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Marburg, Sonnabend, den 14. Juni.

1873

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22) Sgr., durch die Postämter 27 Egr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 6gr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Egr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches «eich.

»* Berlin, 12. Zum. Die ablehnende Ant- wert, welche der Bischof Martin von Paderborn dem Oberpräsidium ertheilt hat, ist von den Blättern viel­fach schon als das erste Moment thatsächlichen Con- stikts zwischen Staat und Kirche aufgcfaßt und be­zeichnet worden. Die« entspricht nicht der Sachlage. Nach den neuen Gesetzen ist die Ausbildung zum Priesterstand gestattet auf Universitäten und Seminaren, welche allen gesetzlichen Anforderungen entsprechens; ob dies bei den einzelnen Seminarien und bei welchen es der Fall ist, entscheidet der Minister. Für diejenigen Seminarien, welche die Berechtigung zur Ausbildung der Theologen nach Publikation des betreffenden Ge­setze« haben wollen resp. erhalten sollen, muß dem­nach Genehmigung und Prüfung der Staatsbehörde nachgesucht werden. Wenn die Oberpräsidenten den Bischöfen durch ausdrückliches Schreiben ihre Bereit­willigkeit zur Vereinbarung über die Erlangung der Genehmigung angeboten haben, so war dies ein fteundlicheS Entgegenkommen; die Bischöfe und griff sichert Behörden haben jedoch volle Freiheit, zum Vor theil der Seminare von dem angeborenen Mittel Ge­brauch zu machen oder es abzulehnen. Ein Conflikl würde erst herbeigeführt werden, wenn die beetreffenden Seminare, ohne Erlaubniß nachgesucht und erhalten zu haben, ihre Thätigkeit fortsetzen, event. auch nach ausdrücklicher Verwarnung sich nicht stören lassen. Rach § 13 wird dann dem Minister allerdings die Anwendung strengerer Mittel, die Einbehaltung der Staatsmittel oder Schließung der Anstalt zustehen; und wird von diesen im Rochfall auch sicherlich voller Gebrauch gemacht werden. — Der Reichstag wird sich morgen mit dem Preßnvthgesetz beschäftigen und die« auch voraussichtlich annehmen; daß die Regie- rung sich durch diese Art der Behandlung veranlaßt sehen werde, den clericalen PreßorgMen gegenüber sich wehrlos machen zu lassen, wirlLwohl auch im Reichstag Niemand erwarten.

— Der bekannte Beschluß deS Reichstags in Betreff der Volksvertretung in den Bundesstaaten be­schäftigt bereits den Bundesräth. In einer der jüng­sten Sitzungen desselben, am 31. Mai, wurde von Seiten des Vorsitzenden ein Gesetzentwurf vorgelegt, dessen einziger Artikel lautet: „Hinter Artikel 3 der Berjaffung des Deutschen Reichs wird als besonderer Artikel folgender Zusatz angenommen: In jedem Bun­

desstaat muß eine aus Wahlen der Bevölkerung her­vorgehende Vertretung bestehen, deren Zustimmung bei jedem Landesgesetz und bei der Feststellung des Staatshaushalts erforderlich ist." Die Vorlage wurde dem Ausschüsse für die Verfassung überwiesen. In derselben Sitzung deö Bundesraihs berichtete der Zu stizminister v. Mittnacht im Namen der Ausschüsse für die Verfassung und für die Geschäftsordnung über den Antrag BaiernS, betreffend die Geschäftsbehand lung bei Einbringung von Gesetzentwürfen. Es wurde, vorbehaltlich der Befugniß des BundesmitglicdeS, Vorschläge zu machen und der besonderen Beschluß nähme deS Bundesraihs über die Vorbereitung und weitere Behandlung einzelner Gesetzentwürfe, beschloffen, den Reichskanzler zu ersuchen, die Ausarbeitung der Entwürfe zu ReichSgesetzcn in der Weise herbeizufüh­ren, daß die Regierungen von dem Bevorstehcn einer Vorlage Kenntniß und vor Feststellung deS Entwurfs zur Geltendmachung ihrer Anschauungen ausreichende Frist und Gelegenheit erhalten.

— Der dem Bundesrath vorgelegte preußische Gesetzentwurf wegen des Reichspapiergeldes beantragt, wie man der „Magd. Zig." schreibt, Ausgabe von Reichspapiergeld in Höhe von 1 Thaler pro Kops und gleichzeilige Einziehung des sämmtiichen Staats-. Papiergeldes. Seitens Sachsens, Baierns u. s. w. wird beantragt, den Termin für Einziehung des Staats- papieres bis zum 1. Januar 1875 auszudehnen und den Staaten einen höheren Betrag an Reichspapier geld zur Verfügung zu stellen, um ihnen die Deckung des Ausfalles zu erleichtern. Dieser Betrag soll in­dessen die Hälfte des Restes des StaatSpapiergeldcs, nach Abzug der entsprechenden Quote an Reichspapier­geld, übersteigen.

