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Mr« 136.

Marburg, Donnerstag, -en 12. Juni.

1873.

Oterhessifche Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22 i Sar , durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 ©gr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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Deutsches Reich.

## Berlin, 10. Juni. Die Reise des Kaisers nach Wien dürfie in Folge der eingelretenen Todes­fälle voraussichtlich noch eine Verzögerung erleiden, möglicher Weise erst in Verbindung mit der Bade­reise nach Gastein zur Ausführung kommen; in diesem Fall würden natürlich auch die Reisedispositionen der Kaiserin abgeändert werden und sich nach den etwaigen Entschließungen des Kaisers richten. Die Bestim­mungen über die bevorstehenden Feierlichkeiten zur Beisetzung der Leichen des Prinzen Adalbert und der Fürstin von Liegnitz erfordern nicht allein geschäftlich die Fürsorge des Kaisers, sondern sollen auch seine Stimmung trüben und ihn natürlich einer längeren ungestörten Ruhe bedürftiger machen. Die Aerzte haben deswegen den Aufschub der Wiener Reise drin­gend empfohlen. Fürst Bismarck'S Begleitung dürfte dagegen durch diese Verzögerung um so sicherer werden, weil z. B. der Reichstag ihn später nicht davon ab halten würde. Jetzt oder in nächster Zeit könnte dieser den Fürsten wohl an Berlin fesseln. Die Vorstände der Fraktionen haben sich nunmehr für die ununterbrochene Fortdauer deS Reichstages bis zur Erledigung der Budget- und anderer sehr dringender Vorlagen erklärt, dagegen in diesem Falle die Herbst- sesston bestimmt abgelehnt. Die Regierung wird nun gleichzeitig diese Entscheidung, wie den beteffendcn An­trag auf regelmäßige Einberufung des Reichstages pro Oktober in Erwägung ziehen. Der hiesige französische Gesandte hat nunmehr sowohl die Anzeige des Regierungswechsels wie seine Creditive durch das auswärtige Amt dem Kaiser überreichen lassen und wird Audienz zur persönlichen Ueberreichung erhalten, sobald die Gesundheit deS Kaisers dies erlaubt. Ueber die Geschichte des Preßgesctz Entwurfs bringen die Blätter allerlei besondere Nachrichten und Com mentare, welche leicht zu widerlegen sind. Die Ein­bringung dieses und jedes anderen Gesetzentwurfs würde sicher nicht ohne Zustimmung der hervor­ragendsten Mitglieder der Regierung erfolgen oder erfolgt sein.

Bon», 6. Juni. Nach dem eben erschienenen amtlichen Personalverzeichniß wird die Universität in diesem Sommer von 776 immatriculirten Studenten

besucht; an den Vorlesungen nehmen überhaupt 834 Zuhörer Theil. Beide Zahlen zeigen eine Zunahme gegen die betreffenden Zahlen des vorigen Sommers und des vorigen Winters, obwohl in zwei Fakultäten eine Verminderung in der Frequenz eingetreten ist. Einmal in der medicinischen und dann wiederum in der katholisch-theologischen Facultät; nur 11 katho­lische Theologen sind dieses Mal neu immatriculirt. Dagegen haben die drei anderen Fakultäten einen Zuwachs aufzuweisen, den bedeutendsten die juristische Facultät, in welcher die aus Prag und Tübingen für Kirchenrecht und deutsches Recht neu berufenen Pro fcfforen, Schulte und Maibom, ihre Thätigkeit soeben begonnen haben. Als Beitrag zur Geschichte der Frauenfrage mag schließlich notirt werden, daß der Versuch einer Russin, das Institut weiblicher Studi- render auch in Bonn einzubürgern, erfreulicher Weise gescheitert ist; das Jmmatriculationsgesuch der Be­treffenden wurde von den UniversitätSbehörden ab­schlägig beschieden.

Darmstadt, 9. Juni. Die Regierung hat an die zweiie Kammer einen Gesetz-Entwurf gelangen lassen, welcher die Vertretung der Notare in Rhein- heffen in Fällen der Verhinderung, sei es in Folge eines unerwarteten vorübergehenden Abhaltungsgrundes, sei es in Folge längerer Krankheit oder berechtigter Abwesenheit vom Amtssitze, zu regeln bestimmt ist. Durch diese Vorlage wird einem bisher vielfach her­vorgetretenen, insbesondere auch von den Notaren deö Bezirksbgerichtssprengels Alzey bei dem Justizministe­rium geltend gemachten Mangel abgeholfen werden, da das hier einschlägige Gesetz vom 25 Ventose XI keine Vorschriften über den fraglichen Punkt enthält. Die darin enthaltenen Bestimmungen sind wesentlich dem in Baiern geltenden Rechte nachgebildet, beziehen sich übrigens auch »och auf einige weitere einschlägige Punkte.

