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Ur. 137 ZNarKurg, Freitag, den 13. Juni. 1873.

Oberhessische Leitung.

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Deutsches «eich.

,» Berlin, 11 Juni. Die „Prov.-Corresp." meldet als fest beschlossen, daß der Kaiser die Reise nach Wien aus dringenden ärztlichen Wunsch bis aus Weiteres aufgegcben habe. Der Kaiser selbst soll sich gegen diese Nolhwendigkeit lange gesträubt haben aus Sorge vor etwaiger Mißdeutung; aber schließlich müssen eben auch die höchststehenden Herren den ent­schiedenen Geboten der physischen Natur nachgeben; namentlich in so hohem Alter können Gesundheils, rücksichten nicht versäumt werden. In der letzten Zeit hat der Kaiser auch die Vorträge der Herren Minister nicht mehr entgcgengenommcn; bei der großen Pflicht- strenge des Kaisers läßt diese schon auf nicht ganz leichtes Unwohlsein schließen. — Der erste Artikel der heutigen „Prov.-Corresp." ist dem Reichstage ge­widmet; die leidige dauernde Bejchlußunfähigkeit des Reichstages wird von dem Blatt in schonendster Weise gedeutet und säst entschuldigt; die Bedeutung des betreffenden Artikels liegt namentlich in den An­deutungen und Besprechungen der wahrscheinlichen Folgen dieses jetzt hervorgetretenen Uebelstandes. Auf die Erledigung des Militärgesetzes in dieser Session scheint die Regierung selbst nicht mehr zu rechnen, auch darf man annehmen, daß die Regierung den Vorschlägen über feste Termine zur Einberufung des Reichstages (im Herbst jedes Jahres) nicht principiell entgegen sein, sondern sic in Erwägung ziehen wird. Für den nächsten Herbst ist auf die Einberufung des Reichstages verzichtet, dagegen ist eine Wintersession vielleicht unentbehrlich, auch hat sich die Regierung noch etwaige weitere Dispositionen bis zum Ablauf der laufenden Reichstagsperiode Vorbehalten; von neuen Wahlen ist also in diesem Jahr keine Rede. — Sr. Maj. Schiss „Friedrich Carl" ist nach den spanischen Gewässern ausgelaufen, um sich dort mit der „Elisabeth" und dem „Delphin" zu vereinigen. — Der Herr Handelsminister hat die Obcrprästdien aufgcfordert, die Vorschläge zur Ausarbeitung eines allgemeinen Eisenbahnnetzes der Zukunft auch vom lokalen Standpunkt aus ins Auge zu fassen, und wird damit einem im Reichstag kundgegebenen Wunsche entsprechen.

— Die neue französische Regierung — schreibt

Aus dem Badklrben.

ci‘ Erlebnisse von W. Nielenka.

«Fortsetzung.)

Und unbändig, maßlos war Pauline in ihrem Denken und Handeln, zumal wenn Hanner in ihrer Nähe weilte und sie dem faSzinireuden Einfluß seiner Gegenwart unterlag. Was sie eigmtlich dabei dachte, damit bezweckte? Wer wollte die Tiefen und Abgründe eines leidenschafterfüllten Herzens ermessen!

Der Vogeldoktor machte sich öfters das Vergnügen, von seinen Excursionen allerlei Infekten, Ungeziefer und Reptilien mitzubringen, und diefes Gethier beim Kaffee oder beim Abendessen unversehens aus den Tisch zu praktiziren. Die Damen schrieen Zeter und sogar die Männer verriethen theilweise ein gelindes Grauen bei den Sprüngen der Frösche und noch mehr bei den Windungen der Blindschleichen.

Sicherlich entsetzte sich auch Pauline innerlich über da« garstige Gewürm; sie überwand aber den Abscheu und tändelte keck mit den springenden und kriechenden Unholden. Ich sehe sie noch, wie sie mit weit geöff­neten Augen und geteilten Lippen eine Ratter um­faßt hielt und deren spitzen, züngelnden Kopf ihrem Gesicht näherte, — leibhaftig eine neue Kleopatra.

„Wahrhaftig, Fräulein," sagte ein alter Herr in Hxtase, llich mache Ihnen mein Compliment über Ihre meisterliche Darstellung; ja so muß Kleopatra aus- gesehen haben, als sie durch den Biß einer giftigen Ratter den Tod suchte, weil OctavianuS Augustus ihre Liebe verschmäht hatte."

