Wr. 139
Marburg, Sonntag, den 15. Juni.
1873.
Oberhessische Ieit«»g.
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Politische Wochcu-Ueberstcht.
Das Unwohlsein unseres Kaisers, zu dessen länge rem Anhalten die beiden jüngsten Todesfälle in der kaiserlichen Familie beigetragen, hat den dringenden ärztlichen Wunsch nothwendig gemacht, daß die beab sichligte Reise des Kaisers nach Wien vorerst unterbleibe, auch der Besuch in Jugenheim und Darmstadt gilt noch als ungewiß. — Der Schah von Persien hat sich nach einem Ausenthalte von acht Tagen am Hofe des deutschen Kaisers nach Wiesbaden begeben, von wo er noch Baden und Darmstadt besuchte, und dann gestern die Reise zunächst nach Belgien ange treten hat. — Seit Anfang der Woche hat der Reichstag die beschlußfähige Zahl seiner Mitglieder wieder erhalten, so daß die in Aussicht genommene Erledigung einer Anzahl wichtigerer Vorlagen mit Bestimmtheit zu erwarten steht. — In Bezug auf die Ausführung der neuen preußischen kirchen politischen Gesetze haben einige preußische Bischöfe ihre Mitwirkung in Betreff einzelner PÄnkte, z. B. der Bischof von Paderborn bezüglich solcher Mittheilungen über sein Seminar, welche die Bedingung zur Erlangung staatlicher An erkennung für dasselbe sind, verweigert; indeß sollen von den Bischöfen doch auch bereits einige wegen Herstellung eines modus vivendi für Preußen über das von Würtemberg mit gutem Erfolge seither that- sächlich beobachtete friedliche Verhältniß beim Bischof Hefele Erkundigungen eingezogen haben.
Von Wien ist der russische Kaiser, abgc- reist, ohne auch nur einer Beunruhigung ausgesetzt gewesen zu sein, was die Wiener im Allgemeinen sehr beruhigt und das „Wiener Tageblatt" veranlaßt, dem Zaren die Meinung mit auf den Weg zu geben, daß eine verfassungsmäßige Regierungsform ein besserer Schutz für Monarchen ist, als Tausende von Gen barmen und Polizisten. Dieser Nachruf ist immer noch höflicher, als die Mittheilung, die das „Vaterland" mit einem Aufwande von Albernheit und Ungezogenheit, der selbst bei diesem fcudal-clericalen Organ auffallen muß, noch während der Anwesenheit des russischen Gastes brachte, daß Preußen und Rußland über eine Theilung Oesterreichs verhandelten.
Der neue Großrath von St. Gallen hat den Re- gierungSrath des Canlons liberal ergänzt. Die ka-
Aus dem Badeleben.
Erlebnisse von W. Nielenka- (Fortsetzung.)
Wohl hat A. Grün — wie ich mich inzwischen überzeugte — in einem Gedicht die Gedanken geschil- btrt, welche sich dem aufdrängen, der auf Bergeshöhe die vor ihm liegende Landschaft durch einen Golvreif betrachtet; die Pointe desselben ist aber eine andere und ließ die Bemerkung Harmer's ungerechtfertigt erscheinen. Er stand in dem Wahn daS Auge, welches für mich die ganze Welt umschloß, sei das Paulinens, — daher seine Gehässigkeit. Das war ein Jrrthum. Dies Auge weilte ferner.
Die Welt, welche sich mir in Paulinens Auge offenbarte, wäre nicht die meine gewesen; in Stunden der Leidenschaft vielleicht, — doch nicht für immer. Ihr fehlte die Ruhe, die Milde, die man ersehnt nach den Momente» wilder Stürme, flammender Gluth, — rin ewig brandendes Meer — nie der ruhige Bergjee, in dem sich der Himmel und die Sterne spiegeln.
Eine« Tages hatte ein Kurgast von einem Ausflug aus einer Gewchrfadrik ein Paar Pistolen mitgebracht und zeigte sie im Kurgarten. Man besichtigte sie, ließ die Federn spielen, so kam die eine auch an mich. Ich versuchte, wie sie in der Hand liege, indem ich anschlug und zielte. Da sagte Harmer, wenn auch im Scherze, doch nicht ohne eigemhümliche Betonung: „Oho, Sie nehmen ja den guten Herrn Archivar auf6 Korn, als ständen Sie ihm auf der Mensur gegenüber! Wie wär'S, wenn wir zur Unterhaltung der Gesellschaft ein solches Rencontre veranstalteten?"
