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1873

ZNarKurg, Dienstag, den 17. Juni.

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Srsckeint täalick außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch sche Buchdrucker-») bezogen 22j Sgr., durch btt Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 S«r. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 1 Sgr. , * ’ Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an. r

Okrhtssische Zeitig?

Deutsches «eich.

*» «Berlin, 14. Juni. In den gestrigm Berhand- suugen des Reichstages über dessen Einberufungster­mine sind als Schwierigkeiten, welche namentlich der regelmäßigen Herbstsession entgegenstehen, die Collisto- nen mit den Einzellandtagen und die Hindernisse einer Veränderung in der Etatsvorlegung mehrfach hervor- aehoben worden. Letztere wurde schon vom Minister Delbrück als nicht unüberwindlich bezeichnet, und Fürst Bismarck erklärt noch bestimmter, daß der Finanz Minister die Verlegung des Etatsjahres für ausführbar und zulässig erklärt habe. Durch diese Erklärung wird die Disposition für die parlamentarischen Arbeiten wesentlich erleichtert. Von den srüheren Finanzministern sind die Anfragen wegen Verlegung des EtatöjahreS regelmäßig entschieden zurückgewiesen worden. — Durch hiesige und andere Blätter sind über eine Audienz, welche Fürst Bismarck beim Kaiser erbeten, deren schon zugesagte Gewährung am bestimmten Tage (Dienstag) aber zurückgenommen werden mußte, falsche Nachrichten gegeben worden, und an diese hat man noch mehr falsche Deutungen angeknüpft. Wie gewöhn­lich hat man tiefliegende Bedeutung und Berechnung gesucht für die einfachsten Vorgänge. Am bestimmten Tage hatte die Audienz nicht gewährt werden können, weil die Aerzte Bedenken dagegen hatten, am folgen­den Tage war dies Hinderniß beseitigt, und die Audienz fand demnach statt. — Die letzten Erklärungen des Fürsten Bismarck über die Papstwahl hat nament- lich im ultramontanen Lager die ausgedehnteste Dis- cusston dieser Frage hervorgerufen ; man hat gedeutet, interpretirt, verglichen und endlich hat man sogar eine Jnconsequenz herausgesunden, weil eine früher zur Papstwahl erschienene Brochüre, welche vom Fürsten Bismarck injpirirt sein sollte, die jetzt beabsichtigte passive Haltung nicht hätte erwarten lassen. Dieser Vorwurf der Jnconsequenz leidet jedoch auf falscher Voraussetzung, der qualificirten Brochüre hat Fürst Bismarck gänzlich fern gestanden, vielmehr hat er von Anfang an Rom die Offensive überlassen und den Staat auf die defensive Haltung zu beschränken gesucht; diese Position führte auck s. Z. zur Ablehnung der Hohenlohe'schcn Vorschläge. — Das neueste Heft der „Grenzboten" bringt eine intercsianle Reminiscenz an Vorgänge bei der Wahl Gregor VII.

— 14. Juni. Die BundesrathS - Ausschüsse für Justiz, Verkehr und Handel haben der Gewerbe- Ordnungs-Novelle, betreffend die Errichtung von Gewerbegerichten und die Bestrafung des Contract- bruches, zugestimmt. Die Zustimmung des Bundes­raths ist zweifellos. — Der Kaiser und die Kaiserin beziehen heute Babelsberg.

— Dem „Deutschen Wochenblatt" zufolge gilt eS in Regierungskreisen für wahrscheinlich, daß die Herbstsession des Reichstages im November beginnen und den December hindurch dauern soll, worauf der preußische Landtag, kurz vor dem verfassungsmäßigen letzten Termin, im Januar einberufen würde. — Dem­selben Blatt zufolge werden in dem von Deutschland mit Persien abgeschlossenen Vertrage den deutschen Consuln größere Rechte und dadurch dem deutschen Handelsstande größere Rechtssicherheit gewährt.

— 15. Juni. Am 23. d. M. wird die deutsche Kaiserin in Karlsruhe eintreffen, um am 24. daselbst der Confirmation des Erbgroßherzogs von Baden im Auftrage des Kaisers beizuwohnen, und von dort, in demselben Allerhöchsten Auftrage, zum Besuche des Kaisers und der Kaiserin von Oesterreich, auf einige Tage nach Wien zu reisen.

Potsdam, 15. Juni. Der Kronprinz wird morgen in Vertretung des Kaisers nach Darmstadt zum Jubiläum des Großherzogs abreisen; dann Ems zur Begrüßung des Kaisers Alexander und zuletzt Karlsruhe zur Confirmation des Erb-Großherzogs besuchen.

