. Nach einer Weile erhob sie sich, dankte mir für meine Miltheilungen und bat mich, die Sache ihren Gang gehen zu lassen.

„Verheirathet!" sagte sie ttefaufathmend; „ja, dann wird mir Alles klar und faßlich, wie ich meine Schwester kenne. Ein unüberwindliches Hinderniß, eine unübersteigliche Schranke durfte sich nur ihrer Neigung entgegenstellen, um ihre Gefühle bis zur glühendsten Leidenschaft anzufachen. Das ist so ihre Art. Dazu noch das grollende, unglückselige, verzwei­felte Benehmen Harmcrs, wie Sie es mir schildern! Ja wäre er unbefangen, gleichgültig, kühl geblieben, da hätte sich wohl in Pauline der weibliche Stolz geregt und ihr die Kraft verliehen, ihre Neigung zu unterdrücken, ihn zu vergessen, sich loSzurcißen. Aber daß sie auch in seinen Mimen den Ausdruck eines aus ihm lastmden Berhängniffes, den Schmerz hoff­nungsloser Liebe sehen mußte — das war'S. — O, wie Sie auch darüber denken mögen, wie sehr Sie auch das Lebm zu kennen glauben, doch werden Sie nie und nimmer die Räihsel, die geheimsten Tiefen eines Mädchenherzens begreifen! Um die Gefühlswelt einer Frau find bereits engere Schranken gezogen. Wenn ■ sich auch zuweilen noch die Fühlhörner des Herzens noch verstohlen über die Grenzen ihrer Haus­haltung hinausstrecken und die Gedanken und Träume in verbotene Gebiete hinüberschweifen, für gewöhnlich wird die Frau immer wieder zu ihrer Häuslichkeit zurückkehren und hier ihren eigentlichen Wirkung« kreis, die Aufgabe ihres Lebens finden, — wie ein gezähmter Vogel des Waldes, dem man die Fittiche

Fallissements des Hauses Haas & Sigl ist absolut unbegründet.

Versailles, 14. Juni. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung berichtet Baragnon über die Prüfung der Wahlen Guyots und Rancs. In dem Bericht wird die Gültigkeitserklärung beider Wahlen befürwortet, da auch Ranc alle Bedingungen

— „Offervatore Romano", das officielle Orga« des päpstlichen Stuhles enchält folgenden Schmäh artlkcl gegen den Reichskanzler, Fürsten Bismarck der ein getreues Abbild von der Stimmung des V» ticans gegen die deutsche Reichsregierung gibt. Der Artikel lautet wörtlich: „Die „Agenzia Stefani" bat uns heute eine höchst seltsame Depesche aus Berlin l übermittelt, in welcher eine Sitzung des Reichstage« r besprochen wird, bei der das Budget für das Ich 1874 zur Erörterung gelangt ist. Bei dieser Verao- laffung wurde die deutsche Gesandtschaft am hciliga Stuhle besprochen; irgend Jemand beantragte di, Streichung des Postens. Fürst Bismarck erklärte fick gegen die Ernennung eines Gesandten, wollte abu gleichwohl die Gesanvtschaft nicht vom Etat abgesch sehen, und zwar deshalb, damit nicht etwa der letzt, Anhaltspunkt, um mit dem Papste neue Beziehuiigen anzuknüpfen, beseitigt werde. Bis hierher versteht sich die Sache von selber, und sicherlich können wir keine andere Behandlungsweise dieses Gegenstandes von einem Häuptling der Revolutionäre erwarten, der darauf ausgeht, ganz Europa umzuwälzen und einen Umsturz aller Rechtsverhältnisse zu bewirken, der durch eben so spektakelhafte wie unerwartete Siege verwegen gemacht worden ist. Die Stelle in Bismarcks Rede jedoch, an welcher er über die Grenzen des Ernstes hinaustritt und sich über alle Maßen lächer- lich macht, ist diejenige, in der er von der Er­nennung des folgenden Papstes spricht und mit gro­teskem Hochmuth sich die Besugniß anmaßt, die Gesetz- Mäßigkeit der Wahl und die Stellung des erwählten Papstes zu prüfen (!!) Dieses ist eine neue Probe der sogenannten raisonnirenden Tollheit, nur von einem Hausgenossen einer Irrenanstalt können derartige wunderliche und flegelhafte Erklärungen ausgehen, welche gleichzeitig Ignoranz und Gewaltthätigkcit, die Ra erer des Seetirers und die Waghalsigkeit eines Wilden verrathen. Obgleich wir klein sind, so ver­mögen wir nichtsdestoweniger nur gegen derartige bestialische Anmaßung, durch welche Recht und Sitte beleidigt wird, Verwahrung einzulegen; wir empfinden i nr Verachtung für denjenigen, der in niederträchtiger Weise seine Macht mißbraucht und zugleich sich dazu zu versteigen ^wagt, Drohungen gegen die erhabenste