Ich ging auf den Scherz ein und erwiderte: „Kein übler Vorschlag und um die Damenwelt zu interessiren,
tholische Gemeinde der Stadt Zürich hat sich mit drei Vierteln der Stimmen gegen Annahme des Vaticanums erklärt. Im Canton Waadt gewinnt die Stimmung für Bundesrevision mehr und mehr das Uebergewicht.
Die rückläufige Bewegung, die in Frankreich durch den Sieg der coalisirten Monarchisten am 24. Mai entfesselt wurde, ist unter dem Cabinet Broglie im schönsten Zuge. Mac Mahon spielt den Schweig samen, hält aber das Schwert über Cabinet und Ma- jorität, während die Minister sich beeilen, nun sie Hammer geworden, das Eisen zu schmieden, auf dessen Unterbau Thron und Altar nach dem Ideale von Vcuillot, Broglie u. s. w. wieder aufgerichtet werden sollen. Die Hauptereignisse der Woche sind: Erstens das Rundschreiben von Broglie an die Vertreter Frankreichs im Auslande, worin er versichert, zwischen Majorität und Thiers habe blos ein Zwiespalt über eine Frage der inneren Politik stattgefunden, in der auswärtigen Politik sei nichts verändert. Zweitens ein vertrauliches Rundschreiben vom Minister des Innern an die Präfekten im Geiste der blühendsten Reaction. Drittens das Verbot des „Corsaire" unter den frivolsten Gründen. Viertens die Abstimmung vom 10. Juni, in welcher die republikanische Seite der Nationalversammlung den Versuch machte, das Vorgehen des Ministers des Innern mit einer mo- tivirten Tagesordnung zu brandmarken. Beule spielte Lcpere und Gambetta gegenüber die kläglichste Rolle; aber Buffet ließ als treuer Freund und Helfer der Koalition die Rechte sich verschnaufen, und nun schritt sie Schulter an Schulter blindlings voran, um durch Stimmzettel die Bresche zu füllen, die Gambetta ge schossen hatte: 389 gegen 315 Abgeordnete fanden daS Verfahren des Ministers des Innern ganz in der Ordnung und setzten die einfache Tagesordnung durch. Also die Regierung ist Inhaberin einer Ma jorität von 74 Stimmen.
In Italien war das wichtigste Ereigniß der letzten Tage der Tod von Urban Rattazzi, der nach kurzem Krankenlager in Frosinone am 5. d. M. verschied. Wenn der piemontesische Politiker auch keine großen Gaben des Geistes oder des Charakters besaß, so hinterläßt sein Tod doch eine empfindliche Lücke
in der parlamentarischen Sphäre. Das Klostergesetz ist bereits von den Ausschüssen des Senates angenommen und wird ohne Zweifel auch vor dem Plenum unbedingte Gnade finden. Eine Reise Victor Emanuels nach Wien wird immer schärfer in Aussicht genommen, ohne noch ganz gewiß zu fein.
Spanien ist glücklich so weit gekommen, daß es nun von den conftituirenben Cortes mit der officiellen Errichtung der bundesstaatlichen Republik gesegnet worden ist. Noch keine Woche besteht diese Republik in gesetzlicher Form, und schon besitzt sie das fünfte Ministerium. Figueras hatte mehrmals versucht, ein Cabinet zu bilden, aber vergebens, und nun ist es Pi y Margall nach einigen fruchtlosen Anstrengungen gelungen, mit Hülfe der Cortes, die seine Minister ernannten, die Negierung zu übernehmen. Die Aufregung in Madrid war sehr groß, bewaffnete Banden durchzogen die Straßen, die Truppen hielten sich bereit; doch soll die Ernennung des neuen Ministeriums einen guten Eindruck auf die Bevölkerung gemacht haben.
Abgesehen von den Sitzungen des Parlaments, welches sich mit dem Gesetze über die Geschwornen- pflicht, der Reform der höheren Gerichtshöfe und, auf Lord Rüssels Anregung, mit der Lage Irlands beschäftigte, hat sich das politische Interesse in England hauptsächlich auf die bevorstehende Ankunft des Schahs von Persien concentrirt. In London wurde zum allgemeinen Bedauern der prächtige Alexandra- Palast auf Muswell Hill, der nördliche Nebenbuhler des südlichen Krystallpalastes von Sydenham, von den Flammen zerstört, nachdem er erst vor wenigen Wochen feierlich eröffnet worden war.