Ems, 11. Juni Der Kaiser von Rußland ist zu vierwöchentlichem Kur-Aufenthalt hier ringetrofftn. Sein Absteigequarrier ist in den „Vier Thürmen." Die Stadt ist reich beflaggt und decorirt. Die Lahn berge sind bengalisch beleuchtet.

Mainz, 11. Juni. Heute Mittag pasfirte der Schah von Persien mit Gefolge die rechtsseitige Festung in einem Exlrazuge. Zu seiner Begrüßung war das Oificiercorps der Garmson und eine Compagnie des 87. Füsilier-Regiments mit wehender Fahne im Bahn Hofe zu Kastel aufgestellt. Als der Zug einlief, wurden die Geschütze gelöst, bk Truppen präseniirten und die Musik intonirte die persische Hymne. Der Gouverneur

der Festung und General-Adjutant des Königs, General v. Boyen, in letzter Eigenschaft zu dem üblichen Ehren­dienst bei dem astatischen Fürsten ccmmandirt, stattete durch den Dolmetscher Rapport ab, worauf der Fürst den Wagen verließ und die Besichtigung der Compagnie abnahm, bei welcher Gelegenheit ihm eine der Damen des Gouverneurs einen prachtvollen Blumenstrauß überreichte. Dieses und das ganze Ceremoniel hatte bas Eis der gewöhnlichen Apathie des Fürsten etwas aufgethaut; gesprächig war er indeffen nur gegen seine nähere Umgebung, die mit ihm den Salonwagen be­nutzte. Ter Schah trug sein mehr beschriebenes Dlamantencostume. Er wie sein Gefolge trugen die schwarze persische Tuchmütze, an die er die Hand zum Gruße legte. Wie man sich in Berlin einige Koffer und Reisetaschen als neues Reisereguisit, Operngucker als amüsantes Instrument zulegt, so hat sich der Schah und ein Theil seines Gefolges seit einigen Tagen mit Brillen in schwerer goldener Faffung ver­sehen — die Asiaten scheinen das Ding für das Zeichen eines socialen Vorzugs zu halten — sie nehmen sie wenigstens ab, sobald sie sehen wollen. Ihre Apathie störte indessen weder der Kanonendonner, noch die große Menge und der glänzende Empfang.

München, 10. Juni Die königliche Ent­schließung, d. d. Liederhof, 6. d. Mts., durch welche bestimmt wird, daß die baierischen Truppen nun doch wieder zu den FrohnleichnomSprozessioneii auSzurücken und in den Straßen Spalier zu bilden haben, erregt Aufsehen weil durch dieselbe die jüngsthin erlassene gegentheilige Ordre des Generalcommandos desavouirt wird, lieber die nähere Veranlassung zu der könig­lichen Entschließung ist indessen noch nichts bekannt, es scheint aber, daß man sich von klerikaler Seite an den Monarchen gewandt halte. Ob der König von seinem Landaufenthalte zur Prozession am Frohn- leichnamStage hierher kommen wird, war übrigens bi« heute Mittag noch in keiner Weise bestimmt. — Die Königin - Mutter hat wegen des Todes deS Prinzen Adalbert von Preußen, ihres Bruders, den beabsich­tigten längeren Ausflug nach Tyrol aufgegeben. — Da durch den in Aussicht gestellten Gesetzentwurf bezüglich der Einziehung des Staatspapiergeldes unsere staatlichen finanziellen Verhältniffe sehr nahe berührt werden, so wird der hiesige volkswirthschaftliche Verein morgen Abend zu einer außerordentlichen Sitzung sich versammeln, um die Frage zu berathen und ent-

«us dem Badelehen.

Erlebniffe von W- Nielenka.

t Fortsetzung.)

WaS chat Pauline während Harmer sich anschickte, in den Schacht einzufahren? Indem ich mich nach ihr umsah, trat sie an meine Seite und flüsterte mir zu: „Ich will ihm vorangehen". Im nämlichen Augenblick war sie einen Schrill von mir und sprang — über die gähnende Kluft, worauf sie in Helle« Lachen ausbrach und mich von drüben wie ein Kobold anblinzelte.