Köln, 13. Juni. Heute Nachmittag 4 Uhr trafen die Exkaiserin Eugenie und ihr Sohn, von London kommend, hier ein und setzten eine Stunde später die Reise nach Arenenberg in der Schweiz fort. Gleich­zeitig langte der russische Thronfolger, von Wien über Mainz kommend, mit dem Dampfboot an der Central­personenstation an, und setzte um 5 Uhr die Reise über Antwerpen nach England fort. Die Kaiserin, welche sich einige Zeit mit dem Thronfolger unterhielt, war liebenswürdig gegen Alle, die ihr näher traten; aber der Druck der Ereignisse der letzten Jahre lastete auch sichtbar auf ihr. Der junge Prinz gleicht einem 18—19jährigen Jüngling und schien weit kräftiger, als man nach Zeitungsnachrichten hätte erwarten sollen. — Der Schah von Persien, welcher heute von Bie

brich bis Bonn mit einem Extradampsboot fuhr, h«- stieg in letzterer Stadt einen Extrazug und fuhr «t Köln vorbei nach Spaa. — Heute Morgen wurde die „Köln. Volkszeitung", seit ein paar Wochen zum dritten Male, mit Beschlag belegt und zwar wegen eines den „Historisch-politischen Blättern" entnommenen Artikels: „Gedanken über die neuen kirchlichen Gesetze in Preußen", aus der Feder des älteren Franz von" Florencourt. Die betreffende Nummer erschien, an die Zeit der Censur erinnernd, mit etwa 3V2 weißen Spalten.

Dresden, 13. Juni. Das „Dresdener Journal" vom heutigen Tage tritt den Behauptungen dxr Zei­tungen entgegen, daß die Regierung die Absicht hege, die Preßfreiheit der Amtsblätter zu beschränken. Eine unbefangene freimüthige Meinungsäußerung werde die Regierung den Amtsblättern nicht verkümmern, aber sie werde mit allen gesetzlichen Mitteln darüber wachen, daß die Amtsblätter, so lange sie die freiwillig über­nommene Aufgabe, die Verkünder der obrigkeitlichen Anordnungen zu sein, behalten, diejenigen Rücksichten nicht bei Seite setzen, welche die öffentliche Ordnung und der öffentliche Anstand erheischen. Das „Dres­dener Journal" theilt sodann Auszüge aus verschie? denen Artikeln des „Leipziger Tageblattes" mit, um nachzuweisen, daß das „Leipziger Tageblatt" die Ge? setze des Anstandes in der gröblichsten Weise verletzt habe, und daß deshalb die ihm ertheilte Verwarnung gerechtfertigt erscheine.

Darmstadt, 14. Juni. Die Landstände haben heute das Finanzgesctz auf 6 Monate prorogirt und beschloffen, eine Glückwunschadreffe an den Großherzog auö Anlaß des Regierungsjubiläums zu richten.

Ausland.

Wien, 14. Juni. Bei der heutigen feierlichen Grundsteinlegung zum neuen Rathhaus durch den Kaiser, hielt der Bürgermeister eine Ansprache, auf welche der Kaiser erwiederte, er sei fest überzeugt, daß die sicherste Schutzwehr deö Thrones und des Landes die Liebe und die Treue seiner Bürger sei. Auf ein in der Nähe zu erbauendes Parlamentsge­bäude anspielend, sagte der Kaiser: Möge jedes inner­halb der Grenzen seines Kreises nutzbringend wirken. Die Worte des Kaisers wurden wiederholt mit stürmischen Hochs begleitet. — Die Nachricht ejneS

A«S de» Badeleben.

Erlebnisse von W. Nielenka.

(Fortsetzung.)

Sie versuchte es endlich bei mehreren Damen der Kurgesellschaft, Erkundigungen einzuzichen und Auf­schluß zu erhalten, was es mit der Herzensgeschichte chrer Schwester für eine Bewandniß habe. Man zuckle aber die Achseln und bedauerte, keinerlei Aus kunft geben zu können, da Fräulein Pauline sich in der Gesellschaft „äußerst rar gemacht" und sich nur an einige Herren näher angeschlossen habe. An diese hämische Insinuation knüpfte sich nochwendigerweise dir Frage: „Und wer waren diese Herren?" Mit cer Beantwortung dieser Frage zurückzuhalten lag kein Grund vor. ES überraschte mich daher nicht, als Frau v. Erlcnberg eincö Tages mich im Kurgarten ersuchte, ihr eine Unterredung zu gewähren.

»Ich verkenne nicht," begann sie, „daß der Gegen­stand delikater Natur, vielleicht peinlich für Sie ist, hoffe aber von der Theilnahrne, die Sie meiner Schwester seither erwiesen haben, daß Sie meine Bitte nicht mißdeuten wervrn."

Ich versicherte dies und fragte nach ihren Wünschen.