Stuttgart, 10. Juni. Die heurige Parade bei Cannstatt vor dem Kaiser von Rußland wurde vom General von Stülpnagel eommandirt und verlies bei schönstem Wetter sehr glänzend. Die Prinzessin Wilhelm von Baden ist gestern hier angekommen.

München, 8. Juni. Wie man vernimmt, würde die baierijche Regierung bei der Berathung des Preß­

gesetz - Entwurfs im Bundesrathe mehrere wesentliche Modifikationen Vorschlägen und von der Annahme derselben ihre Zustimmung zu dem Entwurf abhängig machen.

Straßburg, 9. Juni. Die heutige Eröffnung der Schiffbrücke über den Rhein zwischen Gerstheim und Ottenheim bei Lahr gestaltete sich zu einem all­gemeinen Volksfeste. Der Oberpräsident, die Generale v. Hartmann und Stein und viele andere Notabilitäten von hi« wohnten der Feier bei. Für den Abend ist eine Fahrt nach dem festlich beflaggten Lahr projectirt, wo Empfangsfeierlichkeiten und ein Bankett im Ka­sinosaale vorbereitet sind.

A«Sla«S.

Wien, 7. Juni. Ueber die Frage der Rotifi- cirung des Regierungsantrittes Mac Mahons sind in den Blättern noch immer irrige Versionen verbreitet. ES ist richtig, daß Oesterreich, Deutschland und Ruß­land, denen sich auch Italien angeschlossen, darauf Werth gelegt haben, daß der Marschall die Uebernahme der Geschäfte durch ein an die betreffenden Souveräne gerichtetes persönliches Schreiben, formell notificire, wie dies denn seither auch in der That erfolgt ist. Von einer Erneuerung der Creditive für die fremden Botschafter scheint aber keine Rede zu sein. Graf Apponyi wenigstens war nach dem Wortlaute seines Einführungsschreibens nicht bei Herrn Thiers, sondern ausdrücklich bei der französischen Republik beglaubigt, und ebenso hatte der Marquis de Banneville seine Creditive aus einer Zeit, wo Thiers nicht einmal Präsident der Republik war, sondern nur als Chef du pouvoir executif sungirte. Aller Wahrscheinlich­keit nach wird man sich daher mit einer- bloßen Be­kräftigung der ausgestellten Beglaubigungsschreiben, d. h. mit einer ausdrücklichen Erwähnung derselben in dem an Mac Mahon zu richtenden Antwortschreiben begnügen. Der Effecten-Casflrer der Creditanftalt für Handel und Gewerbe, Rudolph Pokorny, hat aus der Caffe dieses Instituts Werthpapiere im Gesammt- betrag von mehr als 400,000 Gulden entwendet und war damit flüchtig geworden, hat sich nun jetzt aber den Behörden freiwillig gestellt. Er besaß noch 10,000 Gulden.

10 JuntDieMorgenzeitungenveröffentlichen eine

A»s dem Badetet».

Erlebniffe von W. Nielenka.

(Fortsetzung.)

316er, mein Himmel, weshalb diese Feindseligkeit? WaS hat die Aermste den» verbrochen?"

Sehr einfach Das. Zu Anfang der Saison war die aus wenige» Personen bestehende Kurgesellschast auf einander angewiesen und Jeder hatte die Ver­pflichtung, zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen, wie bei einem Picknick, wo jeglicher Theilnehmer sich zum wenigsten mit einer Kalbskeule oder einem Blanc- manger legitimiren muß. Pauline aber unterwarf sich diesem Zwange nicht, lebte blos ihrem eigenen Ver­gnügen, und nicht genug damit, nahm sie auch noch ein anderes Milglied der Gesellschaft vollauf in Be­schlag, einen junge» Mann, der bis dahin das bcle benve Element, die Hauptstütze der Unterhaltung ge­wesen. Das war zu viel. Der allgemeine Unwille brach los gegendiese Sirene, dieses ehrvergessene Geschöpf, das aller weiblichen Sittsamkeit hohnsprechend sich einem Manne förmlich anfdrängte und Unfrieden stiftete". Also sprach salbungsvoll die Frau Pfarrerin Thugut und deren poetische Tochter Kunigunde, welche letztere selbst für besagten jungen Mann nicht unem pfindlich geblieben war, nachdem sie erfahren, daß der­selbe mit einemSonettenkranz" und einemLieder cyklus an Sic" in Taschenbüchern fein poetisches Be dürfniß befriedigt hatte."