„Ich will darüber nachdenken, was zu thnn ist," sagte sie, „und danach handeln. Es wird freilich Alles darauf ankommen, was Harmer für ein Mann >st- Wissen Sie vielleicht ob er von feinem Ausflug zurück ist?"

„So viel ich hörte, wollte er heute Abend wieder hier sein."

„Also auf morgen!" — damit ging sie.

Ich war in der Thai gespannt darauf, wozu sich Frau v. Erlenberg entschließen und wie die Berwick lung sich lösen werde.

Sie schien rasch zum Entschluß gekommen zu sein. Schon am andern Morgen sah ich sie mit Harmer, der am Abend vorher zurückgekehrt war, das Dor' verlaffen, um eine Promenade in die Berge zu machen. Das mußte, wie ich dachte, eine nichts weniger als angenehme Panie sein — für sie, wie für ihn.

Paris, 14. Juni. Graf Arnim verläßt morgen Paris. Er speist heute bei Broglie, der dem diplo matischen Corps ein Diner gibt. — Der „Moniteur" meldet, Lanfrey bleibe in Bern. — Der „Franyais" dementirt, daß Fournier, der französische Gesandte in Italien, Urlaub erhalten habe und nach Frankreich zurückgekommen fei. — Das Beule-Paseal'sche Rund­schreiben hat in der Provinz großen Seandal ge­macht, alle Zeitungen sind wüthend, daß man sie als käuflich hinftellt. Mehrere Präfekten und General- seeretire, welche den Zeitungen Anerbietungen im Sinne des Rundschreibens machten, wurden gewalt­samer Weise an die Thüre gesetzt. — Der General- Postdireetor Rampont, der sein Entlassungsgesuch nicht einreichen will, soll abgesetzt werden. — Die Gräfin Benedetti, die Frau deS früheren französischen Botschafters in Berlin, ist gestorben.

— Der „Figaro" ist höchst unzufrieden, daß das Cabinet die Zeit zum Handeln veerstreichen taffe und schreibt deßhalb: „Man sagt ihnen: »Thun Sie nichts, hüten Sie Sich, Jemanden zu erschrecken; setzen Sie Ihren Ruhm darein, zu sagen, daß nichts verändert werde.« . . . Wenn Sie es so machen, sind Sie ver­loren! Es muß etwas geschehen und dies laut ange- kündigt werden. Sehen Sie um sich! Es handelt sich nicht um Liberalismus und Parlamentarismus; der sociale Krieg ist erklärt. In Paris, Lyon, Mar­seille hat die Commune die moderne Gesellschaft hcraus- gefordert. Diese Menschen bekehren zu wollen, wäre Wahnsinn. Sie sind wie die Wilden, sie begreifen nichts als die Gewalt... . Seien Sie stark.. . Ich weiß eS wohl, es gehört Muth dazu, gewisse Dinge zu unter­nehmen : dem Volke daS allgemeine Stimmrecht nehmen. Die Hand in den Rachen der Bestie stecken, um ihr den Knochen, an dem sie seit zwanzig Jahren nagt, wegzuneh- men.. Ah, lassen Sie mich Ihnen bemerken, die erste Pflicht aus dieser Welt ist, sein Land zu retten, dieser Pflicht muß man Namen, Popularität, Ruhm, kurz, Alles zum Opfer bringen, muß man selbst den Tadel der­jenigen auf sich nehmen, die man gerettet hat . . . Daher ans Werk, Minister und Deputtrte, proklamirt die Republik, die aristokratische und reactionäre Re­publik mit zwei Kammern, mit Mac Mahon, ernannt aus fünf Jahre, und mit conservativen Institutionen; und habt Ihr einmal das Wort hinausgeworfen, so kettet die Revolution, beschneidet das allgemeine Stimm­recht, zerbrecht die Gemeinderälhe, legt der Presse Schweigen auf und setzt alle September-Präfecten wie alle Beamten, die Euch verrathen und trotzen, ab. Und vergesset nicht, in einigen Jahren wird man nicht fragen, ob Ihr gewaltlhätig oder gemäßigt ge wesen, sondern man wird Euch fragen: Habt Ihr das Land gerettet?"