„War ein rechter Einfaltspinsel, der Augustus," brummte der Archivar, „nicht zuzugreifen, wenn es wahr ist, was die Geschichte bdrichtet, daß Kleopatra ein schönesi üppiges Weib gewesen. Und sie muß wohl absonderliche Reize gehabt haben, da Antonius ihr mitten aus der Schlacht nachgelaufen ist, und

die „Prov.-Correfp."— hat die diplomatischen Be­ziehungen zum Deutschen Resche wie zu den übrigen Mächten nunmehr in aller Form erneuert. Der fran­zösische Botschafter am diesseitigen Hofe war beauf­tragt, Sr. Majestät dem Kaiser zwei Schreiben des Präsidenten der Republik, Marschalls Mac Mahon, Herzogs von Magenta, behufs Mittheilung in Betreff der Einsetzung der neuen Regierung und der Bestä­tigung der früheren Beglaubigung deS Botschafters zu überreichen. Wegen des augenblicklichen Unwohl­seins Sr. Majestät wurden die Schreiben durch das auswärtige Amt übermittelt, während der persönliche Empfang des Botschafters noch Vorbehalten ist. Gleich­zeitig hat der diesseitige Botschafter in Paris die amt­liche Verbindung mit der neuen Regierung wieder ausgenommen.

— Der Bundesrath trat gestern Vormittag 11 Uhr im Reichstagsgebäude zu einer Plenarsitzung un­ter Vorsitz des Präsidenten Delbrück zusammen. Münd­liche Auöschußberichte wurden erstattet über die Vor­lagen, betreffend die Uebersicht der Ausgaben und Einnahmen des Deuffchen Reiches für 1872, betreffend den Gesetzentwurf, wegen Regelung des Reichshaus Haltsetats vom Jahre 1872 und über die Vorlage, betreffend die Fahr- und Frachtkosten für Benutzung der französischen Eisenbahnen durch die deutsche Armee. Ueberall wurde den Ausschußanträgen staltgegeben. Ferner wurde beschlossen, aus den Ueberschüssen der Einnahmen des Jahres 1872 eine Summe von 75,000 Thlr. flüssig zu machen zum Ausbau des provisorischen Reichstagsgebäudes. Bezüglich des letz­teren ist es unabweisbar nothwendig, Räume zu schaffen, um den Mitgliedern des Bnndesraths und Reichstages den Aufenthalt erträglicher zu machen. Die Räume für den Bundesrath beschränken sich aus­schließlich auf den Sitzungssaal; eö fehlen Zimmer für Ausschußberathungen rc. Die Abgeordneten em­pfinden schwer die unzureichenden Localitäten der Lese zimmer und namentlich der Bibliothek. Es ist des­halb gleich nach Schluß der Session ein umfassender Anbau des provisorischen Reichstagsgebäudes, Auf- setzunz eines Stockes auf einem der Seitenflügel rc. in Aussicht genommen. Die bezüglichen Pläne liegen bereits vor. — Es steht zu erwarten, daß man bei _ " — .............

Soldaten, Ehre, sein eigenes Weib, Alles nur ihret­willen im Stich gelassen hat."

„Aber mein bester Herr Archivar!" fiel die Pro- fefforöwittwe ein, die wahrscheinlich mit dem Strick- strumps in der Hand einem in der eigenen Behausung gelesenen Privatissimum ihres seligen Gatten über römische Geschichte beigewohnt und daher einige histo­rische Brocken behalten hatte- „bedenken Sie doch, daß Augustus selbst eine Frau daheim hatte und daß das Verlangen der ägyptischen Königin ein verbotenes, strafbares war."

„Aber, liebwertheste Frau Professorin! Verbotene Frucht hat zu allen Zeiten am süßesten geschmeckt und mit der Heiligkeit der Ehe mag es vor Alters nicht weit her gewesen sein. Der Katechismus war dazu mal noch nicht im Buchhandel. Eben so wenig gab es damals einen Gothaischcn genealogischen Kalender der regierenden Häuser und eS ist daher die Frage, ob Madame Kleopatra wußte, daß Monsieur Augustus verhcirathet war. Uebrigens, wie dem auch sei, die ägyptische Königin hatte wenigstens den Muth, für ihre Liebe zu sterben, und machte cs nicht, wie Blum auer in seiner travestirten Aeneide von der modernen Generation sagt:

Und seit dem jämmerlichen Brauch, Aus Liebe sich zu morden. Ist jetzt bei unfern Damen auch Das Hängen Mode worden.

Sie hängen sich, wenn Einer flieht, Sogleich an einen Andern.

„Mit Ihnen ist nickt fertig zu werden; Sie trei­ben mit dem Heiligsten Spott!" sagte die Frau Pro sessorin und erklärte dir Diskussion damit für ge schloffen.