Das niederländische Ministerium bleibt, da der Justizminister sein EntlaffungSgesuch znrückge- nommen hat, im Amte. Bei den Neuwahlen für die zweite Kammer sind in Amsterdam zwei liberale De- putirte, die Herren Stiltjes und Delange, wiedergewählt worden.
Der König von S ch w e d e n hat die vom Storthing beschlossene Aufhebung des Statlhalterpostens in Norwegen genehmigt. Anstatt des Statthalters wird fernerhin ein Staatsminister an der Spitze der norwegischen Regierung stehen.
müßte eö die Rivalität um das Herz einer aus ihrer Mitte gelten."
„Vortrefflich! vielleicht findet sich mit der Zeit eine solche Veranlassung; — in diesem Falle zähle ich auf Ihre Mitwirkung."
„Stets zur Verfügung!"
Auch dem Archivar war die bedeutungsvolle Betonung in Harmer's Worten nicht entgangen, und er sah im Geiste bei dem nächsten Zusammentreffen den hinter dem Scherz verborgenen, zurückgehaltenen inneren Groll in Hellen Flammen auflodern. Eine Gelegenheit dazu war bald gegeben.
Am nächsten Abend, als ich mit einigen Anderen vor dem Kurhause auf der Barriere saß, um mir den idyllischen Genuß zu gönnen, die von der Trift heimkehrende Viehherde vorüberziehen zu sehen, trat Pauline mit ihrem Vater und Harmer aus dem Hause, um einen nahen Hügel zu besteigen und den Sonnenuntergang zu betrachten. Sie rief mit zu und forderte mich auf, mitzugehen. Meine Nachbarn fahcn sich lächelnd an und Einer raunte mir zu: „Benei- denswenher!"
„Gehen Sie nicht!" flüsterte dagegen der Archivar. „Das nimmt kein gutes Ende, Sie werden sehen."
Gerade die Warnung stachelte mich auf und be stimmte meinen Entschluß, der Aufforderung Folge zu leisten. Denn im Uebrigen war die Parthie, wie ich mir nicht verhehlte, keineswegs verlockend und meine Lage nichts weniger als beneidenswerth.
Was bezweckte Pauline mit ihrer an mich gerichteten Aufforderung? Nichts weiter, als Jemanden zu haben, der als „Lückenbüßer", „Wetterableiter", als „spanische Wand", als „Elephant", — und wie ein solcher Würdenträger sonst noch heißen mag — figuriren konnte. Drei Personen können sich aus
einem Spaziergang nicht wohl abtheilen und muffen zusammen bleiben; vier aber geben zwei Paare, zwischen denen sich nach Belieben eine Distanz Herstellen läßt. Wollte Pauline mit Harmer allein ungestört fein, fo mußte ich den Alten beschäftigen. O, die Frauen sind schlau I
Harmer in seiner eifersüchtigen Verblendung schien die Schlauheit in der That nicht zu begreifen und in der an mich gerichteten Aufforderung Paulinens eine Gunstbezeigung zu erblicken. Seine Miene verrieth eö. Und unglücklicher Weise gestaltete sich auch anfangs die Situation nach seiner Auffassung und nicht, wie Pauline beabsichtigt hatte. Der alle war mit Harmer über einen beliebigen Gegenstand in's Gespräch gerathen und ehe dieses Thema nicht nach allen Richtungen gründlich abgehandelt und erschöpft war, hielt Paulinens Vater mit der Zähigkeit des Alters daran fest. Während reffen ging ich mit Pauline selbander und zu allem Hebel hinterdrein, so daß Harmer nichts von uns sehen, seine argwöhnische Phantasie ober sich bis in'S Ungeheuerlichste und Verwegenste verlieren konnte.
Erst am Ziele der Wanderung, beim Anblick des Sonnenuntergangs, dessen Wirkung die Beiden in ihrem Gespräch zum Schweigen gebracht hatte, ließ sich ein anderes Arrangement treffen. Eingedenk meiner Pflicht als Lückenbüßer und Figurant bemächtigte ich mich beim Aufbruch des Alien, fetzte mich mit ihm, den Anderen voran, in Bewegung und hiAl ihn fest, bis wir im Dorfe anlangten. Bei den ersten Häusern hielten wir still, um das andere Paar zu erwarten. Es war dunkel geworden unv Nichts von ihnen zu sehen, so weit man den helleren Streifen der Straße Überblicken konnte. Sie mußten ein gute« Stück zurückgeblieben fein. Nach einer Weile hörten mir ihre Schritte. Als sie zu unS traten, gewahrte ich bei dem Scheine der aus dm Fenstern strahlenden