Wie und was ist denn der fragliche Poei außerdem?"

Ab und an in seinem Aeußeren keine üble Figur, »ic sie gesehen haben; heißt Wilhelm Hanner, soll bei einem großen industriellen Etabliffement in einer norddeutschen Handelsstadt als Inspektor oder der­gleichen angestellt sein, scheint im Uebrigen Etwas ge­

lernt zu haben, und ist neben dem Kaufmann auch noch ein bischen Mensch."

Und wie ging denn die Geschichte mit den Bei­den weiter?"

Nicht sonderlich, Pauline ließ sich ganz und gar nicht beirren, kümmerte sich keinen Pfifferling um die Kurgesellschaft, am allerwenigsten um die Frau Pro­fessorin benebst Fräulein Tochter und wandelte gott vergnügt ihres Weges, wenn sie da nur ihrem Amo- roso zu begegnen hoffen konnte, der auch in der That solchen Füreinvndcrbringungen nicht auszuweichen schien. Da nahte das Verhängniß Plötzlich hatte - man es heraus, daß der Poet verheirathet sei. Da man ihn fürchten mochte und er selbst nie eine Silbe von seiner Ehe erwähnt hatte, vielleicht auch das Factum nicht näher verbürgt war, so erzählte man sich diese Reuig leit nur in den intimsten Kreisen. Sie werden aber schon dafür gesorgt haben, daß die Hiobspost an die rechte Adresse kam. Das passirte kurz vor Ihrer Ankunft. Worauf es immer schlimmer wurde. Pau line schwamm in Thränen, bekam bei jet#r Gelegen­heit Anfälle von Lach- und Weinkrrampf und wurde täglichunausstehlicher" in den Augen von Fräulein Thugut. Herr Harmer schritt durch den Kurgarten wie Hamlet's Geist und rollte die Augen, und wenn sich beide trafen, schauten sie sich feindselig und ver­zweifelt an. So ist'S bis zu dieser Stunde geblieben. Da haben Sie die ganze Geschichte und nun machen Sie daraus, was eie wollen, am besten eine Schauer ballade für dieFliegenden Blätter"!

Damit ging er.

Also das war's. Verheirathet! Das ist freilich die schlimmste,. die unverzeihlichste Eigenschaft eines Man­nes gegenüber einer jungen Dame, die für ihn in Liebe entbrannt ist. Keine Hoffnung, keine! Und sie liebte ihn! Die Leidenschaft zog sie zu ihm hin,

die Ueberlegung hielt sie zurück. Wohl bezwang sie sich, ihn zu meiden, ihre Gefühle zu unterdrücken; wohl gelang es ihr, dadurch, daß sie seine Nähe floh, sich ihm kalt und grollend abwandle, auch ihn fern­zuhalten aber mit welchen Kämpfen, welchen Qualen! Ihn, um dessentwillen sie mit der Gesell­schaft gebrochen, hatte sie verloren, so stand sie bcuu haltlos und verlassen, vereinsamt und allein mit ihrem Weh.

Da war ich denn freilich ein wahrer Nothanker und hatte keine Ursache eitel zu werden, wenn Pau­line meine Gesellschaft annahm und sich mir vertrauend anschloß. Und war es denn Theilnahme, Mitgefühl, oder eine sonstige zarte Regung auf meiner Seite, die mich ihre Nähe suchen ließ, selbst auf die Gefahr hin, bei sämmtlichen Kurgästenins Detriment zu kommen" und schließlichinsulirt" zu stehen,

Nein, es war das Interesse eines Charakterstu­diums; das Selbstgefühl vielleicht, eines anderen hülf- losen Wesens Beistand zu sein, vielleicht auch das prickelnde Gelüste, mich gegen die Majorität in Oppo­sition zu setzen. Die Kurgesellschaft freilich fah meine Annäherung, wie ich bald merkte, mit ganz anderen Augen an; ich galt so ziemlich allgemein als Rach- folger von Harmer für Paulinens Anbeter.

_ Eines Tages brachte ich auS dem Walde einen totraug Alpenveilchen mit, die ich an einer Quelle gesunden. Vor dem Kurhause saß ein Kreis von Da­men, darunter auch einige eben erst die Kinderschuhe austretende, die zuweilen rechte enfants terriblea waren. So stürzte auch jetzt die eine auf mich loS und rief tnumphirend:O ich weiß, für wen die Blumen sind, für Fräulein Pauline Keßler!" wo­bei sie die Schlußsylbe des Namens echt berlinisch wie Kautschuk in bi; Länge zog.

Wenn ich die Blumen bis dahin für Niemanden