Von alle« Seiten schalt man über diese Verwegen­heit und der alte Vater Keßler rief vorwurfsvoll mit zitternder Stimme „Pauline!" Ich selbst schämte mich jetzt des Schrecks, welchen ich empfunden, ärgerte mich überhaupt über die Theilnahme, die ich Paulinen seither bewiesen hatte, und nahm mir fest vor, mich von jetzt an von ihr fernzuhalten.

Bis wir an die Heimkehr dachten, war es Abmd geworden, und im Walde, durch welchen der Weg abwärts führte, herrschte bereits llefeS Däwmerdunkel. WaS während dieser Wanderung geschehen war, hatte ich daher nicht beobachten können und mich auch nicht weiter darum gekümmert. Als wir an einen Kreuz weg kamen, empfahl sich der Badearzt, um in einem seitab gelegenen Bauernhof noch einen Kranken zu besuchen.

„Wenn Sie erlauben, Herr Doktor, so begleite ich Sie", sagte da Hanner mit lauter Stimme, und nach einem: „Gute Nacht, meine Herrschaften!" ver­schwand er mit dem Arzte im Schatten eines Seiten- Pfades.

Geschah Das zufällig, ohne besondere Veranlaffung? Hatte Harmer lediglich dabei die Absicht, bett Spazier­gang noch weiter auszudehnen? Gewiß nicht! Da mußte, wie ich überzeugt war, zwischen den Beiden unterwegs eine Annäherung und darauf ein jähes Zerwürfniß stattgefunden haben. Das war so ihre Art. Es kam mir dabei ein kleines Gedicht von Louis von Arentschild in den Sinn, welches mir Pauline kürzlich gezeigt hatte als Ausdruck ihrer Seelenstimmung:

Zwei Menschen, die einander lieben, Und stets doch fern geblieben;

Die sich zu finden sehnen, V.

Und doch nur schau'n mit Thränen;

Die stets nut tiefem Leiden Sich suchen und vermeiden: — Das schafft im Menschenherzen Die leibentiefften Schmerzen-

Ungeachtet meines Vorsatzes, Pauline ferner sich selbst zu überlassen, konnte ich doch nicht umhin, mich nach ihr umzuschauen. Die Lichtung des Waldes bei den sich kreuzenden Wegen ließ mich sie erkennen. Ta stand sie und ftarrte nach der Richtung, wo Harmer verschwunden war. Im nächsten Augenblick fuhr sie mit der Hand über die Augen und eilte der Gesell­schaft voraus in die Waldnacht. ^Unbekümmert darum, was man davon denken und reden mochte, sprang ich ihr nach, zog ihren Arm durch den meinen und be­schleunigte meine Schritte, um schnell aus der Seh und Hörweite der Anderen zu gelangen. Dieser Arm, um bett ich ben meinen geschlungen hatte, war von schwellenber Fülle; ich spürte ben Druck bes pulsirm- ben Lebens an meiner Seite nnb eine elektrische Strö­mung durchzuckte mich.

Aber dieses Leben pulstrte nicht für mich. All ihr Denken und Empfinden war bei ihm, für ihn schlug dieses Herz in schnellen Schlägen, um seinetwillen flössen ihre Thränen, die ich in heißen Tropfen auf meiner Hand spürte, für ihn allein war sie das lie­bende, verlangende Weib, — in meinem Arm ruhte sie kalt und starr, wie ein Marmorbild, wie eine seelenlose Leiche.

So schrillen wir durch den Wald und redetm kein Wort. Mochte sie sich ruhig ausweinen, die Thräirenfluth gewährte ihr mehr Linderung, als alle Vernunltgründe |unb Tröstungen, die ich ihr hätte bieten können.

Pauline fühlte sich endlich erschöpft und konnte nicht weiter. Sie fetzte sich auf einen Baumstumpf und barg dm Kopf in beide Hände. Ich lehnte vor ihr an dem Stamm einer Buche und tiäumte. Wir hattm die Gesellschaft längst verlorm und Gott weiß, welchen Pfad eingeschlagen. Kein menschlicher Laut ließ sich hören; ring« Alles still und regungSlo«, — nur das Rauschen deS Windes in ben Wipfeln und ba« Knarren ber Aeste.

Wir waren allein, ganz mutterseelenallein im Walde bei Nacht.

Allein mit ihr! Der ewige Traum aller Liebenben verwirklicht! In tiefster Wüstenei unb Einsamkeit allein mit ber Geliebten, — für lange Stunden nicht« auf ber Welt, als sie unb ich, ihr Leben und meines!" wie Octavio Fmillot in seinem „Roman d'nn jeune homme pauvre“ bei ber meisterhaften Schilderung ber Scene im Thurme den Helden empfindm läßt.

Aber ich liebte Pauline nicht.

Andere närrische Bilder und Gedankm schossen