Das war zum Tollwerden! Dieselbe Frage, die eine halbe Stunde früher Pauline an mich gerichtet hatte. Am Ende kam noch die ganze Kurgesellschaft mit dem nämlichen Anliegen. Hielt man mich für Bas Orakel von Delphi, für Mamsell Lenormand oder tonst eine alte Hepe, die auö den Karten und aus Kaffeesatz wahrsagt! War daS Hohn, verabredete- stoffenfplel? Po» dieser Vermuthung erfüllt, trat ich ihm entgegen. '

(Fortsetzung folgt.)

Auch mir drohte währenddeffen eine Anfechtung. Seit der Unterredung mit Frau v. Erlenberg suchte ich PaiUlnens Nähe absichtlich zu meiden, um pein- llchen Erörterungen aus dem Wege zu gehen und, wie ich versprochen, nicht vorzeitig etwas von den Intentionen der Schwester zu verrathen. Indessen Pauline selbst war es, die mir im Kurgarten entgegenirat. Nach der ersten Begrüßung schaute sie mich mit ihren großen Auge» voll und durchdringend an unb fragte:

»Was denken Sie von mir?"

Gerechter Himmel 1 Wer immer diese Frage stellen mag: die Antwort wird allemal gar sehr bedenklich

Krx t,crcnb6 h'", wo die Verhältnisse so ganz absonderlich gestaltet waren! “ 4

„Gedanken sind zollfrei, mein Fräulein, aber nur man sie nicht declarirt. Darum laffen Sie dieselben, so wie sie sind, passiren im Vertrauen darauf, daß keine verbotenen Artikel darunter sind. Um übrigens ganz inö Klare zu kommen, möchte ich erst be, Doctor Brögel in die Schule gehen und die Phrenologie zu Hülfe nehmen."

Mein Badewärter, der mich zur Kur abrief, er» Warte mit glücklicherweise weitere Winkelzüge und erlöste mich aus meiner Pein. Kaum war ich dem Bade entstiegen und angekleidet, als Harmer in mein -Sunmer trat und mir entgegenrief: „Was mögen Sie von mir denken?"

ber Wählbarkeit in sich vereinige. Dem Anträge ent fprechenb erklärt die Versammlung die Wahlen Gubon und Rancs für gütig.

Qr. A*>M, 14. Juni. Auf die gestern überreich,. Adresse ber OrbenSgenerate erwieberte ber Papst ,, theile ihre Beschwerben über bie traurige Laae' b6 religiösen Körperschaften; zwei Betrachtungen gewährte, ihm lnbeß Erleichterung: baß von Gott geliebte Seele, bie Trübsal erproben müssen unb baß Überall b« Gebet wieder in Aufschwung komme. Wiederholt» Tadel Seitens der Kirche gegen die Urheber solch» Thaten werde gleichfalls eine mächtige Waffe sch deren Gott zur Vernichtung der Feinde der Kirch sich bedienen werde.