„Meine Schwester," fuhr sie fort, „kam hierher zur Kur wegen eines unbedeutenden Nervenleidens, und die ersten Nachrichten, die wir über die Wirkung des Bades erhielten, waren die erfreulichsten. Erst nach einiger Zeit zeigte sich in Paulinens Briefen eine auffallende, unS befremdende Stimmung, die in ihren Mitthcilungen immer mehr hervortrat, bis auch der Vater meldete, daß der Zustand Paulinens sich verschlimmere und der Arzt ein Gemüthsleiden vcr- muthe. Pauline schwieg beharrlich gegen den Vater über ihren Zustand, 'sowie über die vom Arzt be­

hauptete Ursache; diese zu ergründen, ist der Zweck meines Hierseins. Ich gestehe, daß mich daS Wesen Paulinens ernstlich beunruhigt, und daß ich, so sehr ich auch das erregbare und leidenschaftliche Tempera­ment an ihr kenne, mich bis jetzt nicht zurechlfinden kann. Alle Erkundigungen, die ich bis jetzt einzog, waren vergeblich; wohin ich mich wendete, wußte man oder wollte man nichts wissen und verwies mich end­lich an Sie. Sie allein seien im Stande, mir Auf­schluß zu geben, in Ihrer Begleitung sei Pauline in den letzten Wochen fast ausschließlich gesehen worden.

„In der Thal, gnädige Frau," erwiderte ich, als sie schwieg, „wenn auch diese Andeutungen, die man Ihnen machte, gehässtg und übelwollend sein mögen, so enthalten sie doch in der Hauptsache die Wahrheit. Ich bin allerdings viel in Ihrer Fräulein Schwester Gesellschaft gewesen und im Besitz ihres Vertrauens."

„Dann kennen Sie also das Geheimniß ihres Her­zens, den Grund ihres GemüthleivenS, dem ich nach- forschc?" rief sie erfreut. „Und darf ich.hoffen, daß Sie aufrichtig gegen mich sind, wo es gilt, meiner Schwester die Ruhe, den Frieden, die Gesundheit wiederzugeben und von uns, ihren Eltern und Ge schwistem, die Sorge, den Kummer, bie Herzensangst zu nehmen!"

Ja, ich kannte das Geheimniß; aber durste ich sprechen, ohne an Pauline zum Verräther zu werden, ohne ihr Vertrauen zu täuschen! Ich äußerte-mich in "dieser Weise gegen Frau v. Erlenberg, die indeß mein Bedenken nicht zu theilcn schien und mit einer unge­duldigen Bewegung einfiel:

„O, Sie scheuen sich vielleicht, weil Sie — sich selbst anzuklagen haben. Aber ich war auch jung, ich hin eS noch und weiß dem Herzen seine Rechte ein- zuräumen."

Wie ein Blitz zuckte es bei diesen Worten auS ihren Augen, — ein Blitz, der mich klar sehen ließ. Also auch für sie wie für die Anderen n?ar ich der Geliebte ihrer Schwester. In diesem Falle mußte q« allerdings eine delikate, eine äußerst schwierige Auf­gabe für sie als junge Frau gewesen fein, sich an mich um Aufschluß zu «enden. Und daß sie sich dazu entschlossen, machte ihrer Energie alle Ehre.

„Sie irren!" entgegnete ich ihr; „es ist nicht d« Scheu einer Selbstanklage, die mich schweigen läßt, sondern nur die Pflicht der Discretion, die mir ver­bietet, über ein mir anvertrautes Geheimniß zu sprechen." ,6- . .. . ..

Sie schaute mich forschend an und sagte dann: „O, wenn es wirklich nur das ist, so reden Sie unbe­denklich; meine Schwester ist damit einverstanden."

Ich gab ihr ihren Blick zurück und verzog den Mund zu einem Lächeln, das ihr unzweideutig meinen Zweifel an ihrer Versicherung ausdrückte.

„Dieser Zweifel ist beleidigend für mich," sagte sie mit einem Anflug von Unwillen.

„Gnädige Frau, selbst die Galanterie tritt in den Hintergrund, wo es sich um die unverletzliche Heilig­haltung fremden Vertrauens handelt, — um daS Ge­heimniß eines MädchenherzenS."

„Nicht alle Männer sind so skrupulös," bemerkte sie etwas ironisch. „Nun gut, Pauline selbst soll Sie Ihres Schweigens entbinden."

Sie eilte fort, suchte Pauline im Garten auf und brachte sie zur Stelle. WaS diese selbst bis jetzt nicht hatte aussprechen wollen, gestattete sie mir nunmehr, ihrer Schwester mitzutheilen.

Und nun, nachdem Pauline sich wieder entfernt hatte, erzählte ich Alles, waS ich wußte, was ich von Anderen gehört und waS ich selbst mit angesehen