Pauline, die als neue Kleopatra die ganze Erir terung veranlaßt hatte, war mittlerweile geräuschlos rerschwunden. Sie war tlc einzige junge Dame,

dieser Gelegenheit auch die vorhandenen Einrichtungen für Heizung und Erleuchtung des Gebäudes einer Revision unterziehen und verbessern wird, zumal hie­rauf bei den künftigen Herbstsessionen hauptsächlich Rücksicht zu nehmen sein wird.

— Die Zahl der Gewehre, welche für das Reichs­heer — mit Ausnahme der beiden süddeutschen König­reiche — nach einem der Infanterie-Bewaffnung der Neuzeit entsprechenden Hinterladungsmodell eingeführt werden sollen, beträgt für Infanterie, Jäger, Artillerie, Train, Stäbe, an Karabinern für Cavallcrie und Reserve - Waffen 1,737,000 , die a 20. Thaler pro Waffe veranschlagt, 34,740,000 Thaler kosten; dazu sind pro Gewehr 135 scharfe Patronen, mithin 235,000,000 und etwa 28 Platz - Patronen, mithin 50,000,000 erforderlich, welche vorräthig zu halten sind, der Kostenpreis für sämmtliche Patronen beträgt 9,300,000 Thaler.

Weimar, 11. Juni. Daß die Grundzüge zu einem Gesetz über das VolkSschulwcsen bei den Geist­lichen wenig Anklang finden würden, war vorauSzu- schen. Der Verein der Geistlichen des Eisenacher Kreises hat nunmehr jener Grundzüge sich ange­nommen und sucht bei Zeiten noch zu retten, was zu retten möglich ist. In einer uns vorliegenden Erklä­rung des Vereins wird es-zunächst übel vermerkt, daß den Geistlichen der Entwurf nicht ebenfalls zur gutachtlichen Aeußerung vorgelcgt worden. Zur Sache selbst wird zunächst dafür plaidirt, daß der Geistliche den Vorsitz im Schulvorstande übertragen bekomme, und zwar nicht durch Wahl, sondern auf dem Wege der Ernennung durch die Staatsregierung. Ueber den Religion« Unterricht werden einige Thesen aufgestellt, die in der Hauptsache Folgendes enthalten: 1) der Religions-Unterricht muß ein confessioneller (nicht confessionsloS) sein; 2) der moderne Staat ist con- fessionslos und kann daher den Religionsunterricht in der Volksschule nicht für sich in Anspruch nehmen; 3) der Religionsunterricht gehört den christlichen Re- ligiouS Gesellschaften, die ihn nach ihren Bekenmniffen ertheilen lassen; 4) der Staat hat das Recht, zu ver­langen, daß im Religionsunterrichte nichts Staats- gesährlicheS gelehrt werde, und denselben nach dieser Seile hin zu überwachen; 6) der Staat hat um

welche bei den Fröschen und Blindschlcichen Stand gehalten hatte, und fand cs wahrscheinlich passend, sich bei den etwas subtilen Erläuterungen des Archivars deren Tragweite sich im Voraus gar nicht ermessen ließ, ebenfalls zurückzuziehen.

Eine halhe Stunde darauf, als sich di, Gesell­schaft aus dem Saale ins Freie begcben hatte, fanden wir Pauline in einem abgelegenen Theile des Kur­gartens bewußtlos auf einer Bank liegen, nebenan auf dem Boden eine leere Glasphiole.

In einigen erbleichenden Gesichtern stand unver­kennbar, wenn auch unausgesprochen, das Wort „Gift" geschrieben. Man dachte an Kleopatras Tod; statt des Natlerbiffes einen Giftlranl. Glücklicherweise war der Badearzt bald zur Stelle. Er erkannte den Inhalt deS Fläschchens an dem zurückgebliebenen Rest als Chloroform und den Zustand von Pauline al« eine tiefe Betäubung, die durch Anwendung zweckdien­licher Mittel leicht gehoben wurde.

Wie der Zufall gekommen war? Pauline be­hauptete, sie habe in der Apotheke des benachbarten Bergslävtchcns Chloroform zum äußerlichen Gebrauch gegen Zahnschmerzen erhalten und werde in einem Anfalle rasenden Schmerzes, der ihr die Besinnung geraubt, wahrscheinlich zu viel davon eingealhmet haben.

Der Archivar flüsterte mir zu: „Kalkulire, ist am Ende pure Komödie, um Aufsehen zu erregen, sich intercffant zu machen."

Diese Vcrmuthung ging wohl zu wett; immerhin aber blieb der Zusammenhang etwas dunkel.

Noch unheimlicher verlief eine von einer zahl­reicheren Gesellschaft mehrere Tage später veranstaltete Partie nach einem Bergwerke, an welcher sich auch Harmer beihciligte.

Pauline zeigte sich anfangs in auffallend heiterer